Versuchte sie hingegen, ihn auszufragen, schien er zu schüchtern, ihr auch nur in die Augen zu sehen, geschweige denn zu antworten, und zog sich mit eingezogenem Kopf zum Feuer zurück, so als hoffte er, sich dort unsichtbar machen zu können. Meist hatte sie schon Schwierigkeiten, ihm mehr als ein »Ja« oder »Nein« zu entlocken.
Seine Schweigsamkeit schien jedoch nie auf Grausamkeit, Arroganz oder Gleichgültigkeit zu beruhen. Weil es so schwierig war, ihn zum Sprechen zu bewegen, und seine Antworten praktisch nutzlos waren, hatte sie es zu guter Letzt einfach aufgegeben.
Entweder war er übertrieben schüchtern oder er verheimlichte ihr etwas. In diesen langen Phasen der Schweigsamkeit wanderten Kahlans Gedanken zu Richard. Sie fragte sich, ob er überhaupt noch lebte. Sie befürchtete, die Antwort zu kennen, sträubte sich aber gegen die Endgültigkeit seines Todes. Ihn seine Waffe benutzen zu sehen, zu sehen, wie er die Klinge schwang und sich bewegte, erfüllte sie noch immer mit Erstaunen. Er hatte so viel getan, um ihr zur Flucht zu verhelfen, dass sie befürchtete, er könnte den allerhöchsten Preis dafür bezahlt haben. Während sie ihren Gedanken an Richard nachhing, bemerkte sie eine Frostigkeit in der regungslosen Luft, die nicht von der Kälte herrührte. Es war eine merkwürdige Nacht, irgendetwas daran schien nicht in Ordnung, leer. Die Welt erschien ihr noch einsamer als sonst. Das setzte ihr am meisten zu - dieses unablässige, nagende Gefühl der Leere, diese entsetzliche Einsamkeit, weil sie von nahezu allen anderen abgesondert war. Auch fehlte ihr ein Teil ihres Lebens, ohne dass sie hätte sagen können, welcher. Abgesehen von ihrem Namen und dass sie die Mutter Konfessor war, wusste sie nichts über sich selbst. Auf ihre Frage, was eine Konfessorin sei, hatte Samuel sie nur lange angestarrt und dann mit den Schultern gezuckt. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass er es wusste, es ihr nur nicht verraten wollte. Kahlan fühlte sich nicht nur von der Welt abgeschnitten, sondern von ihrem eigenen Selbst. Sie wollte ihr altes Leben zurück ...
»Hab eins erwischt!«, rief Samuel, als er wie aus dem Nichts in den Schein des Lagerfeuers trat.
Er hielt ein Kaninchen an den Hinterbeinen. Sie konnte sich nicht erinnern, Samuel jemals so aufgeregt gesehen zu haben. Er musste völlig ausgehungert sein.
Lächelnd ließ sie sich nach hinten sinken. »Schätze, dann werden wir heute Abend eine warme Mahlzeit kriegen.«
Samuel packte die beiden Hinterläufe mit beiden Händen und riss das Tier mit einem hektischen Ruck auseinander. Überrascht richtete sich Kahlan auf, als er eine blutende Kaninchenhälfte vor ihr auf den Boden legte.
Dann hockte er sich unweit mit dem Gesicht zum Feuer hin und begann, seine Hälfte des Kaninchens zu verschlingen.
Schockiert beobachtete sie, wie er den rohen Fang in sich hineinschlang, mit den Zähnen ein Stück Fell abriss und es in einem Stück hinunterschluckte, während ihm das Blut vom Kinn herabrann. Als ihr von dem Anblick übel wurde, wandte sie den Blick ab und starrte in die Flammen.
»Iss«, forderte er sie auf. »Schmeckt gut.«
Kahlan packte einen Hinterlauf mit zwei Fingern und warf ihm ihre Hälfte zu. »Ich bin nicht sehr hungrig.«
Ohne ein Wort des Widerspruchs machte er sich über ihre Hälfte her. Den Kopf auf den Sattel gestützt, lehnte Kahlan sich zurück und betrachtete die Sterne. Um Samuel aus ihren Gedanken zu verbannen, dachte sie noch einmal an Richard und fragte sich, wer er wohl wirklich war, und was ihn mit ihr verband. Seine Art, mit der Klinge zu kämpfen erinnerte sie sehr an ihren Kampfstil, aber wo sie das gelernt hatte, wusste sie nicht. Während sie durch eine innere Landschaft schattenhafter Ungewissheiten wanderte, sah sie zu, wie der Mond langsam aufging.
