Sein Blick fiel erneut auf Nicci, die auf der niedrigen Ladefläche unmittelbar neben ihm lag. Sie hielt seine Hand mit festem Griff umklammert und zitterte am ganzen Körper. Es tat ihm in der Seele weh, dass sie solche Schmerzen litt, denn das Gefühl war ihm nur zu bekannt. Er hatte dieselbe Magie durch einen Halsring ertragen müssen, auch wenn die Quälerei in seinem Fall nicht ganz so lange gedauert hatte. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie mit solchen Schmerzen überleben konnte.
Jillian lag auf ihrer anderen Seite und hielt ihre andere Hand. Dahinter lag Bruce, der von Zeit zu Zeit einen Blick unter der Plane hervor riskierte, das Schwert griffbereit, für den Fall, dass er ihnen helfen musste, sich den Weg freizukämpfen.
Richard war immer noch unschlüssig, wie weit er dem Mann über den Weg trauen konnte, auch wenn Bruce mehr als einmal dazwischengegangen war, um Richard unter großer Gefahr für sein eigenes Leben zu beschützen. Er wusste, dass sich nicht jeder hier im Lager, vor die freie Wahl gestellt, für den Orden entscheiden würde. Ganz sicher gab es einige, vielleicht auch nur ein paar, die mit dem Orden lieber nichts zu tun haben wollten. Im Grunde kannte er Bruce kaum, weshalb er auch nicht wusste, welche üblen Erfahrungen ihn bewogen hatten, sich auf seine Seite zu schlagen. Trotzdem war er froh darüber. Es gab ihm ein bescheidenes Gefühl der Hoffnung, dass nicht alle Welt den Verstand verloren hatte. Offenbar gab es noch immer Menschen, denen viel an ihrem Leben lag, und die sich die Freiheit wünschten, es nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Und die sogar bereit waren, dafür zu kämpfen. Als der Wagen schwankend zum Stillstand kam, trat Adie ganz nah heran und legte beiläufig einen Ellbogen auf die niedrige Seitenwand neben Richard. Sie sah sich um. »Wir sind da.«
Richard nickte, beugte sich dann über Nicci. »Wir haben es geschafft. Wir sind in der Nähe der Rampe.«
Ihre Stirn war vor Schmerzen tief zerfurcht, und sie schien sich in einer entrückten Welt des Leidens zu befinden. Unter großen Mühen lockerte sie kurz den Druck auf seine Hand und drückte dann erneut zu, zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte.
Trotz der Kälte war sie schweißgebadet. Die meiste Zeit hielt sie die Augen geschlossen, nur um sie gelegentlich weit aufzureißen, wenn ein grauenvoll schmerzhafter Stich sie nach Atem ringen ließ. Es machte Richard fast verrückt, dass er ihr nicht gleich hier helfen konnte, und sie, isoliert in ihrer nur aus Qualen bestehenden Welt, diese sich dahinschleppende Ewigkeit ausharren musste, die es zu dauern schien, sie zu Nathan zu schaffen.
»Könnt Ihr mir sagen, was wir tun müssen? Wir sind da, aber ich weiß noch immer nicht, warum. Warum wolltet Ihr, dass wir zur Rampe gehen?«
Behutsam strich er ihr das verklebte Haar aus der mit Schweißperlen bedeckten Stirn. Ein überwältigender stechender Schmerz ließ sie die Augen aufreißen.
»Bitte ...«, hauchte sie.
Richard beugte sich näher, um sie verstehen zu können. »Was ist denn?«
Er brachte sein Ohr ganz nah an ihren Mund. »Bitte ... mach ein Ende. Töte mich.«
Als eine weitere Schmerzattacke sie durchfuhr, schüttelte sie sich stöhnend. Völlig verwirrt fing sie an zu schluchzen. Ein Gefühl aufkommender Panik in der Kehle, zog er sie fest zu sich heran. »Wir sind fast da. Haltet durch. Sobald wir im Palast sind, wird Euch Nathan diesen Halsring bestimmt abnehmen können. Haltet einfach durch.«
»Kann nicht mehr«, wimmerte sie.
Richard legte ihr die Hand an die Wange. »Ich werde Euch zur Seite stehen, versprochen. Nur müssen wir erst in den Palast. Und dafür muss ich wissen, wie.«
»Die Katakomben«, stieß sie keuchend hervor, während sie den Rücken durchdrückte.
