»Ich habe nur das eine Leben. Und das würde ich gern behalten, falls das Eure Frage beantwortet.«
Das entlockte Kahlan ein Lächeln. Sie legte Jillian eine Hand auf die Schulter. »Bleib ganz dicht bei uns, aber sieh zu, dass du nicht im Weg bist, wenn ich mein Messer benutzen muss. Und zögere nicht, deins zu benutzen.«
Jillian nickte, als Kahlan sie auf das Ja’La-Feld schob, in die Richtung, in der sie Richard zuletzt gesehen hatte. Nicci blieb dicht hinter ihr. Kahlan war kaum ein Dutzend Schritte weit gekommen, als Kommandant Karg hinter ihnen durch eine Wand aus Kombattanten brach. Sein mächtiges Streitross bekundete sein Missfallen über die vielen ihm im Weg stehenden Soldaten mit einem lauten Schnauben.
Der Kommandant, der einen vielköpfigen Trupp aus kaiserlichen Gardisten anführte, blickte um sich, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Wie die zum Schutz Jagangs abgestellten Männer, waren auch diese kampferprobte Elitetruppen. Sie waren ausnahmslos hochgewachsen, von kräftiger Statur und bis an die Zähne bewaffnet – und es schienen Tausende zu sein. Die Brutalität, mit der sie zu Werke gingen, war außergewöhnlich. Sie brachen auf einer Woge aus Blut durch die kämpfenden Soldaten.
Dann sah Kahlan plötzlich nicht allzu weit jenseits der kaiserlichen Gardetruppen Stichflammen gen Himmel schießen, deren greller, roter Widerschein die vor Anstrengung verzerrten Gesichter der um ihr Leben kämpfenden Männer beleuchtete. Gegen wen sie kämpften, schien jede Bedeutung verloren zu haben. Diese Soldaten schienen völlig außer sich – in einer außer sich geratenen Welt. Jeder kämpfte gegen jeden, mit Ausnahme der kaiserlichen Gardetruppen, die eine sehr klare Vorstellung davon besaßen, gegen wen sie vorzugehen hatten - nämlich gegen alle anderen.
»Da kommen Schwestern«, rief Nicci, als sie Flammen und Rauch in den nachtschwarzen Himmel steigen sah. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, dann ist es zu spät. Versucht, Euch nicht blicken zu lassen und den Gardetruppen aus dem Weg zu gehen.«
Kahlan nickte und bahnte sich mit Jillian einen Weg fort von der Hauptstreitmacht, die sich zu ihnen durchzuschlagen versuchte. Offenbar hatte Nicci einen Plan. Richard würde nach ihnen suchen, weshalb sich Kahlan nicht zu weit von der Stelle entfernen wollte, wo er sie zuletzt gesehen hatte.
Sie plante, den Hauptzusammenstoß zwischen den regulären Truppen und der kaiserlichen Garde zu umgehen und sich dabei jener Stelle zu nähern, wo sie Richard zuletzt gesehen hatte - und hoffte darauf, sich durch ihre Seitwärtsbewegung nicht allzu weit von Richards Stoßrichtung zu entfernen. Vor allem aber wollte sie sich von dem neu entstandenen Zusammenprall fernhalten. Diese Elitegardisten waren ein ganz anderer Gegner als die einfachen Soldaten.
Inmitten seines Kontingents aus Originalelitegardisten sprang Kommandant Karg von seinem Streitross. »Wo ist Kaiser Jagang?«, brüllte er in Richtung der Mauer aus den verwundeten Kaiser beschützenden Gardesoldaten.
»Er ist von einem Pfeil getroffen worden«, gab einer der Offiziere zurück, während er seinen Leuten signalisierte, dem Kommandanten einen Pfad freizuräumen.
In diesem Augenblick sah Kahlan den noch immer auf seinen Knien liegenden Jagang, gestützt von zwei kräftigen Gardisten, die zu beiden Seiten neben ihm kauerten. Er war blass, aber bei Bewusstsein. Das Atmen bereitete ihm sichtlich Mühe, und er hustete gelegentlich, was auf seinem Kinn und seiner Brust kleine dunkle Blutflecken hinterließ. Mit einer Hand hielt er den Pfeil umklammert, der aus seiner rechten Brustseite ragte.
»Ein Pfeil!«, ereiferte sich Karg. »Wie im Namen der Schöpfung konnte das passieren?«
Der Offizier packte Karg bei seinem Kettenhemd und riss ihn zu sich heran. »Euer eigener Mann hat auf ihn geschossen!«
Ein zorniges Funkeln in den Augen, bog er das Kinn des Offiziers mit seiner Messerspitze nach oben. »Nehmt Eure Finger weg.«
Der Mann ließ den Kommandanten los, nicht ohne ihn jetzt ebenfalls anzufunkeln.
»Uberhaupt, was soll das heißen, mein eigener Mann?«, wollte Karg wissen.
