Rachel zuckte die Achseln. »Aber wie könnte ich dir helfen? Dafür bin ich doch viel zu klein.«
Ihre Mutter lächelte, auf eine Weise, die sie stutzig machte. »Du hast genau die richtige Größe.«
Rachel konnte sich nicht vorstellen, wofür sie die richtige Größe haben sollte. »Um was geht es denn?«
Ihre Mutter nahm die Laterne auf und erhob sich, dann bot sie Rachel ihre Hand. »Komm, ich werde es dir zeigen. Du musst eine sehr wichtige Nachricht überbringen, um jemanden zu retten.«
Als sie in den steinernen Gang hinaustraten, konnte man im Lichtschein ihrer Laterne erkennen, dass er menschenleer war. Die Gardisten waren nirgendwo zu sehen.
Rachel gefiel der Gedanke, jemandem zu helfen. Sie wusste, was es hieß, Angst zu haben und auf Hilfe angewiesen zu sein.
»Ich soll eine Nachricht überbringen?«
»Ganz recht. Ich weiß, du bist sehr tapfer, aber du darfst dich nicht fürchten vor dem, was du gleich sehen wirst. Da ist nichts, wovor man sich fürchten müsste, versprochen.«
Während sie den Gang entlangeilten, wuchs ihre Sorge. Ihre Mutter hatte ihr geholfen, und nun wollte sie ihr den gleichen Gefallen tun. Trotzdem, es klang, als könnte es beängstigend sein. Wenn einem jemand erklärte, man solle keine Angst haben, bedeutete das für gewöhnlich, dass da etwas Furchterregendes war. Trotzdem, schlimmer als die gemein aussehenden Männer, die sie mit ihren Blicken musterten, oder als die Hexe konnte es kaum sein.
Chase hatte ihr beigebracht, dass Angst etwas ganz Normales sei, dass man sie aber überwinden müsse, um sich selbst zu helfen. Angst, sagte er immer, könne einen nicht retten, wohl aber ihre Überwindung. Rachel blickte auf zu ihrer wunderschönen Mutter. »Für wen ist die Nachricht?«
»Sie soll einem Freund helfen. Richard.« »Richard Rahl? Du kennst Richard Rahl?«
Ihre Mutter sah nach unten. »Du kennst ihn, darauf kommt es an. Du weißt, dass er allen zu helfen versucht.« Sie nickte. »Das stimmt.«
»Nun, er wird Unterstützung brauchen. Du musst ihm eine Nachricht von mir überbringen, damit wir dafür sorgen können, dass er die nötige Unterstützung auch bekommt.«
»Einverstanden. Ich helfe ihm gern. Ich liebe Richard.«
Ihre Mutter nickte. »Gut. Er hat deine Liebe auch verdient.«
Vor einer schweren Tür blieb sie zögernd stehen, drückte dann Rachels Hand. »Hab jetzt keine Angst, einverstanden?«
Rachel, Schmetterlinge im Bauch, sah ihre Mutter aus großen Augen an.
»Einverstanden.«
»Da ist nichts, wovor man sich fürchten muss. Versprochen. Außerdem bin ich ja bei dir.«
Rachel nickte. Dann stieß ihre Mutter die Tür in die kalte Nachtluft auf. Durch die Türöffnung konnte Rachel sehen, dass der Mond am Himmel stand, und weil sie in ihrer düsteren Zelle nur das Licht einer Lampe gesehen hatte, konnte sie draußen alles einigermaßen gut erkennen. Es schien ein von steinernen Mauern umgebener Innenhof zu sein, groß genug nicht nur für Büsche, sondern sogar für Bäume. Zusammen traten sie hinaus in die frostige Dunkelheit. Dann erblickte sie die leuchtend grünen Augen, die auf sie herabstarrten, und erstarrte.
Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken und verhinderte so, dass der in ihrem Innern aufgestaute Schrei hervorbrach.
Gewaltige Flügel öffneten und spreizten sich, und da der Mond sie von hinten beschien, konnte sie die Adern in der über den Flügeln gespannten Haut pulsieren sehen.
Ein Gar.
Rachel wusste einfach, im nächsten Augenblick würde die Bestie sie beide in Stücke reißen.
»Hab keine Angst, Rachel«, sagte ihre Mutter mit begütigender Stimme. Rachel war außerstande, ihre Beine zu bewegen. »Was?«
»Das ist Gratch. Gratch ist ein Freund von Richard.« Sie wandte sich der mörderischen Bestie zu, legte ihr eine Hand auf den pelzigen Arm und streichelte sie beruhigend. »Nicht wahr, Gratch?«
Das Maul klaffte auf. Riesige Reißzähne schimmerten im Schein der Laterne. Sein dampfender Atem drang zischend zwischen diesen Fängen hervor und stieg in die kalte Luft.
