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»Im Text heißt es, im Wesentlichen bedürfe es einer Konfessorin, um die Echtheit einer Abschrift zu bestätigen, aber nicht des Originals. In diesem Falle ist dies bereits durch das Zeichen des Verfassers gegeben, was sich wiederum anhand weiterer Tests überprüfen ließe. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass sie nur bestätigen würden, was wir bereits wissen.«

Jagang tippte mit dem Finger auf die Tischplatte, während er über ihre Worte nachdachte. »Wo hat man es gefunden?«

»In Bandakar, Exzellenz«, antwortete sie.

»Willst du damit sagen, es lag all die Jahre hinter diesen magischen Barrieren verborgen?«

»So ist es, Exzellenz«, erwiderte Schwester Ulicia sichtlich aufgeregt.

»Das alleine beweist, dass dies das Originalmanuskript ist.«

»Wieso?«

»Nun, wenn das Original anhand des Zeichens zu erkennen ist, wo würdet Ihr es dann verstecken?«

»Hinter magischen Barrieren«, antwortete er nachdenklich.

»Dies ist das Original des Buches der gezählten Schatten, Exzellenz. Ich bin mir dessen ganz sicher.«

Er betrachtete sie mit seinen schwarzen Augen. »Bist du auch bereit, dein Leben darauf zu verwetten?«

»Bin ich, Exzellenz«, gab sie ohne Zögern zurück.

Ein äußerst seltsames Geräusch riss Jennsen unvermittelt aus tiefstem Schlaf. Langsam kam sie zu sich; es schien ihr eine Art Röhren zu sein. Zunächst dachte sie, Kaiser Jagang habe wieder einen seiner Albträume, doch dann folgte auf das Geräusch ein gewaltiges Durcheinander draußen. Männer schrien andere an, aus dem Weg zu gehen, stießen verängstigte Schreie aus. Man hörte ein metallisches Klirren, wie von zu Stapeln aufgestellten Lanzen, die von Männern in wilder Hast umgerissen wurden. Dann vernahm sie erneut das Röhren, näher diesmal, und weitere Rufe.

Jennsen sah die Posten am Zelteingang durch den Spalt in der Türabdeckung linsen. Sie hatte Angst, sich von ihrem Platz am Fußboden zu erheben, denn Jagang hatte ihr befohlen, sich nicht von der Stelle zu rühren. Angesichts seiner urplötzlichen Zornesanfälle hielt sie es für ratsam, ihn besser nicht zu reizen.

Als Anson ihr einen fragenden Blick zuwarf, zuckte sie nur die Achseln. Owen ergriff Marilees Hand. Offenbar hatten die drei Angst - ein Gefühl, das Jennsen teilte.

Schließlich kam Jagang aus seinem Schlaf gemach gestürzt, die Hose noch nicht vollständig zugeknöpft. Er wirkte müde und ausgelaugt. Jennsen wusste, dass er wegen seiner quälenden Albträume kaum noch Schlaf fand.

Er wollte gerade den Mund aufmachen, als die Decke vor der ZeltÖffnung zur Seite geschlagen wurde, und der Höllenlärm von draußen in das Innere des Zeltes flutete.

Eine hagere Frau trat durch die Zeltöffnung, die sich trotz des Lärms und Durcheinanders in der abgeklärten, zielbewussten Weise einer Schlange bewegte.

Schon ihr bloßer Anblick ließ in Jennsen den Wunsch aufkeimen, sie könnte unter einen Teppich kriechen und sich dort verstecken. Mit ihren blassen Augen erfasste die Frau die vier am Boden Sitzenden, ehe sie den Blick zum Kaiser hob. Die Gardisten beachtete sie gar nicht. Ihre blasse Haut hob sich deutlich vor dem Hintergrund ihres schwarzen Kleides ab.

»Sechs!«, rief Jagang. »Was tut Ihr hier, noch dazu mitten in der Nacht?«

Der Blick, mit dem sie ihn musterte, hatte beinahe etwas Verächtliches.

»So lautete Euer Befehl.«

Jagang funkelte sie an. »Also schön, worum geht es?«

»Um etwas, das Euch zu beschaffen ich mich bereit erklärt hatte.«

Damit zog sie einen Gegenstand hervor, den sie unter dem Arm getragen hatte. Jennsen hatte ihn gar nicht bemerkt, denn er war von einer Schwärze, die es nahezu unmöglich machte, ihn im trüben Licht des Zeltes zu erkennen, erst recht nicht vor dem Hintergrund des schwarzen Kleides.

Noch während er den schwarzen Gegenstand anstarrte, den sie ihm zeigte, begann sich seine Laune aufzuhellen.

