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Jillian eng an ihren Körper gepresst, blickte Kahlan sich um. Nicci sicherte die Kleine auf der anderen Seite. Die Männer rings um sie her waren von einem wahren Blutrausch erfasst.

Kahlan nickte. »Im Schutz von Jagangs Leibwache sind wir hier im Augenblick sicherer. Aber je nach Entwicklung der Dinge könnte sich das rasch ändern.«

Ringsumher tobte das Gemetzel. Jagang lag, umringt von seiner Leibwache, auf den Knien und fasste sich an die Brust. Einige seiner Männer hatten sich neben ihm auf die Knie fallen lassen, um ihn, falls erforderlich, zu stützen, ihm aufzuhelfen und sich einen Weg nach draußen freizukämpfen. Andere befahlen, hektische Kommandos brüllend, endlich eine Schwester herbeizuschaffen. Unterdessen drosch die kaiserliche Garde, im Versuch, den Mob zurückzuhalten, noch immer voller Ingrimm auf jeden ein, der in ihre Reichweite kam. Blut und andere Körperflüssigkeiten weichten den Boden rings um den Zuschauerbereich des Kaisers zunehmend auf.

Wie gebannt verfolgte Kahlan Richard mit dem Blick. Mittlerweile kamen sie von allen Seiten und versuchten, ihn zu töten, doch er bewegte sich zwischen ihnen, als wäre er tatsächlich ein Phantom. Ganz ähnlich, wie er zuvor den Blockern ausgewichen war, tauchte er nun seitlich unter Klingen weg, wich, wenn nötig, Stößen aus und schlüpfte zwischen den Soldaten hindurch, sobald diese ihn einzukreisen versuchten. Jeder seiner Schwertstöße erfolgte mit tödlicher Schnelligkeit und forderte ein Opfer. Er war der Inbegriff sparsamer Bewegung und tat bei seinem Kampf quer über das gesamte Spielfeld nie mehr als absolut nötig, während rings um ihn her eine lärmende, tumultartige Schlacht tobte.

Inmitten dieses Chaos war Richard ein Zentrum ruhiger Gelassenheit. Jedes Mal, wenn seine Klinge aufblitzte, ging ein Mann zu Boden. Oft machte er sich gar nicht die Mühe, seine Gegner zu töten, sondern stieß sie, nachdem sie mit ihren Schwertern nach ihm geschlagen oder gestoßen hatten, einfach nur zur Seite. Als einer mit dem Messer auf ihn losging, stemmte er die Beine in den Boden und schlug ihm den Kopf ab. Wie gebannt schaute Kahlan zu.

Und begriff, wie er seine Klinge führte.

Seine Klingenführung unterschied sich grundlegend von der aller Männer rings um ihn her. In gewisser Weise war es, als beobachtete sie sich selbst in der Hitze des Gefechts. Anders als die oftmals überrascht reagierenden Soldaten, wusste sie meist ganz genau, wie er sich verhalten würde.

Obwohl sich sein Kampfstil in mancher Hinsicht von dem ihren unterschied, hatte er mit ihrer Klingenführung doch auch viel gemein. War es für ihn vorteilhaft, nutzte er seine größere Körperkraft, trotzdem hatte er mehr mit ihr gemein als jeder andere, dem sie je begegnet war. Obwohl er über große Kraft verfügte, sparte er sich diese auf, indem er stets nur das unbedingt nötige Maß an Energie einsetzte. Nie ging er auf andere zu, sondern wartete, bis sie zu ihm kamen, verzichtete auf große Bewegungen, nutzte stattdessen den Schwung seiner Gegner aus und brachte seine Klinge in Stellung, so dass sie sich beim Zusammenstoß damit selbst durchbohrten. Stets schien er noch vor ihnen genau zu wissen, wie sie sich verhalten und wo sie sich befinden würden, und benutzte dieses Wissen gegen sie.

Während er sich einen Weg durch das Gemetzel bahnte, entfernte sich sein Blick nie weit von ihr.

Doch so erfolgreich er sich die Männer auch vom Leibe hielt, er war nur ein einzelner Mann, der dem gewaltigen Druck der Armee rings um ihn her nicht ohne weiteres standzuhalten vermochte, so dass der Ansturm dieser Massen ihn trotz seiner tapferen Gegenwehr letztendlich zu überwältigen drohte.

Einen Moment darauf verlor Kahlan ihn aus den Augen.

»Was sollen wir nur tun?«, wimmerte Jillian.

Kahlan sah, dass Jagang Blut spuckte und Mühe hatte, Luft zu bekommen.

