»Selbstverständlich.«
»Dann denke ich, wir sollten ...«
Sie verstummte, als Nathan die Hand hob und den Kopf horchend zur Seite neigte.
»Sie unterhalten sich, es geht offenbar um Licht.«
Konzentriert legte Nathan die Stirn in Falten, so als versuche er etwas zu verstehen. Jeder wusste, dass er mit seiner Gabe, nicht seinen Ohren horchte. Es war überaus frustrierend, diese Fähigkeit nicht ebenfalls zu besitzen.
»Ihnen ist das Licht ausgegangen«, erklärte er mit gesenkter Stimme.
»Offenbar sind plötzlich alle Lampen erloschen.«
Alle Köpfe wandten sich herum zur Mauer, als von jenseits ge dämpfte Stimmen herüberdrangen. Man musste nicht einmal die Gabe haben, um sie zu hören. Männer beklagten sich, sie könnten nicht die Hand vor Augen sehen und wollten wissen, was vorgefallen sei. Dann war ein Schrei zu hören. Er dauerte nur einen Augenblick, dann verstummte er wieder. Es folgten gedämpfte Rufe des Entsetzens und aufkommender Panik.
»Reißt sie ein!«, forderte Cara Nathan auf.
Plötzlich wurden auf der anderen Wandseite spitze Schreie laut – Männerstimmen, die nicht vor Entsetzen, sondern vor Schmerzen schrien.
Nathan hob die Arme, um ein Netz zu wirken, das die Wand niederreißen würde, doch noch bevor er tätig werden konnte, kam ihnen der weiße Marmor bereits in Brocken entgegengeflogen. Gesteinsbrocken zerbarsten mit ohrenbetäubendem Lärm. Ein kräftiger, großer Soldat, ein bluttriefendes Schwert in der Hand, brach Schulter voran in vollem Lauf von der anderen Seite durch die Mauer, stürzte hin und schlitterte über den Boden.
Im Nu war der gesamte Flur erfüllt von umherfliegenden Trümmerteilen aus weißem Marmor in allen Größen und Formen, große Teile der Marmorplatte lösten sich und kippten unter lautem Krachen auf den Boden. Jenseits dieses Chaos aus umherfliegenden Gesteinssplittern und wallendem Staub erblickte Verna immer wieder für winzige Momente dunkle, in Rüstungen steckende Männer mit Waffen in den Händen, die sich zu ihrer offenkundigen Verblüffung in ein Gefecht mit einem unsichtbaren Gegner verwickelt sahen. Ihre von Angst, Verwirrung und Entsetzen erfüllten Stimmen schwollen zu einem lauten Dröhnen an. Durch die Staub- und Trümmerwolken konnte Verna erkennen, dass sich dahinter ein von einem dichten Gedränge aus Soldaten der Imperialen Ordnung verstopfter Gang befand.
Immer wieder brachen Männer inmitten des chaotischen Durcheinanders und tosenden Lärms durch die Mauerbresche. Große, mit Tätowierungen übersäte Männer in dunkler Lederrüstung, in Riemen, Nieten und Kettenpanzern, mehrere mit abgehackten Armen und gespaltenen Gesichtern, stürzten schwer zu Boden. Ein Kopf mit wehenden Strähnen fettigen Haars kullerte durch den kreidefeinen Gesteinsstaub. Soldaten, denen ein Bein fehlte, kippten durch die Öffnung, während andere mit aufgeschlitztem Unterleib durch das Chaos stolperten.
Gewaltige Mengen tiefroten Blutes ergossen sich über den weißen Marmorboden.
Und inmitten all der umherfliegenden Gesteinsbrocken, des wallenden Staubs, der körperlosen über die Marmortrümmer rollenden Köpfe, der zusammenbrechenden, schreienden und sterbenden Soldaten, inmitten des gewaltigen Chaos aus Blut und Leibern, das sich in den Flur ergoss, stand Richard, während rechts und links tödlich Verwundete zu Boden sanken, und schwang mit einer Hand sein Schwert, während er mit seiner anderen die offenbar bewusstlose Nicci stützte, bis er es zu guter Letzt schaffte, sich einen Weg durch die dunkle Mauer aus feindlichen Soldaten zu bahnen.
43
Sich mit dem Fuß auf dem Rücken eines gefallenen Ordenssoldaten abstützend, warf sich Cara ihm entgegen, als er sich von seinem Schwung durch das Chaos aus Staub und Gesteinsbrocken tragen ließ, das Bruce beim Durchstoßen der dünnen Marmorschicht erzeugt hatte. Den heransirrenden Klingen und spritzendem Blut ausweichend, ließ er Nicci zu Boden gleiten und brachte sie in Sicherheit, indem er ihren erschlafften Körper auf einer glitschigen Schicht Gesteinsstaub über den polierten Boden zur anderen Seite des Flurs hinüberschob. Anschließend machte er sofort kehrt und warf sich mit erhobenem Schwert der Wand aus Männern entgegen, die aus dem dunklen Gang hervorbrach und in den von Fackeln beschienenen Flur hineinstürmte. Gnadenlos nutzte er jede Blöße, während sie wie von Sinnen kämpfend an ihn heranzukommen, ihn niederzustrecken versuchten. Klingen durchtrennten Muskelfleisch bis auf die Knochen. Es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm aus Grunzlauten und Schlachtgebrüll, durchsetzt von Todesschreien.
