Er ging zu den Transmatkabinen. Die messerscharfe Kälte des arktischen Winds schien er nicht zu spüren.
Nicht schlecht für einen armen Mann ohne besondere Ausbildung, sagte er zu sich selbst. Dieser Turm. Diese Androiden. Alles. Er dachte an den Krug vor fünfundvierzig Jahren, den Krug, elend und arm, aufgewachsen in einer Stadt in Illinois, auf deren Straßen Gras wuchs. Nichts in der Tasche. Aber schon damals hatte er davon geträumt, Botschaften zu den Sternen zu funken. Er wollte nur etwas aus sich machen. Er war nichts! Irgendein Mensch namens Krug. Unwissend, mager, hungrig, das Gesicht voller Pickel. Manchmal hörte er die Leute sagen, die Menschheit sei in ein neues goldenes Zeitalter eingetreten, die Bevölkerungszahl sei gesunken, soziale und rassische Spannungen seien vergessen, der Lebensstandard stiege immer mehr, die Menschheit werde glücklicher, eine Vielzahl von Servomechanismen verrichte alle niedere Arbeit. Ja. Ja. Gut. Aber selbst in einem goldenen Zeitalter mußte jemand unten sein. Krug war es. Sein Vater starb, als er fünf Jahre alt war. Seine Mutter ergab sich dem Alkohol und allen Arten von Drogen und Betäubungsmitteln. Sie bekam ein wenig Geld, nicht viel, von einer Fürsorgeorganisation. Roboter? Roboter waren für reiche Leute da. Meistens war sogar die Datenausgabe gesperrt wegen unbezahlter Rechnungen. Er reiste nie in einer Transmatkabine, bevor er neunzehn Jahre alt war. Nie hatte er Illinois verlassen. Er erinnerte sich daran, wie er damals war: mürrisch, in sich verschlossen, erfüllt von scheelem Mißtrauen, manchmal eine Woche lang oder zwei, ohne mit jemand zu sprechen. Er las nicht. Er spielte nicht, doch er träumte sehr viel. In einem Nebel von Wut und Enttäuschung stand er die Schule durch, lernte nichts. Langsam entwuchs er diesem Zustand, als er fünfzehn war. Es war dieselbe Wut und Enttäuschung, die ihn trieb, nur schwelte sie nicht mehr in ihm, er richtete sie nach außen. Schreien hätte er können: Ich werde euch zeigen, was ich kann. Ich werde es euch allen zeigen! Er programmierte seine Ausbildung selbst. Servotechnologie. Chemie. Er lernte nicht die Grundwissenschaft; er lernte es, die Dinge zusammenzusetzen. Schlaf? Er brauchte keinen Schlaf. Studieren. Tag und Nacht Studieren. Schweiß. Man sagte, er besäße eine bemerkenswerte intuitive Auffassungsgabe für strukturelle Zusammenhänge. Er fand einen Gönner in Chicago. Das Zeitalter des Privatkapitalismus war angeblich tot, ebenso das Zeitalter des individuellen Erfinders in seinem Kämmerlein. Doch er baute einen besseren Roboter. Krug erinnerte sich lächelnd an den Transmatsprung nach New York, die Verhandlungen, die Anwälte. Und Geld auf der Bank. Geld! Der neue Thomas Edison. Er war neunzehn. Er pfropfte sein Laboratorium voll mit Apparaten und hielt Ausschau nach großartigeren Projekten. Mit zweiundzwanzig begann er, an den ersten Androiden zu basteln. Es dauerte lange. Zellen unter dem Mikroskop, Sperma, Blut. In diesen Jahren begannen die Sonden von den nächsten Sternen zurückzukehren, Fehlanzeige. Keine fortgeschrittenen Formen des Lebens zu finden dort draußen. Er war jetzt finanziell genügend sichergestellt, um sich weniger dem Geschäft zu widmen, sich den Luxus der Frage nach dem Platz des Menschen im Kosmos zu stellen. Er grübelte. Er setzte sich mit den landläufigen Theorien von der Einzigartigkeit des Menschen auseinander. Doch er arbeitete weiter, experimentierte mit Nukleinsäuren, überanstrengte seine Augen, tauchte seine Hände tief in mit Schleim, Sperma und Blut gefüllte Gefäße, verband die Porteinketten miteinander, kam dem Erfolg meßbar näher. Wie kann der Mensch allein sein im Universum, wenn ein Mann Leben schaffen kann? Schaut, wie leicht es ist! Ich tue es: bin ich Gott? Kessel voll Purpur, Grün, Gold, Rot, Blau. Und schließlich entstand