»Aber da steht doch nur, dass es erforderlich ist. Wieso wird der genaue Zweck dieser Reise nicht erläutert?«
»Nun, der Zweck ist es, den Keim der Erinnerungen wiederzufinden. Nur wissen die Mächte der Ordnung weder, was dafür vonnöten ist, noch wer das Ziel des Feuerkettenbanns sein sollte, also stellten sie nur sicher, dass dieser Schritt unternommen wird. Was genau dann dort getan werden muss, steht nicht da. Es ist lediglich eine Hilfe für den, der versucht, den Feuerkettenbann aufzuheben. Dem Betreffenden bleibt es dann selbst überlassen, auf dieser Reise das Notwendige zu veranlassen. Berdine war es, die mich überhaupt erst auf Das Buch des Lebens
aufmerksam gemacht hat. Sie kannte seinen Standort, weil sie Darken Rahl es hatte benutzen sehen. Er ist in die Unterwelt hinabgestiegen, und diese Inschriften hier bilden einen Teil der Formeln für die dafür notwendigen Banne.«
»Aber er wollte doch keine durch den Feuerkettenbann getilgten Erinnerungen wiederfinden.«
Sie zuckte die Achseln. »Nein, er hat die Macht der Ordnung zur Machtgewinnung benutzt. Was er, einmal dort angekommen, dort tun würde, war ihm überlassen. Wahrscheinlich war ihm der eigentliche Zweck seiner Reise in die Unterwelt gar nicht bewusst, und er hielt sie einfach für einen notwendigen Schritt, für den Teil eines komplexen Rituals.«
Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Kahlan hat mir von seiner Reise in die Unterwelt erzählt.«
Wieder wies sie auf die Inschriften. »Hier wird teilweise beschrieben, wie er es gemacht hat.«
»Aber wie in aller Welt soll ich so etwas tun?«
»Nach den Inschriften hier bist du allein gar nicht dazu fähig. Du brauchst einen Führer, und nicht nur das, du brauchst einen Führer, den die zu dieser Reise aufbrechende Person erst für sich gewinnen muss, und der ihr gegenüber anschließend vollkommen loyal ist - bis in den Tod.«
»Eine gütige Seele, der ich mein Leben anvertrauen kann.«
Sie nickte, wies dann auf eine Stelle der Inschriften. »Siehst du, hier? Dies ist ein Bann, um besagten Führer aus der Unterwelt herbeizurufen und dich dorthin zu bringen, wo du hinmusst.«
Obwohl ihm einigermaßen unwohl war bei der Vorstellung, wandte sich Richard herum zu der Inschrift, wies erst auf eine der Stellen, dann auf eine zweite an einer anderen Wand. »Seht Euch diese Hinweise an. Für diese Banne benötigt man Zauberersand.«
»Allerdings. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, die Grabkammerbediensteten zu fragen, wo sie das Körnchen gefunden haben, das du in deiner Tasche trägst.«
Aufgewühlt von den Dingen, die er lernte, hatte er fast vergessen, warum sie überhaupt in die Grabkammern hinabgestiegen waren.
»Ihr habt recht.« Er machte Cara ein Zeichen, die sechs weiß gewandeten Bediensteten in die Grabkammer zu führen.
Wie Küken einer Glucke folgten sie ihr mit hastigen Schritten. Richard wartete, bis das Grüppchen sich um ihn geschart hatte und sie ihn erwartungsvoll ansahen.
»Mit dem Finden dieses Sandkörnchens habt ihr alle uns einen großen Dienst erwiesen. Danke, dass ihr so aufmerksam gewesen seid.«
Ihr strahlendes Lächeln ließ vermuten, dass sie aus dem Munde eines Lord Rahl noch nie ein solches Lob vernommen hatten. Er legte einer der Frauen sachte die Hand auf die Schulter. »Kannst du mir die Stelle zeigen, wo ihr das Körnchen gefunden habt?«
Flüchtig blickte sie die anderen an, ging dann vor dem goldenen Sarg in der Mitte des Raumes auf die Knie und wies unter einer der Ecken auf den Fußboden. Sie winkte Richard zu sich.
Der kniete neben ihr nieder und folgte ihrem Beispiel, als sie ihren Kopf unter den Sarg schob. Sie wies nach oben, auf eine Ecke des Sargbodens, die sich ein Stück gelöst hatte.
Richard klopfte mit dem Handballen dagegen, bis ein wenig Sand herausrieselte, dessen winzige Körnchen über den weißen Marmorboden sprangen.
Hastig erhob er sich und wechselte einen verwirrten Blick mit Nicci.
