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»Richard Rahl.« Ein Grinsen ging über Gregorys Züge, und seine Feindseligkeit löste sich auf in Nichts. »Meine Mutter hat mir von dir erzählt.«

Richard legte ihm eine Hand auf die Schnauze. Seine Stimme wurde sanft vor Sorge. »Geht es ihr gut? Die Magie ist im Schwinden begriffen, und ich habe mir Sorgen gemacht, wie sich das auf sie auswirken könnte.«

Schnaubend stieß Gregory ein Rauchwölkchen aus. »Sie ist sehr krank und wird mit jedem Tag schwächer. Ich bin stärker, weshalb ich noch immer fliegen kann. Ich bringe ihr zu essen, aber die Hexe hindert mich immer wieder daran. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr noch helfen soll. Ich habe Angst, sie zu verlieren.«

Richard nickte traurig. »Schuld daran ist die durch den Aufenthalt der Chimären in dieser Welt verursachte Verunreinigung. Sie ist im Begriff, alle Magie zu vernichten.«

Gregory nickte mit seinem riesigen Schädel. »Dann sind die roten Drachen zum Untergang verdammt.«

»So wie wir alle. Es sei denn, es gelingt mir, dieser Verunreinigung ein Ende zu machen.«

Der riesige Schädel neigte sich zur Seite, so dass Gregory Richard mit einem seiner gelben Augen betrachten konnte. »Dazu wärst du imstande?«

»Möglicherweise, nur bin ich mir nicht sicher, wie. Ich weiß nur eins:

Wenn ich es versuchen will, muss ich zum Palast des Volkes.«

»Zum Palast des Volkes? Wo diese Armee von Verbrechern lagert?«

Richard nickte. »So ist es. Womöglich bin ich der Einzige, der dieser Verunreinigung ein Ende machen kann. Würdest du uns dorthin bringen?«

»Ich bin jetzt frei. Ein freier Drache dient den Menschen nicht.«

»Ich bitte dich nicht, mein Diener zu sein, sondern uns nur nach D’Hara zu fliegen, damit ich versuchen kann, uns alle zu retten - und das gilt auch für dich und deine Mutter.«

Gregory schob seinen Kopf näher an Zedd, Tom und Rikka heran und dachte kurz darüber nach, ehe er erneut Richard ansah. »Euch alle?«

»Uns alle«, bestätigte Richard. »Ich bin auf die Hilfe meiner Freunde hier angewiesen. Es ist unsere einzige Chance, den grauenhaften Dingen Einhalt zu gebieten, die sich in Kürze ereignen werden.«

Gregorys Schädel senkte sich herab, so nah, dass er Richard mit der Schnauze einen Stoß gegen die Brust versetzen und ihn einen halben Schritt zurückschieben konnte. »Meine Mutter hat mir die Geschichte erzählt, wie du mich gerettet hast, als ich noch ein Ei war. Wenn ich es tue, sind wir quitt.«

»Einverstanden«, bestätigte Richard.

Gregory ließ seinen Körper so weit wie möglich auf den Wehrgang hinunter. »Dann also nichts wie los.«

Richard erklärte den anderen, wie sie aufsitzen und sich an den Zacken und anderen Vorsprüngen festhalten mussten. Er schwang sich als Erster hinauf und setzte sich rittlings am Halsansatz des Drachen auf dessen Rücken, anschließend half er Zedd, Tom und Rikka hinter sich nach oben. Zedd brummelte die ganze Zeit mürrisch vor sich hin, worauf Richard ihn anfuhr, das Fluchen gefälligst zu unterlassen. Als Letzte kam Kahlan. Richard beugte sich herab, ergriff ihre Hand, und zog sie hinter sich hinauf. Während sie es sich auf dem Drachenrücken hinter ihm bequem machte, sah sie ihn ein weißes Tuch aus seiner Tasche ziehen und es betrachten.

Die Arme um ihn geschlungen, raunte sie ihm leise ins Ohr. »Ich habe Angst.«

Er sah sie lächelnd über seine Schulter an. »Wenn man auf einem Drachen fliegt, kann einem zwar schwindelig werden, aber man wird nicht flugkrank. Halt dich einfach gut fest und mach, wenn du willst, die Augen zu.«

Ihr fiel auf, wie unbeschwert sich diese Nähe zu ihm anfühlte, und wie rücksichtsvoll und natürlich er sich ihr gegenüber gab. Sobald sie in seiner Nähe war, schien er regelrecht aufzuleben.

