Bruce!
»Was tust du hier?«, brüllte er ihm über das Klirren von Stahl hinweg zu.
»Dasselbe wie immer - dich beschützen!«
Richard konnte kaum glauben, dass Bruce, ein regulärer Soldat der Imperialen Ordnung, an seiner Seite kämpfte, um die kaiserliche Garde zurückzuschlagen. Damit machte er sich des Hochverrats schuldig - aber vermutlich galt der Sieg über die Mannschaft des Kaisers als noch viel größerer Verrat. Bruce kämpfte mit dem ihm eigenen Ungestüm. Er wusste, sie konnten es sich nicht leisten, dieses Spiel zu verlieren. Was ihm an Geschick abging, machte er durch schiere Zähigkeit wett. Ein weiterer Blick zur Seite zeigte Richard, dass Samuel mittlerweile dazu übergegangen war, Kahlan fortzuschleifen. Ihr Gesicht war ein Bild entsetzlichen Schreckens. Bereits jetzt hatte sie sich die Finger am Halsring wund gescheuert.
Völlig unvermittelt blitzte gleißende Helligkeit auf, und mit einem dumpfen Schlag gegen die Luft wurden sämtliche Soldaten rings um Richard, auch Bruce, wie von einer Explosion zurückgeschleudert. Und doch waren weder Stichflammen noch Rauch zu sehen, flogen keine Trümmerteile umher, hallte niemandem der Lärm einer Explosion im Ohr. Lediglich Richards Blick verschwamm, und die Wucht der Erschütterung hinterließ ein brennendes Prickeln auf seiner Haut.
Der Boden ringsumher war übersät von hünenhaften Gardesoldaten, die den dunklen Boden wie umgestürzte Bäume bedeckten. Aus der Ferne war auch weiterhin das Tosen des Schlachtenlärms zu vernehmen, doch in der näheren Umgebung herrschte eine geradezu gespenstische Stille. Die meisten Männer schienen das Bewusstsein verloren zu haben, ein paar versuchten stöhnend, sich zu bewegen, ließen ihre Arme aber nach kurzem Versuch wieder kraftlos fallen, so als überforderte sie selbst diese geringfügige Anstrengung.
Unvermittelt bohrte sich ein schmerzhafter Stich in Richards Schädelbasis und warf ihn auf die Knie. Er erkannte das Gefühl sofort wieder. Er war nicht etwa mit einem Eisenstück geschlagen worden, sondern mit Magie. Neben ihm lag Bruce mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Immer noch auf den Knien liegend, sah Richard hinten im fernen Dunkel eine hagere Frau durch die gefällten Soldaten in seine Richtung stapfen. Sie bewegte sich zwischen ihnen wie ein seine waidwunde Beute inspizierender Aasgeier. Ihr schäbiges Äußeres ließ vermuten, dass es sich um eine der Schwestern in Jagangs Gewalt handelte. Außerstande, den anhaltenden Schmerz in seinem Schädel länger zu ertragen, schlug Richard mit dem Gesicht voran auf die Erde. Die Qualen durchzuckten jede Faser seines Körpers. Jeder seiner keuchenden Atemzüge ließ kleine Staubwölkchen in die Nachtluft aufsteigen. Er konnte seine Beine nicht bewegen, und so sehr er sich auch bemühte, wieder hochzukommen, seinem Körper war keinerlei Reaktion zu entlocken. Unter Aufbietung all seiner Kräfte gelang es ihm schließlich, seinen Kopf ein Stück weit anzuheben.
Er lag auf dem Bauch und versuchte, sich wenigstens bis zu den Knien hochzustemmen, doch selbst das wollte ihm nicht gelingen. Er blickte über das mit Gefallenen übersäte Schlachtfeld hinüber zu Kahlan. Obwohl sie erkennbar Schmerzen litt, erwiderte sie seinen Blick, sichtlich besorgt, wie es ihm ergangen sein mochte.
Die Schwester war noch immer ein gutes Stück entfernt, trotzdem wusste Richard, dass die Zeit zum Handeln knapp wurde.
»Samuel!«
Samuel, der sich abmühte, Kahlan am Arm hinter sich herzuschleifen, blieb augenblicklich stehen und sah sich mit seinen blinzelnden goldenen Augen zu ihm um. Richard konnte Kahlan nicht helfen, jedenfalls nicht so, wie er es gern getan hätte.
»Samuel, du Idiot! Benutz das Schwert, um ihr den Halsring herunterzuschneiden. «
Samuel, mit der einen Hand Kahlan in festem Griff, hob das von ihm so begehrte Schwert mit der anderen an, um es stirnrunzelnd zu betrachten. Richard sah die Schwester durch das ferne Dunkel näherkommen. Damals, im Palast der Propheten, hatte er Du Chaillu mit dem Schwert der Wahrheit von ihrem eisernen Halsring befreit, und in Tamarang hatte er damit sogar die Gitterstäbe des Verlieses durchschlagen. Er wusste, dass es Stahl zu durchtrennen vermochte.
