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Cara, außerstande, diese Äußerung einfach hinzunehmen, unterdrückte blinzelnd ihre Tränen.

»Kaiser Jagang wird in diesen Palast eindringen«, erklärte Nathan. »Es ist nur eine Frage der Zeit. In Kürze wird die große Leere über uns hereinbrechen. Jetzt können wir nur noch hoffen, das so vielen Palastbewohnern wie möglich zu ersparen.«

Nicci reckte ihr Kinn vor. »Verstehe.«

»Und das ist nur zu schaffen, indem wir den Palast sofort bei Neumond aufgeben - und zwar zu den von Jagang genannten Bedingungen.«

Nicci schluckte. »Ich kann nicht behaupten, dass ich einen anderen Weg wüsste.«

»Tut mir leid, Nicci.« Seiner Stimme war anzuhören, wie ernst es ihm war. »Allerdings muss ich noch einige Vorbereitungen treffen, deswegen werde ich Euch in Gewahrsam nehmen und einsperren müssen, bis Euch Jagang bei Neumond holen kommt.«

Nicci fühlte eine Träne über ihre Wange rinnen, nicht ihretwegen, sondern weil Richard für all die Menschen verloren war, die sich darauf verlassen hatten, dass er für sie das Blatt wenden, die letzte Schlacht schlagen und letztendlich tun würde, was ihm allein vorherbestimmt war.

»All die Wachsoldaten mit ihren Pfeilen sind vollkommen überflüssig.«

Nur mit knapper Not konnte sie verhindern, dass ihre Stimme brach.

»Ich werde widerstandslos mitgehen.«

Nathan nickte. »Danke, dass Ihr es nicht noch schwieriger macht, als es ohnehin schon ist.«

56

Ein blitzartiger Schauder eiskalter Angst ließ Kahlan aus dem Schlaf hochschrecken.

Etwas auf der rechten Seite liegend, den Kopf ganz nach rechts gedreht, während ihr Kinn auf der als Kopfkissen dienenden Satteltasche ruhte, riskierte sie einen vorsichtigen Blick durch den schmalen Spalt ihrer Lider. Die aufkommende Dämmerung verlieh dem wolkenverhangenen Himmel soeben den ersten Hauch von Morgenröte.

Zuerst noch ahnungslos, was sie so unvermittelt geweckt hatte, erkannte sie schon bald den Grund.

Unmittelbar über sich konnte sie aus den Augenwinkeln Samuel erkennen, der sich - vollkommen regungslos verharrend, lautlos und nur wenige Zoll entfernt - über sie beugte wie ein Berglöwe über seine Beute. Er war vollkommen nackt.

Kahlan war so verblüfft, dass sie einen Moment lang in völliger Verwirrung erstarrte. Und sich fragte, ob sie tatsächlich wach war oder einen absonderlichen Albtraum hatte. Ihre Verwirrung schlug um in nachdrückliche Angst, als ihre Instinkte das Kommando übernahmen. Ohne sich anmerken zu lassen, dass sie wach war, schob sie ihre Hand Zoll für Zoll Richtung Gürtel, um an ihr Messer zu gelangen. Da sie leicht nach rechts verdreht lag, befand sich ihr Messer halb unter ihrem Körper, so dass sie ihre Finger unter ihren Körper zwängen musste, um heranzukommen. Sie vertraute darauf, dass ihre Decke ihre Bewegung zumindest ein wenig verdecken würde. Das Messer war nicht an seinem Platz.

Sie schielte an sich herab, in der Hoffnung, es sei irgendwie herausgerutscht und liege irgendwo nahebei auf dem Boden. Als sie suchend unter der Decke umhertastete, erblickte sie unweit Samuels Kleiderhaufen. Dann sah sie das Messer. Es war zwischen seine Kleider geworfen worden - für sie unerreichbar.

Ihr wurde schlecht bei der Vorstellung, dass er sich heimlich ausgezogen und sie dabei im Schlaf beobachtet hatte. Sie fand es abstoßend, dass er ihr so nahe gekommen war, sie angestarrt und ihr in Vorbereitung auf die obszönen Dinge, die er offenbar mit ihr zu tun gedachte, unbemerkt das Messer abgenommen hatte. Und sie war wütend auf sich selbst, weil sie ihn so weit hatte gewähren lassen.

Obwohl er immer schüchtern und verängstigt gewirkt hatte und oftmals geradezu versessen darauf war, ihr zu schmeicheln, war sie von seinem Verhalten nicht völlig überrascht. Nur zu gut waren ihr die vielen Male in Erinnerung, als sie ihn dabei ertappt hatte, und stets hatte in seinen Blicken ein kriecherisches Verlangen gelegen, das er sonst niemals an den Tag legte.

