Im Augenblick war Samuel ihre einzige Rettung.
»Lauf!«, rief Richard mit tränenerstickter Stimme.
»Aber ich muss doch Nicci helfe-«
»Du kannst nichts für sie tun! Du wirst sterben! Lauf, solange du noch kannst!«
Samuel langte nach unten, bekam ihren Arm zu fassen und half ihr, sich hinter ihm auf das Tier zu ziehen. Kaum war sie oben, bohrte Samuel dem Pferd die Fersen in die Flanken, worauf es, eine Wolke aus Dreck und Steinen hinter sich emporschleudernd, in gestrecktem Galopp von dannen sprengte.
Kurz bevor die Dunkelheit das Pferd verschluckte, sah sich Kahlan noch einmal um.
Er ließ sie keinen Moment aus den Augen, wusste er doch, dass er sie in diesem Moment zum letzten Mal sah.
Augenblicke später, sie schaute immer noch in seine Richtung, tauchte sie in das düsteren Chaos des Feldlagers ein und war verschwunden. Richard, Tränen im Gesicht, brach auf dem kalten, harten Boden zusammen.
Schließlich, nachdem sie sich einen Weg durch die Hunderte von sich benommen am Boden wälzenden kaiserlichen Gardisten gebahnt hatte, traf auch die Schwester bei ihm ein und blieb vor ihm stehen. Er spürte, wie der Schmerz zunahm und jeden Atemzug zur Qual machte. Offenbar wollte sie nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass er unfähig war, auch nur einen Finger gegen sie zu erheben. Mit überraschtem Staunen blickte sie auf ihn herab. »Schau an, so wahr ich atme und lebe, wenn das nicht Richard Rahl höchstpersönlich ist.«
Richard hatte keinerlei Erinnerung an sie. Sie wirkte abgehärmt, ihr graues Haar war ungekämmt, ihre Kleider wenig mehr als Lumpen. Sie glich eher einer Bettlerin denn einer Schwester des Lichts - oder der Finsternis, genau vermochte er das nicht zu sagen.
»Seine Exzellenz wird sehr zufrieden mit mir sein, dass ich ihm einen solchen Fang bringe. Nicht zuletzt, weil er dadurch endlich Gelegenheit erhält, sich an dir zu rächen, Junge. Ich könnte mir denken, noch ehe diese Nacht zu Ende geht, wirst du eine sehr lange und schwere Prüfung in den Folterzelten antreten.«
Erinnerungen an Denna schössen ihm durch den Kopf.
38
Trotz seiner Qualen, seines Unvermögens, sich vom Boden zu erheben, konnte Richard nicht anders: Er freute sich, dass Kahlan endlich nicht mehr diesen entsetzlichen Ring um den Hals trug. Sie war von Jagang befreit!
Selbst wenn Samuel sich ergreifen lassen oder getötet würde, ehe sie aus dem Lager fliehen konnten - aufgrund ihrer Unsichtbarkeit würde sich Kahlan auch allein durchschlagen können. Wie er sie kannte, würde sie diesen Vorteil auf dem Weg nach draußen ausnutzen und das halbe Lager dem Erdboden gleichmachen. Was immer ihm jetzt noch zustoßen mochte, am meisten zählte für ihn die Erleichterung über Kahlans gelungene Flucht.
Zwar wusste Kahlan nicht, wo sie sich befand, auch nicht, wohin sie sich wenden sollte, aber sie lebte und war nicht mehr unmittelbar in Gefahr. Richard hatte sich in das Ordenslager bringen lassen, um sie zu befreien, und zumindest das war ihm gelungen. Auch wenn ihn das in eine überaus gefährliche Lage gebracht hatte - ihr die Flucht zu ermöglichen, war es ihm wert gewesen.
Sein Blick wanderte vorbei an der über ihm stehenden Schwester zu Nicci. Es stand sehr schlecht um sie. Er hatte selbst schon einen dieser Ringe um den Hals getragen und kannte die einsamen Qualen nur zu gut, die sie derzeit durchlitt. Gern hätte er auch ihr geholfen oder ihr zumindest zu verstehen gegeben, dass sie nicht allein war, doch ihm waren die Hände gebunden.
Jillian erging es gewiss keinen Deut besser, trotzdem ermahnte er sich, nicht ständig solche grauenhaften Gedanken zu denken. Immer eins nach dem anderen. Er musste einen Weg finden, den beiden zu helfen.
Völlig unvermittelt ebbte der Schmerz in seinen Armen und Beinen ab, wenngleich sein übriger Körper noch immer lichterloh in Flammen zu stehen schien. Obschon er endlich wieder die ersten Bewegungsversuche machen konnte, plagten ihn noch immer solch entsetzliche Kopfschmerzen, dass er alles nur verschwommen und verzerrt sah.