»Grrratch liiieb Raaaach aaarg«, knurrte die Bestie. Rachel war fassungslos. Genau genommen war es gar kein Knurren, vielmehr hatte es fast so wie Worte geklungen.
»Hat er etwa gerade gesagt, er liebt Richard?«
Gratch nickte eifrig, und Rachels Mutter ebenso.
»Ganz recht. Gratch liebt Richard, genau wie du.«
»Grrratch liiieb Raaach aaarg«, wiederholte die Bestie. Diesmal konnte Rachel sie schon besser verstehen.
»Gratch ist hier, um Richard zu helfen. Aber dich brauchen wir auch.«
Endlich löste Rachel den Blick von der riesigen Bestie und sah zu ihrer Mutter.
»Aber was kann ich denn tun? Ich bin nicht so groß wie Gratch.« »Nein, bist du nicht. Genau deswegen kann er dich tragen. Und auf diese Weise kannst du deine Nachricht überbringen.«
52
Aufwinde schlugen Richard entgegen, als er auf der schmalen, vom Palast des Volkes an der Seitenwand der Hochebene hinabführenden Straße stand. Nathan, links neben ihm, beugte sich über den Rand, um einen Blick in den jähen Abgrund zu werfen. Selbst in Augenblicken wie diesen war der Prophet noch von einer geradezu kindlichen Neugier besessen – auch wenn es die eines tausendjährigen Kindes war. Vermutlich, überlegte Richard, blieb so etwas nicht aus, wenn man sein ganzes Leben als Gefangener gehalten worden war.
Nicci, rechts von ihm, war eher schweigsam. Er konnte nicht sagen, dass er ihr einen Vorwurf daraus machte. Verna und Cara warteten hinter ihm, beide sichtlich in der Gemütsverfassung, irgendjemanden über den Klippenrand zu stoßen. Doch dem äußeren Anschein zum Trotz war es wohl eher Nathan, der in einer solchen Stimmung war. Seit er von der Ermordung Anns erfahren hatte, kochte er innerlich, ein stummer Zorn, den Richard nur zu gut verstehen konnte.
Zahnräder quietschten, und der schwere Widerhaken ratterte, als die Gardesoldaten an der schwergängigen Kurbel zum Herunterlassen der Brücke drehten. Während sich die schweren Balken und Planken allmählich senkten, konnte Richard endlich auch das Gesicht des einzelnen Soldaten erkennen, der auf der gegenüberliegenden Seite wartete. Als Erstes erblickte er seine dunklen Augen, die ihn über den Schlund hinweg anstarrten.
Der junge Mann, groß und kräftig, mit mächtiger Brust und Armen, hatte gerade erst das beste Mannesalter erreicht. Fettige Haarsträhnen hingen bis auf seine kräftigen Schultern. Er schien sein Leben lang noch kein Bad genommen zu haben. Richard konnte ihn über den Schlund hinweg riechen.
Uber das Reisebuch, das Verna noch immer mit sich führte, hatte der Kaiser Verbindung zu ihnen aufgenommen. Dessen Gegenstück hatte Ann viele Jahre lang bei sich getragen, doch nun befand es sich in Schwester Ulicias und somit in Jagangs Besitz.
Verna war von der Kontaktaufnahme vollkommen überrascht worden, Richard dagegen nicht im Mindesten. Er hatte damit gerechnet. Tatsächlich hatte er sie sogar aufgefordert, in ihrem Reisebuch nachzusehen.
Jagang hatte um eine Zusammenkunft gebeten und sie wissen lassen, er werde alleine kommen - seiner Sicherheit wegen allerdings im Verstand eines seiner Männer. Richard dagegen durfte mitbringen, wen immer er wollte und so viele er wollte, sogar eine ganze Armee. Das Leben des Soldaten scherte Jagang wenig, nach seinem Bekunden wäre es ihm sogar egal, wenn sie beschließen sollten, ihn zu töten.
Aus eigener Erfahrung wusste Richard, dass es unmöglich war, des Traumwandlers habhaft zu werden, wenn er sich im Verstand eines anderen befand. Selbst nach der Berührung durch Kahlans Konfessorinnenkraft hatte er sich der Gefahr noch mühelos entziehen können. Also gab er sich trotz all der mit der Gabe Gesegneten in seiner Begleitung keinen Illusionen hin, dass jemand von ihnen imstande wäre, ihn zu ergreifen.
Der Soldat selbst war selbstverständlich bereits tot. Doch soweit es Jagang betraf, war dies nichts weiter als das Opfer, das er für die Sache bringen musste.
Nein, die Personen in seiner Begleitung waren aus ganz anderen Gründen mitgekommen.
Zu guter Letzt senkte sich die Zugbrücke mit dumpfem Aufprall an ihren Platz. Richard hatte der Brückenbesatzung sowie den dortigen Gardisten bereits seine Instruktionen gegeben, so dass sie sich nach Herunterlassen der Brücke auf sein Handzeichen hin die Straße hinauf zurückzuziehen begannen.