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Sie wich seinem Blick aus. Sie konnte es nicht ertragen, ihm in die Augen zu sehen.

»In der Zwischenzeit möchte ich dir ein Geschenk machen.«

Kahlan schluckte. »Was ist es denn?«

Richard langte zu seiner anderen Seite hinüber, holte etwas hervor und hielt es ihr im trüben Schein des Feuers hin.

Es war ihre kleine Statuette, die sie im Garten des Lebens hatte zurücklassen müssen, als sie die Kästchen für die Schwestern holen sollte.

Es war die Schnitzerei einer Frau mit stolz durchgedrücktem Rücken, in den Nacken geworfenem Kopf und an den Seiten zu Fäusten geballten Händen - eine Verkörperung des Widerstandes gegen Kräfte, die sie zu unterdrücken versuchten, eine Schnitzerei, die Edelmut und Kraft verströmte.

Die gleiche Statue hatte sie schon einmal besessen, es war ihr wert vollster Besitz gewesen. Es war nicht dasselbe Exemplar, und doch war es das. Sie erinnerte sich an jeden Bogen, jeden Schwung. Diese glich ihr aufs Haar, nur war sie ein Stückchen kleiner.

Dann sah sie die Holzspäne überall auf dem Boden. Er hatte die Nacht damit zugebracht, sie ihr zu schnitzen.

»Ich habe sie Seele getauft«, sagte er mit vor Gefühl brechender Stimme.

»Würdest du sie von mir annehmen?«

Fast ehrfürchtig nahm sie sie aus seinen Händen entgegen und drückte sie an ihr Herz. Dann brach sie in Tränen aus.

58

»Ehe wir einen Krieg vom Zaun brechen«, erklärte Richard mit kaum hörbarem Flüstern, »muss ich in den Palast zu der Stelle, wo das Buch versteckt liegt. Ich muss es zuerst zurückhaben, für den Fall, dass irgendetwas schiefgeht.«

Kahlan atmete hörbar aus, während sie die Entschlossenheit in seinen Augen abschätzte. »Also gut, aber es gefällt mir nicht. Das Ganze fühlt sich an wie eine Falle. Sind wir erst einmal drinnen, wäre es ein Leichtes, uns in einen Hinterhalt zu locken. In dem Fall würden wir uns den Weg nach draußen freikämpfen müssen.«

»Wenn wir es müssen, werden wir es eben tun.«

Kahlan wusste nur zu gut, wie Richard mit einem Schwert - oder auch einem Broc - umzugehen wusste, aber dies war etwas anderes.

»Und du glaubst, wenn wir hier drinnen in eine Falle gelockt werden, wird dir dein Schwert etwas nützen gegen eine Hexe, die uns überall auflauern könnte?«

Er löste den Blick von ihren Augen und sah sich erneut in dem Flur um.

»Die Welt steht kurz vor dem Untergang - für all die unbescholtenen Menschen, die das Leben lieben und sich nichts sehnlicher wünschen, als es zu genießen, und das schließt dich und mich ein. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss dieses Buch beschaffen.«

Er beugte sich vor, um den schlecht beleuchteten Flur auch in der anderen Richtung einsehen zu können. Kahlan konnte das näherkommende Echo von den Stiefelschritten patrouillierender Soldaten hören. Bislang war es ihnen mehrfach gelungen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Richard war überaus geschickt darin, durch dunkle Gänge zu schleichen und sich vor den Augen aller unsichtbar zu machen. Sie drückten sich in den schmalen Schatten des zurückversetzten Türdurchgangs, bemüht, sich dabei so dünn wie möglich zu machen. Die vier Gardesoldaten, in ein Gespräch über die Frauen unten in der Stadt vertieft, bogen um die nahe Ecke und schlenderten an ihnen vorüber, viel zu sehr damit beschäftigt, mit ihren Eroberungen zu prahlen, um die beiden in der dunklen Türnische zu bemerken. Kahlan hielt den Atem an und konnte kaum glauben, dass sie einer Entdeckung entgangen waren. Sie hielt den Griff ihres Messers noch immer fest umklammert. Kaum waren die Gardisten hinter der nächsten Ecke verschwunden, ergriff Richard ihre Hand und zog sie hinter sich her auf den Flur. Durch einen weiteren dunklen Gang gelangten sie zu einer schweren Tür, vor der sie stehen blieben. Die Haspe war mit einem Schloss versehen. Richard, das Schwert bereits in der Hand, schob die Klinge hinter den Riegel und drehte, die Lippen fest zusammengepresst, das Schwert mit aller Kraft. Das Schloss brach mit einem gedämpften metallischen Knacken. Stahlstücke sprangen über den Steinfußboden. Kahlan zuckte bei dem Geräusch zusammen. Sie war sicher, dass es irgendwelche Posten anlocken würde.

