Hastig bückte sich Richard nach irgendeinem Schwert. Diese Frau war auf keinen Fall zu unterschätzen. Solange sie noch lebte, hatte sie auch die Möglichkeit, ihn umzubringen oder konnte ihn den Wunsch verspüren zu lassen, er wäre bereits tot. Seine Finger schlossen sich um das Heft einer Klinge. Er wirbelte herum, um sie ihr in den Leib zu stoßen.
Ein Lichtblitz erhellte schlagartig die Luft. Richard schlug so hart auf den Rücken, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Die Frau war wieder auf den Beinen, Blut schoss ihr aus der unteren Gesichtshälfte, in langen Fäden, die um sie peitschten, als sie beide Hände hochriss. Ihm war völlig unbegreiflich, wie sie sich schon wieder auf den Beinen halten konnte, schließlich sah sie aus, als wäre sie soeben von den Toten wiederauferstanden. Lange würde sie unmöglich durchhalten können, womöglich aber lange genug, um ihn umzubringen. Offenbar hatte sein gewaltiger Tritt entsetzliche Verletzungen hervorgerufen. In der Hitze des Gefechts verhinderte der urplötzliche Schock jedoch, dass sie die Schmerzen sofort spürte. Auch wenn er sie vermutlich jeden Moment übermannen und sie vor Schmerzen schreiend am Boden zusammenbrechen lassen würde, in diesem Moment spürte sie ihn nicht, und das war alles, was sie brauchte.
Mordlust stand in ihren Augen.
Richard versuchte sich aufzurappeln, um ihr den Rest zu geben, doch es war, als hätte sich ein Bulle auf seine Brust gesetzt. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu, zögerte dann, scheinbar verwirrt. Ihr Blick brach, und plötzlich fasste sie sich an die Brust. Mit überraschtem Blinzeln beobachtete er, wie sie wankend einen Schritt vorwärtstorkelte und schließlich, mit dem Gesicht voran, hart auf den Boden schlug, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, ihren Sturz noch abzufangen. Unsicher, ob dies vielleicht eine Art Täuschungsmanöver sei, starrte er sie einen Augenblick lang an. Sie rührte sich nicht, und auch das Gewicht war von seiner Brust genommen. Nicht gewillt, die Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, schnappte er sich das Schwert, das er hatte fallen lassen, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er blickte auf und konnte gar nicht glauben, wen er dort im Dunkeln, ein Stück jenseits der Stelle, wo eben noch die Schwester gestanden hatte, stehen sah.
»Adie?«
Ein Lächeln ging über das Gesicht der alten Frau. »Adie, was bin ich froh, Euch zu sehen.« Mühsam kam Richard wieder auf die Beine.
»Wohl wahr«, erwiderte sie nickend. »Was in aller Welt tut Ihr hier?«
»Ich war unterwegs zur Burg der Zauberer, als ich Zeugin einer höchst seltsamen Ja’La-Partie wurde, in der die Spieler mit überaus bedrohlichen Symbolen bemalt waren. In dem Moment wusste ich, dass nur du das sein konntest. Seither habe ich versucht, mich zu dir durchzuschlagen. Was nicht gerade einfach war.«
Das konnte er sich gut vorstellen.
Aber er hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken oder die alte Hexenmeisterin auszufragen, sondern lief hinüber zu der Stelle, wo Nicci sich vor Schmerzen windend am Boden lag. Aus angstvoll geweiteten Augen blickte sie zu ihm hoch. Sie war ganz in ihrer Welt aus Qualen gefangen, Qualen, die ihr der Halsring bereitete, wie ihm sofort klar wurde. Er war ratlos, was er tun sollte.
»Könnt Ihr ihr helfen?«, fragte er über seine Schulter. Adie ließ sich neben ihm auf die Knie und schüttelte den Kopf. »Es ist der Rada’Han, und den vermag ich ihr nicht abzunehmen.«
»Habt Ihr eine Idee, wer es könnte?« »Nathan vielleicht.«
»Lord Rahl, wir müssen uns beeilen«, rief eine näher kommende Stimme. »Die Soldaten kommen wieder zu sich.«
Stirnrunzelnd betrachtete er den Mann, der sich, in der Hand ein Schwert, aus der Dunkelheit schälte. Es war Benjamin Meiffert, gekleidet wie einer der vertrauteren Gardisten Kaiser Jagangs.
