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Sie machte ein erstauntes Gesicht. Es war eine Zeichnung von ihr! Und rings um ihr Bildnis wirbelten irgendwelche Wesen. Rachel erkannte die Symbole wieder, die sie nach innen, in ihre Richtung, drängten. Die grauenhaften Biester ähnelten aus Schatten und Rauch bestehenden Gespenstern, nur dass sie Zähne besaßen, scharfe Zähne, dafür geschaffen, zuzuschnappen und zu reißen.

Sofort wusste Rachel ohne jeden Zweifel, um was es sich handelte: Es waren die gespenstischen Kobolde.

Versteinert starrte sie auf das Bildnis dieser entsetzlichen todbringenden Wesen, die mittels boshafter, dort auf die Höhlenwände gemalter Banne auf sie aufmerksam gemacht worden waren.

Von den endlosen Lektionen, die sie Sechs Violet hatte erteilen hören, wusste sie, was die meisten von ihnen darstellten. Sechs hatte sie als »finale Elemente« bezeichnet. Ihre Aufgabe war es, die Hauptakteure des Banns zu eliminieren, nachdem die Ereignisabfolge beendet war, die durch die Zeichnung hatte ausgelöst werden sollen. Sie begriff den Zweck des Bildes, und was es mit alldem auf sich hatte: sobald die gespenstischen Kobolde sie aufgegriffen hätten, würden sie sich in Nichts auflösen.

In der Zeichnung war sie auf allen Seiten von diesen albtraumhaften Wesen umgeben, die ihr unaufhaltsam näher kamen. In diesem Moment wurde ihr klar, dass es kein Entrinnen gab. Die vermeintliche Zuflucht war nichts weiter als das Zentrum, in das sie sie gescheucht hatten - eine Falle, bei der nicht die geringste Aussicht bestand, ihr jemals wieder zu entkommen.

Ein Geräusch ließ sie zum matten, durch den Höhleneingang einfallenden Lichtschimmer hinüberblicken, und zum allerersten Mal sah sie die wirbelnden Schatten. Sie waren bereits in die Höhle eingedrungen und rotteten sich zusammen, genau wie in der Zeichnung dargestellt. Nun würden sie sie holen.

Eine entsetzliche, lähmende Angst befiel sie, als ihr klar wurde, dass sie nicht mehr aus der Höhle herauskonnte, sondern nur noch tiefer hinein. Ein Blick auf die Zeichnung sagte ihr allerdings, dass sie das mitnichten retten würde - denn auch dort wimmelte es nur so von gespenstischen Kobolden. Sie saß in der Falle. Sie befand sich im Mittelpunkt eines Banns, dessen Zweck es war, sie immer enger zu umschließen.

»Gefällt es dir?«, rief eine Stimme.

Mit einem erschrockenen Keuchen wirbelte Rachel herum zu der durch das Dunkel hallenden Stimme. »Königin Violet.«

Matt beleuchtet vom Schein einer Öllampe, feixte ihr aus dem Dunkel ein Gesicht entgegen. Offenbar hatte sich Violet nicht entgehen lassen wollen, wie die gespenstischen Kobolde sich über sie hermachten, und war gekommen, um das Ergebnis ihrer Machenschaften zu verfolgen.

»Ich dachte, vielleicht würde es dich interessieren, woher sie kommen, ehe sie dich in Stücke reißen. Ich wollte, dass du weißt, wer eine alte Rechnung mit dir begleichen will.« Sie wies zur Wand hinüber. »Also habe ich die Zeichnung so angelegt, dass sie dich am Ende hierher führen würde, wo du in der Falle sitzen würdest.« Sie beugte sich ein wenig aus dem Dunkel vor. »Und sie dich endlich erwischen würden.«

Rachel machte sich nicht die Mühe, sie nach dem Grund zu fragen. Den kannte sie. Violet gab ihr die Schuld an allem, was ihr jemals widerfahren war. Sie übernahm nie die Verantwortung für die Probleme, die sie sich selbst eingebrockt hatte. Die Schuld gab sie stets anderen, wie Rachel.

»Wo ist Sechs?«

Violet machte eine abfällige Handbewegung. »Wer weiß? Mir verrät sie ihre Pläne nicht.« Violets Blick wurde finster wie die Höhle selbst. »Sie ist jetzt Königin. Kein Mensch hört mehr auf mich, stattdessen springen alle, wenn sie nur den Mund aufmacht. Sie reden sie mit Königin an, Königin Sechs.«

»Und Ihr?«

»Mich duldet sie nur, damit ich für sie zeichne.« Sie stieß einen Finger in Rachels Richtung. »Das ist alles deine Schuld. Alles ist nur deinetwegen passiert.«

Violets finstere Miene verzog sich zu jenem Lächeln, das Rachel stets einen eiskalten Schauder über den Rücken gejagt hatte. »Aber jetzt wirst du für deine Unbotmäßigkeit, für deine Bosheiten bezahlen.«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich habe sie so angelegt, dass sie dir das Fleisch von den Knochen reißen werden.« Rachel schluckte entsetzt. Sie überlegte, ob es vielleicht möglich wäre, sich gewaltsam an der selbstgerecht feixenden Violet vorbeizudrücken. Nur, was würde ihr das nützen? In wenigen Augenblicken würden sie auch dort, aus dem tieferen Dunkel, hervorkommen.