Die Katakomben?, rätselte er. Katakomben?
Erneut hob er die flatternde Plane ein Stück an und spähte hinaus. Die Rampe war ganz in der Nähe, und dahinter ragte die tiefdunkle Wand des Hochplateaus, von dem im Schein der Fackeln nur ein kleiner Teil des unteren Randes sichtbar war, empor in die Nacht.
Er betrachtete die Hochebene, und plötzlich ergab alles einen Sinn. Jillian beugte sich über Nicci hinweg. »Könnte sie Katakomben wie die in meiner Heimat meinen?« Sie sah Nicci an. »Wie in Caska?« Nicci nickte. Richard spähte erneut unter der Plane hervor und suchte nach einer irgendwie anders aussehenden Stelle, nach irgendeinem Anzeichen, wo sich der Eingang befinden könnte. In Gedanken ging er alles durch, was ihm von den Katakomben in Caska in Erinnerung geblieben war. In der Tiefe dieser unterirdischen Räume, deren Gänge sich über mehrere Meilen erstreckten, hatten sie das Feuerketten-Buch gefunden. Fast die ganze Nacht hatte er dort herumgestöbert, und doch war ihm klar, dass er nur einen Bruchteil gesehen hatte.
Das Finden des Eingangs hatte sich als überaus schwierig erwiesen, da die verborgene unterirdische Welt nur durch eine winzige Öffnung zu betreten war. Eine solche Öffnung hier, unter freiem Himmel, inmitten all dieser Soldaten, zu entdecken, schien nahezu aussichtslos. Er wandte sich herum. »Wie habt Ihr die Katakomben unterhalb des Palasts gefunden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Sie haben uns gefunden.« »Sie haben Euch gefunden?« Er spähte erneut nach draußen, als ihm ein Licht aufging.
»Bei den Gütigen Seelen ...«
Plötzlich ergab alles einen Sinn. Jagangs Männer waren beim Ausheben der riesigen Gruben auf alte Katakomben gestoßen und hatten deren unterirdische Gänge dazu benutzt, in den Palast einzudringen.
»Sie sind bis in den Palast hinaufgestiegen und haben Euch dort entführt? Wolltet Ihr das sagen?« Nicci nickte.
Aber wenn dem so war, wieso wurden dann die Arbeiten an der Rampe fortgesetzt? Doch dann wurde ihm klar, dass, vorausgesetzt, diese Katakomben ähnelten weitgehend denen in Caska, mehr als nur diese paar unterirdischen Gänge nötig sein würden, um eine ganze Armee in den Palast hineinzuschleusen. Ebenso gut könnte man versuchen, eine Riesenmenge Sand durch ein Stundenglas zu zwingen.
Gut möglich, dass die Rampe auch ein Ablenkungsmanöver war, um die für dieses Unternehmen nötige Zeit zu gewinnen.
Ablenkungsmanöver oder nicht, womöglich hatte Jagang auf diesem Weg längst Spione in den Palast eingeschleust. Unmöglich zu sagen, wie viel Schaden ein solches Schlupfloch anzurichten vermochte. Zweifellos waren es die Schwestern gewesen, die sich hineingeschlichen hatten, denn nur sie hätten Nicci überhaupt gefangen nehmen können. Allerdings dürfte aufgrund der Schwächung ihrer Kräfte im Innern des Palasts dazu ganz sicher mehr als eine von ihnen nötig gewesen sein.
»Die Katakomben sind von den Arbeitstrupps entdeckt worden, die das Baumaterial für die Rampe heranschaufeln«, dachte er für Nicci laut nach. »Anschließend sind Schwestern in die Katakomben hinabgestiegen und haben einen Weg in den Palast gefunden. Auf diese Weise haben sie Euch gefangen genommen.«
Obwohl sie zitterte und Schmerzen litt, drückte Nicci zur Bestätigung seine Hand.
Richard beugte sich über sie. »Weiß dort oben jemand, dass Jagang über einen Zugang zum Palast verfügt?«
Sie warf den Kopf von einer Seite auf die andere. »Sie sammeln sich drinnen«, brachte sie hervor.
Richards Herz setzte einen Schlag aus. »Sie ziehen drinnen Truppen für einen Angriff auf den Palast zusammen?«