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Zedd persönlich hatte ihr erklärt, dass dies nicht etwa irgendeine Theorie war, sondern den Tatsachen entsprach - wie Richard selbst bewiesen habe, als er sich in Kahlan verliebte, ohne dass deren Konfessorinnenkraft ihm etwas anhaben konnte. Hätte er vorab von dieser Möglichkeit gewusst, hätte ihre unabsichtlich entfesselte Magie ihn überwältigt. Damit, so Zedd, habe Richard die zentrale Frage der Ordnungstheorie bewiesen - Vorwissen vermochte die Wirkungsweise von Magie zu beeinträchtigen.

Richard wusste nur zu gut, wovon Nikki sprach, auch wenn sie bei manchen Aspekten im Dunkeln tappte. Und weil er die Situation aus eigener Anschauung erlebt hatte, war ihm der Ernst der Lage durchaus bewusst. Kahlans Vorwissen um seine tiefe emotionale Bindung zu ihr würde die Macht der Ordnung scheitern lassen.

Es war also keine Theorie, wie die Zauberer damals geglaubt hatten, es stimmte: Vorwissen beeinträchtigte ein steriles Feld. Gerade ihm, Richard, war dies gewissermaßen aus dem Bauch heraus klar geworden. Tief in seinem Herzen, aber auch vernunftmäßig zu wissen, dass Kahlan auf keinen Fall von ihrer beider Liebe erfahren durfte, schnürte ihm sein Innerstes zusammen. Im Augenblick war dies jedoch nur eine ferne Sorge, ein Problem, dem er sich hoffentlich eines Tages würde stellen müssen. Zuvor jedoch galt es noch eine Menge in Erfahrung zu bringen. Dank ihres Studiums einiger historischer Berichte aus der Bibliothek sowie von einigen Schriften aus der Zeit vor dem Großen Krieg, die die Schwestern aufgestöbert hatten, war es Nicci gelungen, eine Theorie über seine Gabe und ihre Funktionsweise zu entwickeln. Ihrer Meinung nach rührten seine Schwierigkeiten mit der Beherrschung seiner Talente weniger daher, dass er in jungen Jahren nichts über Magie gelernt hatte, sondern dass die Gabe eines Kriegszauberers sich grundsätzlich anders verhielt, als die einer Hexenmeisterin oder eines gewöhnlichen Zauberers. Richards Kräfte standen nicht einfach auf Abruf bereit, sondern funktionierten, wie das Schwert der Wahrheit, über eine von seinen Gefühlen gesteuerte Absicht. So gesehen war das Schwert der Wahrheit eine Art Leitfaden für die Funktionsweise seiner Talente, denn es funktionierte aufgrund einer Abwägung seines Benutzers. Niemals vermochte es jemanden zu verletzen, den dieser als Freund betrachtete, jeden mutmaßlichen Feind hingegen würde es vernichten. Tatsachen waren dabei unerheblich, der Glaube, die Einschätzung seines Benutzers, steuerte die Magie des Schwertes. Exakt dies war der zentrale Grundgedanke sowohl des Schwertes als auch seiner Gabe als Kriegszauberer.

Gefühle waren die Summe aller Erfahrungen, all dessen, was man über das Leben begriffen hatte, wie es sich in einem einzigen Augenblick offenbarte: eine innere Lebenseinstellung, die sich als emotionale Entladung äußerte. Das aber bedeutete nicht, dass diese endgültigen Urteile für sich genommen korrekt waren, denn wie das Schwert funktionierte seine Gabe nur im Einklang mit seinen Wertvorstellungen. Und der Vernunft fiel die Aufgabe zu, die Richtigkeit dieser Wertvorstellungen zu überprüfen und so eine wohlbegründete Rechtfertigung dafür zu liefern, dass diese Gefühle nicht nur echt, sondern auch moralisch gerechtfertigt waren.

Aus diesem Grund war es so wichtig, dass die richtige Person zum Träger des Schwertes der Wahrheit auserkoren wurde, musste sie doch über die Fähigkeit verfügen, diese Urteile aufgrund begründeter Überlegungen zu fällen.

