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Kaum waren sie außer Hörweite, betrat Richard die Zugbrücke. Seine Begleiter mussten sich beeilen, um dicht hinter ihm zu bleiben. Der Mann am anderen Ende wartete einen Moment, ehe er, die Daumen lässig in den Waffengurt gehakt, ganz gemächlich bis zur Brückenmitte vortrat und dort in arroganter Körperhaltung stehen blieb. Als sie einander gegenüberstanden, waren die dunklen Augen des Mannes - Jagangs finsterer Blick - auf Nicci gerichtet. Trotz der offenkundigen Verärgerung seines durch seine Augen blickenden Herrn, machte der junge Kerl kein Hehl aus seiner Lust auf das, was ihm geboten wurde. Ohne die anderen auch nur zu beachten, konzentrierte er sich ganz auf die vor ihm stehende blonde Frau in dem freizügigen schwarzen Kleid. Der Ausschnitt über dem Leibchen ge währte einen ausgiebigen Einblick, an dem sich der junge Bursche überaus interessiert zeigte.

»Was wollt Ihr?«, fragte Richard in absolut nüchternem Ton. Die Augen des jungen Kerls - Jagangs - richteten sich kurz auf Richard, ehe sie wieder zu Nicci hinüberschwenkten.

»Nun, Schätzchen«, sagte die tiefe Stimme, »wie ich sehe, ist es dir abermals gelungen, mich zu betrügen.«

Nicci betrachtete ihn lediglich mit vollkommen gleichgültiger Miene.

»Ihr habt gesagt, Ihr wolltet mich treffen.« Richard war bemüht, ruhig zu bleiben. »Was ist Euch so wichtig?«

Der herablassende Blick schwenkte zu Richard. »Nicht mir, Junge. Dir.«

Richard zuckte die Achseln. »Also gut, dann eben mir.« »Liegt dir eigentlich etwas an all den Menschen dort hinter deinem Rücken?«

»Das wisst Ihr nur zu gut.« Richard seufzte. »Worum geht es?«

»Nun, ich werde dir Gelegenheit geben, es zu beweisen. Hör genau zu, denn ich bin nicht in der Stimmung, Beleidigungen auszutauschen.«

Richard hätte den jungen Burschen - Jagang - am liebsten nach seinen Schlafstörungen gefragt, widerstand aber dem Drang nach einer sarkastischen Bemerkung. Sie hatten sich schließlich aus einem ganz bestimmten Grund hier getroffen.

»Nennt mir also Euer Angebot.«

Ein wenig stockend, hob der junge Soldat einen Arm, um, wie Richard dachte, auf den Palast hinter ihnen zu deuten. »Dort oben gibt es viele tausend Menschen, die ihres Schicksals harren. Und dieses Schicksal liegt nun ganz in deiner Hand.«

»Deswegen nennen sie mich Lord Rahl.«

»Also schön, Lord Rahl, während du ganz auf dich allein gestellt bist, stehe ich für die gesammelte Weisheit der Menschen des Ordens.«

»Die gesammelte Weisheit?« Richard musste sich abermals zusammenreißen, um keine bissige Bemerkung fallen zu lassen.

»Gesammelte Weisheit ist es, was unserem Volk Führung gibt. Weil wir so zahlreich sind, sind wir weiser als die Wenigen.«

Richard senkte den Blick, während er an einem Fingernagel pulte. »Nun, ich bin schon gegen die gesammelte Weisheit Eurer Ja’La-Mannschaft angetreten und habe sie nach Strich und Faden besiegt.«

Der Mann zögerte. »Das warst du?«

Richard nickte. »Wie lautet nun Euer Angebot?«

»Wenn wir dort hineingelangen - und das werden wir -, werden Männer wie mein junger Krieger, der Stolz der Alten Welt, die aufgebrochen sind, die Heiden aus der Neuen Welt zu vernichten, dort oben völlig freie Hand erhalten. Ich überlasse es deiner Phantasie, was sie mit den Menschen im Palast machen werden.«

»Mir ist längst bekannt, wie der Stolz des Ordens mit Unschuldigen verfährt. Ich habe die Folgen ihrer gesammelten Weisheit bereits zu Gesicht bekommen, dafür muss ich nicht meine Phantasie bemühen.«

»Nun, wenn du eine Wiederholung dessen wünschst, nur zehnmal schlimmer, weil dein starrköpfiger Trotz sie zwingt, sich selbst Einlass zu verschaffen und sie das wütend macht, brauchst du nur die Hände in den Schoß zu legen. Sie werden kommen, sie werden in den Palast eindringen und sich für all das rächen, was du den Menschen in ihrer Heimat angetan hast.«

