»Tut mir leid«, murmelte die Kleine mit einem Blick zu Kahlan. Jagang sah kurz zu ihr hinüber. »Ich habe deine kleine Freundin hier suchen lassen. Ziemlich dramatisch, was du dir bei ihrer Flucht herausgenommen hast.« Er packte Julian am Kinn, so dass seine Finger sich in ihre Wangen bohrten. »Zu dumm, dass alles vergeblich war.«
Dieser Ansicht war Kahlan durchaus nicht. Sie hatte mindestens zwei seiner Leibwächter sowie Schwester Cecilia getötet, sie hatte ihr Bestes gegeben, um Julian zu befreien. Sie hatte alles versucht und diesen Versuch teuer bezahlen müssen, und doch würde sie beim nächsten Mal wieder so handeln.
Mit mächtiger Hand packte Jagang den dürren Arm des Mädchens und zog es zu sich heran. Wieder grinste er Kahlan an. »Weißt du, was wir hier vor uns haben?«
Kahlan enthielt sich einer Antwort. Sie hatte nicht die Absicht, sich auf sein Spiel einzulassen.
»Was wir hier vor uns haben«, beantwortete er seine Frage selbst, »ist jemand, der dir helfen wird, dich zu benehmen.«
Sie bedachte ihn mit einem leeren Blick, fragte aber nicht nach. Unvermittelt zeigte Jagang auf die Hüfte eines der Sonderbewacher Kahlans, der rechts von ihr stand. »Wo ist dein Messer?«
Der Mann betrachtete seinen Gürtel, als befürchtete er, eine Schlange werde jeden Augenblick ihre Fänge in ihn schlagen. Schließlich sah er von der leeren Messerhülle wieder auf.
»Exzellenz, ... ich, ich muss es wohl verloren haben.«
Jagangs eiskalter Blick ließ ihn erbleichen. »Ganz recht, du hast es verloren.«
Er wirbelte herum und schlug Julian den Handrücken so heftig ins Gesicht, dass sie durch die Luft geschleudert wurde. Sie landete schreiend vor Schock und Schmerz im Morast. In der Pfütze rings um ihr Gesicht breitete sich eine rötliche Lache aus.
Die Hand fordernd ausgestreckt, wandte sich Jagang wieder zu Kahlan herum. »Das Messer - gib es mir.«
Der Blick aus seinen vollkommen schwarzen Augen war so tödlich, dass Kahlan glaubte, aus schierer Angst einen Schritt zurücktreten zu müssen. Jagang machte eine fordernde Geste. »Wenn ich dich noch einmal fragen muss, trete ich ihr die Zähne ein.«
Im Nu schössen ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Sie fühlte sich, wie sich auch der Mann mit den grauen Augen gefühlt haben musste, ehe er sich absichtlich in den Schlamm geworfen hatte. Ihr blieb ebenfalls keine Wahl.
Kahlan legte ihm das Messer in die geöffnete Hand.
Ein triumphierendes Grinsen ging über sein Gesicht. »Danke, Schätzchen.«
Dann drehte er sich urplötzlich herum und stieß es dem Mann, dem es gehörte, mit einer wuchtigen Bewegung mitten ins Gesicht. Ein lautes Knirschen hallte in der feuchten Luft wider, als der Knochen splitterte. Der Mann brach tot im Morast zusammen, das hervorschießende Blut ein schockierender Anblick im grauen Dämmer. Er hatte nicht einmal mehr Zeit zu schreien, ehe er starb.
»Da hast du dein Messer zurück«, schrie er den am Boden Liegenden an. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die verblüfften Mienen der Sonderbewacher Kahlans. »Ich schlage vor, ab sofort werdet ihr besser auf eure Waffen aufpassen als euer Kamerad hier. Sollte sie einem von euch noch einmal eine Waffe abnehmen und ihn nicht damit töten, werde ich es tun. Habe ich mich einfach genug ausgedrückt, dass ihr das alle begreift?«
Wie aus einem Munde antworteten sie: »Ja, Exzellenz.«
Er bückte sich, riss die schluchzende Julian auf die Beine und hielt sie mühelos in einer Hand, sodass nur ihre Zehen den Boden berührten.
»Weißt du, wie viele Knochen der menschliche Körper hat?« Kahlan unterdrückte ihre Tränen. »Nein.«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich auch nicht. Aber ich weiß, wie ich es herausfinden kann. Wir könnten ihr die Knochen einen nach dem anderen brechen und dabei jedes Knacken zählen.«
»Bitte ...«, flehte Kahlan, die sich mächtig anstrengen musste, ihr Schluchzen zu unterdrücken.
Jagang stieß die Kleine zu Kahlan hinüber, als machte er ihr eine lebensgroße Puppe zum Geschenk.
