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Sie drehte sich ein Stück zur Seite und schob das rote Leder an ihrer Hüfte ein wenig nach oben, um ihnen ihre lange Narbe quer über Taille und Rücken zu zeigen. »Das hier hat er mir angetan. Seht ihr?«

Alle beugten sich vor, um die Narbe zu begutachten. Ein Mann streckte sogar die Hand aus, um sie zögernd zu berühren. Cara wandte sich zu ihm herum und ließ ihn gewähren, ergriff dann die Hand einer Frau und führte ihren Finger der Länge nach über die knotig verheilte Narbe.

»Seht her.« Sie schob ihren Ärmel hoch und zeigte ihnen ihre Handgelenke. »Die habe ich von den Handschellen zurückbehalten, nachdem er mich aufgehängt und mit Ketten an der Decke befestigt hatte.«

Interessiert beugten sich die Leute vor. Einige von ihnen berührten vorsichtig die Narben an ihren Handgelenken.

»Euch hat er ebenfalls sehr wehgetan, hab ich recht?« Die Antwort kannte Cara bereits, sie hatte die Frage aber trotzdem stellen wollen. Als alle nickten, forderte sie sie auf, es ihr zu zeigen. Alle öffneten den Mund - weit genug, so dass sie sehen konnte, dass man ihnen die Zunge herausgeschnitten hatte. Nickend blickte Cara jedem in den Mund. Einige verdrehten sogar leicht den Kopf und nahmen die Finger zu Hilfe, um sicherzugehen, dass sie ihre Narben auch wirklich sah. Sorgfältig nahm Cara jeden Einzelnen in Augenschein, bis sie sie von ihrem Interesse überzeugt hatte.

Schließlich erklärte sie: »Ich bin froh, dass Darken Rahl nicht mehr lebt. Es erfüllt mich mit Schmerz, was er euch angetan hat. Ihr alle habt sehr gelitten, das verstehe ich. Ich auch. Aber nun kann er uns nichts mehr tun.«

Schweigend hörten sie zu, während sie fortfuhr. »Sein Sohn, Richard Rahl, kommt überhaupt nicht nach seinem Vater. Er würde mir niemals etwas antun. Tatsächlich hat er, als ich schwer verletzt im Sterben lag, sein Leben riskiert, um mich mit seiner Magie zu retten. Könnt ihr euch das vorstellen?

Auch euch würde er niemals etwas antun. Er möchte, dass alle Menschen eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Mir hat er sogar angeboten, ich könnte jederzeit meinen Dienst für ihn aufkündigen, er wünsche mir alles Gute. Ich weiß, dass er die Wahrheit sagt. Ich bin nur geblieben, weil ich zur Abwechslung mal einem guten Mann helfen wollte, statt die Sklavin eines Widerlings zu sein. Ich habe ihn den Tod von Mord-Sith beweinen sehen.« Sie tippte sich über ihrem Herzen mit dem Finger an die Brust. »Begreift ihr, was das für mich hier drinnen bedeutet?

Meiner Meinung nach schwebt Richard Rahl in großer Gefahr. Ich möchte ihm und den an seiner Seite Kämpfenden gegen diese Leute helfen, die anderen nichts als Leid zufügen. Wir möchten euer Leben vor den Horden dort draußen in der Azrith-Ebene beschützen, die euch nur wiederum demütigen und versklaven wollen.«

Mit tränenfeuchten Augen lauschten die Leute ihrer Geschichte, einer Geschichte, die sie wie niemand sonst nachvollziehen konnten.

»Werdet ihr mir dabei helfen. Bitte?«

Verna konnte nur zu gut ermessen, wie tief empfunden Caras Worte waren. Sie schämte sich ein wenig, dass sie Cara niemals die Fähigkeit zu Freundlichkeit und Verständnis zugestanden, sie ihr unerschütterliches Eintreten für Richard stets nur dem aggressiven Wesen einer Mord-Sith zugeschrieben hatte. Dabei war es viel mehr. Es zollte von höchster Anerkennung. Richard hatte sehr viel mehr getan, als nur ihr Leben gerettet, er hatte ihr beigebracht, ihr Leben zu leben. Verna fragte sich, ob sie es als Prälatin jemals so weit bringen würde. Zwei der Frauen, an jeder Seite eine, nahmen Cara an die Hand und führten sie ein Stück weiter in den Flur hinein. Verna wechselte einen Blick mit Dario, der eine Braue hob, so als wollte er sagen, nun habe er alles gesehen.

Die beiden folgten der füßescharrenden Menschentraube, die Cara offenbar wie eine Gönnerin bei sich aufgenommen hatte. Nicht wenige streckten die Hand aus, um sie zu berühren, um über das rote Leder zu streichen oder ihr eine Hand auf den Rücken zu legen, so als wollten sie ihr sagen, sie verstünden, wie viele Schmerzen und Misshandlungen sie hatte erleiden müssen, und dass es ihnen leidtue, sie falsch eingeschätzt zu haben.

