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Das letzte Mal hatte sie zusammen mit Sebastian an der kaiserlichen Tafel gesessen. Damals war sie Gast gewesen und hatte nicht gewusst, dass sie nur benutzt wurde. Seitdem war sie erheblich erwachsener geworden. »Hungrig, Schätzchen?«

Jennsen war völlig ausgehungert. »Nein«, log sie. Jagang lächelte. »Ich muss kein Traumwandler sein, um zu wissen, dass du lügst.«

Als er mit seiner mächtigen Faust auf die Tafel schlug, zuckte sie zusammen. Teller hüpften, Flaschen stürzten um, ein Pokal leerte sich. Den dreien hinter ihrem Rücken entfuhr ein erschrockenes Stöhnen. Jagang sprang auf. »Und ich mag es nicht, wenn man mich anlügt!«

Sein plötzlicher Zornesausbruch ließ ihr die Angst in die Glieder fahren. Die Adern an seiner Stirn traten hervor, und sein ganzes Gesicht verfärbte sich tiefrot. Schon glaubte sie, er würde sie auf der Stelle erschlagen.

Doch bevor ihn seine Wut zu irgendwas verleiten konnte, zerteilte ein Lichtbalken den Raum, und zwei Frauen traten in gebückter Haltung durch die Öffnung ins Zeltinnere. Der schwere Wollvorhang vor dem Eingang fiel zurück an seinen Platz, und alles versank erneut in Düsterkeit.

Jagang richtete seine Aufmerksamkeit von Jennsen auf die beiden Frauen. »Ulicia, Armina, gibt es Neuigkeiten von Nicci?«

Die beiden, von der Frage offensichtlich überrumpelt, wechselten kurz einen Blick.

»Antworte mir, Armina! Nach Spielereien steht mir nicht der Sinn!«

»Nein, Exzellenz, es gibt keine Nachrichten von Nicci.« Sie räusperte sich. »Wenn die Frage gestattet ist, Euer Exzellenz, habt Ihr Grund zu der Annahme, dass sie noch lebt?«

Jagang wurde sichtlich beherrschter. »Allerdings.« Er ließ sich in seinen kunstvoll verzierten Sessel sinken. »Sie ist mir im Traum erschienen.«

»Aber die Verbindung zum Rada’Han ist abgebrochen. Und ohne Hilfe kann sie ihn unmöglich abgenommen haben. Vielleicht waren es tatsächlich nur Träume.«

»Sie lebt!«

Schwester Ulicia verneigte kurz ihren Kopf. »Selbstverständlich, Exzellenz. In diesen Dingen seid Ihr kundiger als ich.«

Er rieb sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. »Ich habe in der letzten Zeit nicht gut geschlafen. Ich bin es leid, an diesem elenden Ort festzusitzen und darauf zu warten, dass es vorangeht. Ich sollte die Männer, die an der Rampe arbeiten, für ihre Saumseligkeit auspeitschen lassen. Ich hatte angenommen, die Hinrichtungen im Anschluss an die Tumulte hätten sie bei ihrer Arbeit zu ein wenig mehr Hingabe angetrieben, immerhin dient sie unserer Sache. Vielleicht sollte ich einige der gemächlicheren von der Rampe stoßen, um die übrigen auf Trab zu bringen.«

»Nun, Exzellenz« - Schwester Ulicia trat vor, sichtlich bemüht, ihn von diesen düsteren und gewalterfüllten Phantasien abzubringen -, »wir hätten da etwas, das Eure Meinung über unser Vorankommen möglicherweise erheblich aufhellen könnte.«

Er blickte scharf auf, griff sich den Pokal und nahm einen kräftigen Schluck. Dann stellte er ihn wieder ab und riss ein handgroßes Stück aus dem Schinken. Nachdem er ein Stück abgebissen hatte, fuchtelte er in Richtung Schwestern. »Und das wäre?«

»Zusammen mit Jennsen sind eine Menge Bücher hergebracht worden. Vor allem eines davon ist... nun, wir denken, Exzellenz, Ihr solltet Euch davon mit eigenen Augen überzeugen.«

Sein Blick bekam wieder etwas Ungeduldiges. Er drängte sie mit einer Handbewegung, fortzufahren.

Auf sein Zeichen eilten die beiden Frauen nach vorn. Schwester Armina hielt ebenjenes Buch in der Hand, an das Jennsen sich erinnerte. Sie erinnerte sich auch, gesehen zu haben, wie es aus dem verborgenen unterirdischen Gewölbe auf dem Friedhof nach oben gebracht worden war.

»Das Buch der gezählten Schatten«, erklärte sie.

