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Als er schließlich merkte, dass jedes Symbol gezeichnet, jede Bannform vervollständigt, jedes Element verbunden war, richtete er sich auf. Sein Blick schweifte über den Zauberersand, und zu guter Letzt wurde ihm das volle Ausmaß des ihm bevorstehenden Grauens klar.

Er sah sich im Garten des Lebens um, denn bevor er der Welt der Toten entgegentrat, wollte er noch einmal den Anblick von Schönheit in sich aufnehmen.

Schließlich schlug er die Beine übereinander und legte seine Hände mit den Handflächen nach oben auf seine Knie. Seine Augen schlossen sich. Sein Atem wurde tiefer. Dies war die letzte Gelegenheit, es noch abzubrechen. Schon im nächsten Moment würde es zu spät sein, den Lauf der Dinge noch zu ändern.

Richard hob den Kopf und schlug die Augen auf.

Dann sagte er leise auf Hoch-D’Haran: »Komm zu mir.«

Es entstand ein Augenblick vollkommener Stille, in dem er nur das leise Zischen der Fackeln rings um den Kreis aus Zauberersand hörte. Dann ließ ein klagendes Gebrüll die Luft erbeben. Der Boden zitterte. In der Mitte des funkelnden weißen Sandes, aus dem Zentrum der Bannformen, begann sich, weißem Rauch gleich, eine weiße Gestalt zu erheben. Während sie sich allmählich über dem Sand erhob, kreiste sie in taumelnden Wirbeln und Strudeln um sich selbst, so als zöge sie sich aus den Bannen selbst nach oben. Und während sie immer höher stieg, riss der Zauberersand unter ihr auf und erlaubte der Schwärze des Todes, eine Leere in der Welt des Lebens zu erzeugen.

Richard beobachtete, wie das weiße Etwas aus dieser Leere in die Höhe stieg, und die Umrisse einer in fließende weiße Gewänder gehüllten Gestalt entstanden. Die Gestalt breitete die Arme aus, wie sich eine Blume der Welt aus Licht und Leben öffnet, bis die hauchzarten Gewänder in fließendem Faltenwurf von ihren ausgebreiteten Armen hingen. Scheinbar schwerelos schwebte sie über der schwarzen Leere im weißen Sand.

Richard erhob sich vor ihr.

»Danke, dass Ihr gekommen seid, Denna.«

Ein wunderschönes, strahlendes, gleichwohl von Sehnsucht und Traurigkeit erfülltes Lächeln ging über ihr Gesicht. Während er die Seele betrachtete, streckte diese die Hand aus und berührte seine Wange. Noch nie hatte er eine Berührung von solcher Zartheit gespürt. Er wusste augenblicklich, bei ihr war er in Sicherheit ... sofern man in der Welt der Toten überhaupt sicher sein konnte. Voller Staunen beobachtete Nicci aus dem Schatten der Bäume, wo Richard sie zu warten gebeten hatte, wie er vor der ein sanftes Licht verströmenden Gestalt stand, die nicht von dieser Welt war. Sie war ein Geschöpf von bestechender Schönheit, eine Seele von stiller Reinheit und Würde.

Nicci spürte, wie ihr angesichts des Umstandes, dass sie tatsächlich eine der Gütigen Seelen vor sich stehen sah, die Tränen über die Wangen liefen. Zugleich erfüllte sie die Vorstellung, wohin diese Seele ihn gleich entführen würde, mit einer Mischung aus Freude und Entsetzen. Als ihm die schimmernde, weiß gewandete Gestalt beschützend einen Arm um die Schultern legte und ihn dadurch von der Welt des Lebens abschirmte, trat Nicci einen Schritt nach vorn in den Schein der Fackeln. Mit schweißnasser Stirn verfolgte sie, wie die hauchzarte Lichtgestalt mit ihrem Mündel rotierend in der Dunkelheit verschwand.

»Eine sichere Reise, mein Freund«, murmelte sie leise. »Eine sichere Reise.«

Und dann, ehe sich die Öffnung wieder vollständig schloss und der weiße Zauberersand seinen unversehrten Zustand wiederhergestellt hatte, bildete sich in der Luft darüber eine dunkle Gestalt, die in einen engen Trichter gesogen wurde und ihnen hinab in das Dunkel folgte. Die Bestie, von Richards Gebrauch der Gabe angelockt, war im Begriff, ihn in ihr Reich zu verfolgen.