Kaum waren sie in den nächsten Flur eingebogen, stellte Verna plötzlich fest, dass sie die Orientierung verloren hatte. Das Grabkammergewölbe war ein verwirrendes, sich über mehrere Geschosse erstreckendes Labyrinth, außerdem sahen die meisten Flure vollkommen gleich aus. Alle wiesen die gleiche Höhe und Breite auf, waren mit dem gleichen weißen, grau geäderten Marmor ausgekleidet. Sie wusste nur, dass sie sich auf der untersten Ebene befanden, darüber hinaus jedoch verließ sie sich, was ihren genauen Standort anbetraf, vollkommen auf ihre Begleiter.

Hinter ihnen, immer auf Abstand, um nicht zu stören, folgten, stets auf der Hut und so geräuschlos wie irgend möglich, die Soldaten. Irgendwann machte die Gruppe der weiß gewandeten Bediensteten in einem Abschnitt des Flures Halt, wo es keinerlei Einmündung gab. Weiter vorn gingen ein paar Hallen zu beiden Seiten ab. Einige der Grabkammerbediensteten legten ihre Handflächen auf den weißen Marmor, strichen sachte über die Wand und sahen sich dabei zu Cara um.

»Hier?«, fragte sie.

Die Bediensteten, von denen sich die meisten um sie geschart hatten wie Küken um eine Glucke, nickten.

»Und was erscheint euch an dieser Stelle, in diesem Flur, nun so seltsam?«, wollte sie wissen.

Mehrere hielten die Hände im gleichen Abstand auseinander und machten eine Geste Richtung Wand.

Cara begriff nicht, ebenso wenig Verna. Dario kratzte sich seinen weißen Haarkranz. Selbst ihn stellte die seltsame Pantomime vor ein Rätsel. Die Bediensteten steckten einen Moment die Köpfe zusammen und diskutierten das Problem untereinander in ihrer Zeichensprache. Schließlich wandten sie sich alle wieder herum zu Cara. Drei von ihnen wiesen auf die Wand, schüttelten dann den Kopf. Anschließend wandten sich alle erneut herum, um Caras Reaktion zu sehen und ob sie verstanden hatte.

»Das Aussehen der Wand gefällt euch nicht?«, versuchte es Cara. Sie schüttelten den Kopf. Cara warf einen fragenden Blick zu Verna und Dario. Der verdrehte nur die Handflächen und zuckte die Achseln. Verna wusste ebenso wenig mit einer Erklärung aufzuwarten.

»Ich begreife noch immer nicht«, sagte Cara. »Ich weiß, eurer Ansicht nach stimmt mit dieser Wand etwas nicht« - Nicken -, »ich frage mich bloß, was.« Sie seufzte. »Tut mir leid. Es ist nicht eure Schuld, sondern mein Unvermögen. Ich kenne mich in diesen Dingen einfach nicht aus. Könntet ihr mir vielleicht auf die Sprünge helfen?«

Einer der Männer aus der Gruppe nahm Caras Hand und zog sie sachte näher zur Wand, berührte dann mit einem Finger seiner anderen Hand die Wand und sah wieder zu Cara.

»Fahr fort«, sagte sie. »Ich höre zu.«

Ihre Formulierung entlockte ihm ein Lächeln, ehe er sein Augenmerk erneut auf die Wand richtete und begann, einige der grauen Adern mit dem Finger nachzuzeichnen. Er schaute über seine Schulter. Als er ihre Stirn konzentriert in Falten gelegt sah, fuhr er fort, den grauen Wirbel nachzuzeichnen, was er mehrmals an derselben Stelle wiederholte, um sich ihrer Aufmerksamkeit zu vergewissern.

»Es sieht aus wie ein Gesicht«, stellte Cara in stillem Staunen fest. Heftiges Nicken. Alle freuten sich stumm. Eine Frau streckte die Hand vor und wiederholte die Geste, folgte mit dem Finger erst einem Schwung, dann einem Bogen, ehe sie, genau wie zuvor der Mann, an zwei Stellen in die Mitte tippte. Augen.

Jetzt zeichnete auch Cara das Gesicht in dem Gestein nach, erst den Mund, dann die Nase und schließlich die Augen.

Das weiß gewandete Grüppchen gab zufrieden klingende Grunzlaute von sich und klopfte ihr, begeistert, dass sie es geschafft hatten, ihr das Gesicht zu zeigen, auf den Rücken.

Verna hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie damit bezweckten. Dann eilte einer der Männer aus der Gruppe gestikulierend zu einer Stelle auf der gegenüberliegenden Seite etwas weiter hinten im Flur und zeichnete dort etwas in der grauen Äderung nach. Von ihrem Platz aus konnte Verna nichts erkennen, vermutete aber, dass es ein weiteres Gesicht war. Der Mann eilte zu einer anderen Stelle im Flur und zeichnete erneut mit den Fingern ein kleines, ihnen entgegenblickendes Gesicht nach, und schließlich woanders noch ein größeres. Allmählich begriff Verna. Diese Menschen hielten sich ständig hier unten auf, hatten sich die unterschiedlichen Markierungen in den zunächst völlig unterschiedslosen weißen Marmorplatten eingeprägt. Nur waren sie für sie eben nicht ununterscheidbar. Diese Zeichen waren für sie, die sie ihr ganzes Leben damit zugebracht hatten, diese Gewölbe zu hegen und zu pflegen, so etwas wie Wegmarkierungen. Sie hatten sich alle eingeprägt, ausnahmslos.