»Du kommst mit mir.« Er machte einem seiner Männer ein Zeichen.
»Nehmt das Mädchen ebenfalls mit. Wenn wir uns schon vergnügen, dann richtig, mit ein bisschen jungem Blut für meine Männer.«
Jillian kreischte, als der Mann sie Kahlan aus den Armen riss und sie hinter sich herschleifte, während er Kommandant Karg und Nicci folgte. Als Jillian ihn mit dem Messer zu stechen versuchte, wand er ihr die Klinge aus der Hand. Wäre Kahlan für diese Männer nicht unsichtbar gewesen, hätten sie sie ebenfalls gegriffen.
Kahlan war hinter den Soldaten getreten der Jillian festhielt, und wollte gerade ihr Messer heben, als eine kräftige Hand sie am Handgelenk festhielt. Sie gehörte dem sechsten ihrer Sonderbewacher, dem Mann, den sie aus den Augen verloren hatte und der jetzt bedrohlich hinter ihr aufragte. Sie erkannte ihn sofort. Er gehörte zu den Klügeren und war nicht ganz so arglos wie die anderen. Außerdem besaß er noch immer alle seine Waffen.
Während Nicci und die kreischende Jillian immer weiter von Kahlan fortgeschleift wurden, drehte ihr der Mann den Arm auf den Rücken, bis jedes Gefühl aus ihren Fingern wich. Sie schrie vor Schmerzen. Mit grimmiger Miene, die nicht die geringste Anteilnahme an ihren Qualen verriet, entwand er ihr das Messer. Sie trat ihm gegen das Schienenbein, um ihn so zum Loslassen zu bewegen, doch er ließ nicht etwa locker, sondern verdrehte ihren Arm noch mehr, bis die Schmerzen ihr jegliche Gegenwehr unmöglich machten. Dann drängte er sie in die Richtung, in die auch der Kaiser geführt wurde.
Nicci sah sich immer wieder nach Kahlan um, während Kommandant Karg sie durch das Gewirr aus Männern zerrte, doch im Ge-woge der Leiber konnte Kahlan nur gelegentlich ihr blondes Haar aufscheinen sehen.
Die Hand, die sie hielt, löste sich von ihrem Handgelenk, packte sie stattdessen am Oberarm und zerrte sie völlig unvermittelt zurück in das Gewühl aus miteinander kämpfenden Soldaten, zurück ins Dunkel. Kahlan wandte sich herum, bereit, sich gegen die offenkundige Absicht des Soldaten zur Wehr zu setzen.
Statt seiner stand dort Richard.
Die Welt schien plötzlich stillzustehen.
Mit seinen grauen Augen blickte er auf den Grund ihrer Seele. Aus dieser Nähe waren die seltsamen blutroten Zeichnungen, mit denen sein Gesicht bemalt war, furchterregend, sein lächelndes Gesicht jedoch ließ den sanftmütigsten, freundlichsten Mann vermuten, den man sich nur denken konnte.
Er schien sie nur anlächeln zu können, als er in ihre Augen starrte. Es dauerte einen Moment, bis Kahlan sich wieder erinnerte, wie man atmete.
Schließlich senkte sie den Blick und sah ihren Sonderbewacher, der sie am Handgelenk gehalten hatte. Er lag am Boden, den Kopf in unnatürlichem Winkel verdreht, und schien nicht mehr zu atmen. Wegen der überall umherliegenden Körper erregte einer mehr keinen Verdacht. Schließlich war er, wie all die anderen, die hier gegeneinander kämpften, nur ein ganz gewöhnlicher Soldat.
Mit der Ausnahme, dass er sie hatte sehen können!
Kahlans Gedanken stürmten wieder auf sie ein. Die Vorstellung, dass dieser andere Kerl Nicci und Jillian in seiner Gewalt hatte, er zeugte bei ihr ein Gefühl von Schwindel und Übelkeit. Sie machte eine fahrige Handbewegung.
»Wir müssen Nicci und Jillian helfen. Kommandant Karg hat sie in seiner Gewalt.«
Richard zögerte keinen Moment und richtete seine grauen Augen auf die Stelle, wo Nicci soeben verschwunden war. »Beeil dich. Bleib dicht bei mir.«
Ein Dutzend Schritte, und sie waren zurück im Gewühl der Schlacht, diesmal waren es jedoch keine regulären Truppen, mit denen sich Richard auseinandersetzen musste, sondern die kaiserliche Garde. Ihm schien es nichts auszumachen. Er bewegte sich durch sie hindurch, streckte, wenn nötig, Männer nieder, um ihr den Weg freizumachen, und wich ihnen, wann immer möglich, aus.
Als jemand mit dem Schwert in seine Richtung stieß, trat Richard einen Schritt zur Seite, trennte ihm den Arm ab und fing das Schwert auf, ehe es zu Boden fiel. Dann warf er es Kahlan zu, die es auffing und es auch sofort gebrauchen musste, um einen Soldaten abzuwehren, der sich auf Richard stürzen wollte.
