»Nach Tamarang, zu meiner ... meiner anderen Herrin.« »Deiner anderen Herrin?« Er nickte beflissen. »Sechs.«
Sie erinnerte sich, dass Jagang die Frau erwähnt hatte, und runzelte die Stirn. »Die Hexe?«
Die Antwort schien Samuel zu ängstigen, er gab sie dennoch. »Ja, Herrin. Man trug mir auf, Euch zu holen und ihr zu übergeben.«
Sie deutete auf ihren Schlafplatz. »Hat sie dir befohlen, das zu tun?«
Das löste noch größeren Widerwillen aus. Samuel benetzte seine Lippen. Einen Mord zu gestehen war eine Sache, aber das hier war ganz etwas anderes.
»Ich hab sie gefragt, ob ich Euch besitzen könnte«, sagte er schließ lieh gewunden. »Darauf meinte sie, ja, als Lohn für meine Dienste, aber ich müsse Euch lebend zu ihr bringen.«
»Und zu welchem Zweck wollte sie mich?«
»Ich glaube, sie wollte Euch als Tauschobjekt.«
»Gegenüber wem?«
»Kaiser Jagang.«
»Aber er hatte mich doch bereits in seiner Gewalt.«
»Jagang ist ganz versessen auf Euch. Sechs weiß, wie wertvoll Ihr für ihn seid. Sie wollte Euch in ihre Gewalt bringen und Euch dann im Gegenzug für gewisse Gefälligkeiten bei Jagang eintauschen.«
»Wie weit ist es noch bis nach Tamarang und zu dieser Hexe?«
»Nicht mehr weit.« Er wies nach Südwesten. »Wir können morgen gegen Ende des Tages dort sein, Herrin.«
Die Nähe zu einer so mächtigen Frau gab Kahlan plötzlich das Gefühl großer Verwundbarkeit. Ihr war jenseits allen Zweifels klar, dass sie diese Gegend verlassen musste, da sie sonst entdeckt werden könnte, auch ohne dass Samuel sie bis unmittelbar vor die Füße dieser Hexe schleifte.
»Und weil du mich morgen abliefern solltest, wusstest du, dass unsere gemeinsame Zeit sich dem Ende zuneigte, und wolltest mich vergewaltigen.«
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Samuel rang seine Hände, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. »Ja, Herrin.« Seine Bestürzung nahm noch zu, als sie ihn in der entsetzlichen Stille von oben herab anstarrte. Kahlan wusste, eine berührte Person war nicht mehr sie selbst, verfügte nicht mehr über ihren früheren Verstand. Einmal überwältigt, war sie der Konfessorin bedingungslos ergeben.
Ihr kam der Gedanke, dass man mit ihr etwas ganz Ähnliches gemacht hatte, und sie überlegte, ob ihr Gedächtnisverlust gleichbedeutend mit Samuels Verlust seiner Vergangenheit war. Die Vorstellung war erschreckend.
»Bitte, Herrin ... Vergebt Ihr mir?«
Je länger sich die Stille dahinzog, desto unerträglicher wurde für ihn die Schuld, die er mit seinem schändlichen Plan auf sich geladen hatte. Außerstande, ihren strafenden Blick länger zu ertragen, begann er hysterisch zu greinen.
»Ich bitte Euch, Herrin, habt Erbarmen mit mir in Eurem Herzen.«
»Erbarmen ist eine Möglichkeit, ersonnen von den Schuldigen für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie letztendlich doch gefasst werden. Gerechtigkeit ist das Reich der Gerechten, und darum geht es hier.«
»Bitte, Herrin, würdet Ihr mir dann verzeihen?«
Kahlan sah ihm in die Augen, um sicherzugehen, dass er weder ihre Worte noch die dahinter verborgene Absicht missverstand.
»Nein. Das hieße, jeglicher Vorstellung von Gerechtigkeit Hohn sprechen. Ich werde dir nicht vergeben, weder jetzt, noch irgendwann später - und zwar nicht, weil ich dich verabscheue, sondern weil du dich noch anderer Verbrechen als der gegen mich schuldig gemacht hast.«
»Ich weiß, aber könntet Ihr mir nicht die an Euch begangenen Verbrechen verzeihen. Bitte, Herrin, nur diese. Vergebt mir nur, was ich Euch angetan habe, und was ich Euch antun wollte.«
»Nein.«
Die Endgültigkeit ihrer Antwort schlug sich in seinem Blick nieder, und er gab ein entsetztes Keuchen von sich, als ihm bewusst wurde, dass all sein Tun, all seine jemals getroffenen Entscheidungen niemals wiedergutzumachen sein würden. Seine anderen Vergehen bedeuteten ihm nichts, aber nun bekam er das volle Gewicht der Verantwortung für die an ihr begangenen Verbrechen zu spüren.
Vielleicht zum allerersten Mal in seinem Leben sah er sich, wie er wirklich war - mit ihren Augen.
Mit einem neuerlichen Keuchen fasste er sich an die Brust, dann kippte er zur Seite und brach tot zusammen.