Jagangs Augen waren schwarz, und ebenso Sechs’ Kleid; und auch eine mondlose Nacht um Mitternacht in einer Höhle mitten in einem dichten Wald war schwarz, doch keines dieser Dinge ließ sich mit dem Schwarz jenes Gegenstandes vergleichen, den die Frau in Händen hielt. Er war schwärzer als alles, was Jennsen je gesehen hatte. Dies, so ihr erster Gedanke, musste die Schwärze sein, die einen nach dem Tod umfing. Jagang starrte ihn an, die Augen entzückt aufgerissen, während sich allmählich ein Lächeln über seine Züge breitete. »Das dritte Kästchen ...«

Sechs schien seine auf einmal prächtige Laune nicht zu teilen. »Ich habe meinen Teil des Handels erfüllt.«

»Das habt Ihr«, bestätigte er, während er ihr das Kästchen ehrfurchtsvoll aus den Händen nahm.

Schließlich stellte er das tiefschwarze Kästchen auf einer Kiste ab. »Und die anderen Dinge?«, fragte er über seine Schulter.

»Ich habe ihre Streitkräfte attackiert und sie versprengt, ihre Patrouillen ausgeschaltet, wann immer ich ihnen begegnet bin. Ich habe Wege für die Nachschubzüge erkundet und dafür gesorgt, dass sie ungehindert passieren konnten.«

»Ja, sie sind durchgekommen - und das keinesfalls zu früh.«

»Es wäre bei weitem besser, die Sache einfach zu beenden«, erklärte sie.

»Habt Ihr schon die korrekte Abschrift des Buches der gezählten Schatten gefunden?«

»Nein.« Ein Feixen ging über sein Gesicht. »Allerdings glaube ich, das Original zu haben.«

Sie betrachtete ihn lange, so als wollte sie den Wahrheitsgehalt seiner Worte abwägen. Vielleicht überlegte sie auch nur, ob er betrunken war.

»Ihr glaubt, Ihr hättet das Original gefunden?« Ein freudloses Grinsen spielte über ihre schmalen Lippen. »Warum bedient Ihr Euch nicht einfach Eurer Konfessorin?«

»Es hat hier ... ein paar Schwierigkeiten gegeben. Sie konnte fliehen.«

Was immer Sechs in diesem Moment dachte, auf ihren hageren Zügen ließ sie es sich nicht anmerken. »Nun, sie war für Euch ohnehin nur von begrenztem Nutzen.«

Jagangs Miene verfinsterte sich. »Begrenzt oder nicht, ich habe Pläne mit ihr. Was meint Ihr, könntet Ihr sie finden und sie zu mir schaffen? Es soll nicht Euer Schaden sein.«

Sechs zuckte die Achseln. »Wenn es Euer Wunsch ist. Lasst mich einen Blick auf das Buch werfen.«

Jagang trat an einen Schrank und zog eine Lade auf, holte das Buch heraus und reichte es ihr. Sechs hielt es eine Weile zwischen ihren flachen Handtellern.

»Und nun zeigt mir die anderen.«

Er trat zu einer anderen Lade und entnahm ihr drei weitere Bücher, alle offenbar von der gleichen Größe. Er legte sie nebeneinander auf die Marmorplatte eines Tisches und stellte eine Öllampe daneben. Mit verschränkten Armen schwebte Sechs heran und betrachtete die Bücher eines nach dem anderen. Auf eines legte sie die Spitzen ihrer langen, schmalen Finger. Dann ging ihre Hand weiter zum nächsten, auf dem sie kurz verweilte, ehe sie zum dritten weiterging. Sie wies auf die auf dem Tisch liegenden Bücher. »Diese drei kamen später.« Dann zog sie das Original, das er ihr ausgehändigt hatte, unter dem Arm hervor und legte es nach kurzem Fuchteln auf die anderen drei.

»Dies hier war zuerst da.«

»Zuerst da - es ist also das Original? Seid Ihr dessen wirklich sicher?«

»Ich gehe keine unsinnigen Risiken ein. Wäre es eine fehlerhafte Abschrift, und würden Eure Schwestern deswegen das falsche Kästchen öffnen, würde ich alles verlieren, auf das ich hingearbeitet habe. Und angesichts meiner Mittäterschaft sogar mein Leben.«

»Das beantwortet noch immer nicht meine Frage.«

Achselzucken. »Ich bin eine Hexe, ich verfüge über Talente. Dies ist das Original. Benutzt es, öffnet das korrekte Kästchen, und Eure Alb träume werden ein Ende haben.«

Einen Moment lang wurde Jagangs Blick starr. Er schien über die Erwähnung seiner Albträume gar nicht glücklich, zu guter Letzt aber ging ein Lächeln über sein Gesicht. »Schafft mir die Konfessorin her.«

Sechs setzte ein tödliches Lächeln auf. »Ihr bereitet alles vor, richtet alles ein, wirkt die Banne und tätigt die Herbeirufungen, dann werde ich zu diesem Ereignis die Konfessorin herbeischaffen.«