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Er merkte, dass er schrie und nicht mehr aufhören konnte. Und mitten in diesem Zustand äußerster Erregung überkam ihn die Erkenntnis.

Schlagartig war ihm jenseits allen Zweifels der Grund für die Empfindung klar.

Es war wie ein Erwachen.

Die strahlende Kraft dieser Wiedergeburt war überwältigend. Jede Faser seines Seins brannte plötzlich vor einer ihr innewohnenden Lebendigkeit, und gleichzeitig war er bis ins Mark eines jeden einzelnen Knochens erfüllt von einem so monumentalen Schmerz, dass er fast das Bewusstsein verlor.

Er konnte sein Erbe wieder in seinem Innern brennen spüren, fühlte sich seit scheinbar einer Ewigkeit zum ersten Mal wieder vollständig. Fast war es, als hätte er vergessen, wer er war, als wäre er von seinem Weg abgekommen, und all das wäre in einem einzigen Moment gleißender Klarheit zurückgekehrt.

Seine Gabe war wieder da. Er hatte keine Ahnung, wie oder warum, aber sie war zurückgekehrt. Was ihn jedoch bei Bewusstsein hielt, die Konzentration seines Geistes aufrechterhielt, war der brodelnde Hass auf alle, die durch die Selbstrechtfertigung ihrer verdrehten Glaubensüberzeugungen anderen Leid zufügten.

In diesem Moment, da sein blindwütiger Zorn auf alle, deren Daseinszweck sich im Hass und dem Zufügen von Leid erschöpfte, durch diese entscheidende Verbindung mit seiner Gabe strömte, vernahm er ein metallisches Knallen.

Nicci stöhnte auf.

Richard, sich des Geschehens kaum bewusst, merkte, dass sie die Arme um ihn geschlungen hatte und keuchend nach Atem rang.

»Lord Rahl!« Cara rüttelte ihn. »Seht doch! Der Halsring hat sich gelöst! Und auch der goldene Ring in ihrer Unterlippe ist verschwunden.«

Richard lehnte sich zurück, um in Niccis blaue Augen sehen zu können. Sie starrte zu ihm hoch. Der Rada’Han war auseinandergeplatzt und lag in Trümmern unter ihrem Hals.

»Deine Gabe ist zurückgekehrt«, hauchte sie, kaum bei Bewusstsein. »Ich kann sie spüren.«

Es stimmte, wie er jenseits allen Zweifels wusste. Völlig unerklärlicherweise war seine Gabe zurückgekehrt.

Als er sich umsah, bemerkte er einen Wald von Beinen. Männer der Ersten Rotte hatten ihn umringt, blankgezogene Waffen in den Händen. Zwischen ihnen und ihm selbst hatten sich, getrennt durch eine Wand aus rotem Leder, Egan und Ulic aufgepflanzt.

Jetzt erst dämmerte ihm, dass er, als der sengende Schmerz in seinem Innern explodierte, geschrien haben musste. Wahrscheinlich hatten sie gedacht, jemand wolle ihm ans Leben.

»Richard.« Nicci machte ihn auf sich aufmerksam, mit einer Stimme, die kaum mehr als ein kraftloses Wispern war. »Hast du den Verstand verloren?«

Mehrmals musste sie sich zwingen, die Augen zu öffnen. Ihre’Stirn war mit Schweißperlen bedeckt. Sie war von ihren schweren Qualen völlig erschöpft und brauchte dringend Ruhe, wenn sie sich wieder vollends erholen wollte. Trotzdem war es zutiefst ermutigend, endlich wieder einen Funken Leben in ihren Augen zu sehen.

»Wie meint Ihr das?«

»Warum in aller Welt hast du dich über und über mit diesen Symbolen in roter Farbe bemalt?«

Cara warf ihm einen Blick zu. »Mir gefällt’s.«

Die über ihn gebeugte Berdine nickte. »Mir auch. Erinnert mich ein bisschen an unsere roten Lederanzüge, nur eben ohne die Anzüge.«

»Steht ihm wirklich ausgezeichnet«, bestätigte Nyda. Bei aller Erschöpfung war Niccis Gesichtsausdruck anzusehen, dass sie das gar nicht komisch fand. »Wo in aller Welt hast du das nur gelernt? Ist dir überhaupt klar, welche Gefahr diese Symbole bedeuten?«

Richard zuckte die Achseln. »Natürlich. Warum, glaubt Ihr, hätte ich sie sonst aufgetragen?«

Nicci ließ sich zurückfallen. Offenbar war sie zu erschöpft, um zu widersprechen. »Hör zu. Wenn ich nicht... wenn überhaupt... hör zu - du darfst Kahlan auf keinen Fall von euch beiden erzählen.«

