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Und sie hatte nicht das Gefühl, dass dies schon das Ende wäre. Zu Beginn ihres Ansturms schien die kaiserliche Mannschaft von blinder Wut erfüllt. Zu einer Traube zusammengerottet, hielten sie sich genau in der Mitte, offenbar entschlossen, jeden niederzumachen, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte. Richards Mannschaft teilte sich, nur um blitzschnell von beiden Seiten hinter sie zu gelangen und sich von hinten in ihre Beine zu werfen. Auf diese Weise schlugen sie mit dem Gesicht voran in Laufrichtung auf den Boden, was den Aufprall nur noch heftiger machte.

Eine der Attacken geriet so stürmisch, dass sich ein Spieler der kaiserlichen Mannschaft den Knöchel brach. Er schrie vor Schmerzen. Als seine Angriffsspitze den Schrei vernahm, war er für einen Sekundenbruchteil abgelenkt, gerade lange genug, dass ihn zwei Gegenspieler von der Seite her rammen konnten. Er wurde so heftig zu Boden gerissen, dass es ihm den Atem verschlug und seine Zähne klapperten. Sofort kam es zu einem Handgemenge um den Brocbesitz.

Kaum hatte sich die kaiserliche Mannschaft erholt, drängte sie ihre Gegenspieler gewaltsam zur Seite und konnte so den Broc in ihrem Besitz behalten. Wieder auf den Beinen, mühten sie sich ab, an den Verteidigern vorbeizukommen, während mehrere Spieler aus Richards Mannschaft sich noch immer vor Schmerzen am Boden wälzten. Völlig außer Rand und Band feuerte die Menge die kaiserliche Mannschaft an, deren Angriffsspitze mal hierhin, mal dorthin abtauchte, Spieler umging und andere zur Seite stieß.

Als sie den frenetischen Jubel hörten, schoben sich Kahlans Sonderbewacher Zoll um Zoll weiter nach vorn, um das Geschehen zu verfolgen, wodurch hinter der Seitenlinie, wo Kahlan stand, etwas mehr Platz entstand. Durch den Andrang der Zuschauer weiter oben am Hang, die mit ihrem ganzen Gewicht nach vorne zum Spielfeld drängten, wurde der für den Kaiser abgesperrte Bereich von beiden Seiten in die Zange genommen. Vorn, wo Jagang stand, hielten die kaiserlichen Gardisten die aufgeregte Menge auf beiden Seiten noch zurück, doch selbst sie wurden jetzt von dem verbissenen Kampf auf dem Spielfeld mitgerissen, so dass sie dem Geschehen weiter hinten, wo der Raum langsam zusammenschrumpfte, kaum noch Beachtung schenkten.

Während die Sonderbewacher sich Zoll um Zoll näher an das Geschehen heranzuschieben begannen, wo es mehr Platz gab, nahm Kahlan Jillian fester in ihre schützenden Arme, um nicht von ihr getrennt zu werden. Die hinter ihr Stehenden versuchten sich an ihr vorbeizuzwängen und drängten unaufhaltsam vorwärts.

Nicci, von dem völlig vom Spielgeschehen in den Bann gezogenen Kaiser vergessen, trat einen Schritt zurück, was Kahlans Bewachern zusätzlichen Raum verschaffte, nach vorn zu schieben. Es wirkte ganz natürlich, so als wollte sie ihrer Absicht nicht im Wege stehen.

Jagang, wie alle anderen auch, jubelte, stöhnte und fluchte und feuerte die Mannschaften auf dem Spielfeld an. Längst hatte die Dunkelheit eingesetzt, was dem Ereignis eine jenseitige Stimmung verlieh. Die Fackeln am Spielfeldrand warfen ihren flackernden Schein auf das freie, von einem Meer aus Schwarz umsäumte Fleckchen Erde, dazwischen beobachteten Bogenschützen mit eingelegten Pfeilen das Geschehen. Aber selbst sie wurden von der Erregung des Spiels erfasst und achteten mehr auf das Spielgeschehen als auf die Gefangenen. Kahlan kam sich vor wie inmitten eines brodelnden, siedenden, außer Kontrolle geratenen und brutaler Gewalt geweihten Rituals. Die Menge brüllte und jubelte nicht nur, sondern begann, da ihre Mannschaft nun über das Spielfeld stürmte, auch noch einen Gesang anzustimmen und in dessen Rhythmus mit den Füßen zu stampfen, so dass der Boden unter den hunderttausend gleichzeitig stampfenden Stiefeln erzitterte. Die dunkle, wolkenverhangene Nacht schien erfüllt von anhaltendem, krachenden Donnergrollen.