»Ab sofort bist du für ihr Leben verantwortlich. Wann immer du mein Missfallen erregst, werde ich ihr einen Knochen brechen. Die genaue Zahl der Knochen in ihrem kleinen, schmächtigen Körper ist mir nicht bekannt, aber ich bin mir sicher, dass es sehr viele sind.« Er hob eine Braue. »Und ich weiß, wie leicht mein Missfallen zu erregen ist.
Solltest du mehr als nur mein Missfallen erregen, werde ich sie vor deinen Augen foltern lassen. Ich verfüge über wahre Experten in dieser hohen Kunst.« Stürme aus grauen Schatten trieben durch seine tiefschwarzen Augen. »Sie verstehen sich meisterlich darauf, Menschen selbst unter unvorstellbaren Qualen noch lange Zeit am Leben zu halten. Sollte sie dennoch an der Folter sterben, werde ich mich an dir schadlos halten müssen.«
Kahlan zog den blutverschmierten Kopf der beklagenswerten Kleinen fest an ihre Brust. Als diese ihr leise schluchzend gestehen wollte, wie leid es ihr tue, dass sie sich hatte erwischen lassen, brachte Kahlan sie sanft zum Schweigen.
»Hast du mich verstanden?«, verlangte Jagang mit tödlich ruhiger Stimme zu wissen.
Kahlan schluckte. »Ja.«
Er packte Julians Haar mit seiner riesigen Pranke und machte Anstalten, sie wieder zu sich herüberzuziehen. Julian schrie vor Entsetzen.
»Ja, Exzellenz!«, stieß Kahlan hastig hervor. Lächelnd ließ er das Haar des Mädchens los. »Schon besser.« Obwohl sich Kahlan nichts sehnlicher wünschte, als dass dieser Albtraum enden möge, wusste sie, dass dies erst der Anfang war.
9
»Hör auf, dich wie ein kleines Kind zu benehmen, und halt still.«
Johnrock blinzelte hektisch. »Pass auf, dass sie nicht in die Augen kommt.«
»Ich werde schon nicht zulassen, dass sie dir in die Augen tropft.«
Johnrock tat einen bangen Atemzug. »Wieso muss ausgerechnet ich der Erste sein?«
»Weil du mein rechter Flügelstürmer bist.«
Darauf wusste er nicht gleich etwas zu erwidern. Er entzog sein Kinn Richards Griff. »Glaubst du wirklich, dass es uns helfen wird zu gewinnen?«
»Ganz bestimmt«, antwortete der und richtete sich auf. »Voraus gesetzt, wir alle halten uns an die Abmachungen. Durch die Farbe allein werden wir kein Spiel gewinnen, trotzdem wird sie ein wichtiges Hilfsmittel sein, etwas, was uns ein bloßer Sieg nicht geben kann - sie wird uns helfen, einen Ruf zu begründen. Einen Ruf, der alle verunsichern wird, die als Nächste gegen uns antreten müssen.«
»Mach voran, Johnrock«, maulte einer der anderen Männer und verschränkte ungeduldig die Arme vor der Brust.
Der Rest der Mannschaft, der sich um sie geschart hatte, um zuzusehen, nickte beifällig. Keiner von ihnen hatte sich als Erster zur Verfügung stellen wollen. Die meisten, wenn auch nicht alle, hatten sich erst von Richards Erklärung über den Nutzen der Farbe breitschlagen lassen. Johnrock warf einen Blick in die Runde der Wartenden, schließlich zog er ein Gesicht und gab sich geschlagen. »Na schön, also los.«
Richard blickte an seinem Flügelstürmer vorbei zu den Posten, die mit eingelegtem Pfeil bereitstanden. Jetzt, da man den Gefangenen die Ketten abgenommen hatte, hielten sie Ausschau nach dem geringsten Anzeichen von Ärger, während sie darauf warteten, die Mannschaft zu ihrer ersten Partie zu geleiten. Kommandant Karg ließ stets eine schwere Bewachung aufziehen, sobald Richard und seine Mitgefangenen nicht angekettet waren, trotzdem fand dieser es auffällig, dass die meisten Pfeile auf ihn gerichtet waren.
Er konzentrierte sich auf Johnrock und packte die Oberseite seines Kopfes, um ihn ruhigzuhalten.
Richard hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, womit er die Gesichter der Mannschaft bemalen sollte. Zuerst hatte er vorgehabt, die Bemalung einfach jedem freizustellen, doch nach kurzem Nachdenken war er zu dem Schluss gelangt, dass er sie nicht ihnen überlassen durfte. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.
Außerdem waren alle der Meinung, dass Richard dies übernehmen sollte. Er war die Angriffsspitze, und es war seine Idee gewesen. Vermutlich waren die meisten unschlüssig, weil sie befürchteten, ausgelacht zu werden, und hatten deshalb gewollt, dass er die Sache in die Hand nahm. Richard tauchte seinen Finger in einen kleinen Eimer roter Farbe. Er hatte sich gegen den Pinsel entschieden, den der Kommandant zusammen mit der Farbe gebracht hatte.