»Wenn du willst, kann ich dir zeigen, wie es geht. Vielleicht wird die lange Nacht dadurch ein wenig amüsanter.«
Richard wusste, dass sie ihm über das, was er hier tat, nur etwas beizubringen versuchte - indem sie ihm das Gefühl gab, sich dumm benommen zu haben, weil er Reste seines Aberglaubens mit jener exakten Methodik vermischte, die sie ihn zu lehren versuchte. Zedd hatte sich der gleichen Methoden bedient, es waren Lektionen, die hängen blieben und die man nicht so leicht wieder vergaß, wie häufig bei doppeldeutigen Bemerkungen.
»Es gibt Leute, die ziehen sich beim Zeichnen von Bannen splitternackt aus«, setzte sie hinzu.
»Nein, danke.« Er räusperte sich. »Ich komme auch ohne Stöhnen, ohne klopfendes Herz und ein Kribbeln auf der Haut zurecht - und ohne dabei nackt zu sein.«
»Das dachte ich mir, deswegen habe ich diese zusätzlichen Linien bei den Grundlinien gar nicht erst vorgeschlagen.« Sie wies auf die Zeichnungen im Sand. »Ob du etwas spürst oder nicht, das Wesentliche fügt deine Gabe hinzu. Solange du die richtigen Elemente in der richtigen Reihenfolge zur rechten Zeit hinzufügst, verhalten sich die Bannformen genau so, wie sie müssen. Aber keine Sorge, einige Dinge wirst du nackt zeichnen müssen«, fügte sie hinzu.
Richard war mit diesen Bannformen vertraut und mochte sich nicht mehr als nötig mit ihnen befassen.
Den Kopf leicht zur Seite geneigt, betrachtete Nicci kritisch die verwinkelten Doppellinien, die er soeben zeichnete. »Ein bisschen ist es so wie Brot backen. Gibt man die richtigen Zutaten in der richtigen Reihenfolge hinzu, verhält sich der Teig so wie er soll. Zittern und Schütteln unterstützt weder das Aufgehen des Teiges, noch den eigentlichen Backvorgang.«
»Aha.« Erneut machte er sich daran, den Finger durch den Zauberersand zu ziehen und einen Bogen um ein Winkelelement zu schlagen. »Genau wie beim Brotbacken - mit dem Unterschied, dass es einen beim kleinsten Fehler das Leben kosten kann.«
»Na ja, ich hatte auch schon Brot, von dem ich dachte, es würde mich umbringen«, murmelte sie abwesend, während sie, den Körper etwas zur Seite geneigt, als wollte sie ihm helfen, die Linie ganz leicht zu krümmen, sein Tun aufmerksam verfolgte.
Einige der Elemente hatte sie mithilfe des Buches wiedererschaffen können, das Berdine ihnen gebracht hatte, als sie unten in Panis Rahls Grab gewesen waren, denn einige der Bannformen waren darin in ihre einzelnen Elemente zerlegt und als Diagramm dargestellt. In anderen Fällen hatten sich Niccis Kenntnisse und Erfahrung als unschätzbar wertvoll erwiesen, die es ihr ermöglichten, die restlichen Teile der Bannformen allein aus dem Text zu erschließen. Auf diese Weise hatte sie alles Notwendige wiedererschaffen können.
Auf seine Befürchtung, im Buch könnte nicht alles für den Vorgang Notwendige dargestellt und ihre Rückschlüsse fehlerhaft sein, hatte sie ihm nur erwidert, sie hätten genug wirkliche Sorgen, aber speziell dies gehöre nicht dazu.
Für Richard war es gleichzeitig ein praktischer Test, eine Gelegenheit, die Dinge, die er tage- und nächtelang studiert hatte, vor der großen Herausforderung auszuprobieren, die ihn in das Totenreich führen würde. Zumindest diese vorbereitenden Arbeiten ließen sich auch ohne die Kästchen ausführen. Es waren Maßnahmen, auf die er sich angesichts ihrer großen Gefährlichkeit nicht eben freute, aber was blieb ihm anderes übrig? So sehr er sie fürchtete, es gab Dinge, die er einfach würde tun müssen, wenn er Kahlan zurückhaben und all die anderen Dinge erreichen wollte.
Wenigstens hatte ihm sein Gönner aus grauer Vorzeit, der Oberste Zauberer Baraccus, eine Reihe nützlicher Hinweise hinterlassen. Jetzt, da er wieder mit seiner Gabe verbunden war, musste er zudem das Buch wiederfinden, das ihm Baraccus hinterlassen hatte: Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers. Wenn er die in diesem Buch enthaltenen Informationen brauchte, dann jetzt.
Es lag, zusammen mit dem Kriegszaubereranzug, der größtenteils einst ebenfalls Baraccus gehört hatte, in einem Versteck auf der Burg unten in Tamarang, unweit der Wildnis. Leider hatte Richard eben dort auch Sechs zuletzt gesehen, unmittelbar bevor er von Kommandant Karg gefangen genommen und in das Lager der Imperialen Ordnung verschleppt worden war.
