Выбрать главу

Nicci legte der Kleinen lächelnd die Hand an die Wange und nickte.

»Er führt irgendwas im Schilde«, sagte Nicci leise, während sie sich ein wenig näher beugte. »Ich weiß.«

»Vielleicht ist das Eure Chance zu fliehen. Ich werde tun, was ich kann, um Euch zu helfen. Haltet Euch bereit.«

In Anbetracht des Rings um ihren Hals vermochte Kahlan nicht zu erkennen, welche Fluchtchance sich ihr bieten sollte, trotzdem machte ihr die Vorstellung Mut, auch wenn sie sie für völlig unrealistisch hielt. Wenn schon keine Hoffnung auf Flucht bestand, so könnte sich vielleicht die Gelegenheit zu etwas anderem ergeben, etwas, das andere rettete. Als Nicci abermals zu ihr herübersah, streckte Kahlan ihr die Hand ein kleines Stück entgegen, ohne ihr zu zeigen, was sie darunter in ihrer Handfläche verbarg.

»Hier. Nehmt das.«

Als Nicci daraufhin nur fragend die Stirn runzelte, drehte Kahlan die Hand kurz herum, gerade lang genug, dass Nicci das Heft des Messers sehen konnte. Die Klinge schmiegte sich, verborgen unter dem Ärmel ihres Hemdes, fest an ihr Handgelenk.

»Behaltet es«, gab Nicci zurück. »Ihr werdet es vielleicht brauchen.«

»Ich habe noch zwei davon.«

Einen Moment lang musterte Nicci sie überrascht, dann bedeutete sie ihr mit einer leichten Kopfbewegung, dass sie es Julian geben solle. Die öffnete ihren Umhang gerade weit genug, damit Nicci das Messer sehen konnte, das Kahlan ihr schon vorher überlassen hatte. Nicci blickte wieder hoch zu Kahlan. »Ich bin im Umgang mit Messern nicht eben geschickt.«

»Das ist nicht schwer.« Sie drückte ihr die Klinge in die Hand. »Wenn es so weit ist, bohrt Ihr das spitze Ende einfach in den wichtigen Körperteil eines Menschen, den Ihr nicht ausstehen könnt.«

Verstohlen suchte sie mit ihren blauen Augen Jagang. »Ich denke, das wird sich machen lassen.«

Kahlan fand, dass Nicci, wie sie da mit ihrem blonden, bis über die Schultern fallenden Haar im weichen Schein der Fackeln stand, die vielleicht schönste Frau war, die sie je gesehen hatte. Aber es war nicht nur ihre Schönheit; trotz allem, was Jagang ihr antat, hatte sie sich ihre Unerschrockenheit bewahrt. Ihr war eine innere Stärke eigen, eine Erhabenheit.

»Ist das Richard Rahl?«, wollte Kahlan wissen.

Ihre blauen Augen wandten sich herum zu Kahlan und starrten sie einen Moment lang an.

»Ja.«

»Was tut er hier?«

Ein kaum merkliches Lächeln verzog Niccis Mundwinkel. »Er ist Richard Rahl.«

»Wisst Ihr, was er vorhat?«

Nicci schüttelte ganz leicht den Kopf, während sie ihren Blick über all die Gardisten schweifen ließ, um sich zu vergewissern, dass keiner auf sie beide achtete. Durch die Lücken zwischen ihnen konnten sie Spieler mit rot bemalten Gesichtern vorüberrennen sehen.

»Das da draußen ist wirklich Richard Rahl?«, fragte nun auch Julian. Nicci nickte.

»Woher wollt Ihr das wissen? Ich meine, wie könnt Ihr bei all der Farbe sicher sein? Ich kenne Richard, und ich kann es nicht sehen.«

»Er ist es.«

Ihr Ton war so von ruhiger Gewissheit erfüllt, dass kein Grund bestand, ihre Äußerung in Frage zu stellen. Vermutlich, überlegte Kahlan, würde diese Frau ihn sogar bei völliger Dunkelheit erkennen können.

»Woher kennt er mich?«, fragte sie.

Wieder starrte Nicci ihr einen Moment lang in die Augen. »Dies ist nicht der Ort für Plaudereien. Haltet Euch einfach bereit.«

»Wozu? Was glaubt Ihr, wird er tun? Was kann er überhaupt tun?«

»Wie ich ihn kenne, wird er vermutlich einen Krieg anzetteln.« Kahlan blinzelte überrascht. »Ganz allein?« »Wenn es nicht anders geht.«

Auf dem Spielfeld hatte des Kaisers Mannschaft soeben kurz vor dem Erklingen des Horns, mit dem das Ende ihrer Angriffsphase verkündet wurde, einen Treffer erzielt. Die Menge geriet außer sich und stimmte ein solches Gejohle an, dass Kahlan zusammenfuhr. Der Geräuschpegel war vernichtend.

Richards Mannschaft lag nun einen Punkt zurück.

