Die weitverbreitete Furcht, des Verrats an der Sache verdächtigt zu werden, hatte die für die Entsendung in den Norden zur Verfügung stehenden Nachschubmengen dramatisch ansteigen lassen, so dass die zusätzlich eingesetzten Nachschubkonvois keine Mühe hatten, alles Nötige zusammenzutragen. Dank der ungeheuren Weite des Landes war also gesichert, dass, aller Anstrengungen der D’Ha ranischen Truppen zum Trotz, noch genügend Material durchkam. Noch gut waren Richard die frischen Lebensmittelvorräte wie der Schinken in Erinnerung, daher wusste er, dass die Taktik, zumindest fürs Erste, aufging.
All dies waren Hindernisse, derer sich die in den Süden geschickten D’Haranischen Truppen bewusst waren und derer sie sich annahmen. Und genügend Zeit vorausgesetzt, hätten sie ihre Vorgehensweise, wie es nun mal dem Verhalten von Kriegern entsprach, auch entsprechend angepasst. Veränderte der Gegner seine Taktik, galt es dagegenzuhalten. Jagangs jüngster Schachzug war jedoch von anderem Kaliber. Er hatte einen Drachen und eine Hexe - die Beschreibung klang ganz nach Sechs – auf die Nachschubzüge und andere Einrichtungen angreifenden D’Haraner gehetzt. Aus eigener Erfahrung wusste Richard, dass die Ortung von Truppen aus großer Höhe erheblich einfacher war. Es war eine überaus wirkungsvolle - und angesichts der Talente einer Hexe eine umso tödlichere - Jagdmethode.
Die Taktik hatte nicht nur die Schlagkraft der Angriffe in der Alten Welt vermindert, sondern auch zum vollkommen sinnlosen Tod einer großen Zahl D’Haranischer Soldaten geführt, was den noch Kämpfenden die Aufgabe zusätzlich erschwerte. Dank des vermehrten Nachschubs und der Attacken aus der Luft schien Jagang, trotz der höheren Verluste an Mensch und Material, alles Nötige zu bekommen, um die Belagerung des Palasts des Volkes fortzusetzen. Und das allein zählte für ihn. Mittlerweile schien alles darauf hinzudeuten, dass es die Bewohner des Palasts sein würden, die nicht würden durchhalten können. War die Rampe erst fertiggestellt, und hatte man womöglich noch weitere Wege durch die Katakomben gefunden, würde dies die Ordenslegionen in die Lage versetzen, den Palast sowohl von oben als von unten zu attackieren, dabei würde die Rampe allein bereits genügen. Ein solcher Angriff würde der Imperialen Ordnung zwar hohe Verluste bescheren, was Jagang allerdings wenig scherte. Ihn interessierte nur sein Ziel, das er früher oder später erreichen würde.
Es wäre das unweigerliche Ende der Freiheit. Sie wären erledigt. Richards einzige Hoffnung jetzt bestand darin, eine Möglichkeit zu finden, sich der Kästchen der Ordnung zu bedienen, auch wenn er derzeit noch keines in seinem Besitz hatte. Zuerst aber musste er sich über ihren Gebrauch informieren. Wissen war seine schärfste Waffe, und er war fest entschlossen, sich gut zu rüsten.
Der Raum, in dem er und Nicci sich befanden, war eine Privatbibliothek, die laut Berdine überwiegend verbotene Schriften enthielt - Schriften, die allein dem Lord Rahl vorbehalten waren. Mächtige Schilde sicherten die schweren Mahagonitürflügel des mit einem Bogen überwölbten Eingangs. Obwohl Darken Rahl Berdine gelegentlich gebeten hatte, ihm beim Übersetzen des Hoch-D’Haran zu helfen, hatte sie diesen Raum nach eigenem Bekunden so gut wie nie betreten. Gewöhnlich, hatte sie erklärt, habe er ihn allein aufgesucht, weshalb Richard und Nicci entschieden hatten, dies sei ein guter Ort, um anzufangen. Unterdessen durchforstete Berdine mit Verna und nahezu all ihren Schwestern die übrigen Bibliotheken. Alles, was auch nur entfernt hilfreich schien, brachte man zu Nicci, die persönlich überprüfte, ob etwas dabei war, mit dem Richard sich befassen sollte. Einige der erfahreneren Schwestern erwiesen sich beim Aufspüren wichtiger Quellen nützlicher Hinweise als überaus wertvoll.