Unverzüglich begann Kahlan, ihre Sachen zusammenzusuchen. Jetzt, da die Hexe ihr so nahe war, musste sie so schnell wie möglich von hier fort. Wohin, wusste sie nicht, sie wusste nur, wohin sie sich nicht wenden konnte.
Plötzlich dämmerte ihr, dass sie hätte sorgfältiger überlegen und Samuel noch jede Menge Fragen stellen sollen. All diese Antworten hatte sie sich einfach entgehen lassen.
Die Neuigkeiten über Richard - dass er ihr Ehemann war - hatten sie derart durcheinandergebracht, dass sie einfach nicht auf den Gedanken gekommen war, Samuel ausführlicher auszufragen. Plötzlich kam sie sich wie eine riesengroße Närrin vor, dass sie sich eine so unschätzbare Gelegenheit hatte entgehen lassen.
Nun, geschehen war geschehen. Jetzt galt es, sich ganz auf ihre nächsten Schritte zu konzentrieren. Im trüben Licht des frühen Morgens begab sie sich mit hastigen Schritten hinüber zum Pferd, um es zu satteln. Sie fand es am Boden liegend, tot. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Vermutlich hatte Samuel befürchtet, sie könnte mit seiner Hilfe fliehen, ehe er sich mit ihr vergnügen konnte, und hatte dem armen Tier einfach die Kehle aufgeschlitzt.
Unverzüglich rollte sie, was sie tragen konnte, in ihre Decke und stopfte sie in ihre Satteltaschen. Dann warf sie diese über ihre Schulter und nahm das Schwert der Wahrheit mitsamt Scheide vom Boden auf. Mit der Waffe in der Hand brach sie auf, in die Richtung, die Tamarang genau entgegengesetzt war.
57
Kahlan war bereits mehr als eine Stunde gegangen, als sie das ferne Poltern galoppierender Hufe vernahm. Als sie Pferde aus einer Baumreihe vor ihr hervorkommen sah, blieb sie zögernd stehen; sie hielten direkt auf sie zu.
Sie blickte sich in der Senke um, die sie soeben durchquerte. Langsam ließ sie die Satteltaschen zu Boden gleiten. Eine sachte Brise hob ihr Haar von den Schultern, als sie mit ihrer Linken das Heft des Schwertes packte. Ihre einzige Chance bestand darin, stehen zu bleiben und zu kämpfen.
In diesem Augenblick fiel ihr ein, dass sie ja für nahezu jeden unsichtbar war. Fast hätte sie vor Erleichterung lauthals gelacht. Es war einer jener seltenen Momente, in denen sie froh war über ihre Unsichtbarkeit. Sie blieb stehen, wo sie war, und verhielt sich ruhig, in der Hoffnung, die Reiter würden sie nicht bemerken und einfach vorüberreiten. In diesem Augenblick bemerkte sie, dass es zwar drei Pferde waren, aber nur eines einen Reiter trug. Das waren gute Neuigkeiten, denn damit standen ihre Chancen ausgeglichen.
Als die galoppierenden Pferde näher kamen, erkannte sie zu ihrem Erstaunen den Reiter. »Richard!«
Das Pferd war noch nicht ganz zum Stillstand gekommen, da sprang er bereits aus dem Sattel. Das Tier warf schnaubend den Kopf. Alle drei Pferde waren überhitzt und mit einer Schweißschicht bedeckt.
»Bist du wohlauf?«, rief er ihr zu, als er auf sie zugelaufen kam.
»Ja.«
»Du hast deine Kraft benutzt.«
Außerstande, den Blick von seinen grauen Augen zu lösen, nickte sie nur.
»Wie hast du das bemerkt?«
»Ich meinte, es gespürt zu haben.« Er wirkte übermütig vor Freude. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dich zu sehen.«
Wie sie ihn so betrachtete, wünschte sie, sie könnte sich an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern, an das, was sie füreinander bedeuteten.
»Ich hatte schon befürchtet, du wärst tot. Ich wollte dich dort nicht zurücklassen. Ich hatte solche Angst, du wärst tot.«
Offenbar außerstande, ein Wort hervorzubringen, stand er nur da und betrachtete sie. Sein Aussehen entsprach ihrem Gefühlszustand, so als steckten tausend Dinge in seinem Innern, die alle zuerst herauswollten. Kahlan musste an seinen Kampfstil denken, als er den Tumult ausgelöst hatte, an die fließenden Bewegungen, mit denen er sich erst unter seinen Gegenspielern beim Ja’La und anschließend unter den schwerfälligen Rohlingen bewegt hatte, als diese wie von Sinnen mit ihren Schwertern und Streitäxten auf ihn einhackten, ihn zu töten versuchten. Es schien, als wäre die Klinge ein Teil von ihm gewesen, beinahe wie eine Verlängerung nicht seines Körpers, sondern seines Geistes. Wie gebannt hatte sie ihn an jenem Tag sich einen Weg zu ihr freikämpfen sehen. Es war, als wäre sie Zeugin eines Tanzes mit dem Tod geworden, nur dass der Tod ihn nicht hatte berühren können.