Nicci, neben ihm, wimmerte leise, außerstande, die Qualen länger zu ertragen, außerstande, den Tod herbeizurufen.
Ihr Leid brach ihm fast das Herz. Doch er konnte nicht mehr tun, als ihr die Hand zu halten und ihr das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein war. Während General Meiffert sich mit gedämpfter Stimme mit dem Hauptmann der Gardisten unterhielt, lauschte er auf das Heulen des Windes, dann beugte er sich über sie und raunte ihr zu: »Haltet durch. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern.«
»Ich glaube, sie kann dich nicht mehr hören«, meinte Jillian leise von der anderen Seite.
»Doch, kann sie.«
Sie musste; sie musste überleben. Er war auf ihre Hilfe angewiesen. Er wusste nicht, wie er das richtige Kästchen der Ordnung öffnen sollte, kannte niemanden, der ihm eine größere Hilfe sein konnte als sie. Wichtiger noch, Nicci war seine Freundin, der er sich sehr verbunden fühlte. Wenn nötig, würden sich immer andere Lösungen finden lassen, aber ihren Verlust würde er nicht ertragen können.
Nicht selten war sie die Einzige gewesen, an die er sich hatte wenden können, die ihm geholfen hatte, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, die immer wieder sein Selbstvertrauen gestärkt hatte. Nach Kahlans Gefangennahme war sie in vieler Hinsicht seine einzige Vertraute gewesen.
Die Vorstellung, sie zu verlieren, war ihm unerträglich.
41
Am Nordostufer, oberhalb des Flusses, ließ Rachel sich vom Pferd gleiten und packte die Zügel mit festem Griff, während sie sich umsah und nach irgendeiner Bewegung Ausschau hielt. Im Licht der frühen Dämmerung sahen die dunklen Kuppen der kahlen Hügel aus, als befände sie sich inmitten einer Herde schlummernder Ungeheuer.
Doch das wusste sie besser, es waren einfach nur Hügel. Trotzdem, es gab ganz reale Wesen, die nicht einfach nur harmlose Erzeugnisse ihrer Phantasie waren.
Die gespenstischen Kobolde waren real, sie waren ihr dicht auf den Fersen und hatten es auf sie abgesehen.
Oberhalb der Flussufer ragten die weißen Klippen zweier einander gegenüberliegender Zwillingshügel in die Höhe. Sumach, wegen der späten Jahreszeit bereits seines Blätterkleids beraubt, säumte den schmalen Pfad, auf dem sie vor Kälte zitternd stand. Der riesige Schlund der Höhle war ganz nah und schien dem offenen Maul eines Riesenungeheuers gleich nur darauf zu warten, sie zu verschlingen. Rachel band die Zügel an einem Sumachbaum fest, krabbelte dann auf allen vieren über den aus losem Erdreich und Geröll bestehenden Pfad auf den wartenden, dunklen Schlund zu und spähte hinein, um festzustellen, ob sich Königin Violet oder womöglich Sechs dort drinnen versteckte. Fast erwartete sie, Königin Violet würde hervorspringen und ihr eine Ohrfeige verpassen, nur um sie schon im nächsten Augenblick mit ihrer selbstgerechten Lache zu verhöhnen.
Doch die Höhle lag dunkel und verlassen da.
Die Finger ängstlich ineinanderverschlungen, suchte sie die runden Hügelkuppen noch einmal mit den Augen ab und hielt klopfenden Herzens Ausschau, ob sich dort irgendetwas rührte. Die gespenstischen Kobolde kamen immer näher. Sie hatten es auf sie abgesehen und würden sie bestimmt erwischen.
Im Innern der Höhle stieß sie auf die vertrauten, schon so oft gesehenen Zeichnungen. Zu Tausenden bedeckten sie jeden Zoll der Wand, auf der sich überall kleinere in den verfügbaren Platz zwischen den größeren drängten. Keine glich der anderen, und tatsächlich schienen die meisten nicht von ein und derselben Person gezeichnet worden zu sein. Einige waren so primitiv, als stammten sie von Kinderhand, andere dagegen waren detailreich und von bemerkenswerter Wirklichkeitstreue. Auch wenn sie diese Dinge nicht wirklich zu beurteilen vermochte, ihr kam es so vor, als verkörperten diese Zeichnungen etliche Generationen. Die unzähligen unterschiedlichen Stile, ihr ganz unterschiedlicher Perfektionsgrad, deuteten darauf hin, dass sie von Dutzenden und Aberdutzenden, vielleicht sogar von Aberhunderten von Künstlergenerationen stammten.
Auf allen Bildern waren Personen dargestellt, die ausnahmslos entweder verletzt, belästigt oder ausgehungert, vergiftet oder erstochen wurden, die mit zertrümmerten Gliedern am Fuß einer Klippe lagen, oder trauernd vor irgendwelchen Gräbern standen. Die Zeichnungen bereiteten ihr Albträume.
