Sie musste weder nachdenken, noch überlegen oder Entscheidungen treffen. Sie wusste mit absoluter Gewissheit, was sie zu tun hatte. Sie brauchte es nicht einmal mehr zu denken.
Kahlan musste ihr Erbe nicht aufrufen, sie musste lediglich ihre diesbezügliche Zurückhaltung aufgeben.
Sie sah seinen wilden, konzentrierten Blick über ihr erstarren. Seine Faust schien regungslos in einem sich immer weiter dehnenden Bruchteil eines Augenblicks zu verharren, so lange, bis es vorüber war. Es gab für sie weder Hoffnung noch Erwartung, noch die Notwendigkeit zu handeln. Sie wusste, die Zeit gehörte ihr. Sie wusste, was geschehen würde, fast so, als wäre es bereits geschehen.
Samuel hatte sich in das Feldlager der Imperialen Ordnung ge schlichen, nicht etwa um sie zu befreien, sondern - aus Gründen, die sich ihr erschließen würden, noch bevor dies beendet war - um sie ’\ gefangen zu nehmen.
Er war nicht ihr Retter.
Er war ihr Feind.
Die ihrer kalten, angestauten Kraft innewohnende Erbarmungslosigkeit war atemberaubend, als sie ihre Fesseln abstreifte. Sie stieg aus ihrem inneren dunklen Kern empor und ergriff gehorsam von jeder Faser ihres Seins Besitz.
Die Zeit gehörte ihr.
Hätte sie gewollt, sie hätte jedes Barthaar in seinem erstarrten Gesicht zählen können, ohne dass er ihr mit seiner unbesonnenen Attacke auch nur einen Zoll näher gekommen wäre.
Ihre Angst war verflogen und hatte zielgerichteter Ruhe und Besonnenheit Platz gemacht. Auch verspürte sie keinen Hass mehr, denn ein kalt abwägender Sinn für Gerechtigkeit hatte die Oberhand gewonnen.
In diesem Zustand tiefen Friedens, geboren aus der Beherrschung ihres eigenen Talents und dadurch ihres Schicksals, war in ihrem Innern kein Platz mehr für Hass und Zorn, für Schrecken ... oder Kummer. Sie sah die Wahrheit dessen, was war. Dieser Mann hatte selbst das Urteil über sich gesprochen. Er hatte seine Entscheidung getroffen und würde nun die unabänderlichen Konsequenzen seiner Wahl zu gewärtigen haben. In diesem unendlich winzigen Augenblick des Seins befand sich ihr Geist in einer Leere, wo der allumfassende Lauf der Zeit ausgesetzt schien. Er hatte keine Chance. Die Zeit gehörte ihr.
Obwohl sie alle Zeit hatte, die sie sich nur wünschen konnte, bestand für sie kein Zweifel.
Kahlan entfesselte ihre Kraft.
Aus ihrem innersten Wesen kommend, wurde diese Kraft allgegenwärtig. Donner ohne Hall ließ die Luft erzittern - ungeheuerlich, erbarmungslos und für diesen einen Augenblick der Reinheit allgewaltig. Die Erinnerung an diesen Augenblick des Wirkens wurde für sie zu einer Insel geistiger Klarheit im dunklen Strom ihres unbekannten Selbst. Samuels Gesicht war im Hass auf die Person erstarrt, die er zu besitzen gehofft hatte.
Kahlan starrte in seine goldgelben Augen und wusste, er sah nur ihre erbarmungslosen Augen.
In diesem Augenblick hatte sich sein Verstand, der ihn zu dem machte, der er war, der er vordem gewesen war, bereits in nichts aufgelöst. Die Wucht des Aufpralls ließ die Bäume ringsum in der fröstelnd kalten frühmorgendlichen Luft erzittern, kleinere Zweige und trockene Borke rieselten von den Ästen herab. Die ungeheure Schockwelle wirbelte einen Ring aus Staub und Erde auf, der rasch immer weiter um sich griff. Samuels merkwürdige Augen weiteten sich. »Herrin«, hauchte er, »befehligt mich.«
»Geh runter von mir.«
Augenblicklich wälzte er sich zur Seite und landete auf den Knien, die Hände unterwürfig flehend aneinandergepresst, während er es nicht wagte, den Blick von ihr zu lassen.
Als Kahlan sich aufrichtete, merkte sie, dass sie mit ihrer Rechten noch immer das Schwert umklammert hielt. Sie ließ es los. Um mit Samuel fertig zu werden, brauchte sie es nicht mehr.
Samuel schien den Tränen nahe, während er zutiefst unglücklich wartete.