Allmählich stellte sich ihr die Frage, was sie eigentlich bei Samuel hielt. In gewisser Weise hatte er ihr das Leben gerettet - nachdem Richard ihn dazu aufgefordert hatte. Vermutlich war sie ihm eine gewisse Dankbarkeit schuldig. Aber warum bei ihm bleiben? Er hatte weder Antworten noch echte Lösungen zu bieten. Diese unterwürfige Ergebenheit schuldete sie ihm jedenfalls nicht. Sie überlegte, ob sie sich vielleicht allein auf den Weg machen sollte.
Aber was würde das ändern? Sie sah beim Reiten Bäume und Berge an sich vorüberziehen, hatte aber trotzdem keine Ahnung, wo sie sich befand. Sie wusste weder, wo sie aufgewachsen war, wo sie lebte oder hingehörte. Weder erkannte sie das Land wieder, noch erinnerte sie sich – abgesehen von den Totenstätten, die sie nach ihrer Gefangenschaft durch die Schwestern passiert hatte - an irgendwelche OrtSchäften oder Städte. Sie hatte sich in einer Welt verirrt, in der sie unbekannt war, und an die sie keinerlei Erinnerung hatte. Als sie merkte, dass der Mond über den Bäumen stand, sah sie zu Samuel hinüber. Er hatte sein Mahl längst beendet und polierte sein Schwert, das in seinem Schoß lag.
»Samuel.« Er blickte auf, wie aus einer Trance gerissen. »Samuel, ich muss wissen, wohin wir reiten.«
»Zu einem Ort, wo wir sicher sind.«
»Das hast du schon einmal gesagt. Wenn ich dich weiter begleiten so-«
»Du musst! Du musst mit mir kommen! Bitte!« Sein plötzlicher Gefühlsausbruch verblüffte sie. Mit seinen weit aufgerissenen runden Augen schien er von echter Panik ergriffen. »Warum?«
»Weil ich uns in Sicherheit bringen werde.« »Vielleicht kann ich das ja selbst.«
»Aber ich kann dich zu jemandem bringen, der dir helfen kann, deine Erinnerung wiederzuerlangen.«
Das ließ sie aufhorchen. Sie richtete sich auf. »Du kennst jemanden, der das kann?« Heftiges Nicken. »Wen?«
»Einen Freund.«
»Woher soll ich wissen, dass du mir die Wahrheit sagst?«
Samuel blickte auf die blinkende Waffe in seinem Schoß und zeichnete ihren Schwung bewundernd mit dem Finger nach.
»Ich bin der Sucher der Wahrheit. Du stehst unter einem Bann, der deine Erinnerung gelöscht hat. Ich habe einen Freund, der dir helfen kann, deine Vergangenheit wiederzufinden, dich selbst.«
Die ebenso plötzliche wie unerwartete Aussicht, ihr Erinnerungsvermögen wiederzuerlangen, ließ Kahlans Herz schneller schlagen. Alle anderen Fragen schienen plötzlich bedeutungslos.
Samuel hatte ihr nie gesagt, dass er der Sucher der Wahrheit sei, sie wusste auch gar nicht, was das war, hatte allerdings das Wort WAHRHEIT mit Golddraht in den Silberdraht des Heftes eingeflochten gesehen. Es schien ein merkwürdiger Titel für jemanden, der nur äußerst widerwillig irgendwelche Informationen preisgab.
»Wann werde ich besagter Person begegnen?« »Bald. Sie ist ganz nah.«
»Woher weißt du das?«
Samuel blickte auf und starrte sie aus seinen gelben Augen an, die in der Dunkelheit wie Zwillingslampen wirkten.
»Ich kann sie spüren. Wenn du deine Vergangenheit wiederfinden willst, musst du bleiben.«
Der mit all diesen seltsamen Symbolen bemalte Richard kam ihr in den Sinn - das war die Vergangenheit, die sie eigentlich interessierte. Sie wollte wissen, was sie mit diesem Mann mit den grauen Augen verband. Richard wusste, es war seine einzige Chance.
Eine nie zuvor gekannte Dunkelheit bedrängte ihn von allen Seiten, es war ein erstickendes, erschreckendes, erdrückendes Gefühl. Denna versuchte ihn zu schützen, doch nicht einmal sie besaß die Macht, ein solches Wesen aufzuhalten. Diese Macht besaß niemand.
»Das kannst du nicht tun«, erklang Dennas Flüsterstimme in seinem Verstand. »Dies ist ein Ort des Nichts. Das kannst du nicht tun.« Er wusste, es war seine einzige Chance. »Ich muss es versuchen.«
» Wenn du das tust, wirst du diesem Ort schutzlos ausgeliefert sein. Du wirst allen Schutzes beraubt werden und nicht länger hierbleiben können.«