General Meiffert und Jillian knieten auf der anderen Seite der alten Frau. Jillian hatte ihre Hand ergriffen und presste sie an ihre Brust. Nathans Blick war müde, seine Augen voller Tränen. »Tut mir leid, Richard, aber es könnte sein, dass dies meine Fähigkeiten übersteigt.«
Richard schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter, als er Adie betrachtete. Sie schaute mit ihren vollkommen weißen Augen zu ihm hoch und schien trotz ihrer vermutlich fürchterlichen Schmerzen ganz mit sich im Reinen.
»Wir haben es geschafft, Adie. Euer Plan hat funktioniert. Ihr habt uns bis hierher gebracht.«
»Ich bin sehr froh, Richard.« Ein dünnes Lächeln ging über ihre Lippen.
»Aber jetzt musst du Nicci helfen.«
»Kümmert Euch erst einmal um Euch selbst.«
Sie packte ihn am Arm und zog ihn näher. »Du musst ihr helfen. Meine Arbeit ist getan. Sie ist jetzt deine einzige Chance, all das zu retten, was uns in dieser Welt lieb und teuer ist. Hilf Nicci. Sie ist jetzt deine einzige Hoffnung. Versprich es mir.«
Richard nickte und fühlte eine Träne über seine Wange laufen. »Ich verspreche es.«
Ihr Lächeln wurde breiter, bis sich die feinen Fältchen ihrer Wangen verzogen.
Richard konnte nicht anders: Was sie soeben getan hatte, nötigte ihm ein Lächeln ab. Hexenmeisterinnen, hatte Zedd ihm einst erklärt, gaben nie ihr ganzes Wissen preis und lullten einen dadurch so sehr ein, dass man Dingen zustimmte, die man sonst niemals akzeptieren würde.
»Ich brauche keine Hexenmeisterinnentricks, damit ich mein Versprechen halte, Nicci zu helfen. Nathan wird sie von ihrem Ring befreien.«
Sie lächelte ihn an, und er spürte ihren Griff ein wenig fester werden. »Da wäre ich nicht so sicher, Richard. Sie braucht Hilfe, wie nur du sie ihr geben kannst.«
Er wusste nicht, was er tun könnte, dessen nicht auch Nathan fähig wäre. Selbst wenn er auf seine Gabe zurückgreifen könnte, hatte er schon seit langem die Verbindung zu ihr verloren. Als Adies Augen sich langsam schlossen und Jillian vor Kummer zu weinen begann, legte General Meiffert ihr einen Arm um die Schultern.
»Lord Rahl!«, rief Cara.
Richard und Nathan sahen sich zu der Mord-Sith um, die sich über Nicci beugte. »Beeilt Euch!«
»Haltet durch!«, sagte Nathan leise zu Adie und legte ihr sachte einen Finger an die Stirn. Mit einem Seufzer erschlafften Adies Muskeln.
»Das wird sie fürs Erste ruhigstellen«, vertraute er Richard an.
»Vielleicht kann ich mithilfe der Schwestern später mehr für sie tun.«
Richard nickte, fasste Nathan unterm Arm und half ihm auf die Beine. Gleich darauf waren sie bei Nicci. Sofern das überhaupt möglich war, schien sich Niccis Zustand noch verschlechtert zu haben. Sie wand sich im Griff einer unsichtbaren Kraft, die ihr das Leben aus dem Leib zu pressen versuchte.
Nathan hob Niccis Augenlid ein wenig an und machte sich rasch ein Bild von ihrem Allgemeinzustand. Dann streckte er sich, legte beide Hände auf das glatte Metall an ihrem Hals und schloss, die Stirn vom angestrengten Einsatz unsichtbarer Kräfte tief zerfurcht, für einen Moment die Augen. Die Luft ringsum schien von einer sanften Vibration zu summen. Nach einem Moment erstarb die widersprüchliche Empfindung wieder.
»Tut mir leid, Richard«, sagte er ruhig, als er sich schließlich wieder aufrichtete.
»Was soll das heißen, es tut dir leid? Er sitzt noch immer fest um ihren Hals. Du musst ihn ihr abnehmen, ehe er sie umbringt.«
Als Nathan seinen Blick über all die Toten schweifen ließ, schienen seine tiefblauen Augen noch ein wenig feuchter als vor wenigen Augenblicken. Schließlich fand sein sorgenvoller Blick zurück zu Richard.
