Выбрать главу

Er löste sich von ihr.

Sie lag da mit nach hinten hängendem Kopf, die Augen geschlossen, der Mund schlaff; sie war schweißgebadet und sah blaß aus. Ihm war, als hätte er diese Frau nie zuvor gesehen. Einen Augenblick, nachdem er sich von ihr gelöst hatte, öffnete sie die Augen. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und lächelte ihn scheu an.

»Nun?« fragte sie.

»Was?« Er blickte sie nicht an.

»Wie fühlst du dich?«

Watchman hob die Schultern. Er suchte nach den richtigen Worten und konnte sie nicht finden. »Besiegt«, sagte er. »Müde. Leer. Ist das richtig? Ich fühle mich… leer.«

»Es ist normal. Nach dem Koitus ist jedes Tier traurig. Ein altes lateinisches Sprichwort. Du bist ein Lebewesen, Thor. Vergiß es nicht.«

»Ja, und ein müdes dazu.« Asche auf dem kalten Strand. Die Flut ist zurückgewichen. »Hast du es genossen, Lilith?«

»Konntest du es nicht sehen? Nein, ich nehme an, du hast es nicht gesehen. Ich habe es genossen. Sehr.«

Er legte seine Hand leicht auf ihren Schenkel. »Ich bin glücklich. Doch ich bin noch immer verblüfft.«

»Über was?«

»Über die ganze Sache. Über den Vorgang, die Reihenfolge der Ereignisse. Stoßen. Zurückziehen. Schwitzen. Stöhnen. Das Kitzeln in den Lenden, und dann ist es vorüber. Ich…«

»Nein«, sagte sie. »Du darfst die Sache nicht intellektuell betrachten. Nicht analysieren. Du mußt mehr erwartet haben, als wirklich dran ist. Es ist nur Spaß, Thor. Es ist das, was die Leute tun, um glücklich miteinander zu sein. Das ist alles. Das ist wirklich alles. Es ist keine kosmische Erfahrung.«

»Es tut mir leid. Ich bin nur ein dummer Androide, der nicht…«

»Sprich nicht weiter, Thor.«

Er begriff, daß er sie verletzte, indem er verneinte, durch Ihre Vereinigung überwältigt worden zu sein. Er verletzte sich selbst. Langsam stand er auf. Seine Stimmung war düster. Er fühlte sich wie ein leeres, im Schnee liegendes Gefäß. Er hatte einen winzigen Augenblick des Glücks empfunden, genau im Höhepunkt ihrer Vereinigung; doch war dieser Augenblick der Verzückung etwas wert, wenn ihm düstere Traurigkeit folgte?

Sie hatte es gut gemeint. Sie wollte ihn menschlicher machen. Er hob sie auf, zog sie wieder an sich, küßte sie flüchtig auf die Wange und sagte: »Wir werden es irgendwann noch einmal versuchen, willst du?«

»Wann immer du willst.«

»Es war sehr seltsam für mich, das erstemal. Es wird dann bestimmt besser gehen. Ich weiß es.«

»Es wird, Thor. Das erstemal ist es immer seltsam.«

»Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«

»Wenn du mußt.«

»Es ist besser. Aber wir sehen uns bald wieder.«

»Ja.« Sie berührte seinen Arm. »Und in der Zwischenzeit… werde ich verfahren, wie wir es besprochen haben. Ich nehme Manuel mit in die Gammastadt.«

»Gut.«

»Krug sei mit dir, Thor.«

»Krug sei mit dir.«

Er begann sich anzuziehen.

23

Und Krug sagte, es soll für euch immer dieser eine Unterschied bestehen.

Daß die Kinder des Leibes immer aus dem Leib kommen sollen und die Kinder der Retorte immer aus der Retorte. Und es soll euch nicht gegeben sein, Kinder aus euren Körpern hervorzubringen, wie es bei den Kindern des Leibes geschieht.

Und dies soll so sein, damit eure Leben nur von Krug kommen, daß Ihm allein der Ruhm eurer Schöpfung vorbehalten bleibt.

24

20. Dezember 2218

Mit seinen achthundert Metern macht der Turm einen überwältigenden Eindruck. Es ist unmöglich, sich diesem Eindruck zu entziehen: man tritt aus der Transmatkabine, bei Tag oder bei Nacht, und ist wie betäubt beim Anblick dieses in den Himmel stoßenden Speers aus leuchtendem Glas. Die Verlassenheit seiner Umgebung verleiht seiner Größe etwas Ehrfurchtgebietendes.

Der Turm hat jetzt die Hälfte seiner vorgesehenen Höhe überschritten.

