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Mir hat Darken Rahl meine Zunge nur deswegen gelassen, weil meine Aufgaben mich nicht oft nach hier unten führten. Ich hatte die Oberaufsicht über die Bediensteten, musste mich mit anderen Bediensteten des Palasts abstimmen, weshalb ich imstande sein musste, mit den Leuten zu sprechen. Die übrigen Bediensteten hatten in Darken Rahls Augen ohnehin nichts Lohnenswertes zu sagen, weshalb sie auf ihre Zunge verzichten konnten.«

»Wie verständigst du dich mit ihnen?«, fragte Cara. Wieder legte Dario den Finger an die Lippen, während er zu seinen Leuten hinübersah, die sich weiter durch die Halle arbeiteten. »Nun, genau so, wie man es sich vorstellen würde. Sie benutzen Zeichensprache, grunzen oder nicken, um ihr Anliegen verständlich zu machen. Ihr Gehör haben sie natürlich behalten, weshalb ich für die Verständigung mit ihnen keine Zeichensprache benötige.

Sie teilen sich dieselben Wohnquartiere und arbeiten auch zusammen, deswegen bleiben sie fast immer unter sich. Aus diesem Grund sind sie auch in der von ihnen selbst entwickelten Zeichensprache recht geübt. Mir ist sie nicht ganz so geläufig, trotzdem kann ich sie meist recht gut verstehen; gut genug, um zurechtzukommen, jedenfalls. Die meisten von ihnen sind recht intelligent, auch wenn viele sie wegen ihrer Stummheit für geistig minderbemittelt halten. In vieler Hinsicht sind sie über die Geschehnisse im Palast besser unterrichtet als die meisten anderen Bediensteten. Den meisten ist zwar bekannt, dass sie stumm sind, sie bedenken aber nicht, dass sie vollkommen normal hören können. Oft sind sie lange vor mir über die Geschehnisse im Palast unterrichtet.«

Verna fand die Entdeckung ihrer sehr beschränkten Welt hier unten in den Grabkammern bemerkenswert, wenn auch etwas befremdlich. »Und hier unten? Was glauben sie, spielt sich hier unten ab?«

Einen besorgten Ausdruck im Gesicht, schüttelte Dario den Kopf.

»Bislang haben sie mich noch auf nichts aufmerksam gemacht.«

»Und wieso nicht?«, wollte Cara wissen.

»Wahrscheinlich, weil sie sich fürchten. In der Vergangenheit wur den sie oft wegen der unbedeutendsten Kleinigkeiten hingerichtet. Diese Hinrichtungen entbehrten in der Regel jeglicher Begründung. Daher haben sie gelernt, dass man, wenn man überleben will, am besten vollkommen unauffällig bleibt und sich so unsichtbar wie möglich macht. Das Ansprechen von Problemen war jedenfalls alles andere als eine Garantie für ein langes Leben.

Bis heute scheuten sie sogar davor zurück, mich mit gewissen Dingen zu behelligen. Es gab hier mal eine undichte Stelle, wo sich ein Fleck an der Wand gebildet hatte. Es wurde nie ein Wort darüber verloren, wahrscheinlich, weil sie befürchteten, für diese Verschandelung der Grabstätten der Vorfahren des Lord Rahl hingerichtet zu werden. Ich kam erst dahinter, als ich sie eines Abends in ihren Unterkünften aufsuchen wollte und sie dort nicht antraf. Gefunden habe ich sie schließlich hier, wo sie alle fieberhaft am Beseitigen des Flecks arbeiteten, ehe jemand anderes ihn bemerkte.«

»Wie kann man nur ein solches Leben führen«, murmelte Cara.

»Was tun sie da eigentlich?«, fragte Verna, als sie mehrere Bedienstete mit der Hand über die Wand streichen sah, so als wollten sie etwas in dem makellos glatten weißen Marmor ertasten.

»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte Dario. »Fragen wir sie doch.«

Ein Stück weiter hinten im Flur wartete ein Trupp der Ersten Rotte. Einige von ihnen hatten ihre Armbrüste mit den speziellen, rotbefiederten Pfeilen bestückt, die Nathan für sie gefunden hatte. Verna hielt sich nur äußerst ungern in der Nähe dieser scheußlichen Dinger auf, deren todbringende Magie ihr Schweißausbrüche bereitete. Die Gruppe der Grabkammerbediensteten, Männer wie Frauen, hatte sich zu einer Traube zusammengefunden, um die Wände sowie jede Einmündung auf der Strecke zu untersuchen. Sie befanden sich nun schon den größten Teil des Tages hier unten, auf den verschiedenen Ebenen der Grabkammergewölbe, und Verna wurde langsam müde. Unter normalen Umständen wäre sie um diese Zeit längst im Bett, und dort wäre sie auch jetzt am liebsten. Soweit es sie betraf, konnte diese ebenso übertrieben sorgfältige wie völlig gegenstandslose Untersuchung bis zum nächsten Tag warten.