»Ich denke, wir sollten irgendwie versuchen, uns von hier zu entfernen.«

»Kommt nicht in Frage«, widersprach Nicci. »Wenn Richard uns nicht finden kann, sind wir verloren.«

Kahlan wies auf das Chaos ringsum. »Was kann er Eurer Meinung wohl dagegen ausrichten?«

»Ich finde, mittlerweile solltet Ihr gelernt haben, ihn nicht zu unterschätzen.«

»Nicci hat recht«, bestätigte Jillian. »Ich hab ihn sogar schon aus dem Totenreich wiederkehren sehen.«

36

Kahlan konnte sich über Julians Äußerung nur wundern. Zwar wusste sie jetzt, dass er imstande war, einen Krieg vom Zaun zu brechen, aber dass er in die Unterwelt hinabsteigen und zurückkehren konnte, mochte sie nun wirklich nicht glauben. Angesichts des gefährlichen, rings um sie her tobenden Tumults war ihr jedoch klar, dass dies weder der rechte Ort noch der Zeitpunkt war, darüber zu diskutieren.

Sie ließ den Blick auf der Suche nach einem Fluchtweg über den völlig außer Kontrolle geratenen Gewaltexzess schweifen. Wenn Jagang starb oder auch nur das Bewusstsein verlor, ließe sich die Gelegenheit vielleicht nutzen, um Jillian und Nicci von hier fortzuschaffen. Sie überlegte, inwieweit es wohl eine Rolle spielte, ob der Traumwandler Jagang bei Bewusstsein war oder nicht. Möglicherweise konnte er sie selbst noch in bewusstlosem Zustand über den Halsring kontrollieren. Doch selbst wenn nicht, bliebe noch immer das Problem der gewaltigen, sie von allen Seiten umschließenden Armee. Kahlan mochte für praktisch alle ringsumher unsichtbar sein, aber auf Nicci und Jillian traf das nicht zu. Eine Frau von Niccis Äußerem und ein verlockendes Opfer wie Jillian durch diese Massen zu manövrieren, würde sicher kein leichtes Unterfangen sein. Doch offenbar setzte Nicci große Hoffnung auf Richard.

»Glaubt Ihr wirklich, dass er uns hier herausbringen kann?«

Nicci nickte. »Mit meiner Hilfe, ja. Ich glaube, ich weiß auch schon wie.«

Kahlan hielt sie nicht für die Sorte Frau, die ihre ganze Zuversicht auf Hoffen und Gebete gründete. Während ihrer grauenhaften Gefangenschaft bei Jagang hatte sie nie versucht, sich etwas vorzumachen, sich nie an falsche Hoffnungen geklammert. Wenn sie behauptete, einen Weg zu wissen, war Kahlan geneigt zu glauben, dass etwas daran war. Weiter vorn erspähte sie durch eine Lücke im Gemenge plötzlich Richard, der soeben zu einem Schwertstoß ansetzte, um einen Mann zu durchbohren, ehe dieser seinen Hieb vollenden konnte. Über und über bemalt mit blutigroten Symbolen, riss Richard sein Schwert aus dem Leib des Mannes wieder heraus und nutzte diesen Schwung, um einem hinterrücks angreifenden Soldaten den Knauf ins Gesicht zu rammen.

»Es ist vielleicht unsere einzige Chance«, sagte Kahlan. Nicci streckte den Rücken und vergewisserte sich, wie Richard vorankam, ehe sie sich wieder dem hektischen Durcheinander rings um den Kaiser zuwandte. »Eine bessere werden wir wohl kaum bekommen. Jetzt oder nie. Aber mit den Ringen um den Hals ...«

»Solange Jagang abgelenkt ist, wird er sie vielleicht nicht benutzen, um uns aufzuhalten.«

Nicci warf ihr einen Blick zu, der deutlich machen sollte, für wie töricht sie diese Bemerkung hielt. »Jetzt hört mir mal zu«, sagte sie. »Sollte irgendetwas schiefgehen, werde ich alles in meinen Kräften Stehende dafür tun, dass Ihr, Jillian und Richard eine Gelegenheit zur Flucht bekommt.« Warnend hob sie einen Finger. »Und wenn es so weit ist, werdet Ihr sie ergreifen - habt Ihr verstanden? Kommt nur nicht auf die Idee, sie ungenutzt zu lassen. Habt Ihr das begriffen?«

Dass Nicci mit dem Gedanken spielte, ihr Leben zu opfern, um ihnen eine Fluchtchance zu ermöglichen, behagte Kahlan ganz und gar nicht. Außerdem irritierte es sie, dass Nicci ihr, Kahlans, Überleben offenbar für wichtiger hielt als ihr eigenes.

»Wenn Ihr mir versprecht, nicht einmal darüber nachzudenken, solange es noch eine andere Möglichkeit gibt. Viel lieber würde ich einen Weg finden, uns alle hier herauszubringen.«