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Jagang nickte. »Schwester Ulicia meinte, wir müssten hinauf in den Garten des Lebens.«

»Das ist zwar nicht die einzige Möglichkeit, wäre aber der beste Garant für den Erfolg. Ihr solltet sie ernst nehmen.«

»Das tue ich. Da sie es sein wird, die das Kästchen öffnet - während ich in ihrem Verstand weile, selbstverständlich - ,würde sich ein Fehler überaus unvorteilhaft für sie auswirken. Es wäre für sie das denkbar schlechteste Ergebnis, würde der Hüter der Unterwelt sie sich auf diese Weise unter den Nagel reißen, es ist also nur in ihrem eigenen Interesse. Deswegen beharrt sie auch darauf, es im Garten des Lebens zu tun und nicht hier.«

Sechs betrachtete Jennsen mit durchdringendem Blick. »Nehmt sie, sie ist Richard Rahls Schwester. Alles kehrt sich eins nach dem anderen gegen ihn. Ihr Leben in die Waagschale zu werfen, wird den entscheidenden Ausschlag geben.«

Jagang betrachtete Jennsen aus seinen dunklen Augen. »Warum, glaubt Ihr, habe ich sie wohl hergebracht?«

Sechs zuckte die Achseln. »Ich dachte, aus Rache.«

»Ich will den Widerstand gegen die Imperiale Ordnung brechen – endgültig. Wäre ich auf Rache aus gewesen, befände sie sich längst in den Folterzelten und würde sich die Seele aus dem Leib schreien. Aber mein Ziel ist es, der Ordensbruderschaft endgültig zur Weltherrschaft zu verhelfen, so wie es ihr von Rechts wegen gebührt.«

»Abgesehen von dem mir zustehenden Anteil«, setzte Sechs mit einem mörderischen Funkeln hinzu.

Jagang lächelte gönnerhaft. »Ihr seid mitnichten gierig, Sechs, Eure Forderung ist recht bescheiden. Mit Eurem kleinen Teil der Welt könnt Ihr nach Gutdünken verfahren, unter der richtungsweisenden Autorität der Imperialen Ordnung, selbstverständlich.«

»Selbstverständlich.«

»Und sollte ihn die Bedrohung des Lebens seiner Schwester nicht umstimmen, fühlt Euch frei, meinen Namen zu erwähnen, und erklärt ihm, es wäre mir eine Freude, Feuer auf ihn herabregnen zu lassen.«

Der Einfall schien seine Phantasie zu beflügeln. »Eine ausgezeichnete Idee. Wie ich von Anfang an vermutet habe, erweist Ihr Euch als überaus wertvolle Verbündete, Sechs.«

»Königin Sechs, wenn es Euch nichts ausmacht.«

Er zuckte die Achseln. »Aber nein. Es ist mir eine Freude, Euch gebührend zu behandeln.«

51

Rachel hockte immer wieder einnickend im Dunkeln an eine Steinmauer gelehnt da, als sie draußen vor der Zelle ein Geräusch hörte, das sie den Kopf heben ließ. Sie richtete sich auf und lauschte. Es klang wie ferne Schritte.

Sie ließ sich wieder gegen die kalten Steine sinken. Vermutlich war es Sechs, die kam, um sie in die Höhle zurückzubringen und sie dort Zeichnungen anfertigen zu lassen, um Menschen wehzutun. In der gemauerten, vollkommen leeren Zelle war es unmöglich fortzulaufen oder sich zu verstecken.

Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, wenn Sechs ihr befahl, all die schrecklichen Dinge zu zeichnen, die Menschen wehtun würden. Sie wollte das nicht, wollte keine Zeichnungen anfertigen, die Unschuldigen Schaden zufügten, wusste aber, die Hexe verfügte über Mittel und Wege, sie dazu zu zwingen. Sie fürchtete sich vor Sechs.

Es gab kein grauenhafteres Gefühl, als mit jemandem allein zu sein, der einem etwas antun wollte, und zu wissen, dass man nicht das Geringste dagegen machen konnte.

Bei der Vorstellung, was ihr bevorstand, was Sechs ihr antun würde, kamen ihr die Tränen. Sie wischte sie fort und versuchte, sich einen – irgendeinen - Ausweg zu überlegen.

Sie hatte die Hexe schon eine Weile nicht mehr zu Gesicht bekommen. Vielleicht war sie es ja gar nicht, sondern einer ihrer Bewacher, der ihr etwas zu essen brachte. Ein paar von ihnen kannte sie noch von früher, als Königin Milena noch gelebt hatte - allerdings nicht namentlich, sie erinnerte sich aber, sie damals gesehen zu haben.

