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Der Gedanke an Kahlan ließ ihn abschweifen und erfüllte ihn mit panischer Furcht. Es zerriss ihm fast das Herz, ihr all die Dinge verschweigen zu müssen, die er ihr so gerne erzählen wollte. Es brachte ihn fast um, sie nicht in die Arme nehmen, nicht küssen zu können. Er wollte nur eins: sie endlich wieder fest in seine Arme schließen. Doch wenn er das sterile Feld ihres Verstandes zerstörte, bestand keine Hoffnung mehr, dass sie durch die Macht der Ordnung wieder zu ihrem alten Selbst zurückfinden konnte. Also musste er ihr gegenüber weiterhin abweisend und vage bleiben.

Am meisten aber schreckte ihn der Gedanke, dass es schon zu spät sein und Samuel ihr steriles Feld bereits verunreinigt haben könnte. Er konnte Kahlan neben sich gehen spüren. Er erkannte den Klang ihrer Schritte, ihren Duft, ihre Gegenwart. Eben noch überglücklich, sie endlich zurückzuhaben, geriet er schon im nächsten Moment in Panik über ihren möglichen neuerlichen Verlust.

Er musste aufhören, seine Gedanken immer wieder zu den Problemen abschweifen zu lassen und sich stattdessen auf deren Lösung konzentrieren. Er musste die Antwort finden.

Wenn es sie denn überhaupt gab.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. In Deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.«

All diese Menschen würden sterben, es sei denn, er stand ihnen bei, indem er diese Antwort fand. Aber wie in aller Welt sollte er das bloß anstellen?

Er kehrte noch einmal zu dem Punkt zurück, der seiner Meinung nach den Kern der Lösung darstellte. Um den angerichteten Schaden wiedergutzumachen, würde er die Kästchen der Ordnung öffnen müssen - im Grunde war das schon alles. Tat er es nicht, würde die Welt des Lebens, durch die Feuerkettenreaktion und die durch sie verursachte Verunreinigung bereits geschädigt, vollends außer Kontrolle geraten. Öffnete nicht er das korrekte Kästchen, würden es die Schwestern in Jagangs Gewalt tun. Nur wusste er nicht, wie er das anstellen sollte, außerdem hatte nicht er die Kontrolle über sie, sondern Jagang.

Zumindest, sagte er sich, hatte er bereits eine ganze Reihe von Schritten erfolgreich zurückgelegt, die es zu bewältigen galt, sofern er überhaupt eine Chance haben wollte, das korrekte Kästchen zu öffnen. Seine Reise durch den Schleier war ein Erfolg gewesen, und auch seine Mitbringsel hatte er in der verlangten Weise mit zurückgebracht. Allein das war für sich genommen ein Rätsel gewesen, aber er hatte es gelöst. Für die tatsächliche Wiederherstellung war jetzt die Macht der Ordnung vonnöten.

Kahlan hatte seine Schnitzerei mit dem Namen Seele angenommen, also verfügte er nun auch über die unbedingt erforderliche Konfessorin. Konfessorin ... Irgendetwas daran stimmte nicht, bloß kam er einfach nicht darauf, was.

Wohl aber wusste er, dass es nur eine Möglichkeit gab, in die Nähe der Kästchen der Ordnung zu gelangen. Es war seine einzige Chance – vorausgesetzt er fand die Lösung, ehe Schwester Ulicia eines von ihnen öffnete.

Das raschelnde Geräusch hastiger Schritte ließ ihn aufblicken, und er sah Verna und Nathan auf sich zustürmen, Cara und General Meiffert dicht auf ihren Fersen. Gleich hinter ihm gingen Zedd, Tom und Rikka. Bei einer mit wunderschön geädertem grünem Marmor gepflasterten Brücke, die einen Andachtsplatz sowie eine Kreuzung weitläufiger Hallen überblickte, blieb Richard stehen. Unten lagen die Menschen, die Stirn auf dem gefliesten Boden, auf den Knien und stimmten ihren Sprechgesang an. Sie ahnten nicht, was er zu tun im Begriff war.

»Richard!« Verna war völlig außer Atem.

»Ich bin froh, dich wieder hier zu sehen«, begrüßte ihn Nathan, ehe er auch Zedd zunickte.

»Sechs wird uns keinen Ärger mehr machen«, erklärte Zedd an den Propheten gewandt.

