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»Ann ist ebenfalls verschollen«, bemerkte Adie, während sie die beiden ersten Finger ihrer rechten Hand an die Unterseite von Niccis Kiefer legte.

»Ich habe sie nirgendwo gesehen«, erwiderte Richard. Adies Bemühungen um Nicci schienen keinerlei Wirkung zu zeigen. Richard hatte nicht den Eindruck, dass sie, fanden sie keine Möglichkeit, ihr den Halsring abzunehmen, noch sehr viel länger durchhalten würde. Ihre naheliegendste Hoffnung war Nathan.

Richard wies mit dem Kinn nach hinten auf die Stelle, wo er gelegen hatte, als die Schwester aufgetaucht war. »Der Mann dort drüben, mit der roten Farbe im Gesicht. Könnt Ihr ihm helfen, Adie?«

Adie spähte hinüber zu dem am Boden liegenden Mann. »Vielleicht.«

Mit hastigen Schritten lief sie hinüber zu Bruce und ließ sich neben ihm auf die Knie. Wie alle anderen, die von der Explosion der Schwestern zu Boden gerissen worden waren, war er nur halb bei Bewusstsein. Das Gesicht verborgen hinter ihrem glatten, grau-schwarzen Haar, beugte sie sich vor und legte ihre Finger auf die an seinen Schläfen aufgemalten roten Symbole. Nach kurzem Stöhnen riss Bruce die Augen auf. Nachdem er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, löste sie auf der einen Seite ihre Hand.

Augenblicke später richtete Bruce sich auf und verdrehte den Kopf, um seine offenbar schmerzenden, verkrampften Nackenmuskeln zu strecken.

»Was ist passiert?«

»Beeil dich, Bruce«, sagte Richard. »Wir müssen von hier fort.«

Richards linker Flügelstürmer ließ den Blick über die am Boden liegenden Männer schweifen. Dann ging sein Blick zu Benjamin, der, gekleidet wie einer der kaiserlichen Gardisten Jagangs, Jillian in den Armen hielt, wanderte zu Adie und zu guter Letzt zu Richard, der mit der erschlafften Nicci in den Armen ein paar Schritte entfernt stand. Bruce griff nach seinem Schwert. »Rüben, was geht hier vor?«

»Das ist eine lange Geschichte. Du wolltest mir helfen und hast mir das Leben gerettet. Jetzt ist der Augenblick gekommen, dich zu entscheiden, auf wessen Seite du stehst.«

Bruce schien die Frage nicht zu verstehen. »Ich bin dein Flügelstürmer, also stehe ich auf deiner Seite. Weißt du das nicht?«

Richard sah ihm fest in die Augen. »Mein Name ist Richard.« »Na, dass es nicht Rüben war, war mir schon klar. Was für ein alberner Name für eine Angriffsspitze.« »Richard Rahl«, setzte Richard hinzu.

»Lord Rahl«, verbesserte General Meiffert, der selbst mit Jillian in den Armen nicht gewillt schien, Ärger aus dem Weg zu gehen. Bruce blickte von einem Gesicht zum anderen. »Also, wenn ihr alle krepieren wollt, könnt ihr weiter hier herumstehen, bis diese Burschen wieder zu sich kommen. In diesem Fall bin ich nicht auf eurer Seite. Seid ihr euch aber einig, dass ihr überleben wollt, dann schon.«

»Zur Rampe«, stöhnte Nicci.

Richard drückte sie ein wenig fester an sich. »Seid Ihr wirklich sicher? Wir könnten versuchen, uns bis zur Straße zur Hochebene hinauf durchzuschlagen.« Es widerstrebte ihm, einen vertrauten Weg gegen die vage Möglichkeit einer ungewissen Alternative einzutauschen. »Ich weiß, sie wird schwer bewacht, aber vielleicht können wir uns den Weg freikämpfen. Adie könnte uns dabei helfen. Vielleicht könnten wir es schaffen.«

Nicci klammerte sich an seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herab. Dann sah sie ihn mit ihren blauen Augen durchdringend an. »Rampe«, wiederholte sie leise mit letzter Kraft.

Der Blick in ihren Augen war alles, was er brauchte.

»Gehen wir«, wandte er sich an die anderen. »Wir müssen zur Rampe.«

»Wie sollen wir zwischen all den noch immer kämpfenden Männern durchkommen?«, wollte Bruce wissen, als sie in die dunkle Nacht aufbrachen. »Bis zur Rampe ist es weit.«

Solange sämtliche Gardisten niedergestreckt am Boden lagen, war es in dem Bereich, in dem sie sich befanden, verhältnismäßig ruhig. Weiter draußen dagegen regierte nach wie vor das Chaos.

