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Abrupt blickte er auf. »Woher habt ihr das?«

Alle sechs wiesen nach unten.

»Bei den Gütigen Seelen«, entfuhr es Nicci leise.

»Was ist denn?« Cara beugte sich über den Tisch, um das einzelne weiße Sandkörnchen in Augenschein zu nehmen, das in der Mitte des Tuches lag. »Was ist das?«

Richard blickte auf und sah ihr ins Gesicht. »Zauberersand.«

Da diese Leute Angehörige des Grabkammerpersonals waren, konnte dies nur bedeuten, dass sie es irgendwo unten in der Gruft gefunden hatten. Obwohl der Zauberersand ein buntes, regenbogenfarbenes Licht verströmte, war er einigermaßen erstaunt, dass sie ein einzelnes Korn davon entdeckt hatten.

Zudem fragte er sich, wo sie wohl darauf gestoßen waren - und ob es vielleicht noch mehr davon gab.

»Könnt ihr mir den Fundort zeigen?«

Alle sechs nickten heftig.

Vorsichtig faltete er das Tuch wieder um das einzelne Sandkorn. Dabei fiel ihm auf, dass der Tintentropfen, weil das Tuch zuvor noch gefaltet gewesen war, zwei absolut identische Flecken auf den gegenüberliegenden Lagen des Tuches hinterlassen hatte.

Einen Moment lang betrachtete er sie nachdenklich.

Dann stopfte er das Tuch in seine Tasche und sagte: »Gehen wir. Bringt mich zu der Stelle.«

48

Richard stieg über den zerschmolzenen weißen Stein hinweg und trat in die Grabkammer Panis Rahls. Die Grabkammerbediensteten warteten draußen im Gang. Sie hatten ihn gedrängt, zunächst allein vorzugehen, da sie nicht einzutreten wagten, ehe er die Grabkammer aufgesucht hätte. Immerhin war es die Grabstätte seines Großvaters.

Allerdings sparte er sich seine Gefühle der Ehrfurcht nur für Menschen auf, die sie auch verdienten. Panis Rahl war ein Tyrann, dessen Eroberungsbestrebungen sich nur unwesentlich von denen seines Sohnes, Darken Rahl, unterschieden hatten. Und wenn es ihm nicht gelungen war, das gleiche Ausmaß an Bosheit zu erreichen wie sein Sohn, dann gewiss nicht, weil er es nicht versucht hätte. Richard erinnerte sich noch gut, dass Jahre zuvor, kurz nachdem Darken Rahl nach dem Öffnen des Kästchens der Ordnung von dessen Kraft überwältigt worden war, einer der Bediensteten aus dem Palast zu Zedd gekommen war, um ihm zu berichten, dass Panis Rahls Grabkammer schmelze. Zedd hatte ihm aufgetragen, das Grabmal mit einem besonderen weißen Steinmaterial zu versiegeln, ehe dieser Prozess auf den übrigen Palast übergriff.

Seitdem war der Notbehelf aus weißem Stein, der den Eingang zur Grabkammer versiegelte, größtenteils weggeschmolzen, und der seltsame Prozess hatte den gesamten Raum zu zerstören begonnen. Die Wände hatten sich verzogen, wodurch die Platten aus rosafarbenem Granit aus der einstmals ebenen Wandfläche gedrückt worden waren. Die Verformungen innerhalb der Kammer hatten schließlich dazu geführt, dass sich draußen auf dem Gang die Fugen zwischen Decke und Seitenwänden geweitet hatten. Wurde dem nicht Einhalt geboten, war durchaus vorstellbar, dass sich die Stützwände weiter verzogen, bis die Stützkonstruktion des Palasts nach und nach in sich zusammenfiel. Richard sah sich um und machte sich von allem ein Bild, während er durch die Kammer schlenderte. Der Schein der siebenundfünfzig Fackeln spiegelte sich im goldverkleideten, auf einem Sockel ruhenden Sarkophag seines Großvaters, was ihm inmitten des höhlenartigen Raumes nicht nur einen matten Glanz verlieh, sondern ihn über dem weißen Marmorboden schweben zu lassen schien. Nicht nur der Sarg selbst, auch die Wände ringsum waren mit Schriftzeichen versehen.

»Ich kann Rosa nicht ausstehen«, murmelte Nicci bei sich, während ihr Blick über den polierten rosafarbenen Granit an Wänden und Decke schweifte.

»Irgendeine Idee, warum die Wände schmelzen?«, wandte sich Richard an sie, während sie langsam die Runde um die Kammer machte und alles sorgfältig in Augenschein nahm.

»Das ist es ja gerade, was mir Angst macht.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« Richard ging daran, die auf Hoch-D’Haran verfassten und in die Wände gravierten Inschriften zu studieren.

