Nicci hob eine Braue. »Herumzustehen und darauf zu hoffen, dass es sich von selbst erledigt, dürfte kaum erfolgversprechender sein.«
Nathan pflichtete ihr brummend bei. »Und wie steht es um die Burg?«
Nicci machte kehrt, ging den Flur entlang und sprach dabei über ihre Schulter. »Nachdem Cara und ich durch die Sliph aufgebrochen waren, wollte Zedd die Burg noch vor seiner Abreise nach Tamarang mithilfe eines Banns stilllegen.«
»Und die anderen? Chase, Rachel und Jebra?«, erkundigte sich Nathan.
»Jebra ist bereits vor einiger Zeit verschwunden. Zedd hält es für möglich, dass sie das Bewusstsein wiedererlangt und sich wegen ihrer schrecklichen Erlebnisse einfach aus dem Staub gemacht hat.«
»Oder die Hexe hat abermals auf ihren Verstand eingewirkt«, schlug Nathan vor.
Nicci breitete die Hände aus. »Das wäre auch denkbar. Wir wis sen es einfach nicht. Rachel ist ebenfalls verschwunden, erst gestern Abend, am Abend vor dem Auftauchen von Sechs. Chase hat sich bereits auf die Suche nach ihr gemacht.«
Nathan schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich hasse es, hier festzusitzen, wenn so viel passiert.«
»Zedd wollte, dass Ihr beide über die Probleme mit der Burg unterrichtet werdet. Er meinte, der Palast des Volkes sei durch ganz ähnliche Schutzvorrichtungen gesichert, deshalb wollte er, dass Ihr von dem Problem erfahrt. Niemand kann sagen, wie sich die Verunreinigung durch die Chimären auf die Magie auswirken wird, ob sie alle ähnlichen Kräfte ebenfalls beeinträchtigen wird, oder ob es sich um ein örtliches Phänomen handelt und die Verunreinigung auf einen bestimmten Bereich beschränkt bleibt.«
»Sobald wir hier fertig sind«, warf Cara ein, »werden Nicci und ich in der Sliph nach Tamarang reisen, um Zedd bei der Wiederherstellung von Richards Kraft zu helfen. Anschließend werden wir Lord Rahl beehren.«
Nathan sparte sich den Einwand, dass er derzeit diesen Titel innehatte. Wenn jemand wusste, dass Richard derjenige war, von dem es in den Prophezeiungen hieß, er werde sie in dem Kampf anführen, dann er. Schließlich war er es auch gewesen, der ursprünglich enthüllt hatte, dass sie den Prophezeiungen zufolge nur dann eine Chance haben würden, den bevorstehenden Sturm zu überstehen, wenn Richard sie anführte. Caras Plan, »Lord Rahl zu beehren«, war neu für Nicci. Würden sie seinen Aufenthaltsort kennen, wäre Nicci längst dorthin unterwegs. Während Nicci weiter Anns Schwall von Fragen beantwortete, führte Nathan sie durch mehrere schmucklose Flure, bis sie schließlich in einen gelangten, an dessen Ende sich eine schwere Eichentür befand. Als Nathan sie für die anderen öffnete, strömte kühle Luft herein. Ein blutroter Himmel begrüßte Nicci, als sie auf die Plattform hoch über der Wallanlage der äußeren Ummauerung trat. »Bei den Gütigen Seelen«, sagte sie leise bei sich. »Ihr Anblick ist jedes Mal ein fürchterlicher Schock.«
Nathan zwängte sich neben sie. Der Austritt, der offensichtlich Be obachtungszwecken diente, bot nur zwei Personen Platz. Ann und Cara schauten von unmittelbar hinter der Türöffnung zu.
Die Höhe war schwindelerregend. Nicci hielt sich an dem hüfthohen Eisengeländer fest, als sie sich leicht vorbeugte, um über den Rand zu spähen. Ihr Blick reichte über die äußere Ummauerung und das Hochplateau bis hinunter in die Azrith-Ebene.
Das Gelände unmittelbar um die Hochebene lag verlassen da. Die Imperiale Ordnung hatte ihr Lager ein Stück weiter nach hinten verlegt, offenbar, um so lange wie irgend möglich jeder ungewollten Aufmerksamkeit seitens der mit der Gabe Gesegneten im Palast aus dem Weg zu gehen. Obwohl es in ihren Reihen Schwestern der Finsternis und auch mehrere junge Zauberer gab, die sie vor jedweder Magie von hier oben abzuschirmen vermochten, wollte Jagang sie offenbar bis zum Beginn seines endgültigen Angriffs in der Reserve halten. Sie sollten bei Gesundheit und bei Kräften, vor allem aber am Leben bleiben. Eine dichte rötliche Wolkendecke hing über der fernen Ebene, die schwarz war von sich in allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont erstreckenden Eroberern. Ein innerliches Frösteln ließ Nicci ihre Schultern reiben. Aus dieser Entfernung war es zwar nahezu unmöglich, irgendwelche Einzelheiten auszumachen, trotzdem wusste sie, was es hieß, sich unter solchen Männern zu bewegen. Sie kannte sie nur zu gut, sie wusste, wie sich ihre Offiziere aufführten und vor allem, wie ihr Anführer war.
