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Jagang und sein Gefolge folgten den breiten Wagenspuren, die die Ebene zwischen den Gruben wie ein Netz durchzogen und breit genug waren, um ein entgegenkommendes Fahrzeug passieren zu lassen.

»Hier unten, Exzellenz. Dies ist die Stelle.«

Jagang zögerte und spähte an der langen, abfallenden Rampe entlang hinunter in die Grube. Diese Grabung schien als einzige völlig verlassen zu sein. Er besah sich die anderen Gruben in der Nähe.

»Lasst diese dort ebenfalls räumen«, befahl er und wies auf die nächste Grube in Richtung Hochebene. »Und legt bis dahin in dieser Richtung keine neuen Grabungen an.«

Einige der Aufseher, die sich um ihn geschart hatten, beeilten sich, seine Anweisungen auszuführen.

»Gehen wir«, sagte Jagang. »Ich will sehen, ob sich tatsächlich etwas dahinter verbirgt oder nicht.«

»Ich bin sicher, Ihr werdet feststellen, dass meine Beschreibung zutreffend war, Exzellenz.«

Jagang ignorierte den linkischen Boten und ging daran, der abfallenden Wagenspur in die Grube hinab zu folgen. Kahlan blieb in seiner Nähe. Ein Blick zurück ergab, dass Schwester Ulicia kein Dutzend Schritte weiter hinten folgte. Ohne Kapuze, das nasse Haar an den Kopf geklebt, schien sie alles andere als glücklich, sich bei diesem Regen unter freiem Himmel aufzuhalten. Kahlan wandte sich wieder herum, um auf dem glitschigen, morastigen Boden nicht auszurutschen.

Am Boden der Grube herrschte ein chaotisches Durcheinander, geschaffen von Tausenden von Männern, die die Erde aufgewühlt und bewegt hatten. Wo der Boden weicher und leichter auszuheben war, hatte man tiefer gegraben; an anderen, steinigeren und schwerer zu bearbeitenden Stellen waren Erhebungen entstanden, fast doppelt so hoch wie Kahlan, die es noch abzutragen galt.

Jagang folgte dem Boten durch das Chaos zu einem der tieferen Bereiche. Kahlan, stets umringt von ihren Bewachern, folgte ihnen durch den Morast nach unten, denn sie wollte in der Nähe bleiben, für den Fall, dass Jagang durch das, was sich in der Grube verbarg, abgelenkt wurde. Bei der erstbesten Gelegenheit würde sie ihn ungeachtet des Risikos umzubringen versuchen.

Als sie stehen blieben, hockte sich der Bote nieder. »Dies ist es, Exzellenz.«

Er klopfte mit der flachen Hand auf ein knapp aus dem Boden ragendes Etwas. Die Stirn in Falten gelegt, starrte Kahlan zusammen mit allen anderen auf die glatte freigelegte Fläche.

Der Bote hatte recht gehabt, es sah entschieden nicht natürlich aus. Sie meinte so etwas wie eine Türangel zu erkennen. Tatsächlich ähnelte das Ganze einem tief in der Erde vergrabenen Gebäude.

»Säubern!«, befahl Jagang einem der Vorarbeiter, der mit hinab in die Grube gestiegen war.

Offenbar hatte man nach der Entdeckung des Bauwerks aufgrund einer bestehenden Arbeitsanweisung sämtliche Arbeiten eingestellt und die Arbeiter abgezogen, bis Jagang den Fund persönlich begutachten konnte. Die leichte Rundung des Gebildes schien darauf hinzudeuten, dass man den oberen Teil einer gewaltigen, gewölbeähnlichen Konstruktion freigelegt hatte.

Als sich einige Männer unter Jagangs Anleitung mit Schaufeln und Besen an die Arbeit machten, zeigte sich rasch, dass die Beschreibung des Boten zutreffend gewesen war: Es glich in der Tat der Außenseite einer Gewölbedecke.

Nachdem die Männer sie von der Erde befreit hatten, konnte Kahlan erkennen, dass das Gebilde aus präzise zugeschnittenen, großen Steinquadern bestand, die sich zu einer bogenförmigen Wölbung fügten. Es erinnerte sie an nichts so sehr wie an ein eingegrabenes Bauwerk, allerdings war kein Dach zu sehen, sondern nur die freigelegte Außenkonstruktion einer Gewölbedecke.

Ihr war völlig unbegreiflich, welchen Zweck ein solches hier draußen in der Azrith-Ebene vergrabenes Gebilde haben sollte, zumal sich unmöglich sagen ließ, wie viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende es bereits hier verschüttet lag.