Behutsam zeichnete er die Bannformen, während er gleichzeitig voller Ungeduld darauf wartete, dass sie Kaiser Jagang den Schlaf rauben würden, sich ein Gefühl der Angespanntheit und innerer Unruhe seiner bemächtigen würde. Schon viel zu lange fühlte er sich sicher. Höchste Zeit, dass ihn endlich Albträume heimsuchten.
Das heisere Krächzen, das durch das Glasdach über ihnen drang, war gerade eben zu hören. Richard blickte auf und sah Julians Raben Lokey auf der Glasumrahmung sitzen und sie beobachten. Der Rabe war seiner kleinen Freundin während ihrer Gefangenschaft ständig hoch droben in den Wolken gefolgt. Offenbar hatte er das Ganze, wie die meisten Dinge im Leben, für nichts weiter als einen etwas seltsamen Ausflug gehalten. Jillian hatte seine Anwesenheit bemerkt, es sich aber nie anmerken lassen, damit keiner von Jagangs Gardisten auf die Idee käme, ihn mit einem Pfeil abzuschießen. Doch Lokey war ein wachsames Tier und schien sich jedes Mal unsichtbar zu machen, wenn jemand auf ihn aufmerksam wurde. Ein paar Mal, hatte sie erzählt, hätte sie ihn, als sie aus Jagangs Zelt trat, aus purer Angeberei hoch droben am Himmel seine Kunststückchen machen sehen.
Jillian war als Gefangene Jagangs aber selbst durch die Spaße des Raben nicht aufzuheitern gewesen, denn sie hatte in einem Zustand ständiger Angst gelebt.
In den Ecken der Bleiverglasung sammelten sich die ersten Schneeflocken. Der tief schwarze Rabe war vor dem Hintergrund des nächtlichen Himmels nahezu unsichtbar. Manchmal waren nur sein Schna bel und seine Augen zu erkennen, in denen sich der Schein der Fackeln widerspiegelte, was ihm das Aussehen einer gespenstischen, sie beobachtenden Erscheinung verlieh.
Ab und zu neigte er den Kopf, so als beurteile auch er kritisch Richards aufreibendes Werk. Schlug er manchmal zur Unterstützung seines heiseren Krächzens mit den Flügeln, spiegelte sich das zwischen den ab und zu vorbeieilenden Wolken sichtbar werdende Mondlicht auf seinem schwarz glänzenden Gefieder.
Geduldig wartete der Rabe darauf, seine Rolle zu übernehmen.
»Bist du so weit?«, fragte Richard, immer noch darauf konzentriert, eine Linie in den Zauberersand zu zeichnen.
Jillian nickte nervös. Auf diesen Moment hatte sie ihr ganzes Leben gewartet.
Sie wirkte sehr ernst, wie sie, umgeben von Bannen, in der Mitte der für sie im Zauberersand freigeräumten Fläche kauerte. Es war die Aufgabe, für die ihr Großvater sie auserwählt und ausgebildet hatte. Sie war die Knochenpriesterin, deren Aufgabe es war, Träume zum Schutz ihres Volkes zu erzeugen.
Der Fackelring im Sand in der Mitte der Rasenfläche verströmte ein leises Zischen. Träge tanzten die Flammen in der totenstillen Luft. Der dunkle Streifen quer über Julians Gesicht, über ihren kupferfarbenen Augen, würde sie vor bösen Geistern beschützen.
Als Knochenpriesterin war sie jetzt Richards Gehilfin, dem es kraft seines Amtes als Lord Rahl bestimmt war, ihr beim Erzeugen der Träume zu helfen. Es war eine uralte Verbindung zwischen ihren beiden Völkern zu ihrer beider Schutz. Doch was sie hier wirkten, waren eigentlich gar keine Träume.
Es waren Albträume.
Julians Volk stammte aus Caska, wo man sie zur Geschichtenerzählerin ausgebildet hatte, eine Person, die wegen ihrer Kenntnis von den alten Zeiten und des Vermächtnisses ihres Volkes in hohem Ansehen stand. Ihr Großvater war ihr noch lebender Vorgänger, der ihr das Wissen und die Geschichten aus alter Zeit beigebracht hatte. Eines Tages würde dieses Erbe auf sie übergehen.
Ihre Vorfahren, ein friedfertiges Volk, das sich, um Konflikte zu vermeiden, in einer von niemandem sonst beanspruchten Ödnis angesiedelt hatte, hatte die Träume einst zur Abwendung möglicher Gefahren gewirkt. Wie jetzt, hatten sie auf diese Weise die aus der Alten Welt im Süden einfallenden Horden zurückwerfen wollen. Allerdings waren sie in dem Großen Krieg unterlegen und um ein Haar ausgelöscht worden.