»Verna meinte, ich hätte mich, als ich unmittelbar vor meiner Gefangennahme in den Palast kam, zusammen mit Ann auf dem Weg hierher befunden. Außerdem hätte ich ihr gegenüber behauptet, ich wüsste, warum die Wände hier unten schmelzen.«

Richard sah sie über seine Schulter an. »Und, warum tun sie es?«

Nicci wirkte seltsam verwirrt und besorgt. »Ich weiß nicht. Ich erinnere mich nicht mehr.«

»Ihr erinnert Euch nicht mehr? Woran?«

»An den Grand, weshalb ich hier herunterkam, oder warum die Wände schmelzen. Ich fragte Verna noch, ob sie sich vielleicht noch an eine andere Bemerkung von mir erinnere, aber sie meinte, das sei nicht der Fall.«

Richard fuhr mit dem Finger leicht über den Sarg seines Großvaters.

»Der Feuerkettenbann.«

Nicci blickte auf, jetzt noch besorgter. »Glaubst du wirklich, das ist der Grund?«

»Ihr erinnert Euch tatsächlich an nichts?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich kann mich nicht erinnern, Verna gegenüber jemals behauptet zu haben, dass ich die Ursache des Problems kenne. Aber was noch schlimmer ist, ich erinnere mich nicht einmal, warum die Wände schmelzen. Wie könnte mir so etwas Wichtiges entfallen sein?«

Einen Moment lang blickte er in ihre bekümmerten Augen. »Unter normalen Umständen gar nicht.«

»Das kann nur bedeuten, dass sich der durch den Feuerkettenbann angerichtete Schaden über das ursprüngliche Ziel des Bannes hinaus auszuweiten begonnen hat.«

»Die Verunreinigung«, bestätigte Richard mit leiser Stimme.

»Wenn das stimmt, bedeutet das, dass es eine Verbindung gibt zwischen den Vorgängen hier und dem, was wir tun müssen, um dem Feuerkettenbann entgegenzuwirken. Die von den Chimären verursachte Verunreinigung löscht das Erinnerungsvermögen, um sich selbst zu schützen.«

Die Vorstellung war so beängstigend, dass Richard ins Grübeln kam. Gleichwohl war ihm klar, dass es schlüssig klang. Seine Sorge war jetzt nicht nur, Jagang könnte ihm einen Schritt voraus sein, sondern dass die mit dem Feuerkettenbann einhergehende Verunreinigung sich möglicherweise aktiv gegen ihre Vernichtung zu wehren begann. Dafür musste sie nicht einmal empfindungsfähig sein. Für die Chimären war die Vernichtung der Magie ein erstrebenswertes Ziel, und die von ihnen hinterlassene Verunreinigung ihr Mittel zu diesem Zweck, weshalb ein solcher Selbstschutz wahrscheinlich ein wesentlicher Bestandteil ihrer selbst war, etwa vergleichbar mit den Dornen bestimmter Pflanzen. Ihr Vorhandensein bedeutete schließlich nicht, dass diese Pflanzen jemanden bewusst zu verletzen beabsichtigten, vielmehr waren sie ein untrennbar mit ihnen verbundener Schutzmechanismus, der ihren Fortbestand sicherte.

»Wir müssen den Feuerkettenbann umkehren, oder er wird immer weiter um sich greifen«, meinte er schließlich an Nicci gewandt. »Nicht mehr lange, und wir werden vergessen haben, warum wir ihn überhaupt umkehren müssen. Deshalb muss ich die Macht der Ordnung heraufbeschwören, ehe es zu spät ist.«

»Aber dafür benötigen wir die Kästchen der Ordnung«, erinnerte sie ihn.

»Also, Jagang hat deren zwei, und das dritte hat die Hexe mitgehen lassen. Irgendwie müssen wir sie wiederbeschaffen.«

»Da Sechs mit den Angriffen auf unsere Truppen in der Alten Welt auf Befehl Jagangs handelt, müssen wir wohl davon ausgehen, dass sie die Absicht hat, ihm das dritte Kästchen auszuhändigen.«

Mit dem Finger zeichnete Richard einen Teil der Inschrift auf Panis Rahls Sarkophag nach. »Ich denke, Ihr habt recht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er alle drei Kästchen hat, wenn es nicht längst so weit ist.«

»Aber wir haben etwas, auf das sie unbedingt angewiesen sind.«

»Tatsächlich? Und das wäre?«

»Den Garten des Lebens. Seit ich Das Buch des Lebens übersetzt habe, sehe ich ihn in einem völlig neuen Licht. Der Text hat einige meiner früheren Schlussfolgerungen bestätigt, zu denen ich nach meinem letzten Besuch im Garten gelangt war.