»Eure Angriffsspitze. Er hat den Kaiser mit einem Pfeil getroffen.«
Kargs Miene verfinsterte sich. »Wenn das stimmt, bringe ich ihn eigenhändig um.«
»Vorausgesetzt, wir erwischen ihn nicht zuerst.«
»Ausgezeichnet. Ich bitte darum. Es ist mir eigentlich egal, wer ihn beseitigt - Hauptsache, er ist tot. Der Mann ist eine Gefahr. Ich will nicht, dass er hier frei herumläuft und noch mehr Unheil anrichtet. Bringt mir einfach seinen Kopf zum Beweis, dass es erledigt ist.«
»Betrachtet es als erledigt.«
Karg überging die Prahlerei des Offiziers und ging daran, weitere Gardisten aus dem Weg zu drängen. »Stellt den Kaiser auf die Beine!«, brüllte er den Ring aus Bewachern um Jagang an. »Wir schaffen ihn zurück in den Kommandobereich. Hier können wir nichts für ihn tun.«
Niemand widersprach. Gardisten halfen Jagang auf die Beine. Zwei von ihnen, je einer rechts und links, nahmen seine Arme über die Schultern, um ihn zu stützen.
»Karg.« Jagangs Stimme klang sehr matt.
Der Kommandant trat näher. »Ja, Exzellenz?«
Ein Grinsen ging über Jagangs Gesicht. »Bin erfreut, Euch zu sehen. Schätze, Ihr habt sie Euch für eine Weile verdient.«
Der Kommandant wechselte ein kurzes, verschlagenes Lächeln mit dem Kaiser, drehte dann ab und brüllte die Gardisten an. »Gehen wir.«
Jillian klammerte sich auf der einen Seite fest an Kahlan, auf der anderen an Nicci, während sie sich immer weiter zur Seite hin entfernten und dabei unbemerkt zu bleiben versuchten.
Die Jagang stützenden Gardisten begannen, ihn aus dem Gewühl fortzuschaffen, wobei die von Karg mitgebrachten Männer sich hackend und schlagend einen Weg zurück durch das Schlachtgetümmel bahnten. Die Vorstellung, noch einmal in Jagangs Zelt zurückzukehren, erfüllte Kahlan mit Schrecken. Ein Auge auf die Gardisten haltend, blickte sie suchend über ihre Schulter, konnte Richard aber nirgendwo entdecken. Während rings um das Dreiergrüppchen aufgebrachte, betrunkene Soldaten kämpften, beobachtete Kahlan, wie die Leibgarde des Kaisers mit der Bildung einer Keilformation begann, um einen Weg frei zu räumen, der sie vom Ja’La-Feld zum Kommandobereich des Kaisers führen würde.
Längst waren in dem Getümmel nahezu sämtliche Fackeln erloschen. Zwar hatten die Gardisten selber welche mitgebracht, doch die befanden sich nicht in der Nähe, und wegen des wolkenverhangenen Himmels herrschte eine solche Dunkelheit, dass Kahlan nicht einmal mehr das Spielfeld ausmachen konnte. Selbst die sich über der Azrith-Ebene erhebende Hochebene schien von der Dunkelheit wie verschluckt, so dass sie sich anhand der fernen, vom Fackelschein erleuchteten Rampe orientieren musste.
Dann ließ ein gewaltiger, dumpfer Schlag den Boden erzittern, und Flammen schlugen gen Himmel, als die Schwestern, offenbar unter Zuhilfenahme ihrer Kraft, sich einen Weg durch die riesige Armee zu bahnen versuchten, um Jagang zu Hilfe zu eilen. Hunderttausende hatten der Ja’La-Partie beigewohnt, und nichts deutete darauf hin, dass sie sich auf dem Rückzug befanden. Nun galt es für die den Kaiser beschützenden Gardisten, diesem Mob zu entkommen.
Auch Kahlan, Jillian und Nicci mussten sich einen Weg durch diese Menschenmassen bahnen, allerdings ohne die Hilfe Tausender schwer bewaffneter Elitesoldaten. Stattdessen verließen sie sich darauf, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, um harmlos auszusehen, vermieden sie jeglichen direkten Blickkontakt und schlichen mit hochgeschlagenen Kapuzen und gesenkten Hauptes durch die Nester relativer Ruhe inmitten dieses Chaos. Trotzdem war es ihnen noch immer nicht gelungen, den Bereich des Handgemenges zwischen den Gardisten und den gewöhnlichen Soldaten zu verlassen. Irgendwie mussten sie es schaffen, durch die Reihen der Leibwache zu gelangen, und anschließend durch die dahinter stehenden regulären Truppen.
Völlig unvermittelt tauchte Kommandant Karg, ein boshaftes Feixen im Gesicht, aus dem Dunkel auf und packte Niccis Oberarm. »Da steckst du!« Er schlug ihre Kapuze zurück, um sie besser betrachten zu können.