Bei der Vorstellung, sich mitten unter diesen Männern zu befinden, überlief sie ein eiskalter Schauder.
Als sie noch selbst in Diensten dieser Armee gestanden hatte, hatte sie auf ihre äußerliche Verkommenheit oder gar ihre seelische Verelendung kaum einen Gedanken verschwendet. Als Sklavenkönigin hatte sie all das bewusst übersehen. Rohlinge wie Jagang und seine Krieger, so ihre Überzeugung damals, waren notwendig, um der Menschheit höhere Ideale aufzuzwingen; eine Wohltätigkeit, der gewaltsam Geltung verschafft wurde. In der Rückschau war ihr die Widersprüchlichkeit dieser Überzeugungen, und dass sie sie tatsächlich widerspruchslos hingenommen hatte, nahezu unbegreiflich. Und nicht nur das, sie hatte sogar mitgeholfen, sie zu erzwingen. Ihr ungeheurer Erfolg dabei hatte ihr den Namen Herrin des Todes eingetragen.
Es war kaum zu fassen, dass Richard sich mit ihr abgegeben hatte. Aber natürlich hatte sie ihm in dieser Frage keine Wahl gelassen. Die Erinnerung an die unzähligen Male, da sie Richard gewaltsam dazu hatte bewegen wollen, sich ihr im Dienst für ihre abscheuliche Sache anzuschließen, und er ihr stattdessen seinen Edelmut vor Augen geführt hatte, ließ ihr stechende Tränen in die Augen treten. Sie unterdrückte ein Schluchzen darüber, wie sehr sie ihn vermisste, ihn und das Leuchten seiner grauen Augen.
Der Anblick unten ließ die Stille oben auf dem Austritt noch bedrückender erscheinen. Diese Männer, die sich zu Millionen über die Ebene erstreckten, waren aus einem einzigen Grund hier aufmarschiert:
um jeden im Palast des Volkes umzubringen, jeden, der sich der Herrschaft der Imperialen Ordnung widersetzte. Dies war das letzte Hindernis auf ihrem Weg, der gesamten Menschheit ihren Glauben aufzuzwingen.
Nicci starrte zur Rampe hinüber, die sich in der Ferne erhob. Seit sie sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie wieder ein Stück gewachsen. Jenseits der Rampe konnte sie Narben in der Erde ausmachen, wo das Baumaterial für die Rampe ausgehoben wurde. Die Spitze der Rampe zielte in gerader Linie auf den Oberrand der Hochebene. Obwohl längst die Dämmerung eingesetzt hatte, schleppten Soldaten in Zickzackketten Erde und Geröll zur Baustelle.
Hätte ihr jemand ein solches Unterfangen mit Worten beschrieben, sie hätte es wohl kaum für durchführbar gehalten, doch etwas völlig anderes war es, es mit eigenen Augen zu sehen. Der Anblick erfüllte sie mit Angst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Rampe fertiggestellt sein und dieses dunkle Meer von Ordenssoldaten bei ihrem Angriff auf den Palast über sie nach oben branden würde.
Am Rand des Austritts stehend, die Hände fest um ihre Schultern gelegt, dämmerte ihr, dass sie sich nicht nur einer finsteren Armee, sondern einer tausendjährigen Finsternis gegenübersah.
Als einstige mit den Lehren der Imperialen Ordnung aufgewachsene Schwester der Finsternis wusste sie vielleicht besser als jeder andere, wie real diese Gefahr war. Sie wusste, mit welcher Inbrunst die Anhänger der Imperialen Ordnung ihren Glauben vertraten. Er bestimmte ihr ganzes Sein, weshalb sie mehr als bereit waren, für ihn zu sterben. Schließlich war der Tod ihr Ziel, hatte man ihnen doch ein ruhmreiches Leben im Jenseits versprochen. Dieses Leben, so ihre Überzeugung, war nichts als eine Prüfung, ein Mittel für den Eintritt in die Ewigkeit. Verlangte die Imperiale Ordnung ihren Tod, würden sie sterben. Verlangte sie den Tod der Ungläubigen, würden sie die Welt in ein Meer aus Blut verwandeln.
Nicci war sich der Folgen für jeden Einzelnen sehr wohl bewusst, sollte die Imperiale Ordnung diesen Krieg gewinnen. Nicht die Armee würde ihnen die tausendjährige Finsternis bescheren, sondern die Ideen, aus denen diese Armee hervorgegangen war. Sie würden die Welt in einen lebendigen Albtraum verwandeln.