Richard und Nicci hatten den Geschichten, allem, was Jillian über diese alten Zeiten zu berichten wusste, aufmerksam gelauscht, bis er sich schließlich selbst ein Bild von den damaligen Geschehnissen machen konnte.
Julians Vorfahren waren größtenteils umgebracht worden, einen Teil jedoch hatte man gefangen genommen und den Zauberern aus der Alten Welt übergeben, die es auf ihre einzigartigen Talente abgesehen hatten. Sie wurden von ihnen als Rohmaterial bei der Erschaffung menschlicher Waffen missbraucht, den sogenannten Traumwandlern, Männer, die nicht nur Träume wirken, sondern in sie eindringen konnten. Derzeit war Jagang das einzige noch lebende Exemplar, die lebende Verbindung zum Großen Krieg vor dreitausend Jahren, jenem Krieg, der nun erneut entflammt war. Nach Richards Erkenntnissen war er in die Welt hineingeboren worden, weil einst ein feindlicher Spion in den Tempel der Winde eingedrungen war und sich an der dorthin verbannten Magie zu schaffen gemacht hatte. Zauberer Baraccus hatte eine Lösung gefunden, indem er sicherstellte, dass Richard mit beiden Seiten der Gabe geboren wurde, um dieser Gefahr begegnen zu können. Julians Volk und Jagang hatten die gleichen Vorfahren, auch sie waren einst Traumwirker wie Jillian gewesen.
Und nun würde Jillian erneut ihrer uralten Berufung als Knochenpriesterin entsprechend Träume wirken, um die Eindringlinge zurückzuwerfen ... mit einem Unterschied.
Damals waren ihre Vorfahren gescheitert. Was immer Jillian aus den alten Geschichten wusste, stets war darin vom Wirken von Träumen die Rede.
Richard vermutete, dass sie womöglich deswegen gescheitert waren. Stattdessen beabsichtigte er nun, Albträume zu wirken. »Hast du die Albträume in deinen Gedanken fixiert?«, fragte er sie mit ruhiger Stimme. Jillian schlug ihre kupferfarbenen Augen auf, die sich inmitten des schwarzen, aufgemalten Streifens abzeichneten. »Ja, Vater Rahl. Bevor diese grausamen Menschen aus der Alten Welt wiedergekehrt sind, hatte ich nie Albträume, immer nur Träume. Ich wusste gar nicht, was das ist.« Sie schluckte. »Jetzt weiß ich es.«
»Eines Tages, Jillian« - Richard bückte sich und zeichnete vor ihr ein Sonnenaufgangssymbol auf den Boden -, »wirst du sie hoffentlich wieder vergessen können, im Augenblick aber musst du dich mit all deinen Gedanken auf sie konzentrieren.«
»Ich verspreche es, Lord Rahl. Aber ich bin nur ein kleines Mädchen. Bist du wirklich sicher, dass ich für all diese Männer Albträume wirken kann?«
Er blickte auf und sah ihr in die Augen. »Diese Männer sind gekommen, um alles zu vernichten, was dir lieb und teuer ist. Du denkst dir die Albträume aus, und Lokey wird sie zu den Männern unten im Armeelager tragen - dafür werde ich sorgen.«
Nicci kauerte sich neben ihn. »Denk nicht darüber nach, wie viele Männer dort unten sind, Jillian. Das ist völlig egal, ehrlich. Wo immer Lokey hinfliegt, wird er deine Albträume mit sich tragen. Und wenn er über das Armeelager hinwegfliegt, werden sie wie ein eisiger Regen aus seinen mitternachtsschwarzen Schwingen fallen. Vielleicht werden sie nicht jeden von ihnen treffen, aber auch das spielt keine Rolle. Sie werden sehr viele treffen, und allein darauf kommt es an.«
Sie wies auf die Bannformen vor dem Mädchen. »Sie sind die Kraft, nicht du. Diese Banne und nicht du selbst werden den Männern die Albträume eingeben, wieder und wieder. Siehst du diesen Bann dort?« Sie wies auf eine in sich verdrehte Endlosschlaufe. »Er bewirkt, dass sich deine Albträume ständig vervielfältigen.«
»Aber es sieht so aus, als wäre dazu eine größere Anstrengung nötig, als ich leisten kann.«
Ein beruhigendes Lächeln auf den Lippen, legte ihr Richard eine Hand auf den Arm. »Ich werde dir helfen, die Träume zu wirken, schon vergessen? Du brauchst sie nur zu denken, ich bin es, der sie den Männern nach Bedarf eingeben wird. Das bewirken deine Gedanken in Verbindung mit meiner Kraft.«
»Albträume fallen mir jedenfalls genug ein.« Sie lächelte zaghaft. »Und du bist bestimmt sehr stark, Lord Rahl. Schätze, wie ihr beide es erklärt, ergibt es wirklich einen Sinn. Jetzt verstehe ich auch, warum ich euch zum Träume wirken brauchte. Deswegen musste die Knochenpriesterin darauf warten, dass ihr zu uns zurückkehrt.«
Richard tätschelte ihren Arm. »Vor allem eins darfst du auf keinen Fall vergessen: Du musst Lokey, sobald er seine Runden über dem Lager geflogen ist, auf Jagangs Zelt landen lassen. Auch wenn wir so vielen Männern wie möglich Albträume eingeben wollen: Jagang bleibt unser Hauptadressat für jenen ganz besonderen Albtraum, mit dem ich ihn zu quälen beabsichtige. Sobald ich dir also zuflüstere, dass es Zeit ist, Lokey landen zu lassen, wirst du an Jagang in seinem Zelt denken. Dieser Bann wird Lokey zu ihm führen. Du brauchst dir auf mein Kommando nur Jagang ins Gedächtnis zu rufen, und schon wird Lokey zu seinem Zelt fliegen.«
Jillian nickte. »An das grauenvolle Zelt erinnere ich mich gut.« Sie richtete ihre kupferfarbenen, tränenfeuchten Augen auf Nicci. »Und ich weiß noch ganz genau, welche Albträume sich dort abgespielt haben.«
Über ihnen schlug Lokey krächzend mit den Flügeln. Er konnte es nicht erwarten, mit seiner albtraumhaften Fracht aufzusteigen.