Als man genügend Schutt und Erde beiseitegeräumt hatte, ging ioo Jagang in die Hocke, fuhr mit der Hand über das feuchte Mauerwerk und zeichnete mit dem Finger einige Fugen nach. Sie waren so fein, dass nicht einmal eine Messerklinge zwischen sie gepasst hätte.

»Schafft Werkzeug herbei - Stemmeisen und Ähnliches«, befahl er. »Ich will, dass es geöffnet wird. Ich möchte wissen, was sich darunter befindet.«

»Sofort, Exzellenz«, erwiderte einer der Bauaufseher.

»Nimm deine Gehilfen, keine gewöhnlichen Arbeiter.« Jagang erhob sich und erfasste mit einer Armbewegung das umliegende Gelände. »Das gesamte Gebiet soll abgesperrt werden. Ich will hier keine gewöhnlichen Soldaten in der Nähe sehen. Ich werde einige Männer Posten beziehen lassen, die die Baustelle jederzeit bewachen. Ab sofort ist der Zutritt zu diesem Gelände ebenso verboten wie zu meinen Zelten.«

Wenn irgendwelche Soldaten in die Grabstätte - oder was immer man hier gefunden hatte - hinunterstiegen, das war Kahlan klar, würden sie sämtliche Wertgegenstände daraus entfernen. Die Beuteringe, die Jagang trug, waren der sichere Beweis, dass er dieselbe Einstellung hatte. Schließlich sah Kahlan ein paar von Jagangs Leibwächtern die Schräge hinunterstolpern und blickte kurz auf. Gewaltsam bahnten sie sich einen Weg zwischen den Vorarbeitern und anderen Wachen hindurch, um in die Nähe des Kaisers zu gelangen.

»Wir haben sie«, berichtete einer von ihnen außer Atem. Ein verschlagenes Lächeln breitete sich langsam über Jagangs Gesicht.

»Wo ist sie?«

Der Mann zeigte. »Gleich dort oben, Exzellenz.«

Jagang warf Kahlan einen Blick zu. Sie wusste nicht, was er im Schilde führte, doch der Blick ließ es ihr eiskalt über den Rücken laufen.

»Schafft sie hier herunter, sofort«, wies Jagang den Soldaten an. Der mühte sich zusammen mit einem seiner Kameraden wieder den Hang hinauf, um ihre Gefangene, wer immer es war, zu holen. Kahlan hatte keine Ahnung, von wem die Männer gesprochen hatten, oder warum sich Jagang darob so begeistert zeigte.

Während alles wartete, fuhren die Bauaufseher mit der Freilegung des eingegrabenen Gebäudes fort, und nach kurzer Zeit war eine Steinfläche von nahezu fünfzig Fuß Länge freigelegt. Der gesamte freigelegte Teil verlief in einer geraden Linie und wies über die gesamte Länge die immer gleiche Wölbung auf.

Andere Arbeiter waren mit der Verbreiterung der Ausgrabungsstätte rings um das glatte Mauerwerk beschäftigt. Je mehr sie freiräumten, desto deutlicher wurden Gestalt und Ausmaß der Konstruktion sichtbar. Sie war alles andere als klein. Wenn es sich bei dem Mauerwerk tatsächlich um die Decke eines darunterliegenden Gebäudes handelte, dann musste dieser Raum oder diese Grabstätte einen Durchmesser von nahezu zwanzig Fuß besitzen. Da nichts auf ein Ende hindeutete, ließ sich die Gesamtlänge noch nicht abschätzen, doch so weit sie bislang sehen konnte, schien es eine Art verschütteter Gang zu sein. Als sie gedämpfte Schreie und das Scharren von Füßen vernahm, blickte Kahlan auf. Die hünenhaften Leibwächter schleiften eine sich heftig wehrende, schmächtige Gestalt den morastigen Hang herunter. Sie hatte die Augen aufgerissen, und die Knie drohten unter ihr nachzugeben.

Jeder der Männer hielt den dünnen Arm eines Mädchens gepackt, das nicht einmal halb so groß war wie sie.

Es war Julian, das Mädchen aus der uralten Ruinenstadt Caska, jenes Mädchen, dem Kahlan zur Flucht verholfen hatte - wobei sie zwei Leibwächter Jagangs und Schwester Cecilia getötet hatte. Als die beiden das wehrlose Mädchen heranschleppten, fanden seine kupferfarbenen Augen zu guter Letzt Kahlan. Und sofort füllten sich diese Augen mit Tränen über den ungeheuren Verlust sowie ihr Unvermögen, den Soldaten der Imperialen Ordnung zu entkommen. Die Leibwächter schleiften die Kleine bis unmittelbar vor den Kaiser und stellten sie vor ihm auf die Füße.

»Sieh an«, bemerkte Jagang mit leicht säuerlichem Schmunzeln, »wen haben wir denn hier?«