»Tut mir leid, mein Junge, aber ich kann nichts für sie tun.«
»Doch, könnt Ihr«, mischte sich Cara ein. »Ihr könnt ihr den Halsring abnehmen.«
»Ich würde es ja tun, wenn ich könnte« - er schüttelte mutlos den Kopf – »aber ich kann es nicht. Er wird von beiden Seiten ihrer Gabe gehalten, und ich besitze nur die additive.«
Richard gab nicht auf. »Der Palast verstärkt doch deine Fähigkeiten. Du bist ein Rahl, hier im Palast sind deine Kräfte sehr viel stärker. Also benutze sie auch.«
»Für meine additive Seite mag das durchaus zutreffen ... aber ich besitze keine subtraktive Magie, die man verstärken könnte. Und ohne das Entgegenwirken der subtraktiven Seite sind mir die Hände gebunden.«
»Du könntest es doch wenigstens versuchen!« Nathan legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Das habe ich bereits getan. Meine Talente reichen nicht aus. Tut mir leid.« »Aber dann wird sie sterben.«
Nathan sah ihm in die Augen und nickte langsam. »Ich weiß.« Hinter ihm erschien General Meiffert. »Lord Rahl.« Beide, Nathan und Richard, blickten auf.
Einen Moment lang zögerte der General, während sein Blick zwischen beiden hin und her wechselte. »Wir müssen etwas unternehmen, bevor es ihnen gelingt, weitere Truppen durch diese Gänge bis hierher zu schicken. Niemand vermag zu sagen, wie viele Soldaten sich noch in den anderen Gängen und Räumlichkeiten dort unten befinden, die nur darauf warten, den Angriff wiederaufzunehmen. Wir müssen unverzüglich handeln.«
»Säubert die Gänge«, schlug Richard vor. Seine Stimme klang ihm hohl in den Ohren.
»Was?«, fragte Nathan.
»Lasst die Flure hier oben räumen und vergewissert Euch, dass sich keine Ordenssoldaten mehr hier befinden, dann setzt Zaubererfeuer ein. Jagt es durch die Katakomben. Die Katakomben sind den Toten vorbehalten, also säubert sie von allen Lebenden.«
Nathan nickte. »Ich werde mich augenblicklich darum kümmern.«
Richard erhob sich, Niccis Hand mit festem Griff umklammert, und blickte zu dem hochaufgeschossenen Zauberer hoch. »Aber irgendetwas musst du doch tun können, Nathan.«
»Ich kann verhindern, dass noch mehr von ihnen durchbrechen.«
»Ich meinte im Hinblick auf Nicci. Was können wir tun, um ihr zu helfen?«
»Bleib bei ihr, Richard. Weiche nicht von ihrer Seite, bis es vorbei ist. Lass sie in ihren letzten Augenblicken nicht allein. Mehr können wir im Moment nicht tun.«
Dann machte er mit einem eleganten Schwung seines Umhangs kehrt und eilte General Meiffert hinterher.
44
Cara, die neben ihm auf den Fersen hockte, legte ihm voller Mitgefühl eine Hand auf die Schulter, als er sich über Nicci beugte. Ihm war selbst, als wäre alles Leben aus ihm gewichen. Er nahm Nicci schützend in die Arme, ohne ihr aber wirklich Schutz oder Rettung bieten, sie von Jagangs Anspruch auf ihr Leben erlösen zu können.
Die Ereignisse, die ihn an diesen Punkt seines Lebens gebracht hatten, schienen ihm über den Kopf zu wachsen. Was er auch tat, die gläubigen Anhänger der Imperialen Ordnung brachten ihre Sache unaufhaltsam weiter voran. In ihrem Fanatismus waren sie entschlossen, das Leben jeglicher Freude und jeglichen Sinns zu berauben, bis das nackte Dasein zu unerträglichem Leid verkümmerte.
Nicci, obwohl weitgehend teilnahmslos, schlang ihm den Arm ein wenig fester um den Hals, so als wollte sie ihn in seinem Kummer trösten, ihm sagen, dass sie bald ihren ewigen Frieden jenseits aller Schmerzen finden werde. Und obwohl er wusste, dass sie dann endlich von diesem entsetzlichen Leid erlöst und für Jagang unerreichbar sein würde, fand er die Vorstellung unerträglich, dass sie aus der Welt des Lebens scheiden könnte.
In diesem Moment erschien ihm alles sinnlos. Alles Gute im Leben wurde systematisch zerstört von Menschen, die inbrünstig glaubten, ihr frommer Lebenszweck bestünde darin, jeden hinzumetzeln, der sich nicht den Glaubensüberzeugungen des Ordens unterwarf. Die Welt befand sich in der Gewalt vollkommenen Irrsinns. Und nun wurde auch Nicci nach und nach alles Leben entzogen. Als Richard in Gedanken der Welt den Rücken kehrte und den Blick nach innen richtete, spürte er plötzlich ein heftiges, ruckartiges Reißen in seinem Innern, das ihn für einen Moment in einem seltsamen, lautlosen Jenseits gefangen hielt, ehe es ihn in einen inneren Sturm zurückstieß. Er wusste nicht, woher diese innere Wirrnis plötzlich rührte, doch plötzlich war ihm, als hätte er sich zwischen unzähligen Meteoren verloren. Bis diese plötzlich von irgendeinem Ort in den unergründlichen Tiefen seines Seins explosionsartig auseinanderstoben. Cara packte ihn am Arm und rüttelte ihn. »Lord Rahl! Was ist denn nur? Lord Rahl!«