Der Anblick war so verstörend, dass einen unwillkürlich Angst überkam. Ein Soldat der Ersten Rotte, der gerade einen Verletzten versorgte und nur die oberflächliche Ähnlichkeit mit einer Uniform der Ersten Rotte von schräg hinten nahen sah, richtete sich auf und drehte sich mit ausgestrecktem Arm ein Stück zur Seite, so als wollte er den Mann am Rande seines Gesichtsfeld bitten, zurückzubleiben. Der Gesichtslose hob die Hand und berührte den Soldaten am Arm.
Sofort wurden Gesicht und Hände des Soldaten schwarz und rissig, als hätte eine gewaltige Hitze sein Fleisch schlagartig zu einer verkohlten Kruste verbrannt. Er hatte nicht einmal mehr Zeit zu schreien, ehe er zu völliger Unkenntlichkeit verkohlte und mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden landete - es war ebenjenes Geräusch, das Richard einen Augenblick zuvor vernommen hatte.
Unterdessen hatte der Gesichtslose erkennbarere Züge angenommen. Seine Nase hatte an Gestalt gewonnen, und er besaß die Andeutung eines Schlitzes als Mund. Es war, als habe er seine Züge dem soeben genommenen Leben abgewonnen.
Im Nu stellten sich weitere Soldaten der Ersten Rotte der nahenden Gefahr in den Weg. Der Gesichtslose streifte sie auf seinem mühelosen Marsch durch ihre Verteidigungslinie nur leicht, worauf ihre Gesichter augenblicklich ebenfalls zu schwarz verkohlten, keinerlei menschliche Züge mehr aufweisenden Runzeln zusammenschrumpften, ehe die Männer leblos zu Boden sanken.
»Die Bestie«, stöhnte Nicci unmittelbar neben Richard, der sie stützen half. Ihr Arm lag über seiner Schulter. »Die Bestie«, stöhnte sie erneut, ein wenig lauter diesmal, für den Fall, dass er sie beim ersten Mal nicht gehört hatte. »Deine Gabe ist zurückgekehrt. Die Bestie kann dich wieder finden.«
Schon führte General Trimack ein halbes Dutzend Männer gegen die neue Bedrohung, die, unbeeindruckt von den sich von allen Seiten auf sie stürzenden Soldaten, weiterhin auf Richard zuhielt. Mit einem gewaltigen Aufschrei ließ er seine Klinge in einem mächtigen Hieb sirrend auf die anrückende Bedrohung niedergehen, doch der Mann machte keinerlei Anstalten, dem Schlag auszuweichen. Die Klinge bohrte sich dicht am Hals einen guten Fuß weit in die Schulter und trennte diese fast gänzlich ab - eine Verletzung, die jeden gestoppt hätte, zumindest jeden Lebenden.
Die Hände noch am Schwert, zerfiel der General augenblicklich zu einem Klumpen geschrumpelten, verkohlten, rissigen und blutigen Fleisches, der augenblicklich zu zerfließen begann. Ohne ein Zucken, ohne auch nur zu schreien, brach er am Boden zusammen, entstellt zu völliger Unkenntlichkeit, hätte er nicht seine Uniform getragen. Der Gesichtslose, das Schwert noch immer tief in der Schulter, geriet nicht einmal ins Stocken. Sein Gesicht hatte weiter an Kontur gewonnen, jetzt waren bereits die ersten Andeutungen von Augen in den Höhlen zu erkennen. Seitlich im Gesicht begann sich eine Narbe abzuzeichnen, ganz ähnlich der des Generals.
Nun begann die Schwertklinge zu rauchen und sich weißglühend zu verfärben, als wäre sie soeben aus der Esse eines Schmieds gezogen worden, dann bogen sich die Enden nach unten, als es zu zwei Hälften zerschmolz und dort, wo es in der Brust des Mannes steckte, auseinanderbrach. Die Schwertspitze fiel scheppernd hinter seinem Rücken auf den Boden, das Heft prallte einmal ab und landete dann zischend und dampfend auf einem in der Nähe liegenden Toten. Von allen Seiten stürmten jetzt Soldaten herbei, um die nahende Bedrohung aufzuhalten.
»Zurück!«, schrie Richard. »Alle miteinander! Zurück!«
Eine der Mord-Sith rammte ihm den Strafer gegen den Halsansatz, verwandelte sich schlagartig in einen zischenden und rauchenden Leichnam und kippte nach hinten weg.
Wo eben noch die Andeutung von Behaarung auf der Bestie zu sehen gewesen war, wuchsen jetzt blonde Strähnen, wie die Mord-Sith sie noch einen Augenblick zuvor getragen hatte.
Zu guter Letzt blieben alle stehen und begannen zurückzuweichen, um die Gefahr zumindest einzugrenzen, ohne in ihre Reichweite zu gelangen. Von einem in der Nähe stehenden Soldaten der Ersten Rotte schnappte sich Richard eine Armbrust, die bereits mit einem jener tödlichen rot befiederten Pfeile bestückt war.