Richard schlüpfte durch den Türdurchgang.

»Zedd!«, hörte sie ihn in lautem Flüsterton rufen.

Kahlan steckte ihren Kopf in den Raum hinein. In der beengten steinernen Zelle befanden sich drei Personen: ein alter Mann mit zerzaustem weißem Haar, ein großer blonder Hüne sowie eine Frau, deren blondes Haar zum Zopf einer Mord-Sith geflochten war.

»Richard!«, rief der Alte. »Bei den Gütigen Seelen - du lebst!«

Richard legte einen Finger an die Lippen, zog Kahlan hinter sich hinein und schloss leise die Tür. Die drei sahen erschöpft und abgerissen aus. Die Gefangenschaft schien ihnen mächtig zugesetzt zu haben.

»Sprecht leise«, raunte Richard. »Hier wimmelt es nur so von Gardesoldaten.«

»Woher in aller Welt wusstest du, dass wir hier sind?«, wollte der Alte wissen.

»Ich wusste es gar nicht«, erwiderte Richard. »Also, eins kann ich dir sagen, Junge, wir haben wahrlich eine Menge zu be-«

»Sei still, Zedd, und hör mir zu.«

Der Alte schloss abrupt den Mund. Dann zeigte er. »Woher hast du das Schwert?«

»Kahlan hat es mir gegeben.«

Zedds buschige Brauen zogen sich zusammen. »Du hast sie gesehen?«

Richard nickte, dann reichte er ihm die Klinge. »Schließ deine Hand um das Heft.«

Zedds Miene verfinsterte sich noch mehr. »Wozu? Es gibt eine Menge sehr viel wichtigerer Ding-«

»Nun mach schon!«, fuhr Richard ihn an.

Der Kommandoton irritierte Zedd, doch dann nahm er sich zusammen und tat, wie Richard ihn geheißen.

Sofort zuckte sein Blick zu Kahlan, und in seinen immer größer werdenden haselnussbraunen Augen schien ein Licht aufzuleuchten.

»Bei den Gütigen Seelen ... Kahlan.«

Während Zedd noch vor Schreck erstarrt dastand, hielt Richard das Schwert der Frau hin. Sie berührte den Griff, und während sie Kahlan anstarrte, die wie durch Magie plötzlich vor ihr erschienen zu sein schien, dämmerte in ihren Augen so etwas wie Erkenntnis. Der große Hüne zeigte sich nicht weniger erstaunt, als er das Heft berührte.

»Dich kenne ich doch«, sagte Zedd zu ihr. »Ich kann dich sehen.«

»Du erinnerst dich an mich?«, fragte Kahlan.

Zedd schüttelte den Kopf. »Nein. Offenbar setzt das Schwert den noch immer anhaltenden Prozess der Feuerkettenreaktion einen Moment lang aus. Mein Erinnerungsvermögen vermag es nicht wiederherzustellen – das ist verloren -, aber es scheint die Reaktion als solche zu unterbrechen. Sehen kann ich dich, und ich erkenne auch, wer du bist, aber ich erinnere mich nicht an dich. Es ist, als ob man ein bekanntes Gesicht sähe, aber nicht weiß, wohin damit.«

»Bei mir ist es genau so«, meinte der Hüne.

Die Frau nickte zustimmend.

Zedd packte Richard am Ärmel. »Wir müssen hier raus. Sechs wird bestimmt zurückkommen. Wir dürfen nicht riskieren, uns hier erwischen zu lassen und mit ihr aneinanderzugeraten. Übrigens kann einem diese Frau gewaltig auf die Nerven gehen.«

Richard war bereits auf dem Weg zur anderen Seite der Zelle. »Zuerst muss ich mir etwas wiederholen.«

»Etwa das Buch?«, fragte Zedd.

Er blieb stehen und wandte sich herum. »Du hast es gesehen?« »Das will ich meinen. Wo in aller Welt hast du so etwas nur gefunden?«

Richard stieg auf einen Stuhl und förderte einen hinter einen Balken gestopften Rucksack zutage. »Der Oberste Zauberer Baraccus ...«

»Etwa der aus dem Großen Krieg? Meinst du diesen Baraccus?«

»Genau den.« Richard sprang vom Stuhl herunter. »Er hat es verfasst und ließ es verstecken, damit ich es finde. Ihm habe ich es auch zu verdanken, dass ich mit beiden Seiten der Gabe geboren wurde, weshalb er mich unterstützen wollte und daher seine Frau, Magda Searus, nach seiner Rückkehr vom Tempel der Winde bat, es zu verstecken. Das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls hatte es schon seit dreitausend Jahren auf mich gewartet.«