Zedd schien es die Sprache verschlagen zu haben. Sie versammelten sich um den Tisch, während Richard in dem Rucksack wühlte, bis er das Buch gefunden hatte und es hervorzog. Er zeigte es Zedd.
»Das Problem war, dass ich damals von meiner Gabe abgeschnitten war und es gar nicht lesen konnte. Ich weiß also nicht, was Baraccus mir über meine Talente mitteilen wollte.«
Zedd wechselte einen Blick mit den beiden anderen Gefangenen.
»Richard, ich muss mit dir über Baraccus’ Hinterlassenschaft sprechen.«
»Ja, einen Moment noch.«
Die Falten auf seiner Stirn furchten sich immer tiefer, während er in dem Buch blätterte. »Die Seiten sind noch immer leer.« Verwirrt blickte er auf. »Zedd, sie sind noch immer leer. Dabei ist die Sperre meiner Gabe aufgehoben worden, dessen bin ich mir absolut sicher. Warum also habe ich noch immer den Eindruck, dass hier nichts steht?«
Zedd legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Weil dort eben nichts steht.«
»Für mich. Aber du kannst es doch lesen.« Er hielt ihm das geöffnete Buch hin. »Was steht hier?«
»Gar nichts. Abgesehen vom Titel auf dem Einband enthält das Buch keinerlei Schrift.«
Richard sah den alten Mann verwirrt an. »Was soll das heißen, es enthält keinerlei Schrift? Das kann nicht sein. Es müsste die Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers enthalten.«
»Tut es ja«, erwiderte Zedd mit feierlichem Ernst.
Richard schien gleichzeitig entmutigt, verärgert und verwirrt. »Das begreife ich nicht.«
»Zauberer Baraccus hat dir ein Gesetz der Magie hinterlassen.«
»Und welches?«
»Das Gesetz aller Gesetze. Das ungeschriebene Gesetz, jenes Gesetz, das seit Anbeginn der Zeit unausgesprochen ist.«
Richard fuhr sich mit dem Fingerkamm durchs Haar. »Für Rätsel haben wir keine Zeit. Was wollte er mir damit mitteilen? Was besagt dieses Gesetz?«
Zedd zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht. Es wurde nie ausgesprochen, niemals niedergeschrieben.
Gleichwohl wollte Baraccus dich wissen lassen, dass sich dahinter das Geheimnis zum Gebrauch der Kraft eines Kriegszauberers verbirgt. Und die einzige Möglichkeit, sicherzustellen, dass du verstehst, was er dir mitteilen wollte, war, dir zur Erklärung des ungeschriebenen Gesetzes ein ungeschriebenes Buch zu hinterlassen.«
»Und was soll ich damit anfangen, wenn ich gar nicht weiß, was drinsteht?«
»Diese Frage musst du dir selbst stellen, Richard. Wenn du der bist, für den Baraccus dich hielt, wirst du wissen, wie du sein Vermächtnis nutzen kannst. Offenbar hielt er es für außergewöhnlich wichtig und aller Mühen wert, ich würde also vermuten, es ist das, was du brauchst.«
Richard holte einmal tief Luft, um sich zu sammeln. Kahlan tat er unendlich leid, denn er schien mit seinem Verstand am Ende - und den Tränen nahe.
»Sieh an, sieh an«, war hinter ihnen eine Stimme zu vernehmen. Alle fuhren herum.
»Sechs...«, entfuhr es Zedd.
»Wenn das nicht die Mutter Konfessor ist. Was wird der Kaiser erfreut sein, wenn ich ihm obendrein auch noch den Lord Rahl bringe, schön verschnürt zu einem Bündel.«
Kahlan sah Zedd, offenbar von starken Schmerzen gepeinigt, die Hände an seinen Kopf pressen, nach hinten torkeln und am Boden zusammenbrechen. Mit einem klirrenden Geräusch zog Richard sein Schwert und wollte schon damit auf die Frau losgehen, als er von unsichtbaren Kräften jäh gestoppt und zurückgedrängt wurde. Sein Schwert schlitterte scheppernd über den Steinfußboden. Mit dürrem Finger zeigte die Frau auf Kahlan. »Das wäre keine gute Idee, Mutter Konfessor. Nicht, dass es mir etwas ausmachte, wenn Ihr Euer eigenes Gehirn bei dem Versuch, meines in Brei zu verwandeln, verschmoren würdet. Nur seid Ihr lebend für mich sehr viel wertvoller.«
Kahlan spürte den Schmerz einer unsichtbaren Kraft, die sie ebenso zurückdrängte, wie zuvor Richard. Die einen aller Kraft beraubende Pein ähnelte ein wenig der des Halsrings, nur traf sie sie noch stechender und tiefer in den Ohren. Ihr Kiefergelenk schmerzte so ungeheuer, dass sie gezwungen war, den Mund aufzusperren. Alle fünf krümmten sich vor Schmerzen und pressten sich die Hände auf die Ohren.