Zudem hielt Nicci alle anderen von Richard fern, damit er sich ganz auf sein Studium und die Vielzahl unterschiedlicher Dinge konzentrieren konnte, die sie ihm beibrachte. Bisweilen kam er sich wie ein Klausner vor, gleichzeitig aber blieb die Atmosphäre in dem stillen Arbeitszimmer hochkonzentriert - genau wie er es brauchte.
Die niedrigen Regale in diesem privaten Refugium standen unweit der kunstvoll getäfelten Wände, was in der Mitte Platz für Sofas und Sessel ließ und dem Raum eher den Anschein eines ruhigen Studierzimmers denn einer Bibliothek verlieh. Die obersten Borde einiger Regale zierten kleine Statuetten, wodurch sie eher wie Präsentationsmöbel denn Bücherregale wirkten.
Bislang war Richard noch nicht dazugekommen, die schmale eiserne Wedeltreppe zur Galerie auf der gegenüberliegenden Seite hinaufzusteigen, Nicci dagegen schon. Während er unentwegt las, schleppte sie Bücher herbei, um sie den seiner Begutachtung harrenden Stapeln noch hinzuzufügen. Obwohl der Raum so gar nichts von dem typischen Lesesaal mit von Büchern nur so überquellenden Regalen hatte, enthielten die unscheinbaren Gestelle gewiss Tausende und Abertausende von Bänden. Die für sie interessanten waren jedoch eher rar, selbst für einen Ort wie diesen.
Nichtsdestoweniger war der schwere Mahagonitisch, an dem er saß, mit Stapeln von Büchern übersät, die Nicci für ihn bereitgelegt hatte. Hier, in den Tiefen der Bibliothek, war nicht festzustellen, ob es Tag war oder Nacht, denn die schweren, dunkelblauen Samtvorhänge waren zugezogen. Sie aufzuziehen hätte dennoch nichts genützt, da sich dahinter nur die Holzvertäfelung befand. Ihr Zweck bestand lediglich darin, Fenster vorzutäuschen und den Raum ruhiger wirken zu lassen. Lampen hingegen gab es reichlich, dazu einen offenen Kamin, was dem Raum eine warme Atmosphäre verlieh und ihn gemütlich und einladend wirken ließ. Nach beidem stand Richard nicht der Sinn. Sie arbeiteten ohne Unterlass und solange es irgend möglich war. Selbst das Essen wurde ihnen gebracht, damit sie ihre Arbeit nicht zu unterbrechen brauchten. Konnten sie die Augen nicht länger offen halten, hielten sie auf einem der Sofas ein kurzes Nickerchen. Nicci wich nie weit von seiner Seite. Sie lief zwischen den Schatten und Lichtbalken der Reflektorlampen hin und her, die an den dunkelbraunen, polierten, in gleichmäßigen Abständen über den Raum verteilten Marmorsäulen hingen, überflog einen weiteren Band, um festzustellen, ob Richard einen Blick hineinwerfen sollte, nur um kurz darauf an eines der Regale zu treten und ihn wieder zurückzustellen. Richard brannte darauf, endlich loszuschlagen. Er wollte sich lieber heute als morgen auf die Suche nach Kahlan machen, wusste aber, dass dies nicht so einfach sein würde. Für eine ernsthafte Suche nach ihr musste er sich mit dem Gebrauch der Macht der Ordnung vertraut machen, ehe es womöglich zu spät wäre, sie jemals zurückzubekommen. Aber alleine war das völlig ausgeschlossen. Nicci hatte keine Sekunde gezögert, sich als seine Lehrerin zur Verfügung zu stellen.
Zunächst hatte sie ihm die Problematik steriler Felder erläutert. Sie wollte, dass er sich über deren Verwicklungen im Klaren war. Richard war kein Experte in diesen Dingen, gleichwohl war es Nicci gelungen, ihm die Prinzipien verständlich zu machen, auch wenn er anfangs seine Schwierigkeiten damit hatte. Er wollte nämlich nicht einsehen, warum ein gewisses Vorwissen so schädlich sein sollte.
Immer wieder hatte sie ihm eingeschärft, dass die Zauberer, die die Macht der Ordnung als Gegenmittel gegen die Feuerkettenreaktion geschaffen hatten, überzeugt gewesen waren, dass ein gewisses emotionales Vorwissen die von ihnen geschaffene Magie und somit die Macht der Ordnung selbst beeinträchtigen würde.