Richard legte die Stirn in Falten und beugte sich näher, um sie besser verstehen zu können. »Was meint Ihr damit?«

»Es ist ein steriles Feld vonnöten. Das musst du wissen, für den Fall, dass mir etwas zustößt und ich es nicht schaffe. Du darfst ihr nicht von euch beiden erzählen. Wenn du ihr von eurer gemeinsamen Vergangenheit erzählst, wird sie nicht funktionieren.«

»Was wird nicht funktionieren?«

»Die Macht der Ordnung. Sollte sich dir jemals die Gelegenheit bieten, die Macht der Ordnung zu beschwören, bedarf sie eines sterilen Feldes, wenn sie funktionieren soll. Was bedeutet, dass Kahlan keinerlei Vorwissen über eure Liebe haben darf, da diese Erinnerungen sonst nicht wiederhergestellt werden können. Erzählst du ihr davon, ist sie für dich endgültig verloren.«

Richard nickte, nicht ganz sicher, wovon sie redete, gleichwohl zutiefst besorgt. Er befürchtete, sie könnte sich nach den Qualen in dem Halsring im Fieberwahn befinden. Was sie sagte, klang alles andere als schlüssig, trotzdem war dies kaum der rechte Ort und Augenblick, um darauf einzugehen. Zuerst musste sie wieder vollständig hergestellt und bei klarem Verstand sein.

»Hörst du mir überhaupt zu?« Immer wieder fielen ihr die Augen zu, während sie darum kämpfte, bei Bewusstsein zu bleiben. Er war unsicher, ob er sie noch rechtzeitig von dem Halsring befreit hatte. Auf jeden Fall war sie längst noch nicht wieder sie selbst.

»Ja, alles in Ordnung. Ich höre zu. Steriles Feld, hab schon verstanden. Und nun entspannt Euch, bis wir Euch irgendwohin gebracht haben, wo Ihr Euch ausruhen könnt. Dann könnt Ihr mir alles erklären. Jetzt seid Ihr erst einmal in Sicherheit.«

Richard erhob sich, während Cara und Berdine Nicci aufhalfen.

»Sie braucht dringend ein ruhiges Fleckchen, wo sie sich ausruhen kann«, erklärte er den beiden.

Berdine legte ihr stützend einen Arm um die Hüfte. »Ich werde mich darum kümmern, Lord Rahl.«

Es war schon eine Weile her, dass er jemanden ihn »Lord Rahl« hatte nennen hören. Dann kam ihm der Gedanke, dass es Nathan womöglich übel aufstoßen könnte, plötzlich als Lord Rahl abgesetzt zu sein. Immerhin war er nicht zum ersten Mal in die Rolle des Lord Rahl genötigt worden, nur um mit ansehen zu müssen, wie Richard den Titel bei seiner Rückkehr wieder für sich selbst beanspruchte. Doch ehe er richtig darüber nachdenken konnte, vernahm er ein seltsames Geräusch - ein Knistern, so als ob etwas brannte, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Als sich der Ring aus Soldaten um ihn teilte, um ihn und Nicci durchzulassen, sah er einen Mann auf sie zukommen. Doch auf den zweiten Blick war er sich des Gesehenen nicht mehr ganz so sicher. Es schien ein Soldat der Ersten Rotte zu sein, und doch auch wieder nicht. Die Uniform wirkte ein wenig ... beliebig. General Trimack, bemüht, Richard zu helfen, schob einige seiner Männer mit ausgestrecktem Arm aus dem Weg, um ihn durchzulassen, doch der war stehen geblieben und schaute zu, wie der Soldat sich nicht allzu weit entfernt einen Weg durch das Blutbad bahnte.

Der Mann hatte kein Gesicht.

Sein erster Gedanke war, dass er womöglich fürchterliche Verbrennungen erlitten hatte, dass sein Gesicht sozusagen weggeschmolzen war. Doch seine Uniform war unversehrt, und auch sonst wirkte seine Haut weder verbrannt, noch wies sie Blasen auf. Vielmehr schien sie glatt und gesund. Auch ging er nicht, als wäre er verwundet.

Und doch hatte er kein Gesicht.

Wo seine Augen hätten sein sollen, befanden sich nur leichte Ver tiefungen in der glatten Haut, und darüber nur der Ansatz einer Stirnwulst. Anstelle der Nase war nur eine leichte senkrechte Erhebung zu erkennen, nicht mehr als die Andeutung des Riechorgans. Mund hatte er keinen. Er sah aus, als wäre sein Gesicht eine tönerne, noch nicht zu vollständigen Zügen ausgestaltete Masse. Auch seine Hände wirkten unfertig. Er besaß keine einzelnen Finger, nur die Daumen, so dass seine Hände wie fleischige Fäustlinge wirkten.