Nathan stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Eine Wespe weniger im Nest, ich fürchte allerdings, es herrscht nicht eben Mangel an ihnen.«

Ohne auf den hochgewachsenen Zauberer an ihrer Seite einzugehen, fuchtelte Verna hektisch mit ihrem Reisebuch vor Richards Gesicht herum. »Jagang schreibt, bei Neumond sei es so weit. Er verlangt deine Antwort. Bekommt er sie nicht, schreibt er, wüsstest du, welche Folgen das haben würde.«

Richards Blick ging zu Nathan. Der Prophet wirkte mehr als düster. Auch Cara und General Meiffert schienen angespannt. Zehntausende Menschen waren ihrem Schutz anvertraut, und sie mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen allen schon in Kürze ein grausames Ende drohte. Von unten drang leiser Sprechgesang herauf.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. In Deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.«

Richard rieb sich mit den Fingerspitzen die Stirn und versuchte, den immer mehr anschwellenden Kloß in seiner Kehle hinunterzuschlucken. Aus mehr als einem Grund blieb ihm gar keine andere Wahl. Mit bedrohlicher Endgültigkeit blickte er auf zu Verna. »Richtet Jagang aus, dass ich seine Bedingungen akzeptiere.«

Vernas Gesicht verfärbte sich tiefrot. »Du akzeptierst?«

»Was redet ihr da eigentlich?«, fragte Kahlan rechts neben ihm. Es war ein wenig ermutigend, den Unterton erwachender Autorität in ihrer Stimme zu hören, dennoch überging er sie und wandte sich stattdessen an Verna.

Nur mit Mühe konnte er seine Stimme beherrschen. »Richtet ihm aus, ich hätte beschlossen, ihre Forderungen zu erfüllen. Ich bin mit seinen Bedingungen einverstanden.«

»Ist das dein Ernst?« Verna konnte ihre Aufgebrachtheit kaum unterdrücken. »Du willst, dass ich ihm ausrichte, wir kapitulieren?«

»Ja.«

»Was!« Kahlan krallte ihre Hand in seinen Hemdsärmel, drehte ihn herum und zog ihn zu sich heran. »Du darfst nicht vor ihm kapitulieren.«

»Ich muss. Es ist die einzige Möglichkeit, all die Menschen dort unten vor Folter und Tod zu bewahren. Wenn ich den Palast aufgebe, wird er sie am Leben lassen.«

»Und das glaubst du ihm auf sein bloßes Wort hin?«, wollte Kahlan wissen.

»Ich habe keine Wahl. Es ist die einzige Möglichkeit.«

»Hast du mich hierher zurückgebracht, um mich diesem Ungeheuer auszuliefern?« Tränen des Zorns, der Verletztheit standen in Kahlans grünen Augen. »Deswegen wolltest du mich unbedingt wiederfinden?«

Richard wandte den Blick ab. So ziemlich alles hätte er dafür gegeben, ihr endlich erklären zu können, wie sehr er sie tatsächlich liebte. Wenn er schon in den Tod ging, dann sollte sie wenigstens wissen, wie er in Wahrheit für sie empfand, und dass er sie nicht geheiratet hatte, weil er sich an eine Abmachung gebunden fühlte und sie jetzt als Unterpfand einer Kapitulation missbrauchte. Es zerbrach ihm das Herz, dass sie so dachte.

Trotzdem, er hatte keine Wahl. Sobald er das sterile Feld beeinträchtigte, wäre die Kahlan, die er kannte, für immer verloren - wenn das nicht schon Samuel besorgt hatte und sie längst für ihn verloren war. Er richtete sein Augenmerk auf etwas anderes. »Wo ist eigentlich Nicci?«, fragte er Nathan.

»Hinter Schloss und Riegel, wie du es mir aufgetragen hast, bis Jagang sie abholen kann.«

Kahlan fuhr ihn an. »Jetzt willst du auch noch die Frau, die du liebst, diesem ... diesem Schurken ausliefern ...«

Richard hob die Hand und bat um Ruhe.

Er entspannte sich und wandte sich herum zu Verna. »Tut, was ich sage.«

Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass dies ein Befehl war, der weder diskutiert, geschweige verweigert werden durfte. Während alle schweigend, wie gelähmt, dastanden, machte sich Richard auf den Weg. »Ich erwarte euch im Garten des Lebens.«

Er musste nachdenken.

Kahlan war die Einzige, die ihm folgte.

Das allmählich schwindende Tageslicht fiel durch die bleiverglaste Decke. Es war die Nacht des Neumondes - die dunkelste Nacht des Monats. Richard hatte gehört, dass bei dieser Art von Dunkelheit die Welt des Lebens näher an das Totenreich heranrückte.