Richard wich ihren ungestümen Attacken aus und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, sich mit seiner Klinge dem Ansturm entgegen zuwerfen, doch für jeden, den er tötete, schienen drei neue Männer seinen Platz einzunehmen.
Als sich ein Hüne mit kahlrasiertem Schädel auf Richard stürzen wollte, warf sich Cara gegen ihn und rammte ihm beidhändig den Strafer gegen den Hals. Richard sah kurz den Schmerz in seinen Augen aufblitzen, ehe er zu Boden ging. Sofort nutzte er den Raumgewinn, um sein Schwert mit einer Körperdrehung einem anderen in die Flanke zu stoßen. Die Männer, die sich klammheimlich in dem dunklen Gang versammelt hatten, waren offenkundig erfahrene Kämpfer. Auch wenn die Schlacht früher als erwartet begonnen hatte, jetzt kämpften sie mit ungehemmter Wildheit. Dies waren mitnichten die regulären Truppen der Imperialen Ordnung, Männer, die des Ruhmes und der Beute wegen in die Armee eingetreten waren, dies waren Söldner, gut ausgebildete und kampferprobte Krieger, die genau wussten, was sie taten. Es waren ausnahmslos kräftige Soldaten, die alle zumindest Lederrüstung trugen, einige von ihnen darüber sogar noch Kettenpanzer. Alle waren sie mit hervorragend gearbeiteten Waffen ausgestattet und kämpften mit durchdachten Bewegungen, die darauf abzielten, die Verteidigung eines jeden Gegners zu durchbrechen.
Doch so geschickt sie auch kämpften, sie waren in einem unbedachten Augenblick erwischt und von der in Sekundenschnelle um sich greifenden Gewalt, die auf die völlige Finsternis folgte, überrumpelt worden. Sie hatten sich bei ihrem klammheimlichen Vordringen auf feindliches Gebiet in Sicherheit gewähnt, nur um in einem Moment völliger Verwirrung von einer lähmenden Angst vor dem Unbekannten übermannt zu werden. In diesem kurzen Augenblick völliger Bestürzung hatte das Sterben unter diesen Männer eingesetzt, ohne dass sie das Wie und Warum begriffen hätten.
Dieses Überraschungsmoment hatte Richard ausgenutzt, um so schnell wie möglich ihre Linien zu durchbrechen, da er auf keinen Fall in einen Kampf Mann gegen Mann verwickelt werden wollte. Ein schneller Durchbruch war sein Ziel, keine gegen den Feind gerichtete Attacke. Weil sie Nicci, Jillian und Adie beschützen mussten, hatten er, Bruce und General Meiffert nicht mehr tun können, als sich, ohne in ihrem Schwung nachzulassen, mit unnachgiebiger Härte einen Weg durch die Soldaten zu bahnen.
Das war nicht eben leicht gewesen.
So überrascht die Ordenstruppen auf die plötzliche Dunkelheit reagiert hatten, jetzt waren sie in ihrem Element. Dies waren eben-jene Krieger, die der Orden üblicherweise an die Spitze einer Invasion stellte, um den Gegner in einer ersten wuchtigen, jede Gegenwehr zerschlagenden Attacke niederzuwalzen.
Zum Glück waren Richard, Bruce und General Meiffert nun endlich nicht mehr auf sich allein gestellt. Cara streckte jeden nieder, der in ihre Nähe kam, und kletterte über jene hinweg, die Richard in Stücke zu hacken versuchten. Diese Männer wussten, wie man mit bewaffnetem Widerstand umging, hatten aber keine Ahnung von Mord-Sith. Schon begannen die ersten vor Cara zurückzuweichen, nur um von anderen, plötzlich aus dem Nichts auftauchenden Mord-Sith niedergemacht zu werden. Überall hörte man die gequälten Schreie von Soldaten. Unweit davon wurden die Ordenskrieger durch Männer der Ersten Rotte von zwei Seiten gleichzeitig bedrängt. Richard sah General Trimack seine Leute ins dichteste Schlachtgetümmel führen, die Elite der Elite, die den Ordenskriegern nicht nur an Körpergröße, sondern auch sonst in jeder Hinsicht mehr als ebenbürtig war. Die D’Haranischen Soldaten waren ausnahmslos kampferprobte Männer.