Cara dagegen wirkte alles andere als müde, sie wirkte entschlossen. Sie hatte sich in dieses »Problem unten in den Grabkammern«

verbissen und war unter keinen Umständen bereit, davon abzulassen. Verna hätte ihr die Angelegenheit nur zu gerne überlassen, doch als sie Dario Daraya aufgesucht hatten, um ihn zu befragen, hatte er ihr Ansinnen nicht, wie Verna erwartet hatte, als unsinnig abgetan, sondern sich über die Frage durchaus beunruhigt gezeigt. Wie sich herausstellte, teilte er Caras beklemmenden Verdacht, hatte sich aber noch niemandem anvertraut. Den beiden erzählte er, er vermute stark, dass auch die Bediensteten sich gewisser Ungereimtheiten bewusst seien. In der gewaltigen Schar der Palastbedienten galten die Grabkammerbediensteten, wie Verna gehört hatte, als die Untersten der Unteren. Wer mit der Verantwortung für bestimmte wichtige Teile des Palasts betraut war, tat die Arbeit unten in den Kammern als primitiven, niederen Dienst für Stumme ab. Aber auch sonst wurden diese Leute gemieden, denn sie fristeten ihr Dasein mit einer Arbeit in Gegenwart von Toten, was ihnen den unsichtbaren Makel eingetragen hatte, abergläubisch zu sein.

Nach Darios Worten hatte sie das zu scheuen und zurückgezogenen Menschen gemacht, die es vermieden, in den Gemeinschaftsbereichen zusammen mit anderen Angehörigen des Palastpersonals zu essen. Sie blieben unter sich und vertrauten sich niemandem an. Verna schaute ihnen zu, wie sie sich ein Stück weiter hinten im Flur lautlos in ihrer seltsamen Zeichensprache unterhielten. Da es ihre eigene Entwicklung war, vermochte niemand sie zu verstehen, mit Ausnahme Dario Darayas vielleicht. Sie hatte Cara gewarnt. Wenn sie wirklich Antworten wollte, musste sie sich im Hintergrund halten und dies Dario überlassen.

Jetzt beobachtete sie, wie Dario mitten unter ihnen stand und mit ruhiger Stimme Fragen stellte. An bestimmten Stellen wurden die Leute um ihn herum sichtlich aufgeregt, zeigten mal hierhin mal dorthin und machten ihm Zeichen. Dario nickte gelegentlich und fuhr behutsam mit seiner Befragung fort, worauf einige der Grabkammerbediensteten ihn wieder mit ihrer stummen Sprache bestürmten.

Schließlich kam er zurück. »Sie sagen, in diesem Flur sei alles in Ordnung. Hier ist alles bestens.«

Mit zusammengebissenen Zähnen bemerkte Cara: »Also, wenn sie nich-«

»Aber«, fiel Dario ihr ins Wort, »in dem Gang dort drüben« - er wies nach rechts vorne - »stimmt angeblich etwas nicht.«

Einen Moment lang musterte Cara das Gesicht des Mannes. »Gut, gehen wir und sehen es uns an.«

Ehe Verna sie zurückhalten konnte, begab sich Cara entschlossenen Schritts zu der aus etwa anderthalb Dutzend Personen bestehenden Gruppe. Mehrere von ihnen schienen vor Angst fast in Ohnmacht zu fallen, als sie, ängstlich besorgt, was ihnen jetzt wohl blühte, erschrocken zurückwichen.

»Dario sagt, eurer Meinung nach stimmt in dem Gang dort vorne etwas nicht.« Sie wies auf die Einmündung weiter vorn. »Der Ansicht bin ich auch, deswegen habe ich euch alle hergebeten, damit ihr mir erklärt, wie ihr darüber denkt. Ich weiß, dass ihr euch hier besser auskennt als jeder andere.«

Ihre Bitte schien ihnen unangenehm zu sein.

Cara ließ den Blick über die ihr entgegenblickenden Gesichter schweifen.

»Als ich noch ein kleines Mädchen war, ist Darken Rahl zu mir nach Hause gekommen und hat meine Familie gefangen genommen. Er quälte meine Eltern zu Tode, sperrte mich für Jahre hinter Gitter und folterte mich, um mich zu einer Mord-Sith zu machen.«