Es erstaunte ihn, zu entdecken, wie sich dies alles zu einem größeren Ganzen fügte. Das Zeichnen der Bannformen, die Nicci ihn lehrte, erschien ihm weder unangenehm noch schwierig. Sondern ganz natürlich.
Zudem war Nicci insofern als Lehrerin einzigartig, da sie seine Vorstellungen von den schöpferischen Seiten der Magie verstand und ihn daher niemals korrigierte, sondern ihn mit viel Geschick zu den erforderlichen Ergebnissen führte.
Sie kam an seinen Tisch geschlendert. »Wie kommst du voran?«
Richard gähnte. »Ich weiß es selbst nicht mehr. In meinem Kopf läuft alles ineinander.«
Sie nickte abwesend, während sie eine Passage in dem Buch, das sie in Händen hielt, las.
»Dieses, wie du es nennst, Ineinanderlaufen könnte bedeuten, dass dein Geist Assoziationen und Verbindungen herzustellen beginnt -sozusagen dein hinzugewonnenes Wissen ordnet.«
Er seufzte. »Schon möglich.«
Nicci klappte das Buch zu und warf es auf den seitlich stehenden Tisch.
»Hier drinnen stehen ein paar nützliche Dinge. Solltest du dir einmal ansehen.«
»Ich glaube, mir verschwimmt alles vor den Augen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterlesen.«
»Gut.« Sie wies auf die Schreibfeder in dem Halter neben ihm. »Dann zeichne eben. Du musst imstande sein, die Elemente aus dem Buch, das du gerade beendet hast, zu zeichnen. Wenn das echte Buch der gezählten Schatten ähnliche Elemente enthält, bist du ein gutes Stück weiter.«
Richard wollte schon widersprechen, wollte ihr erklären, er sei zu müde, doch dann dachte er an Kahlan, und in diesem Licht wurde seine Müdigkeit bedeutungslos. Außerdem war er einverstanden gewesen, sich von Nicci unterrichten zu lassen, und würde ihre Anweisungen nicht nur befolgen, sondern sich größte Mühe dabei geben. Dies war seine einzige Chance, zu lernen, was er brauchte, und die wollte er auf keinen Fall ungenutzt lassen.
Er zog ein Blatt Papier heran, tauchte die Feder in die Tinte, dann beugte er sich darüber und machte sich daran, Bannformen aus einem aufgeschlagen neben ihm liegenden Buch abzuzeichnen. Ein ebenso großes wie ungelöstes Problem war die Frage des Zauberersandes. Der von ihm auswendig gelernten Abschrift zufolge, mussten die für das Öffnen des korrekten Kästchens benötigten Bannformen in Zauberersand gezeichnet werden, und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine fehlerhafte Kopie handelte oder nicht. Ohne diesen Sand würden die benötigten Banne einfach nicht funktionieren. Nun war Darken Rahl beim Öffnen des Kästchens der Ordnung in die Unterwelt hinabgesogen worden, und mit ihm der gesamte Zauberersand, den er für das Zeichnen des Banns verwendet hatte. Im Garten des Lebens, wo sich dies zugetragen hatte, war von diesem kostbaren Gut nichts mehr vorhanden. Wo einst der Zauberersand gelegen hatte, war jetzt nur noch nackte Erde.
Nicci sah von einem anderen Buch auf, in dem sie gerade blätterte. »Hier gibt es einige Hinweise auf den Tempel der Winde.«
Richard blickte auf. »Tatsächlich?«
Sie nickte. »Weißt du, am meisten erstaunt mich daran, dass du behauptest, die Unterwelt durchquert zu haben, um dorthin zu gelangen.«
Der Tempel war nur beim Aufleuchten eines Blitzes zu sehen gewesen, und während dieser Phase seiner Sichtbarwerdung war Richard über eine Straße zu ihm gelangt.
»Tut mir leid, Nicci, aber zu diesem Thema habe ich Euch alles erzählt, was ich weiß.«
»Hernach wurde der Tempel der Winde zu seinem Schutz in die Unterwelt verbannt, wo er nun irgendwo jenseits der Großen Leere seinen Standort hat. Zweck dieses Vorgehens war es, ihn in unerreichbare Ferne zu rücken.«
»Aber damals waren die Bedingungen genau richtig, und er stand direkt vor mir. Ich konnte einfach über die Straße gehen und ihn betreten.«
Mit einem abwesenden Nicken nahm sie ihre Lektüre wieder auf und ging weiter auf und ab. Schließlich blieb sie abermals stehen, einen ungeduldigen Ausdruck im Gesicht.