Leben in den Bottichen. Androiden taumelten aus den schäumenden Chemikalien der Brutkammern. Ruhm. Geld. Macht. Eine Frau, ein Sohn, ein Imperium. Grundbesitz auf drei Welten, auf fünf Monden. Frauen, so viel er wollte. Er war groß geworden, um die Phantasien seiner eigenen Jugend zu verwirklichen. Krug lächelte. Der junge, magere, picklige Krug war noch immer hier in diesem untersetzten Mann, zornig, mißtrauisch, ehrgeizig. Hast du es ihnen gezeigt? Du hast es Ihnen gezeigt! Und jetzt wirst du zu den Menschen auf den Sternen vordringen. Die Stimme Krugs würde die Lichtjahre überbrücken. »Hallo? Hallo? Hallo! Hört Ihr! Hier ist Simeon Krug!« Rückblickend sah er sein ganzes Leben als einen einzigen gradlinigen Weg, der ohne Umweg oder Unterbrechung zu diesem einen Ziel führte. Hätte er sich nicht in brennendem Ehrgeiz verzehrt, dann gäbe es heute keine Androiden. Ohne seine Androiden gäbe es nicht genügend geschickte Arbeitskräfte, den Turm zu bauen. Ohne seinen Turm…
Er betrat die nächste Transmatkabine und stellte Koordinaten ein, ließ seine Finger blind den Bestimmungsort wählen. Er ließ sich durch den entmaterialisierten Raum schleudern und sah, daß er sich in dem kalifornischen Haus seines Sohnes Manuel befand.
Er hatte nicht vorgehabt, hierher zu kommen. Er stand blinzelnd im Licht der Nachmittagssonne, erschauerte, als eine plötzliche Wärmewelle seine von der arktischen Luft abgekühlte Haut traf. Unter seinen Füßen lag ein schimmernder Fußboden aus dunkelrotem Stein. Die Wände, die ihn umgaben, funkelten im Licht mehrphasiger, im Fundament installierter Projektoren. Über ihm war kein Dach, nur ein auf das blaue Ende des Spektrums eingestelltes Isolationsfeld, durch das die mit Früchten behangenen Zweige eines Baumes mit federartigen, graugrünen Blättern herabhingen. Er konnte das Brausen der Brandung hören. Ein halbes Dutzend Haushaltsandroiden, die ihren Beschäftigungen nachgingen, starrten ihn an. Er hörte ihr scheues Flüstern: »Krug… Krug…«
Clarissa erschien. Sie trug ein grünes Schleiergewand, das ihre kleinen hohen Brüste, ihre knochigen Hüften, ihre schmalen Schultern kaum verhüllte. »Du hast mir nicht gesagt, daß du…«
»Wußte es nicht«, murmelte er und senkte den Kopf.
»Ich hätte etwas vorbereitet!«
»Ich brauche nichts Besonderes. Ich komme nur vorbei. Ist Manuel…«
»Er ist nicht hier.«
»Nein? Wo ist er?«
Clarissa hob und senkte die Schultern. »Er ist ausgegangen, irgendwelche Geschäfte, glaube ich. Er kommt erst zum Abendessen zurück. Kann ich dir…«
»Nein. Nein. Welch schönes Haus ihr habt, Clarissa. Warm, gemütlich. Du und Manuel, ihr müßt sehr glücklich sein hier.« Er betrachtete ihre schlanke Gestalt. »Es ist auch ein guter Ort, um Kinder zu kriegen. Der Strand… die Sonne… die Bäume…«
Ein Android brachte zwei Liegestühle, stellte sie mit raschen Handgriffen auf. Ein anderer schaltete den Wasserfall auf der Landseite des Hauses ein. Ein dritter zündete einen Aromaspender an, und bald entfaltete sich der Duft von Nelken und Zimt im Raum. Ein vierter bot Krug ein Tablett mit milchig-weißen Süßigkeiten an. Krug schüttelte den Kopf. Er blieb stehen. Auch Clarissa setzte sich nicht. Sie schaute unbehaglich zu Boden. »Wir sind noch nicht lange verheiratet«, sagte sie. »Für Kinder haben wir noch Zeit.«
»Ihr seid ja schon zwei Jahre verheiratet? Lange Flitterwochen!«
»Nun…«
»Besorgt euch zumindest euer Zertifikat. Ihr könntet anfangen, an Kinder zu denken. Ich meine, es ist Zeit, daß ihr… daß ich ein Enkelkind bekomme…«
Sie hielt ihm das Tablett mit den Süßigkeiten hin. Ihr Gesicht war bleich; Ihre Augen waren wie Opale in einer gefrorenen Maske. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Die Androiden übernehmen sämtliche Arbeiten für die Erziehung des Kindes. Und wenn du es nicht selbst austragen willst, könnte es ektogenetisch…«