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Wieder nickte sie.

»Dann sollten wir schleunigst dort hinuntersteigen und sie warnen«, meinte Bruce.

»Adie«, wandte sich Richard an die unmittelbar neben dem Wagen stehende alte Frau, »habt Ihr das alles mitbekommen?«

»Ja. Der General wird jeden Moment hier sein. Er hat es ebenfalls gehört.«

Richard spähte unter der Plane hervor. In der Ferne, ein Stück weit rechter Hand, erblickte er eine Grube, in deren Nähe keine Kolonnen aus Arbeitern und Wagen zu sehen waren. Er wies dorthin.

»Seht doch. Rings um die gesamte Grube dort sind in gleichmäßigen Abständen Soldaten postiert.«

»Wachen«, bestätigte General Meiffert.

»Dort unten muss die Stelle sein, wo sie die Katakomben gefunden haben. Zwischen dieser Grube und dem Hochplateau sind alle Arbeiten eingestellt worden.«

»Warum sollten sie so etwas tun?«, fragte der General.

»Die Katakomben sind zweifellos sehr alt. Niemand vermag zu sagen, in welchem Zustand sie sich befinden. Sie wollten nicht Gefahr laufen, einen der zum Palast führenden unterirdischen Gänge zum Einsturz zu bringen.«

»So muss es sein«, bemerkte Adie.

»Und wie sollen wir in die Grube hinuntergelangen?«, wollte General Meiffert wissen.

»Mit ein paar zusätzlichen Uniformen der kaiserlichen Garde müsste das eigentlich zu schaffen sein«, schlug Bruce vor.

»Schon möglich«, sagte Richard. »Aber was machen wir mit Nicci und Jillian?«

Darauf wusste Bruce keine Antwort.

»Zu Fuß können sie jedenfalls nicht dort hineinspazieren«, gab General Meiffert ihm recht, »und ein in die bewachte Grube hinunterfahrender Wagen würde zweifellos Verdacht erregen.«

»Vielleicht«, murmelte Richard. »Vielleicht aber auch nicht.«

General Meiffert blickte über seine Schulter. »Woran denkt Ihr?«

Richard rüttelte sachte Niccis Schultern. »Lagern irgendwelche Schriften dort unten in den Katakomben?« »Ja«, brachte sie hervor. Er wandte sich wieder herum zum General. »Wir könnten den Wachen dort erzählen, dass der Kaiser angesichts der Tumulte im Feldlager eine Fuhre wichtiger Schriften in seinen Kommandobereich schaffen möchte, um sie in Sicherheit zu bringen. Und damit er auch genau jene Bücher erhält, denen seine Sorge gilt, hat er eine Schwester mitgeschickt. Ihr bittet sie einfach, Euch zu helfen, einen Trupp Gardisten zusammenzustellen, der den Wagen zurück in den Kommandobereich begleiten soll.«

»Sie werden wissen wollen, warum wir diese Männer nicht selbst mitgebracht haben.«

»Eben wegen der Tumulte«, warf Bruce ein. »Erklärt ihnen einfach, wegen der Aufstände wollten die Offiziere nicht riskieren, Gardisten von der Bewachung des Kaisers abzuziehen.

Die Idee gefiel Richard. »Während sie damit beschäftigt sind, einige Männer für uns zusammenzustellen, schleichen wir uns ungesehen hinunter in die Katakomben.«

»Aber nicht alle werden dafür ihren Posten verlassen«, gab Bruce zu bedenken. »Zudem würde bereits ein solcher Vorschlag starken Verdacht erregen. Die oben Zurückbleibenden werden die beiden Frauen bemerken - zumal wir Nicci werden stützen müssen.

Ihr dürft diese Gardisten auf keinen Fall unterschätzen. Seht Ihr ihre Uniformen? Das sind Männer, die das Vertrauen des Kaisers genießen. Ich weiß, was das für Kerle sind. Sie sind alles andere als dumm und schon gar nicht bequem. Ihnen entgeht so gut wie nichts.«

»Da ist etwas dran«, meinte Richard, nachdem er sich Bruce’ Rat hatte durch den Kopf gehen lassen. Die Stirn nachdenklich gerunzelt, hatte er plötzlich eine Idee. Er wandte sich herum zu Adie. »Heute Abend geht ein ziemlicher Wind. Meint Ihr, Ihr könntet ihm ein wenig unter die Arme greifen?«

»Dem Wind unter die Arme greifen?« Sie betrachtete ihn im Schein der Fackeln mit ihren vollkommen weißen Augen. »Woran denkst du?«

»Ihr könntet Eure Gabe benutzen, um die Luft aufzuwirbeln, ein, zwei zufällige Windstöße, etwas in der Art. Damit es so aussieht, als nehme der Wind allmählich zu. Sobald General Meiffert ihnen den Auftrag erteilt hat, einige Männer für eine Eskorte zusammenzustellen, fahren wir den Wagen hinunter in die Grube. Dann löscht eine stärkere Bö sämtliche Fackeln in der Nähe. Sobald es völlig dunkel ist, und bevor die Männer frische Fackeln herbeischaffen können, um die erloschenen wieder anzuzünden, lotsen wir Nicci und Jillian heimlich in den unterirdischen Gang.«