»Es ergibt trotzdem keinen Sinn. Es ist unmöglich, durch die Welt der Toten von einem Ort zum anderen zu gelangen. Das Durchqueren der Leere ist ungefähr so, als wollte man den Ozean überqueren, indem man einfach am Strand entlangläuft und auf eine Insel am anderen Ende der Welt tritt, ohne den dazwischen liegenden Ozean zu befahren.«
»Vielleicht steht der Tempel der Winde ja gar nicht so weit entfernt in der Unterwelt. Vielleicht liegt besagte Insel nicht am anderen Ende der Welt, sondern gleich in der Nähe des Strandes.«
Nicci schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn es stimmt, was hier steht, und was du mir erzählt hast. Jeder dieser Querverweise besagt, dass der Tempel bei seiner Verbannung an einen sicheren Ort quer durch die Unterwelt geschickt wurde. Das ist etwa so, als hätte man ihn quer durch das Universum geschickt.«
»Lord Rahl«, rief Cara von der Tür.
Richard gähnte erneut. »Was gibt es denn, Cara?«
»Ich habe einige Leute bei mir, die Euch dringend zu sprechen wünschen.«
So sehr Richard sich auch nach einer Pause sehnte, mochte er doch seine Arbeit nicht unterbrechen. Wenn er Kahlan jemals wieder zurückhaben wollte, musste er über alles Bescheid wissen.
»Es scheint wichtig zu sein«, setzte sie hinzu, als sie ihn zögern sah.
»Also gut, führt sie herein.«
Angeführt von Cara betrat eine Gruppe von sechs in vollkommen weiße Gewänder gekleideten Personen den Raum, die in der eher dunklen Bibliothek beinahe wie Gütige Seelen leuchteten. Vor dem massiven Mahagonischreibtisch blieben sie stehen. Richard hatte den Eindruck, sie fürchteten eher, hingerichtet zu werden, als dass sie ihn zu sprechen wünschten.
Sein Blick wanderte von den sechs nervösen Personen hinüber zu Cara.
»Es sind Angehörige des Grabkammerpersonals«, erklärte sie. Richard betrachtete erneut ihre Gesichter. Sie wichen seinem Blick aus und starrten, immer noch schweigend, auf den Fußboden.
»Richtig, ich erinnere mich, gleich nach meiner Rückkehr einige von euch gesehen zu haben - nach dem Kampf mit den Ordenstruppen dort unten.«
Es war schier unglaublich, welch unvorstellbares Chaos dort unten beseitigt werden musste. Er hatte angeordnet, die Leichen der Ordenssoldaten über den Rand des Hochplateaus zu werfen, da sie im Augenblick Wichtigeres zu tun hatten, als sich um die sterblichen Uberreste von Mördern zu kümmern.
Die Bediensteten nickten.
»Also, was möchtet ihr mir mitteilen?«
Cara winkte ab. »Sie sind stumm, Lord Rahl.«
Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und wies mit der Feder auf sie.
»Alle?«
Die sechs nickten.
Der grausige Hinweis entlockte Richard ein Seufzen. »Tut mir leid, dass man euch so misshandelt hat. Falls ihr euch dadurch besser fühlt, ich teile eure Empfindungen bezüglich dieses Mannes.«
Lächelnd betrachtete Cara ihre sechs Schützlinge. »Ich habe ihnen erklärt, dass Ihr an seinem Tod beteiligt wart.«
Die sechs lächelten zaghaft und nickten.
»Also, worum geht es? Könnt ihr mir helfen zu verstehen, was ihr mir sagen wollt?«, wandte er sich an die sechs.
Einer von ihnen streckte die Hand vor, legte ein zusammengefaltetes, vollkommen weißes Tuch auf den Tisch und schob es hinüber zu Richard. Als er danach greifen wollte, tropfte etwas Tinte von seiner Feder auf das Tuch.
Mit einem gemurmelten »Tut mir leid« legte er die Feder fort und zog das Tuch zu sich heran. »Und worum handelt es sich nun?«
Als sie keine Anstalten machten, sich zu erklären, warf er Cara einen Blick zu. Die zuckte nur die Achseln. »Sie haben sehr nachdrücklich darauf bestanden, dass Ihr einen Blick darauf werft.«
Einer deutete mit seinen flachen Händen eine Bewegung des Öffnens an, wiederholte die Geste dann.
»Ihr wollt, dass ich es auseinanderfalte?«
Die sechs nickten.
Obwohl das Tuch sich nicht so anfühlte, als könnte irgendetwas darin verborgen sein, ging Richard daran, seine Lagen auseinanderzufalten. Nicci, die neben den sechs stand, beugte sich über den Tisch, um zuzuschauen.
Als er die letzte Lage zur Seite klappte, wurde in der Mitte des Tuches ein einzelnes weißen Sandkorn sichtbar.