»Das wird alles ungeheuer erleichtern«, bemerkte Sechs selbstzufrieden, während sie dem leibhaftigen Tod gleich auf sie zuglitt.
»Sechs«, herrschte sie eine strenge Stimme von der Tür aus an. Sechs wirbelte herum. Offenbar war ihr die Stimme nicht unbekannt. Der Schmerz in Kahlans Kopf ebbte ein wenig ab, und sie sah, dass auch die anderen sich erholten.
»Mutter ... ?«, stammelte Sechs in gefühlsmäßiger Verwirrung.
»Du hast mich enttäuscht, Sechs«, sagte die alte Frau und trat in den Raum. »Uber alle Maßen.«
Sie war, ganz so wie Sechs, sehr schlank, wenn auch altersgebeugt. Auch stand ihr das schwarze Haar in ganz ähnlicher Manier vom Kopf ab, allerdings war es durchsetzt von weißen Strähnen, und auch ihre blauen Augen hatten schon ein wenig von ihrem Glanz verloren. Sechs wich einige Schritte zurück. »Aber ich ... ich ...«
»Was ?«, verlangte die Alte im giftigen Tonfall äußersten Missfallens zu wissen. Sie war eine beherrschende Erscheinung, die sich offenbar vor gar nichts fürchtete, ganz sicher nicht vor Sechs.
Geduckt wich Sechs einen weiteren Schritt zurück. »Ich verstehe nicht ...«
Kahlan klappte der Unterkiefer herunter, als sie die gespannte, bleiche Haut an Sechs’ Gesicht und Händen in Bewegung geraten sah, wie wenn sich darunter Blasen bildeten.
Sechs fing vor Schmerzen an zu schreien, während sie die sich verziehende Haut ihres Gesichts hektisch mit den Händen betastete.
»Was willst du, Mutter?!«
»Das ist recht einfach.« Die alte Frau näherte sich der noch immer ängstlich zurückweichenden Sechs. »Ich will deinen Tod.«
Bei diesen Worten verfiel Sechs’ Körper in wilde Zuckungen, während ihre sich zusammenziehende, heftig bewegende Haut sich von den hektisch bewegenden Muskeln und Sehnen zu lösen schien. Unvermittelt packte die Alte die erschlaffte Haut in Sechs’ Nacken, und riss, noch während Sechs in sich zusammensackte, mit aller Kraft daran. Die Haut löste sich fast vollständig in einem Stück von der schwer angeschlagenen Hexe. Sie brach auf dem Steinfußboden zu einer blutigen, unkenntlichen Masse zusammen, die von der Hülle ihres schwarzen Kleides kaum noch zusammengehalten werden konnte. Ein ekelhafter Anblick.
Die erschlafften Überreste von Sechs’ Haut in der Hand, lächelte die Alte sie an.
Starr vor Schreck beobachteten sie, wie die alte Frau zu schimmern begann, ihre Erscheinung flimmerte und flackerte. Kahlan starrte verdutzt. Plötzlich war die alte Frau gar nicht mehr alt, sondern jung und schön, mit langem, welligem kastanienbraunem Haar. Ihr bunt schillerndes Kleid, dessen luftige Stoffspitzen wie in einer sanften Brise wehten, vermochte ihren sinnlichen Körper nur unzureichend zu verhüllen.
»Shota ...« Ein breites Grinsen ging über Richards Gesicht. Sie ließ die blutende Haut zu einem unordentlichen Haufen aus den Fingern gleiten, trat dann, ein geziert verführerisches Lächeln im Gesicht, zu ihm hin und legte ihm die andere Hand zärtlich unters Kinn. Kahlan spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
»Was tust du hier, Shota?«, fragte Richard.
»Deine Haut retten, offensichtlich.« Ihr Lächeln wurde breiter, als ihr Blick kurz die Überreste in dem schwarzen Kleid streifte. »Was, denke ich, Sechs die ihrige gekostet hat.«
»Aber ... aber ich verstehe nicht.«
»Sechs hat es ebenso wenig verstanden«, fiel sie ihm ins Wort. »Sie hatte wohl erwartet, ich würde mich mit eingekniffenem Schwanz aus dem Staub machen, zitternd vor Angst, dass sie mich finden könnte, folglich kam der Besuch ihrer Mutter für sie völlig überraschend. So etwas gehört nicht zu ihren ansonsten recht bemerkenswerten Talenten und übersteigt ihr begrenztes Vorstellungsvermögen, denn sie vermag die Bedeutung einer Mutter nicht einzuschätzen, noch kann sie es denen nachempfinden, die es können. Die Kraft und Bedeutung dieser Bande sind ihr ein Rätsel, weshalb sie blind dagegen ist. Schließlich war das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter von Abscheu und Angst geprägt.«