Sie ging in die Hocke und hielt die Hand an die Öllampen. Sie waren kalt, demnach war niemand hier gewesen. Einer kleinen, in die Höhlenwand geschlagenen Nische entnahm sie ein Feuerzeug und versuchte damit, am Docht der Lampe einen Funken zu erzeugen.
Nach mehreren Versuchen gelang es ihr, einen brauchbaren Funken zu schlagen, ohne allerdings am Docht eine Flamme zu entfachen. Zwischen den Versuchen blickte sie sich immer wieder um. Die Zeit lief ihr davon. Sie kamen immer näher. Bestimmt waren sie schon ganz nah. Rachel schüttelte die Lampe, um den Docht mit Öl zu tränken, schlug dann wie von Sinnen erneut Feuerstein und Stahl gegeneinander. Sie benötigte ein halbes Dutzend Versuche, dann endlich gelang es ihr zu ihrer großen Erleichterung, eine Flamme zu entzünden. Sie nahm die Lampe am Henkelgriff auf, erhob sich und starrte zum Schlund der Höhle hinaus, immer auf der Hut, ob sich dort irgendetwas bewegte, auf der Suche nach den gespenstischen Kobolden. Sehen konnte sie sie nicht, trotzdem wusste sie, sie waren auf dem Weg hierher. Sie glaubte sie schon draußen im Gestrüpp hören zu können, ihre Blicke bereits auf dem Körper zu spüren.
Die Lampe in der Hand, hastete sie ins Dunkel zurück, fort von den gespenstischen Kobolden und in Sicherheit ... hoffte sie zumindest. An jedem anderen Ort konnten sie sie erwischen. Es war ihre einzige Chance. Das Wissen um ihre Nähe versetzte sie in einen Zustand entsetzlicher Panik. Tränen stachen ihr in den Augen, als sie in die Höhle zurückrannte, vorbei an den Darstellungen gequälter Menschen. Es war ein weiter Weg zurück in das Dunkel bis zu jener Stelle, wo sie den einzigen Ort vermutete, an dem sie sich sicher fühlen konnte. Der Schein ihrer Lampe huschte über die Höhlenwand ringsum, beschien die auf die Wand gemalten Gesichter.
Hier, in der Tiefe der Höhle, war der Widerschein der Höhlenöffnung nur noch ein fernes, mattes Schimmern. Als sie, nicht nur vor Anstrengung, sondern auch aus Panik schwer atmend, auf allen vieren über einen vorspringenden Felsen krabbelte, konnte sie ihren eigenen Atem sehen. Sie hatte keine Ahnung, wie weit sie laufen musste, um wirklich in Sicherheit zu sein, sie wusste nur, dass die gespenstischen Kobolde hinter ihr her waren, und dass sie auf keinen Fall Halt machen durfte. Sie stieß auf eine Zeichnung, die ihr nur zu vertraut war, ebenjene Zeichnung, die sie Königin Violet unter Anleitung von Sechs hatte anfertigen sehen. Obwohl sein Name nie erwähnt worden war, wusste sie, dass sie Richard darstellte. Wegen der unzähligen Beifügungen rings um die zentrale Figur war es die ausgedehnteste Zeichnung in der ganzen Höhle - und gleichzeitig die vielgestaltigste.
Im Gegensatz zu allen anderen war sie in bunter Kreide ausgeführt worden. Rachel erinnerte sich noch gut, wie viel Zeit Königin Violet - als sie tatsächlich Königin war - darauf verwendet hatte. Sie erinnerte sich an die peinlich genauen Anweisungen von Sechs, an die mit großer Sorgfalt ausgeführten Abfolgen von Linien, Winkeln und Elementen. Sie erinnerte sich, dass sie stundenlang hatte dabeistehen und zuhören müssen, wie Sechs Violet das Wie und Warum jedes einzelnen Striches erläuterte, ehe diese die Kreide auch nur ansetzen durfte.
Einen Moment lang betrachtete sie die Zeichnung Richards und dachte, dass es wohl eines der schlimmsten, widerlichsten Machwerke war, das ihr je unter die Augen gekommen war.
Doch dann trieb die Angst sie weiter. Hektisch krabbelte sie über Felsen, vorbei an Felsvorsprüngen, immer tiefer hinein in das Dunkel. Wann immer Sechs Violet im Zeichnen unterwiesen hatte oder sie etwas Neues hatten zeichnen wollen, hatten sie tiefer und tiefer in die Höhle vordringen müssen, um noch eine jungfräuliche Stelle auf der Wand zu finden. Die Zeichnung von Richard, die letzte gemeinsam ausgeführte Zeichnung, war ihr nur zu gut in Erinnerung geblieben, daher wusste sie, dass die dahinterliegenden Höhlenwände noch unberührt waren. Als sie an dem bunten Geflecht aus Linien und Symbolen vorbei kam, das sich strahlenförmig rings um Richard ausbreitete, bemerkte sie erschrocken etwas, das ihr zuvor nie aufgefallen war. Sie blieb stehen. Dort war eine neue Zeichnung.