Die Stimmung war behexend, so sehr, dass sogar Kahlan von ihr mitgerissen wurde.

Wie alle anderen Zuschauer hatte sie das Gefühl, selbst dort draußen auf dem Feld zu stehen und an der Seite dieser Spieler zu rennen. Klopfenden Herzens verfolgte sie, wie Richard Angriffen auswich, unter ausgestreckten Armen wegtauchte, und zwischen sich ihm entgegenwerfenden Gegenspielern hindurchschlüpfte. Wurde jemand getroffen, zuckte sie zusammen und wandte sich halb ab. Viele Zuschauer stöhnten auf, beinahe so, als hätten sie selbst den Hieb abbekommen. Mit jeder Drehung des Stundenglases wechselte die Führung, dennoch konnte sich Kahlan des Eindrucks nicht erwehren, dass Richard bisweilen auf Punkte verzichtete, die er eigentlich hätte erzielen müssen, dass er unmerklich langsamer wurde, um einem Gegenspieler Gelegenheit zu geben, ihn zu packen und zu Boden zu reißen. Einmal warf er sogar daneben.

Er ließ sich sozusagen abermals in den Morast fallen. Doch diesmal war ihr der Grund schleierhaft.

Je länger sich die Partie hinzog, desto klarer wurde ihr, dass er den Spielstand manipulierte, das Ergebnis absichtlich knapp hielt. Punktete die kaiserliche Mannschaft, dauerte es nicht lange, bis er den Spielstand wieder egalisiert hatte, anschließend aber verzichtete er darauf, nachzusetzen - so dass die Gegner erneut in Führung gehen konnten. Mehrfach wechselte das Angriffsrecht, ohne dass ein Treffer erzielt wurde. Mittlerweile stand es sieben zu sieben.

An seiner Art, sich zu bewegen, konnte sie erkennen, dass er sich nicht nur aus irgendeinem Grund zurückhielt, sondern dass er sich darüber hinaus seine Kräfte aufsparte. Die andere Mannschaft verausgabte sich völlig, Richard dagegen tat, was nötig war, mehr nicht. Der knappe Spielstand hatte zur Folge, dass die Emotionen auf den Rängen der Zuschauer sich zu fieberhafter Erwartung steigerten. Viele jubelten, klatschten, pfiffen und feuerten die von ihnen bevorzugte Mannschaft an, während andere der gegnerischen Mannschaft mit erhobenen Fäusten drohten und sie mit Verwünschungen überhäuften. Da und dort kam es unter den Zuschauern zu Handgreiflichkeiten, die sich jedoch rasch wieder legten, da alle die Partie verfolgen wollten. Kahlan hatte Nicci beobachtet und sah, dass sie sich ein Dutzend Schritte hinter Jagang hatte schieben können. Kein Mensch achtete auf sie. Jagang hatte sich zweimal zu ihr herumgedreht, aber, zufrieden, dass sie nah genug war, nur halb hingesehen.

Vorne, in der Nähe des Spielfeldrandes, entblößten die ersten Schlachtengängerinnen, ebenso erregt wie die gewaltige Menge, ihre Brüste, sobald die Spieler vorübergerannt kamen. Der Bereich unmittelbar an den Seitenlinien war strategisch günstig und oftmals hart umkämpft, weshalb man gerade Frauen freien Zutritt bis an den Spielfeldrand gewährte. Unmengen von Männern, die um die Erregung der Frauen wussten, die wussten, wie erpicht sie darauf waren, die Aufmerksamkeit der Spieler auf sich zu lenken, stachelten sie noch zusätzlich auf. Die Frauen schienen sich nach Beachtung geradezu zu sehnen, denn selbst bei dem ohrenbetäubenden Getöse der Massen konnte Kahlan einige von ihnen den vermeintlichen Siegern lüsterne Versprechungen zurufen hören.

Unter normalen Umständen hätten sich Frauen, die sich mitten unter den Ordenssoldaten so aufführten, nicht lange ihrer Freiheit erfreut, doch die Soldaten waren weit mehr am Geschehen auf dem Spielfeld interessiert. Das Benehmen der Frauen trug nur zusätzlich zur Verkommenheit der Atmosphäre bei. Es war Teil des Ja’La dh Jin. Als Nicci nahe genug war, berührte Jillian sie an der Hand. »Alles in Ordnung?«, raunte sie gerade laut genug, dass diese sie trotz der lärmenden Menge verstehen konnte. »Wir haben uns Sorgen um dich gemacht.«