Der General verlagerte leicht Julians Gewicht und zeigte mit dem Schwert. »Gleich dort drüben steht ein kleiner Vorratswagen, in dem wir Jillian und Nicci verstecken können. Mit der Farbe auf euren Gesichtern werdet ihr beide nicht weit kommen, ehe ein paar Hunderttausend dieser Kerle beschließen, euch niederzustrecken. Ich will Euch ja nicht vor den Kopf stoßen, Lord Rahl, aber die Chancen stehen ziemlich schlecht. Deshalb möchte ich, dass Ihr Euch beide mit Nicci und Jillian im Innern versteckt. Adie und ich werden vor dem Wagen gehen, dann wird mich jeder für einen kaiserlichen Gardisten halten und Adie für eine Schwester. Wir können ja behaupten, wir wären im dringenden Auftrag des Kaisers unterwegs.« Richard nickte. »Gut. Beeilen wir uns.«

»Wer ist dieser Bursche überhaupt?«, wollte Bruce, zu Richard hinübergebeugt, wissen.

»Mein oberster General«, beschied ihn Richard knapp.

»Benjamin Meiffert«, setzte dieser mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, während sie alle zum Wagen aufbrachen. »Für deinen Mut, dich in den Schlund des Todes zu wagen, um an Lord Rahls Seite zu kämpfen, hast du dir den Dank einer Menge guter Leute verdient.«

»Einen General hab ich noch nie kennengelernt«, murmelte Bruce, während er den anderen hinterhereilte.

39

Verna faltete die Hände locker vor dem Körper und stieß, als sie sah, wie Cara ihre Hände in die rotgewandeten Hüften stemmte, einen stillen Seufzer aus. Die Schar in weiße Gewänder gehüllter Männer und Frauen schob sich noch immer füßescharrend durch die Halle, inspizierte die weißen Marmorwände, tastete sie mit den Fingern ab, und blieb ab und an stehen, um eine Stelle genauer in Augenschein zu nehmen, so als suchten sie nach einer Botschaft aus dem Totenreich. »Nun?«, fragte Cara.

Dario Daraya, ein älterer Mann, legte sachte einen Finger an die Lippen. Eine Weile beobachtete er mit nachdenklich gerunzelter Stirn die Schar von Personen, deren Köpfe, wie Korken auf einem Fluss, sich in stetem Auf und Ab durch den Flur schoben, dann wandte er sich herum zu der Mord-Sith. Er strich mit den Fingern über den blauen Seidensaum an der Vorderseite seines frisch gestärkten, weißen Gewandes und sah Cara mit leicht schiefer Miene fragend an. Dabei kratzte er sich den weißen, seinen kahlen Schädel krönenden Haarkranz.

»Ich bin nicht sicher, Herrin.«

»Nicht sicher in Bezug auf was? Dass ich recht habe, oder wie sie darüber denken?«

»Nein, nein, Herrin Cara. Ich bin ganz Eurer Meinung. Irgendetwas stimmt hier unten nicht.«

Verna trat vor. »Du bist derselben Meinung wie sie?«

Er nickte ernst. »Nur bin ich nicht sicher, was es sein könnte.«

»So als wäre irgendetwas nicht an seinem Platz?«, schlug Cara vor. Er ließ den erhobenen Finger kreisen. »Ja, ich denke, etwas in der Art. Ganz so wie in einem dieser Träume, wo man sich in einem Gebäude verläuft, weil die Räume alle vertauscht sind und nicht da, wo sie hingehören.«

Mit gedankenverlorenem Nicken beobachtete Cara die Grabkammerbediensteten, die sich ganz nah an der gegenüberliegenden Wand entlangschoben. Schließlich zogen sie im Flur weiter. Immer wieder hoben sie die Köpfe, um an den Wänden nach oben zu blicken. Verna fühlte sich ein wenig an durch ein Dickicht stöbernde Jagdhunde erinnert.

»Du bist der Leiter des Personals hier unten«, meinte Verna zu ihm.

»Würde dir nicht auffallen, wenn etwas nicht an seinem Platz wäre? Wie war es früher hier?«

»Nun, letztendlich sind die Grabkammerbediensteten dem Lord Rahl unterstellt und nehmen sich seiner ganz speziellen Bedürfnisse an, sofern er welche hat. Schließlich handelt es sich bei den hier unten Beigesetzten um seine Ahnen.

Noch zu Darken Rahls Lebzeiten war es üblich, dass sich die Bediensteten in erster Linie um seine Wünsche, das Grab seines Vaters betreffend, kümmerten. Er war es auch, der das Herausschneiden ihrer Zungen angeordnet hat, weil er befürchtete, sie könnten, wenn sie hier unten unter sich sind, schlecht über seinen Vater sprechen.«

»Und wenn schon. Wem wäre dadurch schon geschadet?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Tut mir leid, aber ich hatte nie die Absicht, ihn danach zu fragen. Zu seinen Lebzeiten ersetzte ein niemals abreißender Strom neuer Bediensteter diejenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen hingerichtet worden waren. Es war der Gesundheit überaus abträglich, auch nur in seine Nähe zu geraten, und nicht selten wurden die Grabkammerbediensteten zum Ziel seiner Wutausbrüche. Von Zeit zu Zeit wurden neue Bediensteten rekrutiert und in den Dienst gezwungen.