Samuel war nicht groß, aber muskulös und ihr kräftemäßig zweifellos überlegen. Kampflos würde sie sich ihm unmöglich entziehen können, zudem befand sie sich für eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm in einer denkbar ungünstigen Lage. Auf diese kurze Distanz konnte sie nicht einmal wirkungsvoll zuschlagen. Ohne Messer, ohne Aussicht auf fremde Hilfe, konnte sie kaum darauf hoffen, sich seiner zu erwehren. Trotz seiner deutlichen körperlichen Überlegenheit, und obwohl sie geschlafen hatte, hatte er in seiner übergroßen Vorsicht den Fehler begangen, sie nicht durch entschlossenes Vorgehen kampfunfähig zu machen. Was offenbar nichts mit einem Mangel an Möglichkeiten zu tun hatte, sondern mit fehlendem Mut. Es war das Einzige, was im Moment noch für sie sprach - und dass er nicht wusste, dass sie wach war. Diesen Vorteil wollte sie nicht verspielen. Wenn sie losschlug, würde das Überraschungsmoment seinen Vorteil etwas ausgleichen - und ihr eine Gelegenheit verschaffen, die sich ihr nicht noch einmal bieten würde. Die unterschiedlichsten Möglichkeiten schössen ihr durch den Kopf. Sie hatte nur die eine Chance, zuerst zuzuschlagen, deshalb musste sie unbedingt dafür sorgen, dass ihre Aktion Wirkung zeigte. Ihr erster Gedanke war, ihm das Knie dorthin zu rammen, wo es am meisten wehtat, doch angesichts ihrer leicht nach rechts verdrehten Lage, ihrer unter der Decke gefangenen Beine und seiner Position über ihr und auf der Decke, erschien ihr dies keine gute Wahl.

Die Linke jedoch lag gleich neben der Decke im Freien, es erschien ihr die vielversprechendste Möglichkeit. Ohne länger abzuwarten und ehe es womöglich zu spät wäre, schlug sie hart und schnell wie eine Viper zu, und versuchte ihm das Auge mit dem Daumen auszudrücken. Mit aller Kraft bohrte sie ihn in das weiche Gewebe seines Augapfels. Mit einem erschrockenen Aufschrei riss er das Gesicht zurück, fing sich rasch wieder und schlug ihre Hand mit dem Arm fort. Gleichzeitig ließ er sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie fallen und presste ihr dadurch auf einen Schlag alle Luft aus den Lungen.

Ehe sie dazu kam, Luft zu holen, rammte er ihr seinen anderen Unterarm auf die Kehle, drückte so ihren Kopf auf den Boden und verhinderte, dass sie weiteratmen konnte. Mit aller Kraft um sich tretend und sich windend, versuchte Kahlan, sich zu befreien.

Dabei fiel ihr Blick auf seine nicht weit entfernt liegenden Kleider, wo sie das Heft des Schwertes unter seinen Hosen hervorlugen sah. Blinkend spiegelte sich das frühmorgendliche Licht in den güldenen Lettern des Wortes WAHRHEIT im Silberdraht des Hefts.

Sie wusste, es konnte nicht lange dauern, bis er auf den Gedanken kommen würde, sie einfach bewusstlos zu schlagen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sah sie ihn plötzlich seinen rechten Arm anwinkeln. Sie konnte sehen, wie er seine kräftige Faust ballte. Und als sie auf ihr Gesicht zuraste, drehte sie ihren Körper mit aller Kraft zur Seite, um seinem Hieb auszuweichen.

Seine Faust bohrte sich unmittelbar neben ihrem Kopf in den Boden. Im selben Moment schlossen sich ihre Finger um den Golddraht, der das Wort WAHRHEIT auf dem Heft des Schwertes bildete. Die Welt schien ruckartig stehen zu bleiben.

Im Nu durchflutete sie die Erkenntnis.

Dinge in ihrem Innern, die längst verloren schienen, waren plötzlich wieder da.

Sie erinnerte sich nicht, wer sie war, aber schlagartig wurde ihr bewusst, was sie war. Eine Konfessorin.

Noch immer weit entfernt von einer Wiedervereinigung mit ihrer Vergangenheit, ging ihr in diesem Moment der Verbindung auf, was es bedeutete, eine Konfessorin zu sein. Lange Zeit war es ihr ein völliges Rätsel gewesen, doch jetzt erinnerte sie sich nicht nur, was sich alles damit verband, sondern sie spürte dieses Vermächtnis in ihrem Innern, seine Bande zu ihr selbst.

Sie wusste noch immer nicht, wer sie war oder was es mit dem Namen Kahlan Amnell auf sich hatte, sie erinnerte sich nicht an ihre Vergangenheit, aber sie wusste, was es hieß, eine Konfessorin zu sein. Samuel zog seinen Arm zurück, um erneut zuzuschlagen. Kahlan presste ihm die Hand gegen die Brust, und plötzlich schien kein kräftiger Mann mehr auf ihr zu hocken, der sie in seiner Gewalt hatte. Auch spürte sie keine Panik oder Wut mehr, hatte sie nicht mehr das Gefühl, kämpfen zu müssen. Sie fühlte sich unbeschwert wie ein Lufthauch - und wusste, dass er keine Gewalt mehr über sie hatte. Das Gefühl von panischer Hast und Verzweiflung war wie verflogen. Die Zeit gehörte ihr.