Auch Caras Gesicht war anzusehen, dass sie verstanden und ihre Besorgnis zugenommen hatte.
»Und jetzt zeigt mir noch einmal, was nicht stimmt«, forderte sie mit ernster, aber ruhiger Stimme auf.
Ganz aufgeregt, weil Cara ihnen endlich zu folgen vermochte, eilten die Bediensteten wieder zurück zu jener Stelle, wo sie ihr das erste Gesicht gezeigt hatten, und bewegten beide Hände vor und zurück, in Richtung Wand und von ihr fort.
Dann hielten sie inne, um zu sehen, ob sie verstand. Cara beobachtete sie. Einer der Männer wies auf die Wand und beschrieb einen weit dahinter liegenden Bogen, so als wollte er auf etwas weit jenseits eines in der Ferne liegenden Hügels hinweisen. Vernas Verwirrung nahm wieder zu. Cara starrte auf das sich in der Wand abzeichnende Gesicht und legte die Stirn in Falten. Auf einmal schien sie überaus besorgt. Verna tappte noch immer im Dunkeln, genau wie Dario, aber in Caras Augen blitzte so etwas wie ein erstes Verständnis auf.
Völlig unvermittelt ging sie dazu über, mehrere aus der Gruppe mit ausgebreiteten Armen zu der Stelle zurückzutreiben, wo Verna und Dario standen, andere schob sie, eine Hand in ihrem Rücken, sachte von der besorgniserregenden Wand fort und zurück durch den Flur. Unterwegs sammelte sie Verna und Dario ein und scheuchte sie vor sich her. Die übrigen stummen Grabkammerbediensteten folgten ihr dichtauf, einerseits sichtlich besorgt, dass irgendetwas Caras Besorgnis erregt hatte, aber auch ein wenig stolz auf sich selbst.
Nachdem sie am Ende des Flures um die Ecke gebogen waren, beugte sich Cara zu Verna und sagte in unmissverständlichem Befehlston: »Holt Nathan her!«
Ein kurzes Zucken ging über Vernas Stirn. »Doch nicht etwa noch heute Abend? Meint Ihr nicht, wir sollt-«
»Sofort«, fiel ihr Cara im tödlich ruhigen Tonfall absoluter Autorität ins Wort.
In ihren blauen Augen blitzte kaltes Feuer. So freundlich und verständnisvoll sie sich gegenüber dem Personal gezeigt hatte, jetzt, das wusste Verna, würde sie nicht mit sich diskutieren lassen. Sie hatte das Kommando über die Situation übernommen. Verna hatte keine Ahnung, welche Situation das sein sollte, aber sie vertraute ihr. Auf ein Fingerschnippen Caras eilte der Kommandant der ganz in der Nähe wartenden Soldaten sofort herbei und erkundigte sich nach ihren Wünschen.
»Ja, Herrin?«
»Holt General Trimack her. Sagt ihm, es sei dringend, und richtet ihm aus, er soll Soldaten mitbringen, und zwar viele. Und alarmiert die MordSith, ich möchte sie ebenfalls hier unten haben. Und bitte unverzüglich.«
Ohne eine Frage schlug sich der Mann die Faust aufs Herz und eilte von dannen.
Verna packte die Mord-Sith am Arm. »Cara, was ist denn los?« »Ich bin mir nicht sicher.«
»Wir sind im Begriff, den gesamten Palast in Alarmbereitschaft zu versetzen, Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Personen - darunter General Trimack, Nathan und die Erste Rotte - nach hier unten zu beordern, und Ihr wisst nicht einmal warum?«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht wüsste warum, sondern dass ich mir nicht sicher bin. Ich glaube, wir werden hier von Gesichtern beobachtet, die uns nicht beobachten sollten.«
Cara wandte sich herum zu den ihr entgegenblickenden Mienen.
»Habe ich recht?«
Ein stummes, aufgeregtes Lächeln ging über die Gesichter der Grabkammerbediensteten, die hellauf begeistert waren, dass sie endlich jemand verstanden hatte und ihnen glaubte.
40
Richard spähte unter der Segeltuchplane hervor, als der Wagen durch die Randbereiche des Ordenslagers rollte. Wann immer ein Windstoß den Wagen erfasste, musste er die Plane kräftig festhalten, damit sie nicht hochgeweht wurde. Über ihm ragte die gewaltige Monstrosität der Rampe in den Himmel. Aus dieser Nähe war deutlich zu erkennen, welch gewaltige Ausmaße sie mittlerweile angenommen hatte. Die Annahme, dass sie irgendwann tatsächlich bis zum Palast oben auf der Hochebene reichen würde, schien nicht gänzlich unbegründet.
