Ihr war das Risiko bewusst gewesen, das sie eingehen würde, aber immerhin war er ihr Freund. Er hatte ihr so oft geholfen, da wollte sie sich wenigstens einmal revanchieren.
Sechs blickte in das Dunkel im Hintergrund der Höhle, jenseits der Öllampe, in das Dunkel, wo Violets Gebeine lagen.
»Doch, durchaus gerissen.«
Rachel schluckte. »Was denn?«
»Wie du die alte Königin beseitigt hast«, sagte Sechs mit seidenweichem Zischeln.
Verwirrt warf Rachel einen Blick über ihre Schulter. Sie konnte nichts dagegen tun. »Die alte Königin?« Sie sah die Hexe wieder an. »Violet war doch nicht alt.«
Sechs setzte ein Lächeln auf, dass Rachel beinahe unter sich gemacht hätte.
»Sie war im Augenblick ihres Todes so alt, wie sie jemals werden würde, meinst du nicht auch?«
Rachel verzichtete darauf, das Rätsel lösen zu wollen. Sie war zu eingeschüchtert, um einen klaren Gedanken zu fassen. Unvermittelt trat Sechs ins Licht. »Auf wie alt schätzt du dich in diesem Moment, Kleines?«
»Genau weiß ich das nicht«, antwortete Rachel so ehrlich wie möglich. Sie schluckte entsetzt. »Ich bin ein Waisenkind. Ich weiß nicht, wie alt ich bin.«
Der Besuch ihrer Mutter kam ihr wieder in den Sinn - wenn sie es denn überhaupt gewesen war. Im Nachhinein erschien es ihr gar nicht mehr so klar. Wieso hätte ihre Mutter sie in einem Waisenhaus zurücklassen sollen? Wenn sie es tatsächlich gewesen war, warum hätte sie Rachel dann alleine lassen sollen? Und wieso sollte sie sie mitten im Nirgendwo besuchen, nur um sie gleich darauf wieder zu verlassen? Als sie in Rachels Unterschlupf getreten war, hatte es vollkommen natürlich gewirkt, aber jetzt wusste sie nicht mehr, was sie davon halten sollte. Ihre Antwort ließ Sechs nur lächeln, allerdings entbehrte dieses Lächeln aller Freude. Vermutlich kannte sie gar kein freudiges Lächeln, nur dieses gerissene, mit dem sie den Menschen zu verstehen gab, wie düster und hexenhaft ihre Gedanken waren.
Mit ihrem langen, knochendürren Finger zeigte die Hexe auf die Zeichnung Richards. »Da steckt eine Menge Arbeit drin, weißt du.«
Rachel nickte. »Ich weiß. Ich war dabei, als Ihr und Violet sie angefertigt habt.«
»Ja«, meinte Sechs gedehnt, während sie Rachel betrachtete, wie eine Spinne eine in ihrem Netz gefangene, panisch summende Fliege. »Das warst du zweifellos, nicht wahr?«
Sie trat näher an die Zeichnung heran. »Dies hier« - mit einer fahrigen Bewegung wies sie auf eine der von Rachel veränderten Stellen - »wie hast du das gemacht?«
»Na ja, ich hab mich erinnert, was Ihr Violet über die finalen Elemente erzählt habt.« Rachel verzichtete darauf zu erwähnen, dass sie wusste, was sich hinter diesem Begriff verbarg. »Ich weiß noch, wie Ihr gesagt habt, dass diese Verbindung sie über den Azimuth-Winkel mit der Person verbindet, so dass der Bann den Betreffenden finden und ihm die entsprechende Bürde auferlegen kann. Ich dachte, demnach müsste es für das Funktionieren des Ganzen ziemlich wichtig sein. Also habe ich die Verhältnisse geändert, damit sich die Position verschiebt, die es mit dem Objekt verbindet.«
Sechs hörte bedächtig nickend zu. »Wodurch eine fundamentale Stütze für die Stellungsstruktur unterbrochen wäre«, sagte sie bei sich. »Ich muss schon sagen.« Nachdenklich schüttelte sie den Kopf, während sie sich die Zeichnung von Nahem besah. Die Stirn gerunzelt, sah sie sich zu Rachel um. »Du bist nicht nur ziemlich begabt, Kleines, sondern auch recht erfinderisch.«
Rachel hielt es für klüger, sich nicht zu bedanken. Trotz des Lächelns auf ihren Lippen war Sechs vermutlich alles andere als glücklich, das volle Ausmaß des Schadens zu entdecken, den sie, Rachel, in der Zeichnung angerichtet hatte. Zumal sich Rachel einigermaßen darüber im Klaren war, welchen Schaden sie in Wahrheit angerichtet hatte. Sechs wies mit ihrem knochendürren Finger. »Hier. Wieso hast du hier diese Linie hinzugefügt? Warum hast du die Verbindung nicht einfach gelöscht?«