In der Erwartung, dass die Spieler ihre Positionen einnehmen, das Horn den Beginn der Angriffsphase für Richards Mannschaft ankündigen würde, begann die gesamte Menge ein tiefes, kehliges rhythmisches Grunzen anzustimmen. Jeder Grunzlaut wechselte sich mit dem Aufstampfen ihrer Stiefel ab.

Es schien, als bewegte sich die ganze Welt mit diesem Stampfen Schritt für Schritt vorwärts; der Boden zitterte. Selbst Jagang und seine kaiserliche Leibwache fielen ein. Es verlieh der Nacht etwas Gespenstisches, Wildes und Archaisches, so als wäre alle Zivilisiert -heit zugunsten dieses Spektakels rohester Enthemmtheit aufgegeben worden. Die Anhänger der kaiserlichen Mannschaft verlangten, ihre Spieler sollten den Gegner in Stücke reißen, statt zu punkten. Die Anhänger von Richards Mannschaft wollten, dass seine Spieler jeden niedermachten, der sie aufzuhalten versuchte.

Der Gesang war ein einziger Schrei nach Blut.

Jetzt, da nur noch eine Angriffsphase übrig war, musste Richards Mannschaft punkten, oder sie würde die Partie verlieren. Erzielte sie jedoch nur einen Treffer, stünde es unentschieden, und das Spiel würde in die Verlängerung gehen.

Kahlan erhaschte Blicke auf Richard, der sich keinerlei innere Regung anmerken ließ, als er seine Mitspieler um sich scharte und ihnen ein verdecktes, knappes Handzeichen gab. Beim Herumdrehen streifte sie sein Blick, und für einen winzigen Moment begegneten sich ihre Augen. Der Kontakt war so energiegeladen, dass Kahlans Herz zu pochen begann und ihre Knie nachgaben.

Ebenso schnell, wie sein prüfender Blick sie gestreift hatte, wanderte er weiter. Niemand außer ihr hatte mitbekommen, dass er sie direkt angesehen hatte, und wenn doch, so würde er kaum wissen, weshalb. Kahlan begriff.

Er hatte sich ihres genauen Standorts vergewissern wollen. Dies war der Moment, für den er sich mit diesen seltsamen Symbolen bemalt hatte, der Moment, für den er den Spielstand ausgeglichen gestaltet hatte. All die anderen Mannschaften, gegen die sie angetreten waren, hatte er vernichtend geschlagen, nur um die Gewissheit zu haben, in diesem Augenblick hier, genau an diesem Ort zu sein. Warum das so war, erschloss sich ihr nicht, aber dies war der Moment. Völlig unvermittelt stieß er einen Schlachtruf aus und setzte zu seinem Sturmlauf an.

Als sie ihn so sah, bedeckt mit den furchterregenden roten Symbolen, die Muskeln angespannt, mit seinem Raubtierblick, seiner zielgerichteten Energie und seinen fließenden Bewegungen ... glaubte Kahlan, ihr Herz müsse zerspringen.

34

Alle Augen waren auf Richard gerichtet, als er, den Broc unter den linken Arm geklemmt, losrannte. Selbst Kahlan war einen Schritt vorgetreten und stand da wie gebannt. Die Menge hielt in angespannter Erwartung den Atem an.

Am anderen Spielfeldende begann Jagangs Mannschaft ihren Sturmlauf zur Abwehr des Angriffs. Gelang es ihr, Richards Mannschaft am Erzielen eines Treffers zu hindern, hätten sie das Turnier gewonnen. Es waren erfahrene Spieler, die nicht gewillt waren, sich den greifbar nahen Sieg noch nehmen zu lassen.

Abgeschirmt von seinen Blockern und seinem letzten noch verbliebenen Flügelstürmer, wechselte Richard unerwartet nach rechts hinüber und stürmte in halsbrecherischem Tempo an der rechten Seitenlinie entlang. Die Flammen der Fackeln rauschten flackernd, als er vorüberraste. Frauen, ergriffen von der allgemeinen Hysterie, versuchten ihn mit den Händen zu berühren.

Plötzlich war Richard unmittelbar vor ihnen und rannte am Kaiser vorbei, der ganz den Eindruck machte, als wollte er sich Richard am liebsten persönlich in die Beine werfen.

Kahlan erwartete, dass er anhalten, sich zum Kaiser hinwenden und ihn töten würde, wie er dies schon so erfolgreich bei anderen getan hatte, doch das tat er nicht. Er blickte im Vorüberrennen nicht einmal in dessen Richtung.

Er hatte seine Chance zu einem Attentat auf den Kaiser gehabt und sie ungenutzt verstreichen lassen.

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, warum, wenn er denn tatsächlich, wie Nicci glaubte, etwas im Schilde führte. Vielleicht entsprang es ja nur Niccis Wunschdenken ... und ihrem eigenen. Im Nu waren Richard und seine Mitspieler vorbei und stürmten das Feld entlang.