»Das alles ist mir längst bekannt«, erwiderte Richard. »Schließlich ist es ziemlich offensichtlich.«

»Möchtest du deinem Volk dieses Leid nicht ersparen?«

»Das wisst Ihr doch.«

Der Mann straffte sich und setzte Jagangs Lächeln auf. »Weißt du auch, dass ich deine Schwester Jennsen in meiner Gewalt habe?«

Überrascht kniff Richard die Augen zusammen. »Was?«

»Jennsen befindet sich in meiner Gewalt. Eigentlich ist sie recht hübsch anzusehen. Man brachte sie, nachdem wir dem Verstorbenen mit einem Besuch auf einem Friedhof in Bandakar unsere Ehrerbietung erwiesen hatten.«

Richard konnte dem, was Jagang da redete, nicht mehr ganz folgen.

»Welchem Verstorbenen?«

»Nun, Nathan Rahl, selbstverständlich.«

Richard schloss die Augen, während er sich den Grabstein in Erinnerung rief. »Bei den Gütigen Seelen«, sagte er mit kaum hörbarer Stimme bei sich.

55

»Und als sie dem Grabmal Nathan Rahls unsere Ehrerbietung erwiesen, stießen meine Stellvertreter auf einige höchst bemerkenswerte Bücher. Vor allem von einem dürftest du, denke ich, schon gehört haben: Dem Buch der gezählten Schatten.«

Richard maß ihn mit durchdringendem Blick, sagte aber nichts.

»Wie dir zweifellos bekannt sein dürfte, existieren von diesem Buch fünf Abschriften, von denen ich drei besitze. Nach Aussage der guten Schwestern hast du eine weitere auswendig gelernt. Wo sich die fünfte befindet, weiß ich nicht genau, aber vermutlich könnte sie sich wer weiß wo befinden.

Die Sache ist die: All das ist im Grunde bedeutungslos. Denn bei der Ausgabe des Buches der gezählten Schatten, die mir zusammen mit deiner hübschen Schwester und ein paar ihrer Freunde in die Hände fiel, handelt es sich nicht etwa um eine Abschrift.«

Richard sah ihn fragend an.

»Es ist das Original.« Jagangs tiefe Stimme troff vor belustigter Selbstzufriedenheit. »Und aus ebendiesem Grunde muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen, welche der fünf Abschriften die korrekte, und welche vier anderen die fehlerhaften sind. Diese Frage beschäftigt mich nicht mehr.«

Richard seufzte schwer. »Verstehe.«

»Außerdem bin ich jetzt im Besitz aller drei Kästchen der Ordnung, denn meine Freundin Sechs besaß die Freundlichkeit, mir das dritte zu beschaffen.« Seine dunklen Augen richteten sich auf Nicci. »Sie hat es aus der Burg der Zauberer. Frag einfach Nicci. Zum Glück hat sie sich von der Berührung durch die Hexe wieder erholt. Wäre sie gestorben, wäre mir das gar nicht recht gewesen.«

Richard verschränkte erneut die Arme. »Also gut, Ihr habt Das Buch der gezählten Schatten, ebenso wie alle drei Kästchen. Klingt, als hättet Ihr das Ja’la dh Jin bestens im Griff. Und was wollt Ihr von mir?«

Der Soldat schwenkte tadelnd seinen Finger. »Das weißt du, Richard Rahl. Ich will in den Garten des Lebens.«

»Mag sein, aber wenn ich das zuließe, wäre das für mich wohl kaum von Nutzen.«

»Ich rate dir, denk an all die Menschen dort drinnen und frage dich dann, wie vorteilhaft eine Weigerung deinerseits für sie wäre. Denn hineingelangen werden wir auf jeden Fall, es ist lediglich eine Frage der Zeit und dessen, was geschieht, wenn es so weit ist. Zwingst du mich, mir den Weg dorthin gewaltsam freizukämpfen, werde ich meinen Männern die Erlaubnis geben müssen, sich an jedem Einzelnen, jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind dort zu rächen - was vermutlich ihre schlimmsten Phantasien noch übertreffen würde. Ergibst du dich jedo-«

»Ergeben!«, fiel Verna ihm ins Wort. »Habt Ihr den Verstand verloren?«

Richard schob sie zurück und brachte sie dadurch zum Schweigen. Dann wandte er sich wieder herum zu Jagang. »Fahrt fort.«

»Ergibst du dich, werde ich den Palast unbehelligt lassen.«

»Warum in aller Welt solltet Ihr ihn im Falle meiner Aufgabe verschonen? Ich hoffe, Ihr erwartet nicht, dass ich Euch für Manns genug halte, Euch an eine solche Abmachung zu halten.«