»Ich habe getan, was ich tun musste.«
»Aber du wirst den Weg zurück nicht finden können.«
Richard stieß einen Schmerzensschrei aus. Die schützende Konstruktion der von ihm geschaffenen Bannformen stand kurz davor, in Fetzen gerissen zu werden, so dass die alles umhüllende Schwärze hereinsickerte und ihm das Leben aus dem Leib presste. Dieser Ort duldete nichts Lebendiges, es war ein Ort, der existierte, um das Leben in die dunkle Ewigkeit des Nichts zu zerren.
Die Bestie war ihm in die Leere der Unterwelt gefolgt und hielt ihn nun in ihrem ureigenen Reich gefangen.
Längst galt seine Sorge nicht mehr dem Wiederfinden des Rückwegs, diese Möglichkeit war ihm bereits verwehrt. Seine Verbindung zum Eingangsportal war abgerissen, unterbrochen von der Bestie, als sie das Geflecht aus schützenden Bannen fortgerissen hatte. Eine Rückkehr in den Garten des Lebens war ausgeschlossen, ebenso die Möglichkeit, hier, inmitten des Nichts, irgendetwas zu finden.
Das Einzige, was jetzt noch zählte, war zu entkommen. Die Bestie war aus subtraktiver Magie geschaffen, und sie befand sich in einer subtraktiven Welt. Richard saß in ihrem Bau in der Falle. An diesem Ort war keine Hilfe zu erwarten. Gegen ein Geschöpf dieser Art, das sich in seinem ureigenen Element befand, vermochte Denna nichts auszurichten.
Selbst der Weg zurück in den Saal des Himmels, auf dessen steinerner Decke, einem Fenster gleich, das Firmament abgebildet war, war ihm endgültig verwehrt. Eine Ewigkeit schien das jetzt her zu sein, endlos fern jenseits der Ewigkeit des Nichts. Irgendwo in dieser Finsternis war seine Verbindung zu diesem Ort verloren gegangen.
Als er die quälenden Reißer des Todes höchstselbst an sich zerren spürte, wollte er nur noch eins: fort von hier.
Verbissen klammerte sich sein Verstand an die Elemente, derentwegen er gekommen war, während die Bestie sie ihm zu entreißen versuchte. Nicht einmal um den Preis seines Lebens würde er von ihnen lassen. Ein Verlust dieser flüchtigen Aspekte würde eine Rückkehr in die Welt des Lebens allen Sinns berauben.
»Ich muss es tun«, schrie er gegen die lähmenden Schmerzen dessen an, was an seiner Seele zerrte.
Verzweifelt schlossen sich Dennas Arme fester um ihn, doch diese Umarmung vermochte ihm keinen Schutz zu bieten. So sehr sie ihm auch helfen wollte, gegen dieses Wesen war sie chancenlos. Sie war seine Beschützerin in dieser Welt, aber nur in dem Sinn, dass sie sein Abirren in Gefahren verhinderte, die ihn für immer an noch dunklere Orte ziehen würden. Gegen das, was aus diesem Dunkel emporstieg, konnte sie ihn nicht schützen, und einem durch Zauberei geschaffenen Wesen Einhalt zu gebieten, das gar nicht existierte, überstieg ihre Kräfte.
»Ich muss!«, schrie er in dem Bewusstsein, dass es das Einzige war, was er versuchen konnte.
Schimmernde Tränen liefen über Dennas wunderschönes, strah lendes Gesicht. »Wenn du das tust, kann ich dich nicht mehr beschützen!«
»Was, meinst du, wird aus mir, wenn ich es nicht tue?« Ein trauriges Lächeln ging über ihr Gesicht. »Dann wirst du hier sterben.«
»Was habe ich also für eine Wahl?«
Sie begann davonzuschweben, hielt ihn nur noch an einer Hand.
»Keine«, sagte ihre seidige Stimme in seinem Verstand. »Aber wenn du es tust, kann ich dir nicht mehr zur Seite stehen.«
Sich windend vor Schmerzen, während die Bestie ihn immer enger umschloss, brachte Richard ein Nicken zuwege. »Das weiß ich, Denna. Ich danke dir für alles. Es war ein wahres Geschenk.«
Ihr trauriges Lächeln hellte sich auf, während sie immer weiter davontrieb. »Auch für mich, Richard. Ich liebe dich.«
Und dann war sie verschwunden.
Richard, plötzlich alleine, umgeben von unvergleichlicher Einsamkeit und Schwärze, entfesselte in einer Welt des völligen Nichts, in einer Welt, in der sie nicht existieren konnte, additive Magie und jagte sie in die Bestie.