54

Kahlan legte einen weiteren Zweig ins Feuer. Funken stoben in die spätabendliche Luft, so als könnten sie es kaum erwarten, den schwindenden dunkelorangefarbenen Resten von Helligkeit hinterherzuja-gen, die durch die kahlen Äste am Himmel im Westen eben noch zu erkennen waren. Sie hielt die Hände wärmend an die auflodernden Flammen und rieb sich dann fröstelnd die Arme. Es würde eine kalte Nacht werden. Wegen der spärlichen Ausrüstung besaßen sie jeder nur eine Decke. Wenigstens hatte sie noch ihren Umhang. Der kalte Boden würde ihnen eine unbequeme Nacht mit wenig Schlaf bescheren, doch da es reichlich Föhren gab, hatte sie ein paar Zweige abgeschnitten und sich daraus eine Unterlage geschichtet. Trotz seiner großen Dichte würde ihnen der Wald kaum Schutz gegen den Wind bieten, aber da sich in der sternenklaren Nacht kein einziger Lufthauch regte, bliebe ihnen wenigstens der Bau eines Unterschlupfs erspart. Kahlan hatte nur noch einen Wunsch: einen Happen essen und sich dann schlafen legen.

Vor dem Anzünden des Feuers hatte sie die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und ein paar Fallen ausgelegt, in der Hoffnung, ein Kaninchen zu fangen und es, wenn nicht noch an diesem Abend, so doch wenigstens morgen früh, vor ihrem erneuten Aufbruch, zu verspeisen. Samuel hatte einen ordentlichen Vorrat an Feuerholz gesammelt, der die Nacht über reichen würde, und anschließend das Feuer angezündet. Danach war er das felsige Ufer eines nahen Bachs hinabgeklettert, um Wasser zu holen. Kahlan war müde bis auf die Knochen und völlig ausgehungert. Die aus dem Feldlager der Imperialen Ordnung mitgebrachten Lebensmittelvorräte waren nahezu vollständig aufgebraucht - dabei hatten sie gar nicht so oft Halt gemacht, um sich auszuruhen oder eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Wenn sie also kein Kaninchen fingen, hieße es wieder Trockenfleisch und Kekse, immerhin. Lange würde jedoch selbst das nicht mehr reichen.

Samuel hatte sich stets dagegen gesträubt, Halt zu machen und ihre Vorräte aufzustocken, denn er schien von einer schrecklichen Unruhe getrieben. Ganz unten in den Satteltaschen hatten sie ein paar Münzen entdeckt, doch anstatt eine der kleinen Ortschaften, an denen sie vorübergekommen waren, aufzusuchen, um ein paar Vorräte einzukaufen, hatte Samuel darauf bestanden, dass sie sich von allen Menschen fernhielten.

Er war überzeugt, dass sie von den Ordenssoldaten verfolgt wurden, und angesichts des unbändigen Hasses, den Jagang für sie empfand, seiner Rachsucht, hatte Kahlan seiner Befürchtung kaum etwas entgegenzusetzen. Soweit sie wusste, konnten sie ihnen bereits unmittelbar auf den Fersen sein. Ein Gedanke, der ihrem Frösteln eine beklemmende Schärfe verlieh.

Auf ihre Frage, wohin es denn gehe, hatte Samuel ausweichend reagiert und lediglich nach Südwesten gewiesen - allerdings nicht ohne ihr zu versichern, dass sie zu einem Ort unterwegs seien, wo sie in Sicherheit wären.

Er erwies sich als zunehmend merkwürdiger Reisegefährte. Beim Reiten brachte er kaum ein Wort über die Lippen, im Lager noch weniger. Wenn sie Halt machten, entfernte er sich niemals weit von ihr. Zwar hatte er sich in das Feldlager der Imperialen Ordnung geschlichen, um sie zu befreien, aber über seine Beweggründe schwieg er sich aus. Einmal hatte er auf ihr Drängen behauptet, er habe es getan, um ihr zu helfen, was bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht ganz nett klingen mochte, nur ließ er sich niemals darüber aus, woher er sie überhaupt kannte, oder woher er von ihrer Gefangenschaft wusste.

Aus seiner Art, ihr verstohlene Blicke zuzuwerfen, sobald er sich unbeobachtet glaubte, schloss sie, dass er womöglich schüchtern war. Bedrängte sie ihn wegen irgendetwas, zog er normalerweise nur achselzuckend den Kopf zwischen die Schultern. Nicht selten hatte sie das Gefühl, den armen Kerl mit ihren Fragen nur zu quälen, so dass sie es schließlich aufgegeben hatte und ihn in Ruhe ließ. Es waren die einzigen Momente, da er sich ein wenig zu entspannen schien. Trotzdem, die Vielzahl der ungeklärten Fragen machte sie stutzig. Obwohl er viel für sie getan, ihr bei jeder Gelegenheit geholfen hatte, traute sie ihm nicht über den Weg. Es war ihr unangenehm, dass er sich weigerte, auf die einfachsten und doch so wichtigen Fragen zu antworten. Ein Großteil ihres eigenen Lebens war ihr selbst ein Rätsel, weshalb sie auf unbeantwortete Fragen überaus empfindlich reagierte. Manchmal, wenn sie ihn unvermutet anblickte, sah sie ihn sie aus diesen seltsamen goldenen Augen anstarren. In diesen Momenten meinte sie in seinen Augen die verschlagene Gerissenheit eines Halunken zu erkennen. Beim Schlafengehen war sie daher stets bemüht, den Griff ihres Messers niemals aus der Hand zu lassen.