»Weil ich dachte, es würde nur den Halt des Banns schwächen.« Rachel wies auf mehrere andere Elemente. »Diese hier stützen ebenfalls die Hauptelemente, er hätte also trotzdem gehalten, auch wenn ich die Verbindung gelöscht hätte. Hätte ich stattdessen diese Variante hinzugefügt, hätte sie die bereits eingerichtete Verbindung umgeleitet und somit unterbrochen, statt sie einfach nur zu lockern.«
Sechs schüttelte den Kopf. »Was hast du doch für ein ausgezeichnetes Gehör. Ich wusste gar nicht, dass Kinder bei diesen Dingen eine so schnelle Auffassungsgabe besitzen können.«
»Von schnell kann nicht die Rede sein«, widersprach Rachel. »Ihr musstet diese Dinge für Violet doch immerzu wiederholen. Da wäre es ziemlich schwierig gewesen, sie nach einer Weile nicht zu begreifen.«
Sechs lachte amüsiert in sich hinein. »Ja, sie war ziemlich dumm, nicht?«
Rachel verzichtete auf eine Antwort. Sie kam sich im Augenblick selbst nicht allzu schlau vor, wo sie sich doch so leicht hatte erwischen lassen. Sechs ging mit verschränkten Armen vor der Zeichnung auf und ab, untersuchte Rachels Werk und nahm, dabei kleine Laute von sich gebend, sorgfältig die ganze Zeichnung in Augenschein. Rachel fand es entmutigend, dass ihr sofort jede von ihr vorgenommene Veränderung ins Auge fiel. Nicht eine einzige entging dieser Hexe.
»Ziemlich eindrucksvoll«, bemerkte sie, ohne sich umzusehen. Sie warf eine Hand in die Luft. »Du hast das ganze Gefüge zunichtegemacht.« Sie wandte sich herum zu Rachel. »Und damit den kompletten Bann aufgehoben.«
»Aber leid tut es mir nicht.«
»Nein, vermutlich nicht.« Sie tat einen tiefen Seufzer. »Na ja, es ist ja kein wirklicher Schaden entstanden. Seinen Zweck hat er erfüllt. Ich nehme an, künftig wird er nicht mehr gebraucht.«
Rachel vernahm es mit Verbitterung.
»Ganz vergeblich war er trotzdem nicht.«
Die Arme immer noch verschränkt, bedachte sie Rachel mit einem verschlagenen Blick. »Offenbar habe ich eine neue Künstlerin gewonnen, eine, die etwas schneller von Begriff ist als die letzte. Gut möglich, dass du dich noch als überaus nützlich erweist. Ich denke, ich werde dich noch ein Weilchen am Leben lassen. Was hältst du davon?«
Rachel nahm all ihren Mut zusammen. »Ich werde keine Sachen zeichnen, um anderen wehzutun.«
Das Lächeln kehrte zurück, jetzt noch breiter. »Nun, wir werden sehen.«
46
Kahlan war so erschöpft, dass sie jeden Moment vom Rücken des mächtigen Pferdes zu kippen drohte. An seinen ungleichmäßigen Schritten erkannte sie, dass das mit einer dicken Schweißschicht bedeckte Pferd ebenfalls kurz vor dem Zusammenbruch stand. Aber offenbar war ihr Retter fest entschlossen, es zu Tode zu reiten.
»Das Pferd wird dieses Tempo nicht durchhalten. Meinst du nicht, wir sollten Halt machen?«
»Nein«, antwortete er über seine Schulter knapp.
Wenigstens konnte Kahlan im fahlen Licht der falschen Dämmerung die ersten schwarzen Umrisse einiger Bäume auftauchen sehen. Es war beruhigend zu wissen, dass sie schon bald die weite Offenheit der Az-rithEbene hinter sich lassen würden. In der Ebene waren sie, stand die Sonne erst am Himmel, aus jeder Richtung meilenweit zu sehen. Sie wusste nicht, ob sie verfolgt wurden, aber selbst wenn nicht, gab es wahrscheinlich Patrouillen, denen sie leicht auffallen konnten. Allerdings glaubte sie nicht so recht daran, dass Jagang sie einfach entkommen lassen würde, ohne ein paar ihrer Sonderbewacher auf ihre Spur zu setzen, um sie wieder einzufangen. Er verfolgte einen Racheplan, und den würde er nicht einfach aufgeben. Hatten die Schwestern ihn erst wieder geheilt, würde er zweifellos bei übelster Laune sein und entschlossen, sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zurückzuholen. Jagang war kein Mann, der sich irgendetwas abschlagen ließ, was er unbedingt wollte.
Und auch die Schwestern würden ohne Zweifel Jagd auf sie machen. Womöglich waren sie ihr schon dicht auf den Fersen. Auch wenn sie sie nicht direkt sehen konnten, mithilfe ihrer Kräfte würden sie ihrer Fährte folgen können.