Es war ein gutes Gefühl, ein Schwert in der Hand zu halten und sich endlich wieder verteidigen zu können. Die beiden schlugen sich weiter den Weg durch die kaiserliche Garde frei.
Dann schaute sich Kommandant Karg um und sah Richard nahen. Er ließ Nicci los und wandte sich kampfbereit herum zu seiner Angriffsspitze. Als die Gardisten in der Nähe sahen, dass ihr Kommandant diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen wünschte, wandten sie sich wieder ihren eigenen Problemen zu.
»Tja, Rüben, sieht ganz so aus, als o-«
Richard holte aus und enthauptete Schlangengesicht ohne viel Federlesens. Sein Interesse galt allein dem wirklich Nötigen, er war nicht darauf aus, dem Feind eine Lektion zu erteilen. Er wollte ihn nur vernichten.
Als einer, der die Szene beobachtet hatte, auf ihn losging, zog Nicci ihm mit einer schnellen Körperdrehung das Messer durch die Kehle. Ein Ausdruck vollkommener Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er, beide Hände auf die klaffende Wunde gepresst, auf ein Knie sackte und schließlich mit dem Gesicht voran zu Boden fiel. Im Nu befanden sie sich inmitten einer tobenden Schlacht. Angesichts der unzähligen kampferprobten Krieger, die sich auf ihn stürzten, legte Richard jegliche Zurückhaltung ab und drängte sich mit äußerster Entschlossenheit mitten zwischen sie.
Die Sorge, es könnten zu viele für ihn sein, bewog Kahlan, ihn nicht damit allein zu lassen, zumal sie jetzt den Vorteil der Unsichtbarkeit genoss. Sie konnte sich zwischen den Richard angreifenden Männern bewegen und ihren eigenen Blutzoll fordern. Gardisten, die gegen Richard zu kämpfen erwarteten, fielen durch ihre scheinbar aus dem Nichts kommende Klinge. Gemeinsam richteten sie ein ziemliches Gemetzel unter den Gardisten an.
Auch Nicci warf sich augenblicklich in den Kampf. Alle drei hatten jetzt nur noch ein einziges Zieclass="underline" sich einen Weg aus der Mitte der kaiserlichen Gardisten freizukämpfen.
»Wir müssen zur Rampe hinüber!«, rief sie Richard zu. Sein Schwert aus einem vorüberstürzenden Körper reißend, sah er Nicci stirnrunzelnd an. »Zur Rampe? Seid Ihr sicher?«
»Ja!«
Er verzichtete darauf, zu widersprechen, wechselte die Richtung und kämpfte sich, stets Jillian deckend und darauf bedacht, dass ihr keiner zu nahe kam, durch die schier endlose Menge kräftiger Krieger. In diesem gewaltigen Hauen und Stechen war sich Kahlan bewusst, dass sie sich von ihm fernhalten musste, um ihm den nötigen Bewegungsraum zu lassen. Die meisten Gegner hatten es auf ihn abgesehen, also drängte sie Jillian ein gutes Stück von ihm fort, damit niemand ihm die Kleine entreißen und als Schild gegen ihn benutzen konnte. Kahlan konnte sie besser beschützen als Nicci, der sie obendrein den Rücken freihielt, während sie auf jeden losging, dessen Aufmerksamkeit für einen Moment erlahmte.
Als einer der Krieger hinter ihr das Schwert gegen Jillian erhob, durchbohrte ihn jemand von hinten.
Als der Sterbende zur Seite sank, blickte Kahlan plötzlich in das lächelnde Gesicht eines Mannes mit seltsam goldenen Augen.
»Ich bin gekommen, um Euch zu helfen, hübsche Dame.«
Obwohl es mittlerweile fast vollkommen dunkel war, verströmte sein Schwert ein sanftes Schimmern.
Gekleidet war er wie ein Ordenssoldat, und doch gehörte er nicht zu ihnen. Als Jillian sich, dem Schwertstich eines Kriegers ausweichend, mit dem Rücken gegen Kahlan presste, wirbelte der Mann mit den goldenen Augen herum und traf den Angreifer mit einem Rückhandschlag seitlich am Kopf. Beim Aufprall des schimmernden Schwertes zerplatzte dessen Schädel in einer Gischt aus Knochensplittern und Gehirn.
Kahlan kniff fassungslos die Augen zusammen.
Richard hatte den Vorfall beobachtet und stürzte herbei. Der Fremde, plötzlich sichtlich erzürnt, stieß das schimmernde Schwert in Richards Richtung.
Der tat etwas überaus Seltsames: Er blieb einfach stehen. Kahlan war absolut sicher, dass er diesmal durchbohrt werden würde, doch die Klinge, die eben noch den Kopf eines Mannes zertrümmert hatte, verhielt sich überaus verblüffend: Kurz bevor sie Richard durchstieß, schwenkte sie zur Seite weg, ganz so, als wäre er durch einen unsichtbaren Schild geschützt.