Von Chase hatte sie gelernt, niemals aufzugeben und um sein Leben zu kämpfen, und genau dieser Augenblick war jetzt gekommen. Nur wie sollte sie das anstellen? Wie konnte sie sich gegen solche Kreaturen wehren? Sie musste sich etwas einfallen lassen, unbedingt. Sie blickte sich um. Nirgendwo war ein Stück Kreide zu sehen. Ein schrilles Heulen ließ sie erschrocken aufblicken. Dann sah sie die gespenstischen Kobolde, einem wabernden, wirbelnden Rauch gleich, der Länge nach durch die Höhle heranschwirren. Sie kamen immer näher. Sogar die kleinen weißen Zähne in ihren aufgerissenen Mäulern konnte sie erkennen - Zähne, wie geschaffen, ihr das Fleisch von den Knochen zu reißen.

»Ich will, dass du sagst, es tut dir leid.«

Verständnislos blinzelnd wandte sie sich wieder zu Violet herum.

»Was?«

»Sag, dass es dir leidtut. Geh auf ein Knie runter und erkläre deiner Königin, es tut dir leid, dass du sie verraten hast. Vielleicht helfe ich dir dann.«

In ihrer Verzweiflung klammerte sie sich an jede Hoffnung. Augenblicklich ließ sie sich auf ein Knie fallen und senkte ihr Haupt -und benutzte diesen winzigen Augenblick, um nachzudenken.

»Es tut mir leid.«

»Es tut dir leid ... und weiter?«

»Es tut mir leid, Königin Violet.«

»So ist es recht. Ich bin deine Königin. Solange Sechs fort ist, bin ich hier die Königin. Die Königin! Sag es!« »Ihr seid die Königin, Königin Violet.«

Ein zufriedenes Lächeln ging über Violets Gesicht. »Gut. Ich möchte, dass du dich daran erinnerst, wenn du stirbst.«

Rachel blickte auf. »Aber Ihr habt doch gesagt, Ihr würdet mir helfen.«

Lachend zog sich Königin Violet tiefer in das Dunkel zurück. »Ich sagte lediglich, vielleicht. Aber jetzt habe ich entschieden, dass du meine Hilfe nicht verdienst. Du bist ein Niemand.«

Hinter ihrem Rücken näherten sich leise, schnarrende Knurrlaute. Rachel überkam eine solche Angst, dass sie in Ohnmacht zu fallen glaubte.

Sie langte in die Tasche ihres Kleides und fühlte dort einen Gegenstand – ebenjenen Gegenstand, den ihre Mutter ihr gegeben hatte. Sie holte ihn hervor und starrte im Schein der Lampe darauf. Jetzt wusste sie, was es war.

Ein Stück Kreide!

Als ihre Mutter es ihr in die Hand gedrückt hatte, hatte sie es so eilig gehabt, vor den gespenstischen Kobolden zu fliehen, dass sie es gar nicht richtig angesehen hatte.

Und dann hatte ihre Mutter hinzugefügt, sobald der Augenblick gekommen wäre, würde sie wissen, was damit zu tun sei. Rachel spähte in das Dunkel hinter ihr und konnte den Hinterkopf Violets erkennen, die sich immer tiefer ins Höhleninnere zurückzog, fort von dem gewaltsamen Tod, der sie, Rachel, zweifellos jeden Moment ereilen würde.

Dann blickte sie in die andere Richtung und sah die knurrenden Wesen mit ihren weit geöffneten Mäulern und den unablässig schnappenden, rasiermesserscharfen Zähnen durch die Luft schwirren. Sie kamen immer näher.

Augenblicklich trat sie vor die Zeichnung, mit der Violet ihr diese Falle gestellt hatte, und fügte mit der Kreide rasch einige Linien und Schraffierungen hinzu, so dass die dargestellte Gestalt kräftiger und fülliger wurde. Das Gesicht gestaltete sie dicklicher, gab ihm dann einen hasserfüllten Ausdruck. Die Kreide flog nur so über das Gestein, als sie ihr ein Rüschenkleid verpasste, wie Violet es gerne anzog. Schließlich fiel ihr wieder ein, was Violet gern im Schmuckzimmer trug, und so zeichnete sie ihr eine Krone auf den Kopf, womit die Darstellung endgültig von ihr zu Königin Violet wechselte.