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Während der Stunden des Wartens, bis Jagang es endlich bis hinauf zur Hochebene und in den Garten des Lebens geschafft haben würde, war Richard unablässig tief in Gedanken versunken auf und ab gegangen und hatte über die beiden Welten nachgedacht - die Welt des Lebens und das Totenreich.

Er sah zu seinem Großvater hinüber, der ganz in der Nähe schweigend auf dem niedrigen, rankenüberwucherten Mäuerchen saß. Zedd erwiderte seinen Blick, trotzdem war nicht zu übersehen, wie traurig es ihn stimmte, dass er ihm nicht helfen konnte.

»Tut mir leid«, sagte Kahlan.

Richard sah sie an. »Was?«

»Tut mir leid, es muss eine schlimme Entscheidung gewesen sein. Ich weiß, du versuchst nur zu verhindern, dass Jagangs Rohlinge all die Menschen hier abschlachten. Ich wünschte, ich könnte ihn mit meiner Konfessorinnenkraft überwältigen.«

Konfessorinnenkraft - zum ersten Mal ins Leben gerufen bei Magda Searus, jener Frau, die mit Baraccus verheiratet war. Nur war sie während des Großen Krieges mit ihm verheiratet gewesen, lange bevor sie Konfessorin wurde ...

»Bei den Gütigen Seelen«, sagte er leise bei sich, als ihm die Erkenntnis eiskalt durch die Adern schoss.

Baraccus hatte ihm das Buch hinterlassen, um ihm mitzuteilen, was er wissen musste.

Und genau das hatte er getan.

Mit zitternden Fingern holte er das weiße Tuch mit den beiden Tintenflecken hervor, faltete es auseinander und betrachtete die beiden genau gegenüberliegenden Flecken.

»Jetzt begreife ich. Bei den Gütigen Seelen, jetzt weiß ich, was ich tun muss.«

Kahlan beugte sich vor, um auch einen Blick auf das Tuch zu werfen.

»Was begreifst du?« Plötzlich war ihm alles klar.

Fast wäre er in irres Gelächter ausgebrochen. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Zedd, die Stirn tief in Falten, betrachtete ihn ebenfalls. Er kannte ihn gut genug, um zu erkennen, dass er das Rätsel gelöst hatte. Als Richard ihn daraufhin ansah, bedachte ihn sein Großvater mit einem kaum merklichen Lächeln und einem stolzen Nicken, obwohl er keine Ahnung hatte, was Richard denn nun herausgefunden hatte. Der plötzliche, von in den Garten eindringenden Personen ausgelöste Tumult ließ alle den Blick heben. Ihren Anweisungen entsprechend, machten die wenigen Männer der Ersten Rotte augenblicklich Platz, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Richard erblickte Jagang an der Spitze einer durch die Tür hereinströmenden Menschenwoge, und neben ihm Schwester Ulicia. Dahinter folgten weitere Schwestern, in den Händen die Kästchen der Ordnung. Schwer bewaffnete Gardesoldaten marschierten im Gleichschritt durch die Doppeltür und verteilten sich wie eine dunkle Flut im Garten.

Jagangs Auftreten, sein glühender, niemals nachlassender Hass, entweihte nicht nur den Garten des Lebens, er bestimmte seine ganze Persönlichkeit.

Innerlich konnte sich Richard ein Lächeln nicht verkneifen. Als der Kaiser den Pfad zwischen den Bäumen entlangschritt, vorbei an den Beeten längst verwelkter Blumen und dem niedrigen, rankenbewachsenen Mäuerchen, war der Blick aus seinen vollkommen schwarzen Augen auf Richard gerichtet. Hinter ihm schwärmten seine kaiserlichen Gardetruppen aus, um einen Schutzring zu bilden. Ein herablassendes Lächeln im Gesicht, passierte Jagang den Zauberersand und überquerte die Rasenfläche.

Bestimmt von seinem Hass.

Die Schwestern stellten die drei tiefschwarzen Kästchen auf der breiten, von zwei kurzen, gekehlten Postamenten gestützten Granitplatte ab. Die anderen Anwesenden im Garten beachtete Schwester Ulicia gar nicht. Ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, blickte sie nur kurz zu Richard, ehe sie das Buch auf den granitenen Altar vor die Kästchen legte. Unverzüglich entzündete sie mit ausgestreckter Hand ein Feuer in der Grube, dessen Licht den Schein der Fackeln noch verstärkte. Nacht brach herein. Der Neumond ging auf, und Dunkelheit senkte sich herab, eine Dunkelheit, die alles übertraf, was je ein Lebender erlebt hatte. Richard war diese Dunkelheit nur zu vertraut. Er war dort gewesen.