Nachdem Adie sie mithilfe ihrer Gabe durch das Kampfgetümmel rund um das Ja’La-Spielfeld geschleust hatte, war der Rest des Weges durch das endlose Feldlager der Imperialen Ordnung vergleichsweise ereignislos verlaufen. Die regulären Truppen wollten mit einem kleinen, allem Anschein nach von einem hochrangigen kaiserlichen Gardisten sowie einer Schwester eskortierten Wagen, der nichts als Ärger bedeuten konnte, nichts zu schaffen haben, so dass die meisten ihnen keinerlei Beachtung schenkten.
Trotz seines ungeheuren Ausmaßes war der Aufstand im Wesentlichen auf die Zuschauer bei der Ja’La-Partie beschränkt gewesen. Und obschon anscheinend Hunderttausende in den Streit über den Aus gang der Partie verwickelt waren, der in ein gigantisches, schauderhaftes Blutbad ausgeartet war, blieb der Ärger auf nur einen Bruchteil des gesamten Lagers begrenzt. In weiten Teilen des restlichen Feldlagers hatten die Befehlshaber rasch Bewaffnete herbeigeordert, um jede weitere Ausbreitung zu unterbinden und die Tumulte einzugrenzen. Gleichwohl war eine gewisse Ausweitung nicht vollends zu verhindern gewesen, schließlich hatten sich die meisten dieser Soldaten nicht anwerben lassen, um frierend und mit knurrendem Magen ein mit Dreckschaufeln erfülltes Dasein zu fristen. Sie waren es zunehmend leid, mindere Arbeiten verrichten zu müssen, statt sich ganz dem Morden, Vergewaltigen und Plündern widmen zu können. Mit der Aussicht auf eine Eroberung auszuharren, war eine Sache, aber plötzlich schien die noch verbliebene Beute eher dürftig, während die Mühen, an sie heranzukommen, beträchtlich zugenommen hatten. Offenbar hatte die Selbstaufopferung für die Ziele des Ordens ihre Grenze, und die schien genau dort zu verlaufen, wo das Ganze in Arbeit auszuarten drohte. Das Vorgehen des militärischen Kommandostabs beim Vernichten von Nestern des Krawalls war nicht nur augenblicklich, sondern mit äußerster Brutalität erfolgt. So unzufrieden viele mit ihren Lebensumständen waren, als sie mit ansehen mussten, was denen widerfuhr, die einen Tumult angezettelt hatten, verließ sie jeglicher Mut, sich ihnen anzuschließen.
General Meiffert hatte sich mehrfach mit einem Bluff durch Gruppen von Kriegern mogeln und seinen großspurigen Auftritt einmal sogar durch das Töten eines Soldaten unterstreichen müssen, dem er mit einem schnellen Schnitt den Hals aufschlitzte. Ein anderes Mal hatte Adie im Stillen von ihren Kräften Gebrauch gemacht, damit sie eine mögliche Gefahr umgehen konnten. Die Soldaten im Glauben zu lassen, sie sei eine der Schwestern in Jagangs Gewalt, erstickte so manche Frage im Keim, ehe sie überhaupt ausgesprochen wurde. Mehrmals sah sie den Soldaten, die sie auf der Suche nach Beutegut anhielten und ausfragten, nur fest in die Augen, ohne ihnen irgendetwas zu erwidern. Der Anblick ihrer vollkommen weißen Augen nahm ihnen allen Mut, und sie verschwanden wieder in der Dunkelheit.
Weit hinter ihnen, in der Nähe des Ja’La-Feldes, waren bereits einige Krawallnester wieder unter Kontrolle, größtenteils jedoch stand diese Nacht ganz im Zeichen chaotischer Prügeleien zwischen betrunkenen Soldaten. Im Grunde waren die kaiserlichen Gardisten gar nicht daran interessiert, die Ordnung wiederherzustellen. Ihr einziges Interesse galt der Sicherung des Lebens ihres Kaisers.
Die Schmerzen, die Nicci am ganzen Körper zittern ließen, verrieten Richard, dass Jagang noch am Leben und imstande war, seinen Einfluss geltend zu machen. Nur musste das nicht gleichzeitig bedeuten, dass er auch bei Bewusstsein war. Was er hingegen nicht wusste, war, ob Jagang, wenn er sie nicht mehr zur Umkehr zwingen konnte, irgendwann beschließen könnte, sie über den Halsring umzubringen. In diesem Fall wäre Richard machtlos. Die einzige Lösung war, ihr den Halsring abzunehmen, und dafür mussten sie in den Palast zu Nathan ... Richard spähte unter der Plane hervor und sah, dass sich vor ihnen ein zerwühltes, von riesigen Gruben durchlöchertes Gelände erstreckte. Kolonnen von Männern, Tieren und Wagen kamen aus den Gruben hervor, in denen das Baumaterial ausgehoben wurde, und transportierten in einem niemals abreißenden Strom Erde und Felsbrocken zur Baustelle.