»Was in aller Welt habt Ihr hier verloren, General?« Dann kam ihm der jüngste Nachschubkonvoi in den Sinn. »Ihr solltet doch unten in der Alten Welt sein und den Orden seiner Fähigkeit berauben, diese Armee zu unterstützen.«
Er nickte. »Ich weiß. Ich musste hierher zurück, um Euch Bericht zu erstatten. Wir sind auf Schwierigkeiten gestoßen, gewaltige Schwierigkeiten.«
Richard kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass die aufgetretenen Probleme mehr als ernst gewesen sein mussten, wenn er seine Mission im Stich ließ, um ihn darüber zu unterrichten, was schiefgelaufen war. Dies war jedoch kaum der rechte Ort für derartige Diskussionen.
»Ich war mir nicht sicher, wo ich Euch finden konnte, aber da ich Euch das letzte Mal unweit von hier gesehen hatte, nahm ich an, dass ich hier die besten Chancen haben würde.
Vor Kurzem dann sind Adie und ich uns über den Weg gelaufen. Von ihr weiß ich, dass Ihr Euch hier mitten in diesem Chaos befindet. Erst wollte ich ihr nicht glauben, doch dann stellte sich heraus, sie hatte recht.«
Richard war zu sehr in Eile, um ihn zu fragen, wie er es geschafft hatte, sich die Uniform eines kaiserlichen Gardisten zu besorgen, aber offenbar hatte er es ihr zu verdanken, dass er sich, ohne aufgegriffen oder umgebracht zu werden, durch das Lager bewegen konnte.
»Wie seid Ihr nach hier unten gelangt?«, wollte der General von Adie wissen. »Vielleicht können wir auf demselben Weg zurück in den Palast.«
Adie schüttelte den Kopf. »Ich habe einfach die Straße genommen. Ich war allein, außerdem war es stockfinster. Meine Talente haben mir geholfen, meine Anwesenheit zu verschleiern, als ich bei den Armeeposten unten am Ende der Straße anlangte.
Auf diesem Weg können wir jedenfalls nicht zurück, er wird viel zu streng bewacht. Es gibt dort mit der Gabe Gesegnete, die Netze eingerichtet haben, um jeden aufzuspüren, der durchzuschlüpfen versucht. Sie sind nicht eben stark, reichen aber, um uns abzufangen.«
»Aber mit Eurer Kraf-«
»Nein«, schnitt sie dem General das Wort ab. »Im Palast ist meine Kraft geschwächt, und selbst in der Nähe des Hochplateaus erreicht sie nicht ihre gewohnte Stärke. Alle mit der Gabe Gesegneten sind hier geschwächt, allerdings haben sie ihre Talente gebündelt, um sie zu stärken. Ich dagegen habe niemanden, der mich unterstützen könnte, und allein bin ich nicht stark genug, uns alle durch die Schilde zu bringen. Schon gar nicht jetzt, da Niccis ernster Zustand eine zusätzliche Belastung für uns wäre. Es auf diesem Weg zu versuchen, das wäre unser sicherer Tod.«
»Die großen Innentore sind verschlossen«, dachte der General laut nach.
»Zudem werden sie schwer bewacht. Selbst wenn es uns gelänge, uns bis dorthin durchzuschlagen, wäre es uns sicher unmöglich, sie zu öffnen.«
»Nicci meinte, sie kenne einen Weg in den Palast«, mischte sich Richard ein. »Sie sagte, wir müssten zur Rampe. Was genau sie damit meinte, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall müssen wir dieses Lager auf dem schnellsten Weg verlassen, wenn wir nicht aufgegriffen werden wollen. Nicci bleibt vermutlich ebenfalls nicht mehr viel Zeit.«
Adie beugte sich vor und legte Nicci ihre dürren Finger an die Stirn.
»Stimmt.«
Richard nahm Nicci mit beiden Armen auf. »Gehen wir.«
General Meiffert trat vor. »Ich kann sie doch tragen, Lord Rahl.«
»Ich hab sie schon.« Richard wies mit dem Kopf. »Übernehmt Ihr Jillian.«
Er beeilte sich, das völlig erschöpfte Mädchen mit beiden Armen aufzunehmen.
Um sie ein wenig zu trösten, strich Adie Nicci sachte mit der Hand über die Stirn. »Was ich nicht verstehe, ist, wie sie überhaupt in Gefangenschaft geraten konnte. Als wir sie zuletzt gesehen haben, war sie noch oben im Palast.«
Plötzlich wurde Richard das ungeheure Gewicht seiner Verantwortung bewusst. »Wie ich Nicci kenne, hat sie vermutlich versucht mich zu finden.«