Jagang sah den beiden in die Augen, streckte dann beide Hände zu den Seiten aus. Sofort trat ein Sklave mit einem Handtuch vor und machte sich an die Säuberung der kaiserlichen Hände. Als dieser mit dem Kopf auf die Tafel wies, eilten weitere Sklaven herbei, um Teller und Schalen abzuräumen. Nachdem sie auf diese Weise Platz geschaffen hatten, rauschte eine junge, mit einem mehr ent- als verhüllenden Gewand bekleidete Frau herein, um die Tafel abzuwischen.

Während Jagang sich noch immer seine Hände reinigen ließ, legte ihm Schwester Armina das Buch vor. Sofort schlug er die Sklavenhände unwirsch fort und beugte sich über den Folianten, schlug den Einband auf und begann den Text zu studieren.

»Nun«, meinte er, die Seiten umblätternd, »wie lautet eure Meinung? Ist es eine korrekte oder eine fehlerhafte Abschrift?«

»Es ist keine Abschrift, Exzellenz.«

Er sah auf - mit einem Stirnrunzeln, das aussah, als könnte es lebensbedrohlich werden. »Was soll das heißen, keine Abschrift?« »Es ist das Original, Exzellenz.«

Jagang kniff die Augen zusammen, unsicher, ob er richtig gehört hatte. Er ließ sich wieder in seinen Sessel sinken und musterte sie mit festem Blick.

»Das Original?«

Schwester Ulicia trat näher, beugte sich über die Tafel und blätterte zum Anfang zurück.

»Seht Euch das hier an, Exzellenz.« Sie tippte auf die Seite. »Das ist das Zeichen des Verfassers, ein Siegel, das einen Bann enthält, der angibt, dass es sich um das Original handelt.«

»Na und? Vielleicht ist das Siegel ja eine Fälschung.«

Schwester Ulicia schüttelte den Kopf. »Nein, Exzellenz. Das ist so nicht möglich. Wenn ein Prophet Prophezeiungen in einem Buch niederschreibt, setzt er dieses Zeichen an den Beginn seiner Niederschrift, um anzuzeigen, dass dies sein eigenhändig verfasstes Werk und keine Abschrift ist.

Ihr besitzt eine Menge Bücher der Prophezeiungen, Exzellenz, aber abgesehen von ein paar Ausnahmen, sind es alles Abschriften des Originals. Die meisten tragen überhaupt kein Siegel, auf anderen hinterlässt der Kopist sein eigenes Zeichen, damit sein Werk zugeordnet und als Abschrift erkannt werden kann. Doch diese Siegel sehen niemals so aus. Dies ist genau die Art von Siegel, die niemals in Abschriften hinterlassen wird, sondern stets nur im Original.

Es ist das Zeichen des Verfassers in Gestalt eines Banns, mit dem üblicherweise Originale gekennzeichnet werden. Es handelt sich also um das Original des Buches der gezählten Schatten.« Sie klappte es zu und zeigte ihm den Buchrücken. »Seht Ihr? Es heißt ›der ... Schatten‹ nicht ›des ... Schattens‹, es trägt das Zeichen des Verfassers, und es wurde hinter Barrieren und Schilden gefunden. Es handelt sich zweifelsohne um das Original.« »Was ist mit den anderen?«

»Keines weist ein solches Siegel auf. Nicht eines der drei trägt auch nur das Zeichen dessen, der es kopiert hat. Tatsächlich weisen sie überhaupt keinerlei Signatur auf. Es sind einfach Abschriften. Das Original ist dieses.«

Eine Hand auf die Tafel gestützt, tippte Jagang nachdenklich auf die Platte.

»Mir leuchtet immer noch nicht recht ein, wieso es keine fehlerhafte Abschrift sein könnte. Man hätte doch ein gefälschtes Zeichen in die Abschrift einsetzen können, um die Leute in die Irre zu führen.«

»Rein technisch wäre das möglich, allerdings weisen eine Reihe von Anhaltspunkten darauf hin, dass es keine Fälschung ist. Zudem könnten wir zur Bestätigung der Echtheit des Verfasserzeichens noch eine Reihe von Tests durchführen, denn letztendlich ist das der Grund, warum es in Gestalt einer Bannform hinterlassen wird: um eine solche Überprüfung zu ermöglichen. Ein paar haben wir bereits durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass es das echte ist. Es gibt aber noch einige komplexere Prüfnetze, mit denen man es testen könnte.«

Schwester Armina wies auf das Buch. »Außerdem bleibt die Frage, was ganz zu Beginn steht, Exzellenz, wo es heißt, seine Echtheit könne nur von einer Konfessorin bestätigt werden.«

Schwester Ulicia schnalzte ungeduldig mit der Zunge. Offenbar hatten sie diese Diskussion bereits hinter sich. Sie warf Schwester Armina einen mörderischen Blick zu, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kaiser zuwandte.