»Auf mit dir«, kommandierte die Schwester.
Sie klang, als wäre sie übelster Laune. Trotz ihrer angeblichen Freude über Richards Ergreifung, die ihr eine Belohnung von Jagang eintragen würde, wirkte sie über ihr unerwartetes Glück alles andere als begeistert. Sie konnte nur eine Schwester der Finsternis sein, entschied er, aber genau genommen spielte das vermutlich keine Rolle.
»Ich wette, du bist nicht eben glücklich, mein Gesicht zu sehen«, bemerkte sie im Tonfall selbstgefälliger Zufriedenheit. Vermutlich hielt sie sich für bemerkenswert, dabei waren ihr überheblicher Blick, ihre herablassende Art und ihre spitze Zunge für alle Welt offensichtlich. Offenbar glaubten manche Menschen, diese aufgeblasene Arroganz würde ihnen zu Ruhm und Ansehen verhelfen, doch verwechselten sie Angst mit Respekt. Richard konnte sich tatsächlich nicht an sie erinnern und sah keinen Sinn darin, ihr zu gehorchen.
»Ich kann nicht behaupten, dass ich mich an Euch erinnere. Gibt es einen Grund, weshalb ich es sollte?« »Du lügst! Jeder kannte mich im Palast!«
»Wie schön.« Richard versuchte Zeit zu gewinnen, um wenigstens wieder halbwegs zu Kräften zu kommen. »Auf mit dir!«
Richard gab sich größte Mühe, zu gehorchen. Leicht war es nicht. Seine Glieder gehorchten ihm nicht so, wie es ihm lieb gewesen wäre. Als er sich endlich bis auf Hände und Knie hochgestemmt hatte, trat sie ihn in die Rippen. Der Tritt ließ Richard zusammenzucken. Glücklicherweise verfügte sie weder über das Gewicht noch die Kraft, damit größeren Schaden anzurichten, schmerzhaft war es trotzdem. Das Gefährliche an ihr war ihre Gabe.
»Sofort!«, kreischte sie.
Wankend kam Richard auf die Beine. Seine Gliedmaßen begannen, den sengenden Schmerz abzuschütteln, nicht aber sein Kopf. Als das Getöse der Schlacht weiter entfernt in der Dunkelheit für einen kurzen Moment anschwoll, zuckte der Blick der Schwester kurz in diese Richtung. Richard nutzte die Gelegenheit, sich rasch umzusehen und die auf dem Boden herumliegenden Waffen in Augenschein zu nehmen. Sobald sie ihm den Rücken zukehrte, musste er die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, denn hatte Jagang ihn erst in den Folterzelten festgeschnallt, würde er nie wieder das Tageslicht erblicken.
»Du hast ja keine Ahnung, wie lange ich auf diese Gelegenheit gewartet habe, auf etwas, das mir die Gunst des Kaisers eintragen würde. Endlich hat der Schöpfer meine Gebete erhört und dich mir in die Hände gespielt.«
»Demnach ist es die Gewohnheit Eures Schöpfers, Gebete dadurch zu beantworten, dass er Opfer in die Hände ihrer Häscher spielt? Die schleimigen Schmeicheleien, die Ihr von Euch gebt, wenn Ihr vor ihm demütig die Hände aneinanderlegt, machen ihn so trunken vor Glück, dass er es gar nicht erwarten kann, Euch beim Bevölkern der Folterzelte zu helfen?«
Sie bedachte ihn mit einem zögerlichen, verschlagenen Grinsen. »Man wird dir noch deine vorlaute Zunge rausschneiden, damit die demütigen Diener des Schöpfers sich nicht deine Ketzereien anhören müssen.«
»Ich hab schon häufiger gehört, meine vorlaute Zunge sei einer meiner schlimmsten Fehler. Mit dem Herausschneiden würdet Ihr mir also nur einen Gefallen tun.«
Ihr verschlagenes Grinsen wurde gallig. Sie drehte sich um und wies mit ausholender Geste auf das Lager. »Du glaubst, du könntest-«
Unter Aufbietung aller ihm zur Verfügung stehender Kräfte trat Richard ihr seitlich gegen das Gesicht, ein gewaltiger Tritt, der sie völlig überraschte und sie beim Zusammenprall ein Stück abheben ließ. Zähne und Blut spritzten in die Dunkelheit, ehe sie hart auf den Boden schlug. Offenbar hatte er sie mit seinem Stiefeltritt betäubt und ihr den Kiefer zertrümmert.