Und als der Mann mit dem sich entwickelnden Gesicht weiterhin entschlossen auf ihn zuhielt, riss er die Armbrust hoch und betätigte den Auslöser.
Der rot befiederte Bolzen traf ihn mitten in der Brust. Der Mann - die Bestie - stockte. Seine vormals glatte Haut begann sich schwarz zu verfärben und zu verkohlen, ganz so, wie die der zuvor von ihm gestreiften Männer. Dann gaben seine Knie nach, und die Bestie brach, scheinbar nicht anders als all seine Opfer zuvor, schmauchend zusammen. Im Gegensatz zu ihnen jedoch glomm sie weiter. Zwar züngelten keine Flammen empor, doch das ganze Wesen, auch die Uniform, die, wie Richard jetzt erkannte, nicht aus Stoff, Leder und Panzerung bestand, sondern tatsächlich ein Teil der Bestie war, zerlief Blasen bildend, bis die sich auflösende Masse zu einem schwarzverkohlten Brei gerann. Unter den Augen der völlig verdutzten Umstehenden verbrannte sie flammenlos, trocknete ein, wurde rissig und warf sich auf, bis nur noch Asche übrig war.
»Du hast deine Gabe benutzt«, hauchte Nicci mit schlaff herabhängendem Kopf. »Deshalb hat sie dich gefunden.«
Richards Nicken galt niemand Bestimmtem. »Berdine, bringt Nicci bitte irgendwohin, wo sie ein wenig ausruhen kann.«
Er hoffte sehr, dass sie sich erholen und wieder gesund werden würde, denn er mochte sie nicht nur, sondern er war dringend auf sie angewiesen. Adie hatte recht gehabt, sie war seine einzige Hoffnung.
45
»Schau an, schau an, was bist du doch gerissen!«
Rachel stieß einen spitzen Schrei aus, fuhr auf und wandte sich herum in die Richtung, aus der die dünne Stimme gekommen war. Starre, weißlich blaue Augen waren auf sie geheftet. Sechs!
Instinktiv wäre sie am liebsten fortgelaufen, wusste aber, dass es sinnlos wäre, sich weiter in den hinteren Teil der Höhle zurückzuziehen, und den Weg nach draußen versperrte Sechs. Es gab kein Entrinnen. Rachel besaß zwar ein Messer, aber selbst das erschien ihr in diesem Moment geradezu lächerlich unzulänglich.
Ganz allein mit der Hexe in einer solchen Lage, war diese noch weit Furcht einflößender als in ihrer Erinnerung. Ihr schwarzes Haar sah aus wie von tausend schwarzen Witwen geflochten, und ihre Haut spannte zum Zerreißen straff über ihren knotigen Wangenknochen. In den Schatten war ihr schwarzes Kleid kaum auszumachen, so dass ihr fahles Gesicht und ihre Hände völlig losgelöst in der totenstillen Höhle zu schweben schienen.
Fast wären ihr die gespenstischen Kobolde lieber gewesen als diese Hexe. Sie überlegte, wie lange sie wohl schon dort im Finstern gestanden und sie beobachtet hatte. Sechs konnte sich lautlos wie eine Schlange bewegen und hatte keine Mühe, sich auch in völliger Dunkelheit zurechtzufinden. Rachel wäre nicht im Mindesten überrascht gewesen, wenn sie obendrein auch noch eine gespaltene Zunge besessen hätte. Sie war bei ihrer Arbeit an der Zeichnung von Richard so in Konzentration versunken gewesen, dass sie darüber nicht nur die Zeit vergessen hatte, sondern ein wenig auch, wo sie sich befand. Ihre Arbeit hatte sie so sehr in Anspruch genommen, dass sie jedes Gefühl der Vorsicht aufgegeben hatte. Sie hatte gar nicht gewusst, dass etwas sie so sehr vereinnahmen konnte.
Rachel kam sich töricht vor, dass sie sich aus lauter Sorglosigkeit hatte erwischen lassen, dass ihr ein so dummer Fehler unterlaufen war. Chase hätte beschämt den Kopf geschüttelt und sie gefragt, ob sie sich denn überhaupt nichts gemerkt hätte von dem, was er ihr beigebracht hatte. Dabei hatte sie nur das an Richard begangene Unrecht aufheben wollen – unbedingt. Sie wusste, was es hieß, im Mittelpunkt eines solchen Banns zu stehen, wie hilflos es einen machte. Ihm sollte es nicht ebenso ergehen, obwohl er schon viel länger unter diesem Bann stand, als sie jemals zuvor. Sie hatte ihm doch nur helfen wollen, sich aus der Gewalt dieser bösen Zeichnungen zu befreien.