50
Jennsen zuckte zusammen, als der muskelbepackte Gardesoldat ihr den Arm verdrehte und sie durch die Zeltöffnung stieß. Sie geriet ins Stolpern, konnte sich aber gerade noch auf den Beinen halten. Es war nicht eben einfach, sich nach dem Ritt durch das schier endlose Armeelager bei strahlendem Wintersonnenschein in dem düsteren kaiserlichen Gemach zurechtzufinden. Die Umrisse der beiden ungeschlachten Kerle zu beiden Seiten konnte sie allerdings deutlich erkennen.
Als ein Tumult hinter ihrem Rücken sie bewog, sich umzudrehen, sah sie dieselben beiden Hünen Anson, Owen und dessen Frau Marilee durch die Öffnung ins Zeltinnere stoßen - wie Tiere, die man zur Schlachtbank treibt. Während ihrer hastigen Reise in den Norden hatte sie die anderen kaum zu Gesicht bekommen, denn den größten Teil der Strecke hatten sie einen Knebel und eine Augenbinde tragen müssen, damit sie ihren Häschern nicht mehr zur Last fielen als die Vorräte und das übrige Gepäck. Es tat ihr in der Seele weh, ihre Freunde wieder in der Gewalt dieser bösen Menschen zu sehen. Es war wie ein immer wiederkehrender Albtraum.
Drüben, auf der anderen Seite des großen Zeltvorraums, sah Jennsen Jagang hinter einer massigen Tafel sitzen und eine Mahlzeit zu sich nehmen. Dutzende von Kerzen an beiden Enden des Tisches ließen diesen Teil des Raumes wie ein Sanktuarium mit Altar erscheinen. Hinter dem Rücken des Kaisers stand wartend eine Reihe von Sklaven an der Zeltrückwand. Die Tafel war mit Speisen überladen, die für ein ganzes Bankett gereicht hätten, obwohl Jagang allein zu speisen schien. Er musterte sie mit seinen schwarzen Augen, als wäre sie ein Fasan, den er für dieses einsame Mahl zu enthaupten, auszunehmen und zu schmoren gedachte. Er hob die Hand und winkte sie mit zwei fettglänzenden Fingern näher. Die dicken Ringe an seinen Fingern und die langen, juwelenbesetzten Ketten um seinen Hals funkelten im Schein der Kerzen.
Die völlig verängstigten Anson, Owen und Marilee dicht hinter sich, ging Jennsen über die schweren Teppiche und blieb schließlich vor der kaiserlichen Tafel stehen. Die Kerzenleuchter beschienen einen mit Schinken, Geflügel, Rindfleisch und Soßen aller Art überfrachteten Tisch. Nüsse und Früchte waren ebenfalls zu sehen, dazu eine Reihe von Käsesorten.
Ohne den Blick seiner entsetzlichen Augen von ihr abzuwenden, löste er mit den Fingern einer Hand das Brustfleisch eines kleinen, geschmorten Vogels aus. Dann riss er, in der anderen Hand einen silbernen Pokal, mit den Zähnen ein großes Stück ab und spülte es mit Rotwein hinunter. Dass es Rotwein war, wusste sie, weil ihm ein beträchtlicher Teil aus den Mundwinkeln rann und auf seine ärmellose Lammwollweste tropfte.
»Sieh einer an«, sagte er und stellte seinen Pokal geräuschvoll auf den Tisch, »wenn das nicht Richard Rahls kleine Schwester ist, die uns wieder mal mit einem Besuch beehrt.«