»Na gut, dann befinden wir uns also in den Gängen. Aber dort unten werden weitere Gardesoldaten postiert sein und wer weiß wie viele reguläre Truppen. Habt Ihr für die auch schon eine Idee?«

Richard wechselte einen besorgten Blick mit ihm. »So oder so, wir müssen an ihnen vorbei. Aber Ihr habt recht, sie werden vermutlich sehr zahlreich sein.«

Bruce stützte sich auf einen Ellbogen. »In den Gängen ist Kämpfen sehr schwierig, das gleicht die Chancen wieder etwas aus.«

»Da ist etwas dran«, meinte General Meiffert. »In gewisser Hinsicht spielt es gar keine so große Rolle, wie viele Männer dort unten stehen. Sie können nicht alle gleichzeitig über uns herfallen. Auf so engem Raum können immer nur sehr wenige unmittelbar mit uns kämpfen.«

Richard stieß einen Seufzer aus. »Trotzdem sind das Schwierigkeiten, die wir nicht gebrauchen können. Wir müssten über jeden getöteten Gardisten hinwegsteigen, während jeder dort unten uns aufzuhalten versuchen wird. Zudem könnten sie uns hinterrücks umgehen oder uns durch die dort sicher in großer Zahl vorhandenen Kammern von der Seite her attackieren. Und da wir Nicci tragen müssten, wäre es überaus schwierig, sich über diese große Distanz durchzuschlagen.«

»Was bleibt uns anderes übrig?«, meinte General Meiffert. »Wir müssen an ihnen vorbei, und dafür müssen wir jeden eliminieren, der uns daran zu hindern versucht. Einfach wird es nicht, aber es ist unsere einzige Chance.«

»In den Katakomben herrscht pechschwarze Finsternis«, warf Adie mit ihrer schnarrenden Stimme ein. »Wenn ich mit meiner Gabe alle Lichter dort unten lösche, können sie uns nicht sehen.«

»Aber wie sollen wir dann etwas sehen?«, fragte Bruce.

»Eure Gabe«, sagte Richard, als ihm dämmerte, was Adie vorhatte. »Ihr seht mit Eurer Gabe.«

Sie nickte. »Sie wird uns als Augen dienen. Meine Augen wurden schon in meiner Kindheit geblendet, seitdem sehe ich mit meiner Gabe statt mit Licht. Ich lösche ihre Lichter und steige dann als Erste in das Dunkel hinab. Ihr folgt mir. Wir müssen mucksmäuschenstill sein. Womöglich bekommen sie gar nicht mit, dass wir mitten zwischen ihnen hindurchschleichen. Stoße ich auf Gardisten, werde ich eine Möglichkeit suchen, sie auf einer anderen Route zu umgehen, so dass sie gar nichts von unserer Anwesenheit dort erfahren werden. Wenn es nicht anders geht, töten wir sie, aber besser wäre es, sie unbemerkt zu umgehen.«

»Das scheint mir am ehesten erfolgversprechend.« Nach einem kurzen Blick auf Nicci sah er ihnen nacheinander in die Augen. Niemand hatte irgendwelche Einwände, also fuhr er fort: »Dann ist es also abgemacht. General Meiffert spricht mit dem Hauptmann der Wachtruppe, und wir fahren den Wagen in die Grube, während er seine Leute zusammensucht. Unten wird Adie einen Windstoß auslösen, der die Fackeln löscht. In dem sich daran anschließenden Durcheinander klettern wir in die Katakomben, wo Adie vorausgehen und sämtliche Lichter löschen wird, auf die wir stoßen. Wer sich uns in den Weg stellt, wird getötet.«

»Aber haltet Euch bereit, für den Fall, dass der Hauptmann der Wachmannschaft Verdacht schöpft und uns Ärger machen will«, sagte der General.

»Wenn es nicht anders geht«, sagte Adie, »gibt es eben Ärger. Dafür werde ich schon sorgen.«

Richard nickte. »Aber wir müssen uns beeilen, es wird bald hell. Beim Hinuntersteigen in die Katakomben muss es noch dunkel sein, damit niemand Nicci und Jillian bemerkt, danach kommt es nicht mehr darauf an. Aber hier draußen muss alles noch im Schutz der Nacht geschehen.«

»Dann also los«, sagte der General und ging nach vorn, um die Pferde zu führen.

Richard warf einen Blick hinüber zum östlichen Himmel. Die Dämmerung war nicht mehr fern. Zusammen mit Bruce zurrte er die Plane fest, als sich der Wagen holpernd in Bewegung setzte. Er hoffte, dass sie es noch rechtzeitig bis in die ewige Nacht der Katakomben schaffen würden.