In diesem Augenblick, als das Additive im Herzen des Nichts eine Erschütterung hervorrief, löste sich die Bestie auf - unfähig, dem unvereinbaren Aufeinanderprallen von Sein und Nichtsein, von der Welt des Lebens und des Todes standzuhalten und, gezwungen, ohne den Schutz irgendwelcher Puffer, ein Element des Additiven in der subtraktiven Welt in sich aufzunehmen, und zerfiel in beiden Welten. Gleichzeitig verspürte Richard von allen Seiten gleichzeitig einen gewaltigen Stoß.
Plötzlich fühlte er Boden unter seinen Füßen.
Nicht in der Lage, sich auf den Beinen zu halten, brach er zusammen – inmitten von Totenschädeln.
Nackte, mit wilden Mustern bemalte Männer saßen im Kreis um ihn herum.
Zitternd vor Schreck und Schmerzen, fühlte er plötzlich tröstende, beschwichtigende Hände auf seinem Körper und vernahm von allen Seiten unverständliche Worte.
Doch schließlich schälten sich Gesichter heraus, die er wieder erkannte. Er erblickte seinen Freund Savidlin, und am Scheitelpunkt des Kreises den Vogelmann.
»Willkommen zurück in der Welt des Lebens, Richard mit dem Zorn«, begrüßte ihn eine wohlvertraute Stimme. Chandalen.
Immer noch nach Atem ringend, versuchte Richard mit zusammengekniffenen Augen die ihm entgegenblickenden Gesichter zu erkennen. Sie alle waren mit wilden Mustern aus weißem und schwarzem Schlamm bemalt, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er die Symbole verstand. Als er diese Menschen bei seinem ersten Besuch gebeten hatte, eine Versammlung abzuhalten, waren sie ihm noch wie zufällige Muster aus weißem und schwarzem Schlamm erschienen, doch auf einmal wusste er, dass dies nicht stimmte. Sie bedeuteten etwas.
»Wo bin ich?«
»Du bist im Seelenhaus«, erklärte Chandalen mit seiner tiefen, stets ein wenig barsch klingenden Stimme.
Die Männer rings um ihn her, die sich alle derselben Sprache bedienten, waren die Ältesten der Schlammmenschen, und dies war eine Versammlung.
Richard sah sich im Seelenhaus um. In diesem Dorf waren er und Kahlan getraut worden, hier hatten sie ihre erste Nacht als Mann und Frau verbracht.
Die Männer halfen ihm auf die Beine.
»Aber was tue ich hier?«, wandte er sich an Chandalen, unsicher, ob er träumte oder ... tot war.
Der wandte sich herum zum Vogelmann und wechselte ein paar Worte mit ihm. Dann wandte sich Chandalen wieder zu ihm herum.
»Wir dachten, das wüsstest du und könntest es uns erklären. Wir wurden gebeten, für dich eine Versammlung abzuhalten. Man sagte uns, es wäre eine Angelegenheit auf Leben und Tod.«
Die Stirn in tiefen Falten, stieg Richard behutsam über die Ansammlung von Ahnenschädeln hinweg. »Wer hat euch gebeten, die Versammlung abzuhalten?«
Chandalen räusperte sich unsicher. »Nun, zuerst dachten wir, es handele sich um eine Seele.«
»Eine Seele«, wiederholte Richard mit starrem Blick. Chandalen nickte. »Doch dann dämmerte uns, dass es ein Fremdling sein musste.«
Richard neigte den Kopf in seine Richtung. »Ein Fremdling?«
»Sie kam auf einer Bestie angeflogen, un-« Er unterbrach sich, als er Richards Gesichtsausdruck bemerkte. »Komm mit, sie sollen es dir selbst erklären.«
»Sie?«
»Ja, die Fremdlinge. Komm.« »Ich bin nackt.«
Chandalen nickte. »Wir wussten, dass du kommen würdest, und haben dir Kleider mitgebracht. Komm, sie sind gleich hier draußen, dort kannst du mit den Fremdlingen sprechen. Sie können es kaum erwarten, dich zu sehen. Sie hatten schon befürchtet, du würdest nicht mehr kommen. Wir harren hier drinnen nun schon seit zwei Nächten aus.«
Richard überlegte, ob es Nicci sein konnte, und vielleicht Nathan. Wer außer ihr besäße das nötige Wissen dafür?
»Seit zwei Nächten ...«, murmelte Richard, während er in einem Pulk zur Tür hinausgeschoben wurde und die Ältesten ihn berührten, ihm auf die Schulter klopften und ihn schnatternd begrüßten. Trotz der unvorhergesehenen Umstände freuten sie sich, ihn wiederzusehen, schließlich war er einer von ihnen, aus dem Volk der Schlammmenschen. Draußen war es dunkel. Richard fiel sofort auf, wie schmal die Mondsichel war. Helfer warteten mit Kleidungsstücken für die Ältesten, und einer von ihnen reichte Richard eine Fellhose sowie ein ebensolches Hemd zum Überstreifen.