»Was hast du da?« Mit dem Kopf deutete sie auf das weiße Tuch, das auf der einen Seite einen Tintenfleck aufwies, und auf der anderen dessen genaues Gegenstück.

»Etwas von früher«, antwortete er leicht zerstreut. Offenbar beschäftigte ihn weniger ihre Frage als das weiße Tuch mit den beiden Tintenflecken darauf.

Er stopfte es wieder in seine Tasche und sah hinunter zum Wehrgang.

»Kommt Ihr, Shota?«

»Nein. Ich kehre nach Agaden zurück, in mein Zuhause. Dort werde ich abwarten, bis entweder das Ende kommt oder du es noch verhinderst.«

Richard nickte. Kahlan hatte nicht den Eindruck, dass er übermäßig zuversichtlich wirkte. »Vielen Dank für alles, was Ihr getan habt, Shota.«

»Mach, dass ich stolz auf dich sein kann, Richard.«

Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln. »Ich werde mein Bestes geben.«

»Mehr kann man von niemandem verlangen«, gab sie zurück. Er versetzte dem glänzenden roten Schuppenpanzer des Drachen einen Klaps. »Fliegen wir, Gregory. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«

Gregory gab einen kurzen Feuerstoß ab, und noch während der schwarze Rauch sich kräuselnd verzog, hoben sich die mächtigen Schwingen des Drachen und senkten sich mit ungeheurer und doch geschmeidiger Kraft. Kahlan spürte, wie sie sich in die Lüfte erhoben. Es war, als würde ihr der Magen umgestülpt.

59

Als sie durch die prunkvollen, menschenleeren Hallen des Palasts des Volkes marschierten, wusste Richard sofort, wohin alle verschwunden waren, denn er hörte einen leisen Sprechgesang durch die Flure hallen.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. In Deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.«

Es war die Andacht zu Ehren des Lord Rahl. Selbst in Zeiten wie diesen, wenn das Ende ihrer Welt bevorstand, strömten die Bewohner des Palasts des Volkes auf den Klang der Glocke in Scharen zu dieser Andacht. Er nahm an, dass er gerade in solchen Zeiten gebraucht wurde, und die Andacht ihre Art war, diese Bande zu würdigen. Oder aber sie sollte ihn an seinen Teil dieser Bande erinnern, an seine Verpflichtung, ihnen Schutz zu gewähren.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. In Deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.«

Richard verdrängte seine Empfindungen angesichts der Andacht aus seinen Gedanken. Ihm war, als hätte er tausend Überlegungen gleichzeitig zu bewältigen, so dass er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Ihn bedrängte eine so ungeheure Vielfalt von Fragen, dass er das Gefühl hatte, diesen gewaltigen Berg an Problemen nicht mehr in eine sinnvolle Ordnung bringen zu können. Er wusste ja nicht einmal, wo er mit dieser kräfteraubenden Bewältigung anfangen sollte. Als Meister Rahl kam er sich vollkommen unzulänglich vor. Nichtsdestoweniger war er überzeugt, dass alle diese scheinbar niemals endenden Probleme irgendwie zusammenhingen, dass sie alle Teil ein und desselben Legespiels waren, und sich alles, sobald er nur auf den Kern dessen stieße, was ihn so bedrückte, zu einem Ganzen fügen würde. Eigentlich brauchte er, um das alles zu durchschauen, nichts weiter als ein paar Jahre Zeit. Er konnte von Glück reden, wenn ihm noch ein paar Stunden blieben.

Noch einmal zwang er sich, seine Gedanken wieder auf die wichtigen Dinge zu lenken. Baraccus hatte ihm in einem dreitausend Jahre alten Buch eine Nachricht hinterlassen, ein ungeschriebenes Gesetz, bloß wusste er nicht, was es damit auf sich hatte. Jetzt, da er endlich wieder auf seine Gabe zurückgreifen konnte, war endlich auch seine Erinnerung an den vollständigen Text des Buches der gezählten Schatten zurückgekehrt, allerdings handelte es sich höchstwahrscheinlich um eine fehlerhafte Abschrift. Das Original, wie auch die Kästchen, besaß Jagang. Wieso spielte eine Konfessorin bei alldem eine zentrale Rolle? Etwa, weil sie für die Kästchen der Ordnung von zentraler Bedeutung war, sofern eine der Abschriften Des Buches der gezählten Schatten zum Einsatz käme? Oder bildete er sich das alles nur ein? Glaubte er das alles nur, weil Kahlan eine Konfessorin war und sie in seinem eigenen Leben eine zentrale Rolle spielte?