»Gib mir deine Axt«, wies er einen Soldaten der Ersten Rotte an, der das Geschehen vom Flur gleich vor der Kammer aus beobachtet hatte. Sofort trat er mit eingezogenem Kopf durch die zerschmolzene Türöffnung und eilte herbei, um Richard die Axt zu geben. Der rammte die rasiermesserscharfe Klinge in die schmale Fuge, wo das Oberteil mit dem Rest des Sarges verbunden war, und bewegte sie hin und her, um sie tiefer hineinzuzwängen. Auf einen kräftigen Ruck begann sich der Deckel zu lösen und ließ sich anheben.
Mit Niccis Hilfe entfernte er ihn ganz, ehe ihnen die Grabkammerbediensteten und der Soldat auf ein Nicken seines Kopfes hin die Last aus den Händen nahmen und den Deckel beiseitestellten.
Das Innere des Sarges war bis zum Rand gefüllt mit Zauberersand. Einen Moment lang stand Richard einfach da und starrte darauf. In dem Sand brach sich der Schein der Fackeln zu einem Kaleidoskop winziger farbiger Lichtfunken.
Behutsam entfernte er den Sand von dem darunterliegenden Leichnam, bis der verkohlte Schädel von Panis Rahl, umhüllt von Zauberersand, zum Vorschein kam. Er wies noch immer die Brandnarben jenes Zaubererfeuers auf, das Zedd, Richards anderer Großvater, bei der Vernichtung dieses Tyrannen eingesetzt hatte. Einige Trop fen dieses lebendigen Feuers waren damals auf den jungen Darken Rahl gespritzt und hatten in ihm einen glühenden Hass auf Zedd und all jene hervorgerufen, die sich der Herrschaft des Geschlechts der Rahls widersetzten.
»Jetzt ist mir auch klar, warum dieser Ort schmilzt«, sagte Nicci. »Es ist eine Begleiterscheinung jener subtraktiven Magie, mit deren Hilfe damals eines der Kästchen der Ordnung im Garten des Lebens geöffnet wurde.«
Richard sah sie an. »Also eine Begleiterscheinung, ausgelöst durch die Nähe zu dieser speziellen Macht.«
Vorsichtig schob Nicci mit dem Finger einige verirrte Körnchen zurück in den Sarg. »Genau. Es war der sicherste Aufbewahrungsort für den Zauberersand, den Darken Rahl finden konnte, für den Fall, dass er mehr davon benötigte. Er starb, ehe er etwas davon benutzen konnte, demzufolge liegt er hier seit etlichen Jahren. Deswegen hat auch die Kammer zu schmelzen begonnen, da sie kein geeignetes Eindämmungsfeld für ihn darstellt.«
»Sagt bloß, der Garten des Lebens wurde als Eindämmungsfeld für diese Dinge konstruiert.«
Sie blickte ihn so fassungslos an, als hätte er eben voller Stolz verkündet, Wasser sei nass. »Aber selbstverständlich.«
»Dann müssen wir ihn dorthin schaffen.«
Sie nickte. »Das können Verna und die Schwestern übernehmen, Nathan kann ihnen dabei helfen.« Daraufhin packte sie ungeduldig seinen Arm.
»Da wir jetzt den Zauberersand zum Zeichnen der Banne haben, müssen wir sofort zurück in unser Arbeitszimmer. Womöglich bleibt uns nicht mehr viel Zeit.«
»Dem will ich nicht widersprechen. Gehen wir.«
49
»Ich spüre nichts.«
Richard saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem weißen, keilförmigen Stein, den man in den ansonsten geschlossenen Grasring um den Kreis aus Zauberersand eingelassen hatte, und sah hoch zu Nicci, die mit verschränkten Armen hinter ihm stand und ihm beim Zeichnen der Banne zusah.
»Das sollst du auch nicht. Du konstruierst Banne, das ist etwas anderes als eine Frau zu lieben.«
»Ah. Ich dachte, ich würde ... ich weiß nicht...«
»In Ohnmacht fallen?«
»Nein, ich meine, ich fühle eine gewisse Verbindung zu meiner Gabe, eine Art nervöses Glühen, ein Delirium ... etwa so.«
Mit ihren blauen Augen begutachtete sie die letzten Bestandteile. »Einige Leute fügen beim Bannzeichnen gern ein paar emotionale Elemente hinzu, weil sie den Schub mögen, wenn ihr Herz zu pochen beginnt, ihre Magengrube sich zusammenzieht, oder sie ein Kribbeln überläuft, aber das ist vollkommen überflüssig. Reine Theatralik. Sie meinen, stöhnen und wanken zu müssen, wenn sie so etwas tun.«
Eine Braue in leisem Spott hochgezogen, richtete sie ihren Blick auf ihn.