Aber aus eigener Erfahrung wusste er auch, dass es den Rada’Han nicht zu durchtrennen vermochte, den man ihm mit der Kraft seiner eigenen Gabe umgelegt und anschließend verriegelt hatte. Wobei das unüberwindbare Hindernis vermutlich weniger der Stahl selbst war, als die verriegelnde Kraft der Magie. In gewisser Weise wurde der Rada’Han zu einem Teil jener Person, der man ihn umlegte. Niccis Halsring würde es also nicht durchtrennen können.
In Kahlans Fall dagegen lagen die Dinge anders. Ihr Halsring war nicht über die Kraft ihrer eigenen Gabe mit ihr verbunden. Er war ihr einfach umgelegt worden, um sie über ihn zu kontrollieren. Möglicherweise hatte Sechs Samuel sogar mit einigen zusätzlichen Hilfsmitteln ausgestattet. Ganz sicher hatte er es nicht seiner Klugheit zu verdanken, dass er so weit gekommen war. Und diese zusätzlichen Talente könnten sich ebenfalls als hilfreich erweisen. Wie es genau funktionieren würde, wusste Richard nicht, er wusste nur, dass es Kahlans einzige Chance war. Er musste Samuel wenigstens dazu bringen, dass er es versuchte.
»So beeil dich!«, brüllte er. »Schieb die Klinge unter den Ring und zieh! Schnell!«
Einen Moment lang blickte Samuel argwöhnisch in seine Richtung, dann betrachtete er die gequälte Kahlan, ließ sich auf ein Knie fallen und schob die Klinge unter den Halsring.
Samuel riss einmal kräftig am Schwert der Wahrheit, und das Ge rausch von zersplitterndem Stahl hallte durch die Nacht. Erleichtert sackte die von ihrem Halsring befreite Kahlan zusammen. Während sie keuchend am Boden lag und sich von der Strapaze erholte, lief Samuel das kleine Stück zu dem mächtigen Streitross hinüber, auf dem Kommandant Karg hergeritten war, langte unter den Hals des Tieres und schnappte sich die Zügel. Dann führte er das Tier ganz nah heran und fasste Kahlans Arm, um sie zu stützen.
Kahlan lag am Boden, noch immer benommen von den Schmerzen des Halsrings, begann jetzt aber die Beine zu bewegen und versuchte, sich zu erheben. Mit Samuels Hilfe schaffte sie es schließlich. Richard, noch immer unfähig, aufzustehen, warf einen Blick zur Seite und sah die Schwester, den zerlumpten Schal eng um das Gesicht geschlungen, über die zu Boden gerissenen Krieger hinwegsteigend näher kommen.
Kahlan war zwar noch unsicher auf den Beinen, jedoch hatte sie sich bald so weit erholt, dass sie sich bücken und das Schwert vom Boden aufnehmen konnte. Offenbar hatte sie die Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen.
Das durfte er auf keinen Fall zulassen.
»Lauf weg!«, rief er ihr zu. »Lauf. Hier kannst du nichts tun! Mach, dass du von hier verschwindest, solange du noch kannst!«
Samuel schob einen Stiefel in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel.
Kahlan stand da, ihre wunderschönen, grünen Augen voller Tränen, und starrte Richard an.
»Beeil dich!«, drängte Samuel von oben.
Sie schien ihn nicht einmal zu hören. Sie konnte ihre Augen nicht von Richard lassen. Sie wusste, wenn sie ihn dort liegen ließe, würde er sterben.
»Geh schon!«, brüllte Richard mit letzter Kraft. »Geh!«
Tränen trübten seine Augen. So sehr er es auch versuchte, er schaffte es nicht einmal bis auf Hände und Knie. Die sengende Magie, die durch seinen Körper schoss, ließ das nicht zu.
Die Schwester wies mit ausgestreckter Hand auf Samuel, und augenblicklich schoss ein gleißender Lichtblitz durch die Nacht. Samuel lenkte ihn mit dem Schwert um, so dass er in hohem Bogen in den Nachthimmel zuckte. Die Schwester machte ein erstauntes Gesicht.
Ein gutes Stück entfernt tobte noch immer die Schlacht, während ringsum die von der ersten magischen Explosion der Schwester niedergestreckten Gardisten sich noch immer nicht so weit erholt hatten, dass sie wieder aufstehen konnten. Offenbar wollte die Schwester jegliche Einmischung ihrerseits verhindern. Sie hatte ihre eigenen Pläne. Das mächtige Streitross warf den Kopf und scharrte mit den Hufen. Kahlan sah hinüber zu Nicci, die, vor Schmerzen zitternd, zusammengekrümmt am Boden lag. Die neben ihr liegende Jillian litt ebenfalls noch unter der durch die magische Explosion hervorgerufenen Benommenheit. Obwohl sich Kahlan eine Chance zu fliehen bot, war sich Richard sicher, dass sie sie ungenutzt verstreichen lassen würde, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, ihnen zu helfen. Dabei konnte sie nichts für Nicci tun. Blieb sie hier zurück, wäre das ihr sicherer Tod. So einfach war das. So sehr ihm der Gedanke zuwider war: