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»Wir müssen über diese roten Farbsymbole sprechen, mit denen du dich bemalt hast.«

»Genau«, meinte Nathan mit düsterer Miene. »Bei dem Gespräch wäre ich auch gern zugegen.«

Richard blickte zu Nicci. »Na schön. Und wo wir schon dabei sind: Ich wüsste gerne ganz genau, wie Ihr die Kästchen der Ordnung in meinem Namen ins Spiel gebracht habt.«

Nicci zuckte leicht zusammen. »Ach, das.«

Richard beugte sich zu ihr. »Ja, das.«

»Nun, wie du bereits sagtest, werden wir uns darüber unterhalten müssen. Es ist nämlich eine Tatsache, dass einige dieser Symbole in einer unmittelbaren Beziehung zu den Kästchen stehen.«

Das überraschte Richard nicht. Er wusste, dass einige dieser Symbole mit der Macht der Ordnung in Zusammenhang standen, sogar, was sie bedeuteten. Nur deswegen hatte er ja sich und seine Mitspieler überhaupt damit bemalt.

Nicci wies nach vorn. »Wir sind da. Dies ist die Stelle, wo sie eingedrungen sind, in dieser Grabkammer hier.«

Als sie den ziemlich schmucklosen Raum betraten, sah Richard sich um. Auf den Steinwänden befanden sich Inschriften auf Hoch-D’Haran, Grabinschriften, die sich auf die hier vor langer Zeit Beigesetzten bezogen. Der Sarg war zur Seite geschoben worden und hatte eine nach unten führende Treppe freigegeben. Bei ihrem überhasteten Aufstieg zurück in den Palast war es stockfinster gewesen, weshalb Richard von der Umgebung nichts mitbekommen hatte. Als sie unter Adies Führung endlich wieder im Palast waren, hatte er nicht einmal gewusst, wo sie sich befanden.

Nicci deutete hinab in das Dunkel. »Dies ist die Stelle, wo die Schwestern zuerst eingedrungen sind.«

»Demnach befindet sich Ann immer noch in ihrer Gewalt«, stellte Nathan nach einem Blick hinunter in das Dunkel fest. Nicci war verunsichert. »Tut mir leid, Nathan. Ich dachte, Ihr wüsstet Bescheid.«

Seine Miene wurde noch finsterer. »Bescheid worüber?«

Sie verschränkte die Hände leicht vor dem Körper und schlug die Augen nieder. »Ann ist umgebracht worden.«

»Wie?« Mehr brachte Nathan nicht hervor.

»Als ich das letzte Mal hier war - als Ann und ich hier herunterkamen. Wir wurden von drei Schwestern überrascht. Sie hatten ihre Gabe gebündelt, um ihre Kräfte selbst hier einsetzen zu können. Ann war tot, ehe wir ihre Anwesenheit richtig bemerkt hatten. Mich wollte Jagang lebend, sonst hätten sie mich wohl nur zu gerne gleich mit umgebracht.«

Behutsam legte sie dem Propheten die Hand auf den Arm. »Sie hat nicht gelitten, Nathan. Ich glaube, sie hat gar nicht richtig mitbekommen, was passiert ist. Sie war sofort tot.«

Nathan, den Blick auf ferne Erinnerungen gerichtet, nickte nur. Richard legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es tut mir so leid.«

Offenkundig finstere Gedanken verdüsterten Nathans Miene. An hand der eisernen Härte in seinem zornigen Blick hatte Richard wenig Mühe sich vorzustellen, was dem Propheten durch den Kopf ging. Vermutlich waren es die gleichen Gedanken, die auch ihn so oft beschäftigten.

Richard brach das beklommene Schweigen, indem er in den freigelegten Schacht hinunterzeigte. »Ich denke, wir sollten sicherstellen, dass sich dort unten keiner mehr von ihnen versteckt.«

»Es wird mir eine Freude sein«, erwiderte Nathan.

Zwischen seinen nach innen gedrehten Handtellern entzündete sich Zaubererfeuer, ein zorniger Ball aus flüssigem Feuer, der, langsam rotierend, die Kammer mit gleißender Helligkeit erfüllte und seiner Befehle zu harren schien.

Nathan beugte sich über den dunklen Treppenschacht und entfesselte ein tödliches Inferno, das unter zornigem Heulen in das Dunkel stürzte und auf seinem rasanten Fall die behauenen Steinwände erhellte.

»Sobald es seine Arbeit getan hat, werde ich hinabsteigen und den Gang, dort, wo sie eingestiegen sind, zum Einsturz bringen. Dann können sie wenigstens kein zweites Mal an derselben Stelle eindringen«, erklärte Nathan.

»Ich werde Euch bei der Errichtung einiger Schilde aus subtraktiver Magie helfen, damit sie ihn nicht einfach wieder freilegen«, erbot sich Nicci.

Nathan, der seinen eigenen Gedanken nachhing, nickte abwesend.

»Lord Rahl«, fragte Cara mit gesenkter Stimme, »was macht eigentlich Benjamin hier?«

Richard warf einen Blick hinaus auf den Gang, wo der General geduldig wartete. »Keine Ahnung. Er hatte noch keine Gelegenheit, es mir zu verraten.«

Dann überließ er den in die Katakomben hinabstarrenden Nathan seinen Gedanken und trat, begleitet von Cara und Nicci, aus der Kammer zu dem wartenden General Meiffert.

»Was tust du hier, Benjamin?«, erkundigte sich Cara, ehe Richard ihr zuvorkommen konnte. »Solltest du nicht in der Alten Welt sein und die Imperiale Ordnung in Schutt und Asche legen?«

»Richtig«, warf Richard ein. »Nicht, dass ich Eure Hilfe nicht zu schätzen wüsste, aber wieso seid Ihr hier? Vorhin meintet Ihr, Ihr hättet mich aufsuchen müssen, um mir über gewisse Schwierigkeiten zu berichten, auf die Ihr gestoßen seid.«

Einen Moment lang presste er verlegen die Lippen aufeinander. »So ist es, Lord Rahl. Wir sind auf ein großes Problem gestoßen.«

»Ein großes Problem? Und das wäre?«

»Es ist rot, hat Flügel und wird geritten von einer Hexe.«

47

Die Ellbogen auf die Mahagonitischplatte gestützt, fuhr sich Richard mit den Fingern durchs Haar. Er war so müde, dass die Schrift in dem vor ihm liegenden Buch zu verschwimmen begann. In letzter Zeit hatte er so viel gelesen, dass er längst den Überblick verloren hatte, wie viele Tage seine Rückkehr in den Palast des Volkes nun schon zurücklag. Das Ja’La-Spiel, Kahlans Flucht mit Samuel, Richards Rückkehr in den Palast und der anschließende Kampf - all das schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Mithilfe Vernas und mehrerer anderer Schwestern hatte Nathan Adie heilen können, die jedoch bereits nach einer kurzen Erholungspause darauf bestanden hatte, sich erneut auf ihre einsame Reise zu begeben.

Obwohl er Verständnis für ihren Wunsch hatte, fragte er sich, ob sie wegen ihrer Hexenmeisterinnenkräfte im Palast womöglich keine Zukunft für sich sah - sofern es überhaupt noch irgendwo eine Zukunft gab.

Denn nach General Meifferts Bericht über eine Hexe auf einem mächtigen roten Drachen, die Jagd auf D’Haranische Truppen in der Alten Welt machte, schienen die Aussichten auf einmal mehr als düster. Jetzt, da sich die von ihm in die Alte Welt entsandten Truppen, die dort den Nachschub der Ordenstruppen für die Neue Welt stören sollten, selbst vernichtenden Angriffen ausgesetzt sahen, konnte er nicht einschätzen, wie viel Zeit ihnen bliebe, bis der Orden imstande wäre, endgültig jeglichen Widerstand gegen ihre Vision einer neuen Menschheit zu brechen.

Anfangs war er noch zuversichtlich gewesen, die Schlagkraft der Ordenstruppen bereits an der Quelle zu treffen, und eine Zeitlang war diese Strategie auch durchaus aufgegangen. Sie hatten Jagd auf Nachschubtransporte gemacht und sie noch vor Verlassen der Alten Welt vernichtet. Sie hatten Rekrutierungs- und Ausbildungslager in trostlose Wälder aus Pfählen mit darauf aufgespießten Soldatenschädeln verwandelt, hatten im selben Zug Nachschublager zerstört, Ernten vernichtet und die Prediger der widerwärtigen Glaubensüberzeugungen des Ordens getötet.

Bis den Menschen in der Alten Welt schließlich die bittere Wahrheit dieses Krieges zu dämmern begann, den gegen andere zu entfesseln sie so erpicht gewesen waren. Ihre selbstgefällige, hämische Freude über die Niederwerfung der Heiden aus dem Norden durch ihre Truppen war einer allen den Schlaf raubenden Angst gewichen, dass ebendiese Heiden kurz davorstehen könnten, sich grausam an ihnen zu rächen. Die Zahl derer, die andächtig den Predigern der Ordenslehren lauschten, dünnte merklich aus, und in einigen Gebieten waren bereits die ersten Aufstände gegen die Herrschaft der Imperialen Ordnung ausgebrochen. Jagang wusste dem jedoch auf vielfältige Weise zu begegnen. Zum einen ließ er die Verantwortlichen rasch und in aller Schärfe gegen jedes Aufkeimen einer Rebellion vorgehen. Ortschaften, die man der Sympathie mit den Freiheitsgedanken verdächtigte, wurden niedergebrannt, Hinrichtungen zu Tausenden angeordnet. Den Herrschaftsanspruch der Imperialen Ordnung in Frage zu stellen, hatte fürchterliche Folgen, wobei tatsächliche Schuld kaum jemanden interessierte. Das vornehmliche Ziel waren die Bestrafung an sich und die Wiederherstellung der Autorität, weshalb schon ein bloßer Verdacht brutalste Vergeltung rechtfertigte. Schon bald verfielen die Menschen in vorauseilenden Gehorsam, nur zu bereit, den neu erhobenen Nachschubforderungen in vollem Umfang zu entsprechen.