In letzter Zeit ist es zu vielen, durch die Hast des Arbeitstempos verursachten Unfällen gekommen. Zwei Arbeiter fielen von der Spitze herab. Ein Elektriker, der beim Zusammenschweißen von Trennwänden einen Fehler machte, schickte einen Stromstoß durch die Kabel, die von fünf Gammas verlegt wurden. Sie waren auf der Stelle tot. Zwei aufsteigende Aufzüge kollidierten miteinander, wieder sechs Tote. Alpha Euklid Planners Gehirn wäre fast zerstört worden, als nach einer Stauung ein gewaltiger Strom von Entropiedaten durch den Hauptcomputer schoß, während er angeschlossen war. Drei Betas stürzten vierhundert Meter tief in den Innenschacht, als ein Gerüst zusammenbrach. Bei den Bauarbeiten sind schon mehr als dreißig Androiden ums Leben gekommen. Aber es sind Tausende am Turm beschäftigt, die Arbeit ist ungewöhnlich und gefährlich, und niemand betrachtet die Unfallrate als außergewöhnlich hoch.

Die ersten dreißig Meter der Tachyonstrahlsendeanlage sind praktisch fertig. Techniker testen täglich ihre Zuverlässigkeit. Es wird natürlich nicht möglich sein, Tachyone zu erzeugen, bevor die gesamte Beschleunigerstrecke vollendet ist, aber die Zusammensetzung der einzelnen Teile des gewaltigen Systems ist von höchster Wichtigkeit, und Krug verbringt den größten Teil seiner Zeit am Turm, um die Tests zu überwachen. Farbige Lichter blitzen auf, Indikatorentafeln summen und pfeifen, Zahlen glühen auf, Nadeln zittern. Krug begrüßt jedes positive Resultat mit Begeisterung. Er bringt Scharen von Gästen zum Turm. In den letzten drei Wochen ist er mit Niccolò Vargas gekommen, mit seiner Schwiegertochter Clarissa, mit neunundzwanzig Mitgliedem des Kongresses, mit elf Führern der Industrie, mit sechzehn weltberühmten Vertretern der Künste. Das Lob für den Turm ist einstimmig. Selbst diejenigen, die ihn vielleicht innerlich für eine titanische Torheit halten, können ihre Bewunderung für seine Eleganz, seine Schönheit, seine Großartigkeit nicht verhehlen. Auch eine Torheit kann schön sein, und keiner, der Krugs Turm gesehen hat, wird es bestreiten. Noch gibt es viele, die es für eine Torheit halten, die Sterne wissen zu lassen, daß der Mensch existiert.

Manuel Krug ist seit Anfang November nicht am Turm gesehen worden. Krug erklärt dies damit, daß sein Sohn sich mit der komplizierten Organisation des Krug-Konzerns vertraut macht. Er übernimmt jeden Monat größere Verantwortung. Er ist schließlich der Erbe seines Imperiums.

25

Das letztemal, als ich zu Lilith ging, sagte sie, das nächstemal, wenn du kommst, laß uns etwas anderes machen, einverstanden?

Wir beide nackt nach der Liebe. Meine Wange auf ihren Brüsten.

Etwas anderes?

Nicht nur in der Wohnung sitzen. Einen Spaziergang machen als Tourist und Stockholm besichtigen. Das Androidenviertel. Sehen, wie die Leute leben, die Androiden. Die Gammas. Würdest du das nicht gerne tun?

Und ich sagte, ein wenig unsicher, warum sollte ich? Möchtest du nicht lieber die Zeit mit mir verbringen?

Sie spielte mit den Haaren auf meiner Brust. Welch ein Tier bin ich, so primitiv.

Wir leben so zurückgezogen hier. Du kommst, wir gehen miteinander ins Bett, du gehst. Wir gehen nie aus. Ich möchte, daß du mit mir ausgehst. Als Teil deiner Erziehung. Ich habe den Drang, Leute zu erziehen, wußtest du das, Manuel? Ihren Geist auftun für neue Dinge. Bist du je in einer Gammasiedlung gewesen?

Nein.

Weißt du, was das ist?

Ein Ort, an dem Gammas leben, nehme ich an.

Das stimmt. Aber In Wirklichkeit weißt du es nicht. Nicht bevor du dort gewesen bist.

Ist es gefährlich?

Nicht wirklich. Niemand wird Alphas in der Gammastadt belästigen. Sie machen sich manchmal einander das Leben schwer, aber das ist etwas anderes. Wir gehören der höchsten Kaste an, und sie halten sich von uns fern.