Andere hingegen waren ihr völlig unbekannt, wahrscheinlich Soldaten der Imperialen Ordnung. Die alten Gardesoldaten waren nie gemein zu ihr gewesen, diese neuen Soldaten jedoch waren anders. Sie sahen wüst aus, und wenn sie sie mit ihren Blicken musterten, wusste sie einfach, dass sie sich in ihrer Phantasie die widerwärtigsten Dinge ausmalten, die sie ihr anzutun gedachten. Sie sahen nicht so aus, als würden sie sich von irgendjemandem davon abbringen lassen - außer vielleicht von Sechs, der sie stets aus dem Weg gingen. Diese beachtete sie nicht weiter, da sie offenbar exakt das von ihnen erwartete.

Rachel allerdings maßen sie mit ihren Blicken auf eine Weise, dass ihr das Mark in den Knochen gefror. Sie hatte Angst, von ihnen allein erwischt zu werden, wenn Sechs nicht dabei war, die sie ihr vom Leibe hielt. Allerdings war die Vorstellung, dass Sechs auf dem Weg hierher war, um ihr etwas anzutun, auch nicht eben besser.

Damals, noch zu Lebzeiten Königin Milenas, war ihr das Leben im Schloss stets verhasst gewesen. Die meiste Zeit hatte sie in steter Angst gelebt, ständig hatte sie Hunger gehabt.

Aber dies war anders, schlimmer - und das hätte sie niemals für möglich gehalten.

Aufmerksam lauschte sie auf die näher kommenden Schritte draußen und erkannte, dass es nicht die Schritte von Männerstiefeln waren, sondern leichtere - die einer Frau.

Demnach konnte es nur Sechs sein. Demnach war dies der Tag, den sie die ganze Zeit gefürchtet hatte. Sechs hatte ihr angedroht, sie bei ihrer Rückkehr für sich zeichnen zu lassen.

Der Schlüssel drehte sich scheppernd im Schloss. Rachel presste sich gegen die Wand hinter ihrem Rücken und wäre am liebsten fortgelaufen, doch wohin? Kreischend öffnete sich die schwere Eisentür, und der Schein einer Laterne drang in Rachels steinernes Gefängnis. Eine Gestalt mit einer Laterne in der Hand schwebte herein. Dann sah sie das Lächeln und blinzelte fassungslos. Ihre Mutter! Im Nu sprang Rachel auf und stürzte, das Gesicht plötzlich tränenüberströmt, auf die Frau zu und schlang ihr die Arme um die Hüften. Sie spürte, wie tröstliche Hände sie liebevoll in die Arme schlossen. Die Umarmung war so unerwartet, dass sie vor Freude zu weinen anfing.

»Ruhig, ganz ruhig. Jetzt ist alles in Ordnung, Rachel.«

Und sie wusste, dass es stimmte. Jetzt, da ihre Mutter da war, war plötzlich alles in Ordnung. Die schrecklichen Soldaten, die Hexe, das alles zählte nicht mehr. Jetzt war alles wieder gut.

»Danke, dass du gekommen bist«, sagte sie unter Tränen. »Ich hatte solche Angst.«

Ihre Mutter ging in die Hocke und zog sie fest an sich. »Wie ich sehe, hast du benutzt, was ich dir bei unserer letzten Begegnung gegeben habe.«

Rachel nickte an der Schulter ihrer Mutter. »Es war meine Rettung. Die Kreide hat mir das Leben gerettet. Danke.«

Sie spürte, wie eine tröstliche Hand ihren Rücken tätschelte, während sich ihre Mutter leise lachend über ihre hemmungslose Freude amüsierte.

Plötzlich löste sich Rachel aus der Umarmung. »Wir müssen fort, ehe diese schreckliche Hexe zurückkommt. Außerdem sind hier Soldaten – gemeine Kerle, die dich auf keinen Fall sehen dürfen. Sie könnten dir schreckliche Dinge antun.«

Ihre Mutter betrachtete sie, ein strahlendes Lächeln im Gesicht. »Im Augenblick sind wir in Sicherheit.«

»Aber wir müssen von hier fort.«

Immer noch lächelnd, nickte ihre Mutter. »Ja, das müssen wir. Aber vorher musst du etwas für mich tun.«

Rachel unterdrückte ihre Tränen. »Was immer du willst. Du hast mir das Leben gerettet. Das Stückchen Kreide hat mich vor den gespenstischen Kobolden gerettet. Sie hätten mich sonst glatt in Stücke gerissen.«

Ihre Mutter legte ihr die Hand an die Wange. »Das hast du ganz alleine vollbracht, Rachel. Du hast von deinem Verstand Gebrauch gemacht und dir selbst das Leben gerettet. Ich habe dir nur ein wenig dabei geholfen, als ich merkte, dass du Hilfe brauchst.«

»Aber es war doch genau die Hilfe, dich ich brauchte.«

»Ich bin so froh, Rachel. Aber jetzt brauche ich deine Hilfe.«