Wie auch das Schwert funktionierte seine Gabe über den Zorn, und Zorn war insofern eine Projektion seiner Wertvorstellungen, als er eine Reaktion auf deren Gefährdung darstellte - als Gefahr für die Menschen, die er liebte, oder für das höchste menschliche Gut überhaupt, das Leben. Weil seine Gabe grundsätzlich anderen Zwecken diente, als die eines Heilers oder Propheten, würde er sie, so hatte Nicci ihm erklärt, vermutlich niemals direkt beherrschen lernen. Deshalb war sein Zorn der Schlüssel zu seinen Talenten als Kriegszauberer. Schließlich zog man nicht aus Freude oder purer Lust am Wettstreit in einen gerechten Krieg, sondern als Reaktion auf eine Gefahr für Leib und Leben. Dringlicher war für ihn jedoch, zu lernen, wie er die Macht der Ordnung einsetzen konnte, um dem Feuerkettenbann entgegenzuwirken. Nicci hatte auf die Zeichnungen und Symbole schockiert reagiert, mit denen er sich und seine Mitspieler bemalt hatte, denn sie hatte sofort gesehen, dass er bekannte Elemente zu völlig neuen Formen kombiniert hatte. Gleichzeitig aber hatte sie wissen wollen, wie es ihm gelungen war, die zur Macht der Ordnung gehörenden Elemente einzubinden. Als Erklärung hatte er angeführt, dass Teile jenes Banns, den Darken Rahl einst zum Öffnen der Kästchen der Ordnung gezeichnet hatte, sich mit Teilen des Tanzes mit dem Tod deckten, und mit denen sei er ziemlich gut vertraut.

Eine Verknüpfung, die in gewisser Weise durchaus Sinn ergab. Zedds Erklärung zufolge entsprach die Macht der Ordnung der Kraft des Lebens selbst. Beim Tanz mit dem Tod ging es in Wahrheit um den Erhalt des Lebens. Die Macht der Ordnung wurde somit aus der Kraft des Lebens gewonnen und diente dem Erhalt desselben, indem sie es vor dem Wüten des Feuerkettenbanns schützte.

In gewisser Weise waren demnach das Schwert der Wahrheit, die Talente eines Kriegszauberers und die Macht der Ordnung unentwirrbar miteinander verknüpft.

Das brachte Richard auf den Obersten Zauberer Baraccus, jenen Mann, der vor Tausenden von Jahren eine Schrift für ihn, Richard, verfasst hatte: Die Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers, eine Schrift, die als Hilfestellung in seinem Kampf gedacht war. Das Buch befand sich immer noch in Tamarang, wo Richard es versteckt hatte, als Sechs ihn dort eine Zeitlang gefangen gehalten hatte. Er wusste, dass Zedd dorthin aufgebrochen war, um den in den heiligen Höhlen für ihn gezeichneten Bann von ihm zu nehmen. Die Rückkehr seiner Gabe schien darauf hinzudeuten, dass seine Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Da die Verbindung zu seiner Gabe nun wiederhergestellt war, erinnerte er sich auch wieder Wort für Wort an Das Buch der gezählten Schatten.

Nun war Nicci aber überzeugt - und hatte ihn überzeugt -, dass es sich bei dem von ihm auswendig gelernten Buch nur um eine fehlerhafte Abschrift gehandelt haben konnte, mit deren Hilfe sich das richtige Kästchen der Ordnung nicht würde öffnen lassen.

Gleichwohl glaubte sie, dass auch eine fehlerhafte Abschrift sehr wahrscheinlich alle, oder doch die meisten, für das Öffnen und Benutzen des korrekten Kästchens der Ordnung notwendigen Elemente enthielt. Um die von Richard auswendig gelernte Abschrift als fehlerhaft zu entlarven, brauchte nur eine Abfolge von Elementen als unkorrekt identifiziert zu werden, was jedoch die Elemente als solche nicht zwangsläufig unbrauchbar machte.

Zu diesem Zweck hatte er ihr den gesamten Text vorgesprochen, wobei sie sich eine Notiz zu jedem im Text enthaltenen Element gemacht hatten. Wenn es ihm nun noch gelänge, jedes dieser Elemente wiederzuerschaffen beziehungsweise zu zeichnen, würde er, wenn ihnen die korrekte Abschrift von Das Buch der gezählten Schatten in die Hände fiele, diese Elemente nur noch in die richtige, in der korrekten Abschrift vorgeschriebene Ordnung bringen müssen.

Nicci wusste nun also, was sie ihm beibringen musste. Seine Kenntnisse diesbezüglich waren ohnehin schon weiter fortgeschritten, als sie angenommen hatte, denn er war bereits mit vielen Schlüsselelementen vertraut und kannte einen großen Teil der in den Bannformen verwendeten Grundelemente. Schließlich hatte er sich und seine Mitspieler eben damit bemalt. Der Tanz mit dem Tod hatte ihn die Grundlagen dieser Zeichen gelehrt, so dass sie ihm nun beinahe intuitiv erschienen.

Richard hatte herausgefunden, dass das Zeichnen der Bannformen tatsächlich eine natürliche Erweiterung nicht nur der für den Tanz mit dem Tod verwendeten Symbole war, sondern auch seines Kampfes mit der Klinge oder seiner Arbeit an einer Statue. Im Grunde waren diesen scheinbar so unterschiedlichen Dingen wesentliche Elemente gemein, denn sie alle beinhalteten Bewegung und Fluss.