Gemessenen Schritts trat Jagang vor und baute sich vor Richard auf, so als wollte er ihn zum Zweikampf auffordern. Richard wich nicht zurück.

»Ich bin froh, dass du zur Vernunft gekommen bist.« Sein Blick wanderte zu Kahlan. Er betrachtete sie mit lüsternem Blick. »Und ich bin froh, dass du mir deine Frau mitgebracht hast. Um sie werde ich mich später kümmern.« Er sah wieder in Richards Augen. »Ich bin sicher, was ich vorhabe, wird dir nicht gefallen.«

Richard erwiderte den bohrenden Blick, verzichtete aber auf eine Erwiderung. Im Grunde gab es auch nichts zu sagen.

Trotz seiner furchteinflößenden Erscheinung, seiner vollkommen schwarzen Augen, seines kahlrasierten Schädels und seiner Art, seine Muskeln wie auch seinen erbeuteten Schmuck zur Schau zu stellen, wirkte Jagang mehr als müde, er wirkte ausgelaugt. Richard wusste, dass den Kaiser Albträume, mehr noch, unheimliche Träume über Nicci plagten. Er wusste es, weil er sie ihm selbst eingegeben hatte, durch Jillian, die Knochenpriesterin, die Traumwirkerin, die demselben Volk entstammte wie Jagang.

Der Kaiser stürmte hinüber zu der Stelle, wo Schwester Ulicia vor dem Zauberersand ausharrte. »Worauf wartest du? Fang an. Je früher es beendet ist, desto eher können wir damit beginnen, den letzten Widerstand gegen die Herrschaft des Ordens zu brechen.«

»Jetzt verstehe ich«, murmelte die dicht neben ihm stehende Kahlan bei sich, so als hätte auch sie eben eine Offenbarung gehabt. »Jetzt begreife ich, wen er durch mich verletzen will, und warum das so schrecklich wäre.«

Einen Ausdruck plötzlichen Begreifens im Gesicht, blickte sie auf und sah Richard in die Augen.

Doch gerade jetzt konnte er es sich nicht erlauben, abgelenkt zu werden. Er richtete sein Augenmerk wieder auf die Schwestern. Noch immer gab es ein, zwei Dinge, die es zu bedenken galt. Er musste sichergehen, dass alles zusammenpasste, denn sonst wäre dies ihr aller Tod - und er wäre schuld daran.

Mehrere Schwestern waren vor dem Zauberersand niedergekniet und strichen ihn zur Vorbereitung glatt. Aus ihrer perfekten Zusammenarbeit schloss Richard, dass sie, um sich vorzubereiten, das Original des Buches der gezählten Schatten bereits durchgearbeitet und die Verfahren und Zaubersprüche auswendig gelernt hatten.

Zu seiner Überraschung machten sie sich alle gemeinsam daran, die erforderlichen Elemente zu zeichnen, die er aus seinem Buch der gezählten Schatten bereits kannte. Eigentlich hatte er erwartet, dies würde Schwester Ulicia übernehmen, die auch die Kästchen ins Spiel gebracht hatte. Doch stattdessen ging sie, während die anderen ihre Arbeit taten, von einem Symbol zum nächsten und fügte die letzten vervollständigenden Linien hinzu. Ihm dämmerte, dass dies durchaus sinnvoll war. Es kam einzig darauf an, dass die Elemente gezeichnet wurden, und auf diese Weise ließe sich viel Zeit sparen. Da Schwester Ulicia diese Aufgabe übernommen hatte, nahm er an, dass der Text irgendeine Bedingung enthielt, der zufolge der Spieler beteiligt sein musste, möglicherweise, indem er die Bannformen vervollständigte. Sie war es, die die Macht der Ordnung heraufbeschwor, sie war die Spielerin. Doch Jagang hatte von ihrem Verstand Besitz ergriffen, somit war er es, der letztendlich die Macht der Ordnung kontrollierte. Richard erinnerte sich noch gut, wie lange Darken Rahl damals für die Durchführung sämtlicher Verfahren gebraucht hatte. So wie die Schwestern vorgingen, würde es diesmal nicht annähernd so lange dauern. Zudem ermöglichte ihnen die Arbeitsteilung, die Arbeit in einfachere Arbeitsgänge aufzuteilen.

Jagang kehrte zu Richard zurück. »Wo ist Nicci?«, fuhr er ihn knurrend und mit einem zornigen Funkeln in den schwarzen Augen an. Richard hatte sich schon gefragt, wie lange es wohl dauern würde, bis er die Frage stellte. Sie kam früher als erwartet.

»Sie wird, wie versprochen, für Euch hinter Schloss und Riegel gehalten.«