»Bitte ... wie kann ich Euch zu Diensten sein?«
Kahlan warf die Decke zur Seite. »Wer bin ich?«
»Kahlan Amnell, die Mutter Konfessor«, antwortete er prompt. Das wusste sie bereits. Sie überlegte einen Moment.
»Woher hast du dieses Schwert?«
»Gestohlen.«
»Wem gehört es von Rechts wegen?« »Früher oder jetzt?«
Die Antwort verwirrte sie ein wenig. »Früher.«
Ihre Frage stürzte Samuel in tiefe Bedrängnis. Händeringend brach er vollends in Tränen aus.
»Seinen Namen kenne ich nicht, Herrin. Ich schwöre es. Ich hab ihn nie gekannt.« Er begann zu schluchzen. »Ich bin untröstlich, Herrin, ich weiß es nicht, ich schwöre es.«
»Wie hast du es ihm abgenommen?«
»Ich habe mich angeschlichen und ihm im Schlaf die Kehle durchgeschnitten - aber ich schwöre, ich kenne seinen Namen nicht.«
Wer von einer Konfessorin berührt worden war, gestand jede Untat ohne das geringste Zögern - was es auch genau sein mochte. Seine einzige Sorge war die ständige, quälende Angst, dieser Frau, die ihn mit ihrer Kraft berührt hatte, nicht zufriedenzustellen. Der einzige in seinem Verstand noch verbliebene Daseinszweck bestand darin, ihren Befehlen Folge zu leisten.
»Hast du auch noch andere umgebracht?«
Samuel blickte entzückt auf. Das war eine Frage, die er in vollem Umfang beantworten konnte. Ein strahlendes Lächeln hellte seine Miene auf.
»Aber ja, Herrin. Viele. Bitte, darf ich jemanden für Euch töten? Wen auch immer. Nennt mir einfach seinen Namen, sagt mir, wen ich umbringen soll. Ich werde es so schnell wie möglich tun. Bitte, Herrin, nennt ihn mir und ich werde Euren Befehl befolgen und ihn für Euch beseitigen.«
»Wem gehört das Schwert jetzt?«
Der abrupte Themenwechsel ließ ihn zögern. »Es gehört Richard Rahl.«
Kahlan war nicht eben überrascht. »Woher kennt mich dieser Richard Rahl?« »Er ist Euer Gemahl.«
Der Schock der Worte, die sie eben gehört zu haben meinte, ließ Kahlan erstarren. Sie kniff die Augen zusammen, während ihre Gedanken plötzlich in alle Richtungen gleichzeitig davonzueilen schienen.
»Was?«
»Richard Rahl ist Euer Gemahl.«
Lange Zeit stand sie einfach nur da, starren Blickes, außerstande, das alles mit ihren Gedanken in Einklang zu bringen. Einerseits war es ein lähmender Schock, doch gleichzeitig löste es in ihr Empfindungen aus, die sie nicht einmal ansatzweise zu ergründen vermochte. Kahlan hatte es die Sprache verschlagen.
Die Entdeckung, dass sie mit Richard Rahl verheiratet war, war beängstigend, andererseits ließ sie ihr das Herz vor tiefempfundener Freude anschwellen. Sie musste an seine grauen Augen denken, an seine Art sie anzusehen, und alles Beängstigende schien sich einfach in Luft aufzulösen. Es war, als wären all ihre kühnsten Träume plötzlich wahr geworden.
Sie fühlte eine Träne über ihre Wange rinnen und wischte sie mit dem Finger fort, doch schon kurz darauf folgte die nächste. Fast hätte sie vor Freude lauthals gelacht.
»Mein Gemahl?«
Samuel nickte heftig. »Ja, Herrin. Ihr seid die Mutter Konfessor. Er ist der Lord Rahl. Er ist mit Euch verheiratet, also ist er Euer Gemahl.«
Kahlan fühlte sich zittern und versuchte nachzudenken, doch ihr Verstand reagierte einfach nicht, so als ginge ihr so viel gleichzeitig durch den Kopf, dass ihre Gedanken sich einfach zu einem unentwirrbaren Durcheinander verflochten hatten.
Plötzlich erinnerte sie sich, wie Richard im Feldlager der Imperialen Ordnung am Boden gelegen und ihr zugerufen hatte, sie solle fliehen. Demnach war er im günstigsten Fall jetzt ein Gefangener des Ordens, wahrscheinlicher aber tot.
Wieder spürte sie eine Träne über ihre Wange rinnen, doch diesmal nicht aus Freude, sondern aus blankem Entsetzen.
Schließlich riss sie sich zusammen und richtete ihr Augenmerk auf den Mann, der vor ihr auf den Knien lag. »Wohin wolltest du mich bringen?«